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Void The Fall Of Icathia
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Kurzgeschichte • 22 Minuten zu lesen

Wo einst Icathia stand

Von Graham McNeill

Mein Name ist Axamuk Var-Choi Kohari Icath'or.


Geschichte Bearbeiten

Mein Name ist Axamuk Var-Choi Kohari Icath’or.

Axamuk war der Name meines Großvaters. Der Name eines Kriegers. Wortwörtlich bedeutet er „Bewahrer der Klingen“. Ein äußerst verheißungsvoller Titel. Axamuk war der letzte der großen Magierkönige. Der letzte Herrscher, der fiel, als die Sonnenimperatorin von Shurima mit ihrer goldenen Heerschar aus Menschen und Göttern in das Königreich von Icathia einfiel.

Var ist meine Mutter und Choi mein Vater. Icath’or ist der Name der Blutbande, in die ich hineingeboren wurde, und des Klans, der den Magierkönigen lange und ehrenvoll gedient hat.

Ich habe diese Namen seit meiner Geburt.

Mein Name ist Axamuk Var-Choi Kohari Icath’or.

Nur Kohari ist neu. Der Zusatz ist neu, fühlt sich aber natürlich an. Er ist nun ein Teil von mir und ich trage ihn mit einem Stolz, der mein Herz hell erstrahlen lässt. Die Kohari waren einst die Leibwächter der Magierkönige, tödliche Krieger, die ihr Leben ganz allein dem Dienst unter ihrem Meister verschrieben hatten. Als König Axamuk im Kampf gegen die Götterkrieger der Sonnenimperatorin fiel und Icathia zu einem Vasallenstaat von Shurima wurde, stieß sich jeder einzelne die eigene Klinge in die Brust.

Doch nun sind die Kohari wiedergeboren und erheben sich erneut, um dem neuen Magierkönig zu dienen und ihre Ehre zurückzuerlangen. Ich trage ihr Zeichen, eingebrannt in meinen Arm: ein Schwert, in eine Schriftrolle gehüllt.

Mein Name ist Axamuk Var-Choi Kohari Icath’or. Ich wiederhole ihn immer wieder, klammere mich an das, was er repräsentiert.

Ich will es nicht vergessen. Er ist alles, was mir noch bleibt.


Bin ich wirklich erst heute morgen zusammen mit dem Rest der reformierten Kohari durch die Straßen Icathias marschiert? Es scheint schon so lange her.

Tausende jubelnde Männer, Frauen und Kinder drängten sich auf den breiten Durchgangsstraßen dicht aneinander. Sie trugen ihre farbenfrohste Kleidung und ihre feinsten Juwelen für unseren Marsch und waren gekommen, um die Wiedergeburt des Königreichs mit ihren eigenen Augen mitanzusehen.

Denn nicht nur die Kohari feierten heute ihre Wiedergeburt, sondern ganz Icathia. Mit hocherhobenen Köpfen und stolz geschwellter Brust.

Wir marschieren im Gleichschritt, die Lederriemen unserer geflochtenen Schilde in der einen Hand und die drahtgewickelten Hefte unserer gekrümmten Nimcha-Klingen in der anderen. Icathianische Bewaffnung war unter shurimanischem Gesetz verboten, doch in geheimen Schmieden war genug gefertigt und in Lagern überall in der Stadt versteckt worden, um für den Tag des Aufstands gerüstet zu sein.

Ich erinnere mich gut an diesen Tag.

Schreie hallten durch die Straßen der Stadt, während brüllende Mengen jeden einzelnen shurimanischen Beamten jagten und töteten, den sie finden konnten. Der angestaute Groll von Jahrhunderten über die erniedrigenden Gesetze, die unsere Kultur auslöschen sollten, und über die brutalen Strafen für ihre Missachtung schwappte endlich über und färbte diesen Tag blutrot. Es kümmerte sie nicht, dass die meisten ihrer Opfer Schreiber, Händler und Steuereintreiber waren. Sie waren Diener des verhassten Sonnenimperators und damit dem Tode geweiht.

Plötzlich war Icathia wieder unser!

Die symbolischen Sonnenscheiben wurden von den Dächern gerissen und von der jubelnden Menge zerschlagen. Shurimanische Schriftstücke wurden verbrannt und ihre Schatzkammern geplündert. Die Statuen lange verstorbener Imperatoren wurden entweiht und selbst ich entstellte eines der wunderschönen Fresken mit Obszönitäten, die meiner Mutter die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten.

Ich erinnere mich an den Geruch von Feuer und Rauch. Es war der Geruch der Freiheit.

Ich hielt an diesem Gefühl fest, während wir marschierten.

Ich erinnere mich an lächelnde Gesichter und Jubelrufe, konnte jedoch nicht verstehen, was sie riefen. Das Sonnenlicht war zu grell, der Lärm zu intensiv und mein Kopf pochte ohne Unterlass.

Ich hatte in der vergangen Nacht kein Auge zugetan. Die Nervosität vor dem kommenden Kampf hatte mich wachgehalten. Mit dem Nimcha konnte ich bestenfalls durchschnittlich gut umgehen, aber mit dem gewundenen Schlangenbogen, der an meiner Schulter hing, war ich tödlich. Sein Holz war gut abgelagert und eine Schicht aus rotem Lack schützte ihn vor Feuchtigkeit. Meine Pfeile waren mit den Federn eines Azurvogels befiedert und ich hatte ihre Spitzen eigenhändig aus scharfem Obsidian geschnitten, der von den Thaumaturgen stammte – den Magiern von Erde und Fels. Meine langen Läufe durch Icathias üppige Küstenwälder und auf den hohen Bergpfaden hatten meine Glieder stark genug gemacht, die Bogensehne zu spannen, und mir die Ausdauer verliehen, den ganzen Tag durchzukämpfen.

Ein junges Mädchen, ihre Haare mit Silberdraht durchflochten und ihre Augen von dem strahlendsten Grün, das ich je gesehen hatte, legte einen Blumenkranz auf meinen Kopf. Der Duft der Blüten war berauschend, aber ich vergaß alles, als sie mich zu sich zog und meine Lippen küsste. Sie trug eine Kette – einen Opal in eine wirbelnde goldene Schlaufe gefasst – und ich lächelte, als ich die Handwerkskunst meines Vaters wiedererkannte.

Ich versuchte das Mädchen festzuhalten, doch unser Marsch trug mich davon. Stattdessen fixierte ich meine Gedanken auf ihr Gesicht.

