Fandom


Noxus Schwesternschaft des Krieges 02
BearbeitenBildReferenz

Ionia Tip

Kurzgeschichte

Schwesternschaft des Krieges - Teil 2: Die ruhelosen Toten

Von Ian St. Martin

Sie kann nicht atmen.

Geschichte Bearbeiten

Sie kann nicht atmen.

Obwohl ihre Augen geöffnet sind, sieht sie nichts als schwere, erstickende Schwärze. Die sie erdrückt. Die ihre Lungen füllt. Langsam, rasselnd atmet sie ein. Ihre Nase wird vom Geruch nach Blut und Innereien erfüllt. Der Gestank eines Schlachthauses. Aber da ist noch etwas anderes. Etwas Schmales, Beißendes, Scharfes, das sich seinen Weg in ihre Lungen bahnt.

Das Gewicht auf ihr verlagert sich. Sie hört etwas Schweres hinforttaumeln. Das gedämpfte Schmatzen von leblosen Gliedern, die in den Matsch fallen. Stellenweise schwindet die Dunkelheit und gibt nach und nach das Bild auf ihr Gefängnis frei. Blutige Lumpen. Zerschmetterte Rüstungen. Kaltes, geschundenes Fleisch.

Leichen. Sie ist unter Leichen begraben.

Der Drang zu kämpfen, zu fliehen, zu überleben steigt in ihr auf und wird übermächtig. Adrenalin schießt durch erschöpfte Adern. Sie bringt all ihre Kraft auf, wirft sich von einer Seite zur anderen, um einen Hohlraum zwischen sich und der Masse aus Kadavern zu schaffen. Sie sieht einen haarfeinen Spalt, durch den ein winzig kleiner Lichtschimmer einfällt. Hoffnung nährt ihren Rausch. Sie kratzt und reißt. Ihre Sicht verschwimmt und ihr Atem ist nur noch ein Kratzen, als sie die Lücke mit aller Kraft erweitert.

Ihre Hand schafft es nach draußen. Kalte Luft strömt herein, die sie mit schnappenden Atemzügen einsaugt, doch wieder liegt ihr dieses giftige, bittere Etwas auf der Zunge. Sie würgt, als sich der Geschmack fest um ihre Zunge legt und ihre Kehle hinunterfließt. Sie schiebt einen Arm nach draußen und beginnt, sich herauszuziehen.

Ihr Kopf und ihr Arm sind frei. Wieder ringt sie nach Luft. Ihre Lungen brennen. Sie sieht den Boden, den aufgewühlten Morast. An manchen Stellen glänzt er azurblau und silbern. Überall liegen Tote. Ein umgestürzter Baumstamm reckt sich nach seinen verlorenen Ästen, seine Blätter schreien in einer Sprache, die sie nicht versteht. Die Schlacht ist vorbei.

Sie sieht Silhouetten, die durch den blassen, kochenden Dunst streifen. In der Schneise dieses Gefechts haben sich hinterhältige Vögel und ausgemergelte Hunde eingefunden. Die Leichen sind nichts als Aas. Die Gefallenen nur noch Futter.

Direkt vor ihr liegt der Kadaver, den sie eben vom Leichenberg fallen hören hat. Ein Junge mit ausgebreiteten Gliedern. Seine Rüstung ist aufgebrochen, der Schutz, den sie einst bot, zerstört.

Ein Hund nagt an ihm. Seine Schnauze reißt am Jungen und lässt ihn wie eine Marionette tanzen. Sie will schreien und das Tier vertreiben, doch ihre Kehle ist mit Rasiermessern besetzt. Die beißenden, ätzenden Schwaden des Nebels rahmen alles ein. Der Kopf des Jungen rollt auf die Seite. Seine Augen, leer und leblos, begegnen ihrem Blick.

Dann blinzelt er.

Arrel setzte sich auf und legte ihre Hände auf den Boden, um dem Schwindel Einhalt zu gebieten. Der Geruch von nasser Erde und Gras verdrängte den Gestank des Blutes und der sauren Luft aus ihrem Traum. Regenwasser tropfte durch die Löcher in ihrem Zelt auf sie herab.

Sie schaute zur Seite und sah Zwei dort sitzen, der sie aufmerksam musterte und ihren Helm in seinem Kiefer trug. Sie starrte den Drachenhund einen Moment lang an und blinzelte, um die Bilder eines verhungernden Tiers mit einem von geronnenem Blut umschmierten Maul aus ihrem Kopf zu vertreiben. Sie winkte ihn heran. Er kam näher und ließ den Helm in ihre Hände fallen, als die Klappe des Zeltes ein kleines Stück geöffnet wurde.

„Herrin“, sagte eine vertraute Stimme von draußen. „Es ist so weit.“

Arrel legte den Helm zurück und nahm einen langsamen, kratzenden Atemzug. Sie ignorierte den Schmerz, der ihre Lungen erfüllte, bevor sie sich erhob. Der feuchte Stoff ihrer Bettstatt schmatzte unter ihren Füßen, als sie gebeugt aufstand, um das Zelt zu verlassen, und in den Regen trat. Zwei folgte der Fährtenleserin und gesellte sich zu den restlichen drei Drachenhunden des Rudels, die draußen gewartet hatten und nun gehorsam hinter ihr her trotteten.