Es ist mir entglitten. Nur ihre Augen, so tiefgrün wie die Wälder meiner Jugend, kann ich noch deutlich sehen …

Bald werden auch sie fort sein.

„Ruhig, Axa“, sagte Saijax Cail-Rynx Kohari Icath’un und steckte sich ein frisch gepelltes Ei in den Mund. „Sie wird auf dich warten, wenn der Tag vorbei ist.“

„Genau“, sagte Colgrim Avel-Essa Kohari Icath’un und stieß mir seinen Ellbogen in die Seite. „Auf ihn und zwanzig andere stramme Kerle.“

Ich errötete bei diesen Worten und Colgrim lachte.

„Schmiede ihr eine schöne Halskette aus shurimanischem Gold“, fuhr er fort. „Dann ist sie dein, für alle Zeit. Oder zumindest bis zum nächsten Morgen!“

Ich hätte Colgrim dafür über den Mund fahren sollen, dass er die Ehre dieses Mädchens in den Schmutz zog, doch ich war jung und zu versessen darauf, mich den Veteranen zu beweisen. Saijax war das schlagende Herz der Kohari und ein Riese mit kahlrasiertem Kopf. Seine Haut war von Pockennarben übersät, die von einer schlimmen Kindheitskrankheit herrührten, und er hatte seinen Bart mit Wachs und weißer Kreide aufgespalten. Colgrim war seine rechte Hand. Er war ein brutaler Kerl mit kalten Augen und einem Verlobungstattoo. Seine Frau erwähnte er jedoch nie. Die beiden Männer waren zusammen aufgewachsen und waren dem geheimen Weg des Kriegers gefolgt, seit sie alt genug waren, eine Klinge in Händen zu halten.

Doch für mich war dieses Leben neu. Mein Vater hatte mich im Edelsteinschneiden unterrichtet – der Kunst, Edelsteine zu bearbeiten und Schmuckstücke herzustellen. Er war ein akribischer und anspruchsvoller Mann und so eine derbe Sprache wäre ihm sicher ein Gräuel gewesen. Mir war sie daher gänzlich unbekannt. Ich genoss das natürlich, so versessen wie ich war, dass diese knallharten Männer mich als einen der ihren akzeptierten.

„Übertreib es nicht mit dem Jungen, Colgrim“, sagte Saijax und verpasste mir mit seiner riesigen Hand einen Klaps auf den Rücken. Die brüderliche Geste ließ mir die Zähne klappern. Natürlich freute ich mich trotzdem darüber. „Wenn es Nacht wird, wird er ein Held sein.“

Er verlagerte die lange axtköpfige Stangenwaffe etwas, die an seiner Schulter hing. Die Waffe war gewaltig. Ihr Griff aus Ebenholz war verziert mit den Namen derjenigen, die sie vor Saijax getragen hatten, und ihre Klinge war aus einer rasiermesserscharfen Bronzeplatte geformt worden. Die wenigsten aus unserer Gruppe konnten sie überhaupt heben, geschweige denn schwingen, doch Saijax war ein Meister der Waffen.

Ich drehte mich um, um noch einen letzten Blick auf das Mädchen mit den grünen Augen zu erhaschen, doch sie war längst zwischen den marschierenden Soldaten und den winkenden Armen der Menge verschwunden.

„Konzentriere dich, Axa“, warnte Saijax. „Die Späher berichten, dass die Shurimaner nur noch einen halben Tagesmarsch von Icathia entfernt sind.“

„Marschieren … marschieren die Götterkrieger mit ihnen?“, fragte ich.

„Das tun sie, Junge. Das tun sie.“

„Ich kann es kaum erwarten, sie mit eigenen Augen zu sehen. Ist das schlimm?“

Saijax schüttelte den Kopf. „Nein, denn sie sind mächtig. Doch sobald du sie erblickst, wirst du dir wünschen, du hättest es nicht getan.“

Ich verstand nicht, was Saijax meinte. „Warum?“

Er warf mir einen Seitenblick zu. „Weil sie Monster sind.“

„Hast du schon einmal einen gesehen?“

Ich war voll jugendhaftem Enthusiasmus, aber an den Blick, den Saijax und Colgrim sich zuwarfen, erinnere ich mich noch genau.

„Das habe ich, Axa“, antwortete Saijax. „Wir standen einem bei Bai-Zhek gegenüber.“

„Wir mussten den halben Berg auf ihn niederstürzen lassen, um den Bastard zu Fall zu bringen“, fügte Colgrim hinzu. „Und selbst dann war nur Saijax’ Waffe groß genug, um ihm den Kopf abzuschlagen.“

Ich erinnerte mich an die Geschichte mit einem Anflug von Aufregung. „Das warst du?“

Saijax nickte, erwiderte aber nichts und ich war schlau genug, nicht noch weiter zu fragen. Die Leiche war für alle sichtbar durch die Straßen der frisch befreiten Stadt getragen worden. Der klare Beweis dafür, dass die shurimanischen Götterkrieger trotz aller Gerüchte sterben konnten. Mein Vater wollte nicht, dass ich mir die Leiche ansah. Er fürchtete, dass sie die Glut der Rebellion entzünden würde, die seit Jahrhunderten im Herzen eines jeden Icathianers vor sich hin schwelte.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie sie ausgesehen hatte, aber sie war gewaltig, unmenschlich und fürchterlich gewesen …

Ich würde die Götterkrieger später an diesem Tag selbst zu Gesicht bekommen.

Und ich verstand, was Saijax gemeint hatte.


Wir formierten uns auf dem sanften Hang vor den bröckelnden Überresten der Stadtmauern. Seit die Sonnenimperatorin vor über tausend Jahren in Icathia eingefallen war, war es uns strikt verboten gewesen, die Steine wiederzuverwenden oder die Mauer aufzubauen. Die Trümmer sollten uns an die alte Niederlage erinnern.

Doch nun arbeitete eine Armee aus Steinmetzen, Tagelöhnern und Thaumaturgen und brachte riesige Blöcke aus frisch geschlagenem Granit mit großen Seilwinden, die nur so vor Magie knisterten, in Position.

Die langsam in die Höhe wachsende Mauer füllte mich mit Stolz. Icathia feierte genau vor meinen Augen seine glorreiche Wiedergeburt.

Die Armee, die sich quer über die festgetretene Lehmstraße positioniert hatte, die in die Stadt führte, war auf eine ganz andere Weise beeindruckend. Zehntausend Männer und Frauen, alle in Rüstungen aus gehärtetem Leder und bis an die Zähne bewaffnet mit Äxten, Spitzhacken und Speeren. Die Schmieden hatten in den Tagen nach dem Aufstand ohne Unterlass Schwerter, Schilde und Pfeilspitzen hergestellt, sie konnten jedoch nur eine begrenzte Menge produzieren, bevor der Sonnenimperator seinen Blick auf die rebellische Provinz richtete und nach Osten marschierte.

Ich hatte Bilder der alten icathianischen Armeen in verbotenen Texten gesehen – tapfere Krieger in Gold und Silber, die eng geschlossene Reihen bildeten – und obwohl wir nur ein Schatten der einstigen Armeen waren, waren wir trotzdem stolz. Zweitausend Raubvogelreiter standen auf beiden Flanken bereit, die geschuppten, gefiederten Reittiere fauchten und stießen ihre klauenbestückten Hufe ungeduldig in den Boden. Eintausend Bogenschützen knieten in zwei langen Reihen ungefähr fünfzig Fuß vor uns und blaubefiederte Pfeile spickten den weichen Lehmboden vor ihnen.

Drei mehrreihige Infanterieblöcke bildeten den Großteil unserer Aufstellung – ein Bollwerk des Mutes gegen unsere alten Unterdrücker.

Die knisternde Energie des Erdhandwerks unserer Magier ließ die Luft in unserer Reihe verschwimmen. Die Shurimaner würden sicherlich Magier mit an die Front bringen, aber wir würden sie mit unserer eigenen Magie willkommen heißen.

„Ich habe noch nie so viele Krieger gesehen“, sagte ich.

Colgrim zuckte mit seinen Schultern. „Das hat keiner von uns. Nicht zu unseren Lebzeiten.“

„Lass dich nicht zu sehr beeindrucken“, sagte Saijax. „Der Sonnenimperator hat fünf Armeen und selbst die kleinste von ihnen übertrifft unsere immer noch um das Dreifache.“

Ich versuchte mir eine solche Armee vorzustellen, doch scheiterte. „Wie können wir eine solche Heerschar besiegen?“, fragte ich.

Doch Saijax antwortete nicht und führte die Kohari stattdessen zu unserem Platz in der Reihe, gleich vor einem gestuften Gebilde aus Granitblöcken. Shurimanische Leichen waren auf langen hölzernen Pfählen davor aufgespießt worden und eine Schar Aasvögel zog über unseren Köpfen ihre Kreise. Ein seidener Pavillon war auf dem Gebilde errichtet worden, doch der rotblaue Stoff machte es mir unmöglich zu sehen, was sich in seinem Inneren befand. In Roben gehüllte Priester standen um ihn herum und webten mit ihren Stäben aus Sternenmetall komplizierte Muster in die Luft.

Ich wusste nicht, was genau sie taten, doch ich konnte ein konstantes Summen hören, wie ein Schwarm Insekten, der versuchte, sich einen Weg in meinen Kopf zu bahnen.

Die Silhouette des Pavillons verschwamm wie bei einer Fata Morgana, und ich musste meine Augen abwenden, da sie zu tränen begannen. Meine Zähne fühlten sich lose im Zahnfleisch an und ich schmeckte saure Milch. Ich würgte und wischte mir mit dem Rücken meiner Hand über die Lippen. Alarmiert und überrascht sah ich, dass sich etwas Blut auf der Haut verschmiert hatte.

„Was ist das?“, fragte ich. „Was ist da drin?“

Saijax zuckte die Achseln. „Eine neue Waffe, habe ich gehört. Irgendwas, das die Thaumaturgen nach dem Erdbeben in Saabera tief unter der Erde gefunden haben.“

„Was für eine Waffe?“

„Ist das wichtig?“, fragte Colgrim. „Sie sagen, dass sie diese goldenen Mistfresser aus unserem Land fegen kann. Selbst diese dreimal verdammten Götterkrieger.“

Die Sonne stand fast im Zenit über uns, doch mir lief ein Schauer über den Rücken. Mein Mund war plötzlich trocken. Ich konnte ein Kribbeln in meinen Fingerspitzen fühlen.

War es Furcht? Vielleicht.

Oder vielleicht, nur vielleicht, war es eine Vorahnung von dem, was kommen würde.

Eine Stunde später erreichte uns die shurimanische Armee.


Noch nie zuvor hatte ich solch eine Heerschar gesehen oder mir gar vorgestellt, dass so viele Männer sich an einem Ort versammeln konnten. Staubsäulen ließen Wolken entstehen, die sich wie ein aufziehender Sturm erhoben, um das Reich der Sterblichen fortzuwehen.

Und dann sah ich die bronzenen Speere der shurimanischen Krieger durch den Staub hindurch, bis sie mein ganzes Sichtfeld ausfüllten. Sie marschierten vorwärts, eine schier nie endende Reihe aus Kämpfern mit goldenen Bannern und Sonnenscheibentotems, die in der Mittagssonne glänzten.

Von den Hängen aus sahen wir mit an, wie eine Welle nach der anderen langsam in Sicht kam. Zehntausende Krieger, die noch nie besiegt worden waren und deren Vorfahren die bekannte Welt erobert hatten. Reiter flankierten ihre Reihen auf goldgepanzerten Reittieren, während hunderte schwebender Streitwagen der Armee vorausfuhren. Schwere Wagen, so groß wie Flussbarken, transportierten seltsame Kriegsmaschinen. Sie glichen Astrolabien, die normalerweise zur Navigation verwendet wurden. Drehende Globen wurden von flammenden Sphären umkreist und Blitze zuckten zwischen ihnen hin und her. In Roben gehüllte Priester begleiteten sie, jeder von ihnen mit einem Stab, dessen Spitze in Flammen stand, und einer Gefolgschaft blinder Sklaven.

Im Herzen der Armee standen jedoch die Götterkrieger.

Vieles ist mir nur wage in Erinnerung geblieben – das Blut, der Schrecken, die Furcht. Doch der Anblick der Götterkrieger wird mich weit über diesen Moment hinaus begleiten …

Ich sah neun von ihnen und sie überragten die Männer, die ihnen folgten, um Längen. Ihre Gesichtszüge und Körper waren eine groteske Mischung aus Mensch, Tier und Dingen, die niemals auf dieser Erde gewandelt waren und es auch niemals tun sollten. Die Titanen in ihren Rüstungen aus Bronze und Jade waren unmenschliche Monster, die den Verstand auf die Probe stellten.

Die Anführerin, ihre Haut so weiß und glatt wie Elfenbein, wandte uns ihren monströsen Kopf entgegen. Ein goldener Helm, der einen brüllenden Löwen darstellte, verbarg dankbarerweise ihr Gesicht, doch ich konnte ihre Macht trotzdem spüren, als sie einen hasserfüllten Blick über unsere Reihen schweifen ließ.