Erath trat vom Zelt zurück und musterte Arrel. Ihr Schlaf war vieles gewesen, aber nicht ruhig. Seit sie Fae’lor verlassen hatten, war es immer schlimmer geworden.

„Geht es Euch gut?“, fragte er.

„Pack das Zelt zusammen“, erwiderte die Fährtenleserin. Arrel schaute über die kleine Lichtung inmitten der bewaldeten Hügel, zwischen denen sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Der sanfte Regen glitzerte und funkelte in allen Farben des Regenbogens. Einige der Tropfen zerplatzten am Boden, wie es sich für Regen gehörte, andere wiederum blieben wie winzige Sterne in der Luft hängen und lösten sich mit dem sanften Klang einer fernen Glocke zu Lichtpartikelchen auf.

Arrel hasste Ionia Tip Ionia. Dieses Land verfolgte sie sogar bis in ihre Träume. Sie rief sich die Bilder wieder ins Gedächtnis und hätte schwören können, dass Riven Standard Riven Sq Rivens Leichnam unter den Toten gewesen war. Es wäre alles so viel einfacher, wenn das wahr wäre.

Arrel schaute über ihre Schulter zurück zu Erath. „Hat sie die Fährte noch?“

Der Klingenknappe nickte einmal. „Die Riven Runenklinge Klinge der Runenschmiedin ist noch auf sie eingestimmt.“

„Dann spähe ich aus, was uns erwartet“, sagte Arrel und zog los.

„Nicht nötig“, sagte Erath. „Teneff und ich haben in der Nähe ein Dorf gefunden. Wir wollen dort anhalten und unsere Vorräte aufstocken.“

Arrel knurrte; ihre Hände ballten sich zu Fäusten, als sie stehenblieb. „Wir müssen diese Leute meiden. Wir sind hier nicht willkommen.“

„Unsere Nahrung wird knapp“, sagte Erath. „Teneff und ich werden allein gehen. Sie glaubt, dass Marit, Henrietta und Eure Hunde zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen würden. Wir werden schnell zurückkehren und unsere Reise dann fortsetzen.“

Nach einigen Augenblicken nickte Arrel.

Erath wusste nicht, wie das Dorf hieß. Wie so vieles in Ionia nahm er einfach an, dass der Name etwas Poetisches war, das er nicht begreifen konnte; wie ein Geheimnis, das sich zwei Freunde zuflüsterten, ohne dass er es hören oder verstehen konnte.

Er hatte gedacht, der Regen würde es ihnen leichter machen, unbemerkt zu bleiben. Ihre Gruppe hat so viel noxianische Ausrüstung wie möglich abgelegt und in Fae'lor gelassen, um während ihrer Mission weder die Aufmerksamkeit der Einheimischen noch die des Imperiums auf sich zu ziehen, doch sie waren nach wie vor Fremde in einer fremden Welt. Während er Teneff durch die matschige Hauptstraße des Dorfes folgte, spürte er sämtliche Augen auf sich. So viel zu ihrer Tarnung.

„Bleib in meiner Nähe“, sagte Teneff. Ihre ruppige Stimme gab eine Ruhe vor, die Erath ebenfalls vorzutäuschen versuchte, auch wenn er sie keineswegs fühlte. Sie waren beide bewaffnet, aber das war in Navori nichts Ungewöhnliches. Allerdings begriff Erath allmählich, dass man nicht jede Waffe sehen konnte.

„Warte“, flüsterte Teneff. Die beiden zogen sich von der Straße zurück und lehnten sich gegen die Mauer eines Teehauses. Vor ihnen entwickelte sich ein Tumult. Eine Handvoll Krieger in roten Rüstungen umzingelten einen ionischen Greis. Um sie herum sammelte sich ein kleines Publikum.

„Was tun die hier?“, fragte Erath mit Blick auf die noxianischen Soldaten.

„Ein Stück südlich von hier befindet sich ein Außenposten“, sagte Teneff leise. „Das könnte einfach nur eine Patrouille sein oder eine Vergeltungsmaßnahme, falls wir in der Nacht von der Bruderschaft überfallen wurden.“

Die beiden gingen näher heran und bewegten sich am Rand der Gruppe aus Beobachtern entlang. Erath zog seine Kapuze tiefer. Seine Finger strichen erst über den Knochenanhänger an seinem Hals, dann über die kurze Klinge an seinem Gürtel. Sie hielten an, als sie nah genug herangekommen waren, um in den formlosen Schreien Worte zu erkennen.

„Ich von Fest komme“, versuchte der alte Mann zu erklären, während seine Zunge mit der Aussprache von Va-Noxianisch kämpfte. „In Weh'le.“

„Weh’le“, wiederholte der Soldat, der das Kommando hatte. „Ziemlich weit weg.“ Er begutachtete ein in Papier gewickeltes Bündel, das der alte Mann in den Händen hielt.