Eine spürbare Welle des Schreckens folgte ihm.

Unsere Armee schrumpfte angesichts des Feindes und war bereit zu fliehen, ehe ein einziger Hieb vollführt worden war. Unsere tapferen Anführer riefen uns aufmunternd zu und verhinderten einen sofortigen Rückzug, doch selbst ich konnte die Angst in ihren Stimmen hören.

Auch ich fühlte den fast unkontrollierbaren Drang, meine Blase zu entleeren, doch konnte ich mich zurückhalten. Ich war ein Kohari. Ich würde mir in meiner ersten Schlacht nicht in die Hose pissen.

Trotz allem waren meine Hände feucht und ich fühlte, wie sich ein übelerregender Knoten in meinem Magen formte.

Ich wollte wegrennen. Ich musste wegrennen.

Gegen so eine Übermacht konnten wir nicht bestehen.

„Große Bastarde sind das, was?“, sagte Colgrim und nervöses Gelächter erklang aus unseren Rängen. Meine Furcht ließ etwas nach.

„Sie mögen wie Götter aussehen“, rief Saijax dann und seine Stimme war klar und fest. „Aber sie sind sterblich. Sie können bluten und sie können sterben.“

Ich zog Stärke aus seinen Worten, aber jetzt frage ich mich, ob er damals wusste, wie falsch er lag.

„Wir sind Icathianer!“, brüllte er. „Wir sind die Erben der Könige und Königinnen, die einst dieses Land besiedelten! Unser Geburtsrecht macht es zu unserem Land. Der Feind mag uns zahlenmäßig überlegen sein, aber die Krieger, die sie geschickt haben, sind Sklaven und Männer, deren Loyalität sie sich mit Gold erkauft haben.“

Er hob seine Waffe gen Himmel und Sonnenlicht glitzerte auf ihrer polierten Klinge. In diesem Moment war er überwältigend und ich wäre ihm bis ans Ende der Welt gefolgt, wenn er mich darum gebeten hätte.

„Wir kämpfen, damit wir in Freiheit leben können, nicht in Sklaverei! Dies ist unsere Heimat und sie ist ein Land stolzer Menschen, ein Land freier Menschen! Es gibt nichts stärkeres und wir werden siegreich sein!“

Ein lauter Jubelruf breitete sich schnell von den Rängen der Kohari in die anderen Einheiten unserer Armee aus.

„I-ca-thi-a! I-ca-thi-a! I-ca-thi-a!“

Der Ruf hallte von den wachsenden Mauern unserer Stadt wider und erreichte bald die shurimanische Heerschar. Die Götterkrieger richten schnell einige Worte an ihre Bediensteten, die daraufhin davoneilten, um ihre Befehle an die Flügel der Armee weiterzuleiten. Fast augenblicklich setzte sich unser Feind in Bewegung und erklomm den Hang.

Sie näherten sich langsam, ihr Tempo bedacht. Bei jedem dritten Schritt hämmerten die Krieger die Stangen ihrer Speere gegen ihre Schilde. Der Lärm war zutiefst nervenaufreibend. Es war ein langsamer Trommelrhythmus, der den Willen derer schwächte, die bald die Spitzen ihrer Klingen zu spüren bekommen würden.

Mein Mund war trocken und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich sah zu Saijax auf, um Mut aus seiner Unbeugsamkeit zu ziehen. Sein Kinn war erhoben und seine Augen hart. Er war eine Seele, die keine Furcht kannte, jeden Zweifel von sich stieß und ihrem Schicksal die Stirn bot.

Als er meinen Blick spürte, sah er zu mir hinunter. „Ei?“, fragte er mich.

Zwei gepellte Eier lagen in seiner offenen Hand.

Ich schüttelte meinen Kopf. Ich konnte nichts essen. Nicht jetzt.

„Ich nehm eins“, sagte Colgrim, bevor er sich eins griff und es in zwei Hälften zerbiss. Saijax aß das andere und beide kauten eine Weile mit Bedacht.

Die Shurimaner kamen immer näher.

„Gutes Ei“, merkte Colgrim an.

„Ich tue immer einen Spritzer Essig ins Wasser“, antwortete Saijax. „Das macht das Pellen einfacher.“

„Schlau.“

„Danke.“

Ich sah zwischen den beiden Männern hin und her. Die alltägliche Natur ihres Gesprächs ließ sich nur schwer mit der langsam anrückenden Übermacht unter uns in Einklang bringen. Trotzdem beruhigte es mich.

Ich lachte und das Gelächter breitete sich schnell aus.

Die Kohari lachten und, bevor man es sich versah und ohne überhaupt den Grund dafür zu kennen, lachte bald unsere ganze Armee. Die Furcht, die unsere Reihen fast zersprengt hatte, war verschwunden. Entschlossenheit strömte in unsere Herzen und füllte unsere Schwertarme mit Eisen.

Die Shurimaner kamen ungefähr 600 Fuß vor uns zum Stehen. Die Luft schmeckte seltsam, ganz so als würde man auf Zinn beißen. Gerade noch rechtzeitig sah ich auf, um die drehenden Globen auf den schweren Kriegsmaschinen in brennendem Licht erstrahlen zu sehen. Die Priester, die sie begleiteten, schwangen ihre Stäbe nach unten.

Eine der flammenden Sphären löste sich von ihrem Globus und zog einen Bogen durch die Luft genau auf uns zu.

Sie landete im Zentrum unserer Infanterie und zerbarst in einer Explosion aus durchsichtigem grünen Feuer und gellenden Schreien. Eine weitere Sphäre folgte, dann noch eine.

Ich würgte, als der Gestank von verbranntem Fleisch mir aus unseren Rängen entgegen wehte, und sah dem Blutbad, das die Maschinen brachten, mit tiefem Entsetzen zu. Doch unsere Krieger blieben standhaft.

Weitere Sphären steuerten auf uns zu, doch anstatt unsere Ränge zu treffen, verharrten sie einige Momente zitternd in der Luft, ehe sie ihre Richtung wechselten und tief im Herzen der feindlichen Speereinheiten aufschlugen.

Beeindruckt sah ich zu unseren Thaumaturgen hinüber, die ihre Stäbe in die Höhe gereckt hatten. Knisternde Ströme von Magie flackerten zwischen ihnen hin und her. Die Haare auf meinen Armen und Beinen richteten sich in der flirrenden Luft auf und es fühlte sich an, als würden sie einen Schleier um uns ziehen.

Weitere brennend heiße Feuerbälle wurden von den shurimanischen Kriegsmaschinen abgefeuert, sie zerbarsten mitten in der Luft, als sie auf die unsichtbare Barriere trafen, die unsere Magier um uns herum errichtet hatten.

Jubelrufe wurden laut und überschallten bald die Schmerzensschreie unserer Verletzten. Ich atmete laut aus, aus tiefstem Herzen dankbar dafür, nicht eines der ersten Ziele der Kriegsmaschinen gewesen zu sein. Diejenigen, die weniger Glück gehabt hatten, wurden von ihren Kameraden in die hinteren Reihen geschleift. Die Verlockung, einfach dort bei ihnen zu bleiben, musste groß gewesen sein, doch wir Icathianer sind die Nachfahren der Entdeckerkönige und nicht ein einziger Krieger blieb seinem Platz in unseren Rängen lange fern.

Der Kraftaufwand, den unsere Magier betrieben, war enorm, doch ihre Magie hielt das shurimanische Trommelfeuer in Schach. Mein Blick wanderte über meine Schulter und zurück zu dem Pavillon auf der Spitze der Pyramide. Auch dort wendeten die Priester all ihre Kraft auf. Ich hatte jedoch nicht den leisesten Schimmer für was genau. Was für eine Waffe lag in seinem Inneren verborgen und wann würden wir sie entfesseln?

„Auf Position“, hörte ich Saijax rufen und meine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die Armee vor uns. „Sie greifen uns jetzt direkt an. Eine große Welle, um uns zu testen.“

Ich sah zu den Shurimanern hinüber, die sich in Bewegung gesetzt hatten und auf uns zu rannten. Pfeile zischten aus den Reihen der Bogenschützen vor uns und zahlreiche feindliche Krieger starben. Bronzerüstungen und Schilde retteten einigen das Leben, doch sie waren so nah, dass die Pfeilspitzen geradewegs ihre Brustplatten durchstießen.

Eine weitere Salve prasselte auf die Shurimaner nieder, gefolgt von einer dritten.

Hunderte starben. Ihre Reihen waren ausgedünnt und ungeordnet.

„Jetzt!“, schrie Saijax. „Auf sie!“

Unsere Infanterie stürmte nach vorne, ihre Speerspitzen vor sich gerichtet, als sie sich wie ein Keil in die shurimanische Armee bohrte. Die Menschenmasse hinter mir trug mich mit sich nach vorne und ich schaffte es gerade noch, beim Rennen mein Schwert aus der Scheide zu ziehen. Ich schrie, um die Furcht in Schach zu halten, und gab mein Bestes, nicht über meine eigene Schwertscheide zu stolpern.

Ich sah die Gesichter der Shurimaner, ihr geflochtenes Haar, das Gold auf ihren Wappen und ihre blutverschmierten Tuniken. Ich war ihnen so nah, dass sie mich selbst dann gehört hätten, wenn ich geflüstert hätte.

Wir schlugen in ihren geschwächten Reihen ein wie ein Blitz. Speere stießen nach vorne und zitterten, als ihre Griffe beim Aufprall splitterten. Der angestaute Zorn aus über tausend Jahren trieb uns tief in ihre Ränge und wenig später waren sie geteilt, ihre Formation vollständig zerstört.

Der Zorn gab mir Kraft, als ich mein Schwert schwang. Es schnitt sich in ihr Fleisch und Blut spritzte mir entgegen.

Ich hörte Schreie. Vielleicht meine eigenen. Das weiß ich nicht mehr genau.

Ich versuchte so nah wie möglich bei Saijax und Colgrim zu bleiben, da in ihrer Nähe sicher Shurimaner den Tod finden würden. Ich sah, wie Saijax dutzende Männer mit seiner riesigen Stangenwaffe niederstreckte, doch Colgrim hatte ich aus den Augen verloren. Bald war auch Saijax im Kampfgetümmel der schreienden Krieger verschwunden.

Ich rief seinen Namen, doch mein Schrei ging im Kampflärm der Schlacht unter.

Körper rammten gegen meinen, zogen an mir, Hände zerkratzen mein Gesicht – ich konnte nicht sagen, ob es icathianische oder shurimanische Hände waren.

Ein Speer stieß in Richtung meines Herzens, doch die Spitze glitt von meiner Brustplatte ab und schnitt stattdessen über meinen Arm. Ich erinnere mich an den Schmerz, aber nicht an viel mehr. Ich schlug mein Schwert in das Gesicht eines schreienden Mannes. Er fiel und ich stürmte voran. Ich war furchtlos geworden durch die Angst und wilde Freude. Ich brüllte und schwang mit dem Schwert um mich wie ein Wahnsinniger.

Talent war bedeutungslos. Ich war ein Metzger, der Fleisch hackte.

Ich sah Männer sterben, deren Können meines bei weitem übertraf. Es ging immer nur vorwärts und ich verlor mich in der schäumenden Flut aus Fleisch und Knochen. Immer wenn ich einen ungeschützten Nacken oder Rücken sah, schlug ich zu. Das Töten bereitete mir düsteres Vergnügen. Egal wie dieser Tag ausgehen würde, ich konnte mich mit erhobenem Haupt zu den anderen Kriegern gesellen. Eine weitere Salve Pfeile surrte über meinen Kopf hinweg und die Jubelrufe unserer Armee waren wie Freiheitsgesänge.

Und dann brachen die Shurimaner auseinander.

Es begann mit einem einzelnen Kriegersklaven, der einfach umdrehte und wegrannte, doch seine Panik breitete sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Armee aus. Wenige Augenblicke später floh die ganze Formation den Hang hinunter.

In den Tagen vor der Schlacht hatte Saijax mir erzählt, dass die Gefahr für jeden Krieger dann am größten ist, wenn ein Regiment zusammenbricht. Dann fängt das Töten wahrhaft an.

Wir zerfleischten die flüchtenden Shurimaner, stießen Speere in ungeschützte Rücken und spalteten ihre Schädel. Sie wehrten sich nicht länger und trampelten sich auf ihrer heillosen Flucht gegenseitig nieder. Das Blutbad war furchterregend, doch ich labte mich an dem Anblick, während hunderte Körper in dem Gemetzel zerquetscht wurden.

Plötzlich sah ich Saijax wieder. Standhaft wie immer und mit seiner Stangenwaffe an seiner Seite. „Halt!“, schrie er. „Halt!“

Ich wollte seine Scheu verfluchen. Unser Blut kochte und die Shurimaner flohen in Panik.

Ich verstand es damals nicht, aber Saijax hatte erkannt, wie gefährlich unsere Position wirklich war.

„Rückzug!“, schrie er und andere, die es ebenfalls bemerkt hatten, echoten seinen Ruf.

Zuerst schien es, als würde unsere Armee ihm kein Gehör schenken, wie sie siegestrunken voranstürmte. Wir wollten jeden einzelnen unserer Feinde erschlagen und endlich Rache an den Soldaten nehmen, die unser Land jahrhundertelang unterdrückt hatten.

Ich hatte die Gefahr nicht gesehen, doch verstand sie wenig später.

Schreie wurden laut und Blutfontänen spritzten uns von den Rändern der Kampflinie entgegen. Abgetrennte Köpfe flogen zurück und hüpften wie Steine über einen See. Die Körper folgten kurz darauf und wurden ohne Mühe zur Seite gestoßen.

Angsterfülltes Geschrei wurde laut und die Freiheitsgesänge verstummten.

Die Götterkrieger hatten sich in die Schlacht gestürzt.

Drei von ihnen brachen durch unsere Ränge. Einige bewegten sich wie Menschen, andere wie blutrünstige Bestien. Jeder von ihnen mit einer Waffe, die kein Mensch je hätte tragen können. Sie waren unaufhaltbar und unbesiegbar. Sie wateten mit schwungvollen Schlägen durch unsere Soldaten und töteten dutzende Männer mit jedem neuen Angriff. Icathianer wurden von ihren knisternden Klingen in Stücke zerteilt, unter ihren Sohlen zerquetscht oder auseinandergerissen wie blutige Lumpen.

„Zurück!“, schrie Saijax. „Zurück zu den Mauern!“

Niemand vermochte es, die Rüstungen der Götterkrieger zu durchdringen, und ihre Grausamkeit war so animalisch, so unmenschlich, dass ich mich vor Schreck kaum bewegen konnte. Speere zerbarsten an ihrer eisenharten Haut und ihr grölendes Brüllen ließ mich bis ins Mark erzittern. Einer von ihnen, ein krächzendes Biest mit struppigen, gefiederten Flügeln und einem geierhaften Schnabel, sprang in die Luft und ließ glühend heißes, blaues Feuer von seinen ausgestreckten Klauen schießen. Ich schrie, als meine Kameraden vor meinen Augen zu Asche zerfielen.

Die Euphorie, die uns nur Augenblicke zuvor mit Gedanken an Sieg und Ruhm erfüllt hatte, zersprang wie dünnes Glas. An ihre Stelle trat die blanke Furcht vor den Schrecken, die uns durch die Vergeltung eines ungeheuerlich grausamen und gnadenlosen Despoten noch bevorstanden.

Ich fühlte eine Hand auf meiner Schulter und hob meine blutige Klinge.

„Bewegung, Axa“, sagte Saijax und zwang mich zurück. „Der Kampf ist noch nicht vorbei!“

Er zog mich mit sich, ich selbst konnte mich kaum auf den Füßen halten. Ich weinte, als wir uns dorthin zurückzogen, wo wir uns anfangs formiert hatten. Unsere Reihen waren gebrochen und die Niederlage war unausweichlich.

Und doch blieben die Götterkrieger zwischen den Toten stehen und machten sich nicht einmal die Mühe, uns zu verfolgen.

„Du hast gesagt, dass wir eine Waffe haben“, schrie ich. „Warum tun sie denn nichts?“

„Sie setzen sie doch schon ein“, sagte Saijax. „Sieh selbst!“


Mein Verstand weigerte sich, zu verarbeiten, was als Nächstes geschah. Kein Sterblicher hatte so etwas je zuvor gesehen.

Der Pavillon explodierte in komplizierten und filigranen Mustern aus purem Licht. Krümmende Schleifen aus purpurner Energie zerrissen den Himmel, ehe sie wie krachende Wellen wieder zu Boden peitschten. Der Druck des Aufschlags stieß uns alle von den Füßen. Ich hielt mir die Ohren zu, als betäubende Schreie die Luft durchschnitten.

Ich drückte mich gegen die aufgewühlte Erde, während sich das Heulen tief in meinen Schädel bohrte, ganz so als würde die Welt selbst vor Schreck aufschreien. Ich rollte mich zur Seite und würgte, als mich eine Welle immenser Übelkeit überkam. Der Himmel, der einst hell und blau gewesen war, hatte nun die schmutzige Farbe eines Blutergusses angenommen. Unnatürliches Zwielicht hatte von der Szenerie Besitz ergriffen und flimmernde Nachbilder brannten sich tief in meinen Kopf.

Schlitzende Krallen … Klaffende Mäuler … Allsehende Augen …

Bei ihrem Anblick musste ich schluchzen.

Von all den Dingen, die mir entrissen werden, gebe ich diese Erinnerung mit Freuden auf.

Ein albtraumhaftes Licht, eine Mischung aus kränklichem Blau und hässlichem Purpur, erstickte die Welt und erdrückte uns von oben, während es von weit unter uns erblühte. Ich zog mich hoch und drehte mich langsam im Kreis, während die Welt um mich herum unterging.

Die Shurimaner zogen sich aus der Stadt zurück, Sie hatten Todesangst vor dem, was unsere Priester entfesselt hatten. Meine Feinde wurden vernichtet und ich sollte mich freuen, doch das hier … Das war kein Sieg, den jemand genießen konnte, der noch bei Verstand war.

Das war pure Auslöschung.

Ein Abgrund, der purpurnes Licht blutete, öffnete sich inmitten der Shurimaner und ich sah mit an, wie ihre elfenbeinhäutige Generalin von peitschenden Seilen umschlungen wurde. Sie versuchte, sich zu befreien, und schlug mit ihrer Klinge um sich, doch die Macht, die wir entfesselt hatten, war zu stark für sie. Das pulsierende, leuchtende Licht umfing ihren Körper wie ein abscheulicher Kokon.

Wo ich auch hinsah, sah ich dieselben glitschigen Bänder aus der Erde aufsteigen oder aus der Luft erscheinen, die die Körper der Sterblichen packten. Mann oder Frau, alle wurden eingewickelt und verschlungen. Ein Shurimaner krallte sich verzweifelt an der Erde fest, während die Ranken aus verdorbener Energie ihn langsam zersetzten, bis sie ihn überwältigt hatten.

Ich klammerte mich an die Hoffnung, betete, dass diese Verdammnis das Ergebnis eines ausgefeilten Plans war.

Ich sah Gestalten im flackernden Licht, doch es waren nur Augenblicke, zu schnell vergangen und zu undeutlich, um irgendetwas klar ausmachen zu können. Dehnende und anschwellende Glieder, die wie Teer wirkten. Männer wurden von ihren Füßen gerissen und in zwei Hälften geteilt. Ich hörte das gurgelnde Jaulen von Dingen, die nie das Licht der Welt hätten erblicken sollen.

So schlimm dieser Tag auch geworden war, ich fragte mich, ob dies der Preis für die große Waffe war, die unsere Priester entfesselt hatten. Ich wollte für die Shurimaner kein Mitleid empfinden und rief mir die Jahrhunderte voller Elend ins Gedächtnis, die sie uns aufgezwungen hatten.

Erneut hatte ich Saijax und Colgrim aus den Augen verloren. Ich brauchte ihre Anwesenheit jedoch nicht länger, um standhaft zu bleiben. Ich hatte mich dem Namen meines Großvaters und dem Brandmal auf meinem Arm als würdig erwiesen.

Ich war ein Kohari!

Der Himmel stöhnte und bog sich. Das Geräusch erinnerte mich an ein großes Segel, das im Sturm zu reißen beginnt. Ich machte kehrt und rannte zurück zur Stadt, wo ich mich den anderen Soldaten anschloss. Ihre Gesichter spiegelten den gleichen Ausdruck von Verzweiflung und Schrecken wider, der auch auf meinem liegen musste.

Hatten wir gewonnen? Niemand wusste es. Die Shurimaner waren vernichtet. Der Schrecken, den wir auf die Welt losgelassen hatten, hatte sie alle verschlungen. Ich fühlte kein Bedauern. Keine Reue. Mein Entsetzen war Rechtfertigung gewichen.

Ich hatte meine Nimcha-Klinge irgendwo im Rausch des Kampfes verloren, also nahm ich stattdessen meinen Bogen und reckte ihn dem Himmel entgegen. „Icathia!“, schrie ich. „Icathia!“

Die Soldaten in meiner Nähe griffen den Ruf auf und wir wandten uns erneut dem besiegten Feind zu. Die brodelnde Masse, die sie verschlungen hatte, hatte sich wie ein Schleier über das tote Fleisch gelegt. Seine Oberfläche wallte auf und ab, und anschwellende Blasen leuchtender Materie platzten wie Fruchtblasen auf, die sich wanden und entfalteten wie neugeborene Tiere.

Ich sah mich um, als ich das ohrenbetäubende Geräusch von knirschendem Stein hörte.

Ein dröhnendes Knacken erschallte, als sich mehr und mehr Risse in der Landschaft auftaten. Ich fiel auf meine Knie, als die Erde bebte und die Mauern von Icathia – einst gefallen und nun erneuert – durch das Stöhnen der aufbrechenden Erde zerschmettert wurden.

Staub, Rauch und Schutt brachen aus der Stadt hervor wie Geysire. Ich sah Männer schreien, konnte sie aber über den Lärm fallender Steine und der aufreißenden Erde nicht hören. Türme und Paläste, die an diesem Ort gestanden hatten, seit der Magierkönig das erste Mal seinen Stab aus Sternenmetall in die Erde gestoßen hatte, wurden von den stetig wachsenden Abgründen verschlungen. Nur Trümmer und zersplitterte Ruinen blieben übrig. Meine geliebte Stadt war nur noch ein verkohltes Skelett.

Feuer spie dem Himmel entgegen und das Wehklagen meines Volkes wurde von den Schluchten der Stadt nur noch verstärkt, während sie in die Verdammnis stürzte.

„Icathia!“, schrie ich ein letztes Mal.

Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr und zuckte zusammen, als etwas die Luft über meinem Kopf durchschnitt. Ich erkannte den Götterkrieger mit dem Geierkopf sofort wieder. Sein Flug war unstet. Die seltsame Materie, die aus den vielen Rissen in der Erde sprudelte, hatte seine Flügel bereits teilweise zersetzt.

Mit verzweifelten Schlägen seiner Flügel steuerte er auf den Pavillon zu und ich wusste, dass ich ihn aufhalten musste. Ich rannte der gigantischen Kreatur entgegen und spannte einen Pfeil mit Obsidianspitze auf meinen Bogen.

Der Götterkrieger stolperte, als er landete. Seine Beine waren verkrümmt und seinem Rücken entsprangen lebende Ranken, die bereits damit begonnen hatten, ihn zu verschlingen. Federn und Haut lösten sich von seinem Kopf, während er an den Körpern der toten Priester vorbeihumpelte, deren Fleisch ebenfalls Blasen schlug und sich in stetiger Bewegung befand.

Feuer bildete sich um die Hand des Götterkriegers; er wollte den Pavillon mit letzter Kraft niederbrennen.

Saijax hatte gesagt, dass der Sonnenimperator noch weitere Armeen hatte und die Waffe unversehrt bleiben musste, wenn wir sie besiegen wollten. Ich zog die Bogensehne zurück und zielte den Obsidianpfeil auf den Götterkrieger.

Der Pfeil flog von der Sehne und drang in den sich auflösenden Schädel des Kriegers ein.

Der Götterkrieger ging zu Boden und das Feuer in seinen Händen erlosch. Er rollte auf die Seite, und seine Haut und Muskeln lösten sich von seinen Knochen – eine sehnige, blasse Masse bildete sich darunter.

Der Götterkrieger spürte meine Präsenz und drehte seinen geierhaften Kopf in meine Richtung. Eines seiner Augen war milchig und aufgebläht von der stetig wachsenden, seltsam pilzhaften Substanz, die sich auf seinem Schädel ausbreitete. In seinem anderen Auge steckte mein Pfeil.

„Weißt du … überhaupt … was du … getan hast … närrischer … Icathianer?“, stieß der blinde Götterkrieger hervor. Seine Stimme nicht viel mehr als das nasse Gurgeln sich auflösender Stimmbänder.

Ich suchte nach ausdrucksstarken Worten. Worten, die diesem Moment Nachdruck verleihen sollten. Ich hatte einen Götterkrieger getötet.

Doch nur die Wahrheit kam über meine Lippen. „Wir haben uns befreit“, sagte ich.

„Ihr … habt eine Tür … zu … einem Ort geöffnet … die nie hätte … geöffnet werden sollen …“, zischte er. „Ihr … habt uns alle … verdammt …“

„Es ist Zeit für dich, zu sterben“, erwiderte ich.

Der Götterkrieger versuchte zu lachen, aber nur ein gurgelndes Röcheln kam aus seinem Mund. „Sterben …? Nein … Was uns erwartet … wird viel schlimmer sein … Es wird so sein … als ob niemand von uns … je existiert hätte …“


Ich ließ den Pfeil im Schädel des Götterkriegers zurück. Männer humpelten von der Schlacht zurück, blutig, erschöpft und mit demselben ungläubigen Ausdruck des Entsetzens in ihren Augen. Niemand von uns verstand wirklich, was passiert war, aber die Shurimaner waren tot und das war genug.

Oder nicht?

Wir liefen verwirrt umehr, niemand von uns wusste, was zu tun oder zu sagen war. Die Landschaft vor der Stadt bewegte sich auf unnatürliche Weise. Die Körper der shurimanischen Armee waren mittlerweile vollständig unter den fahlen, sich windenden Strängen der abscheulichen Materie verborgen. Ich sah, wie sich ihre Oberfläche verdunkelte und sie dort splitterte, wo sie sich verhärtet hatte wie eine Art Schale. Dickflüssiger Eiter spritze hervor und mir kam es so vor, als wäre all dies nur der Anfang von etwas weitaus Schlimmerem.

Licht strahlte noch immer aus den kolossalen Rissen im Boden und fremdartige Geräusche – eine Mischung aus Gekreische, Zischen und wahnsinnigem Heulen – echoten aus den Tiefen zu uns hinauf. Ich konnte Erschütterungen spüren, die sich aus dem Erdinneren ausbreiteten, wie das langsame Mahlen von Gestein, das ein großes Erdbeben prophezeit.

„Was ist dort unten?“, fragte ein Mann, den ich nicht kannte. Sein Arm war vollständig von einer durchsichtigen Schicht eingeschlossen, die langsam seinen Nacken emporkroch. Ich fragte mich, ob er es überhaupt bemerkte. „Klingt wie ein Nest. Oder ein Bau … oder etwas in der Art.“

Ich wusste nicht, welch schreckliche Dinge dort unten lebten. Und ich wollte es auch nicht wissen.

Ich hörte meinen Namen und sah auf. Saijax humpelte auf mich zu. Sein Gesicht war blutüberströmt und eine zackige Wunde zog sich von seinem rechten Auge bis zu seinem Kinn.

Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass Saijax überhaupt bluten konnte.

„Du bist verletzt“, sagte ich.

„Es ist schlimmer, als es aussieht.“

„Ist das hier das Ende?“, fragte ich ihn.

„Ich fürchte, für Icathia ist es das“, antwortete er und trat ein paar Schritte zurück, um die Zügel eines Kavalleriepferdes zu greifen. Das Tier war ängstlich, doch Saijax brachte es unter Kontrolle und hievte sich in den Sattel.

„Ich hätte alles gegeben, um die Shurimaner zu besiegen“, flüsterte ich.

„Ich fürchte, das haben wir gerade“, erwiderte Saijax.

„Aber … wir haben gewonnen.“

„Die Shurimaner sind tot, aber ich bin nicht sicher, ob man das einen Sieg nennen kann“, sagte Saijax. „Such dir ein Pferd. Wir müssen hier weg.“

„Weg? Was redest du da?“

„Icathia ist verloren“, sagte er. „Das ist dir klar, oder? Nicht nur die Stadt, das Land selbst. Sieh dich um. Das wird auch unser Schicksal sein.“

Ich wusste, dass er Recht hatte, aber einfach so davonreiten …? Ich wusste nicht, ob ich das konnte.

„Icathia ist mein Zuhause“, antwortete ich.

„Von Icathia ist nichts mehr übrig. Oder zumindest wird bald nichts mehr übrig sein.“

Er streckte die Hand aus, um mich zu packen, aber ich schüttelte sie nur.

„Axa …“, sagte er und warf einen weiteren Blick auf den sich langsam ausbreitenden Schrecken. „Hier gibt es keine Hoffnung mehr.“

Trotz seiner Worte schüttelte ich den Kopf. „Ich wurde hier geboren und ich werde hier sterben.“

„Dann halte an dem fest, was du bist, solange du kannst, Junge“, antwortete er und für einen Augenblick war die Schwere seiner Trauer und seines Schuldgefühls deutlich spürbar. „Das ist alles, was dir noch bleibt.“

Saijax wandte sein Pferd und ritt davon. Ich sah ihn nie wieder.


Mein Name ist Axamuk Var-Choi Kohari Icath’or.

Ich glaube … ich glaube, Axamuk war der Name meines Großvaters. Er hat eine Bedeutung, aber ich kann mich nicht mehr an sie erinnern.

Ich wanderte durch die Ruinen einer einst großen Stadt. Alles, was von ihr bleibt, ist ein gigantischer Krater und ein Riss im Gewebe der Welt.

Ich fühle eine schreckliche Leere vor mir.

Axamuk war ein König, glaube ich. Ich weiß nicht, wo. Hat er hier regiert? In dieser verfallenen und zerstörten Stadt?

Ich weiß nicht, was Var oder Choi bedeutet. Ich fühle, dass Icath’or wichtig für mich war. Aber ich weiß nicht mehr, warum. Eine schreckliche Leere hat die Erinnerungen aus meinem Geist gedrängt.

Mein Name ist Axamuk Var-Choi Kohari.

Kohari? Was ist das?

Ich habe ein Zeichen auf meinem Arm: ein Schwert, in eine Schriftrolle gehüllt. Ist es das Brandmal eines Sklaven? War ich Eigentum eines Eroberers? Ich erinnere mich an ein Mädchen mit grünen Augen und einer Opalkette. Wer war sie? War sie meine Frau? Meine Schwester? Meine Tochter? Ich weiß es nicht mehr, aber ich erinnere mich an den Geruch ihrer Blumen.

Mein Name ist Axamuk Var-Choi.

Ich wiederhole ihn wieder und wieder, klammere mich an ihn, als könne er den langsamen Verfall abwenden.

Ich will ihn nicht vergessen. Er ist alles, was mir noch bleibt.

Mein Name ist Axamuk.

Ich werde ausgelöscht. Ich bin mir dessen bewusst, aber ich weiß nicht, warum oder wie.

Etwas Schreckliches windet sich in mir.

Alles, was ich bin, löst sich langsam auf.

Ich zerfalle.

Mein Name ist

Mein Name

Mein

Trivia Bearbeiten

Für das Original, siehe Wo einst Icathia stand.
  • Diese Geschichte dient als erstes Hauptereignis, um Icathia und Die Leere in den neuen Kanon wieder einzuführen.

Referenzen Bearbeiten

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