„T-Tee.“ Der Ionier hielt das Päckchen fest umschlossen gegen seine Brust. „Das Tee. Blütentee.“

Die Augen des Soldaten wurden schmaler. „Der weite Weg nach Weh’le und zurück nur für Tee?“

„Ich habe von diesem Fest gehört“, warf ein anderer Noxianer ein. „Das ist so was wie ihr Totenfestmahl.“

„Also feiert ihr da Kriegshelden?“ Der Anführer machte einen Schritt auf den Mann zu. „Man denkt ein bisschen an vergangene Tage, reißt ein paar alte Wunden auf … Bei solchen Ereignissen können Leute auf verrückte Gedanken kommen.“

„Und dann zum Beispiel letzte Nacht eine Palisade anzuzünden“, bemerkte ein anderer Soldat.

„Nein. Das nicht stimmt“, sagte der Ionier. Auf einmal schimmerte das Päckchen in seinen Händen in einem schwachen blauen Licht. Die Noxianer nahmen sofort Kampfhaltungen an und richteten ihre Klingen auf den Ionier.

„Das ist Magie!“, blaffte der Anführer. „Eine Waffe!“

„Nein! Das, das …“ Der alte Mann rang nach Worten. „Ezari! Ezari, mein … Sohn. Meine Frau zu alt für Reise. Ich das zurückgebracht, damit sie kann ihn sehen.“

„Noch mehr Lügen“, knurrte ein Noxianer.

„Ja, genau wie letztes Mal“, zischte eine andere Soldatin. Ihre Augen trübten sich durch die Narben, die eine verhasste Erinnerung in ihr aufbrach. „Ihr tut alle friedlich und nett, bis wir euch den Rücken zudrehen! Dann flüstert ihr irgendeinen Fluch und wumms! Boyod geht in Flammen auf, Iddy verliert die Beine und das Herz von meinem Kumpel Kron verwandelt sich mitten in seinem Brustkorb in Salz! Das ist nun mal das, was ihr am besten könnt!“

„Das wird nicht gut ausgehen“, murmelte Erath. „Was sollen wir tun?“

„Nichts“, antwortete Teneff mit einer grausamen Ruhe. „Das ist nicht unser Kampf.“

„Übergib uns die Waffe“, knurrte der Anführer. Das Heft seiner Axt knarrte in seinem festen Griff.

„Das keine Waffe ist“, flehte der Greis. Er schaute zur Menge, doch ihre Augen waren auf die Klingen von einem Dutzend noxianischer Soldaten gerichtet. Sie machten keine Anstalten, ihm zu helfen.

„Ihr habt ihn gehört“, sagte eine Soldatin. Sie trat vor und riss ihm das Bündel aus den Armen. Die beiden rangen miteinander und Erath hörte, wie Papier riss.

Der Ionier heulte auf. Wortlose Pein sprudelte aus seinem Mund, als der Tee über dem Boden verstreut wurde. Er versuchte etwas davon zu retten, doch der Regen spülte so gut wie alles davon.

„Ezari …“, brachte der alte Mann hervor. Er sank auf die Knie und musste mit ansehen, wie sich der Tee im Schlamm auflöste. Jeder Regentropfen, der die zu Pulver gemahlenen Blätter traf, löste ein strahlend blaues Funkeln aus, das von Mal zu Mal schwächer wurde, bis alles davongespült war.

„Nur zu, versucht irgendwas Dummes“, sagte der Anführer zur Menge, als sich die Noxianer sammelten und sich allmählich zurückzogen. „Macht nur. Dann brenne ich hier alles nieder.“

Xiir!“, kreischte der alte Ionier mit Blick zu den Regenwolken. „Xiir!“

Erath fühlte eine Hand auf seiner Schulter.

„Wir gehen“, sagte Teneff. Sie wandte ihren Blick keine Sekunde von den Soldaten ab, als die beiden in die entgegengesetzte Richtung gingen.

„Seht Ihr diese Ionier?“, fragte Erath. „Unsere Kameraden werden dieses Dorf nicht lebend verlassen.“

„Das ist nicht unser Kampf“, sagte Teneff noch einmal. „Du kannst mit leerem Magen für sie Mitleid haben, Klingenknappe. Denn jetzt müssen wir zusehen, wie wir unterwegs klarkommen.“

„Das Wort, das er geschrien hat“, sagte Erath und warf einen Blick über die Schulter zurück, während er Teneff folgte. „Was bedeutet es?“

„Xiir“, wiederholte Teneff. „Das ist ein Fluch, den sie für diejenigen von uns verwenden, die aus den ‚Gefangenen Landen‘ stammen. Er bedeutet Heuschrecke.“


Tifalenji wartete direkt außerhalb des Dorfs auf sie. Die Runenschmiedin hatte ihr Schwert gezogen, auf dessen Oberfläche filigrane Muster aus schwachem, smaragdgrünem Licht tanzten.

„Was war denn los?“, fragte sie.

„Unser Außenposten in der Nähe wurde letzte Nacht angegriffen“, sagte Teneff. „Wahrscheinlich von der Bruderschaft von Navori. Offenbar hat der dortige Kriegsführer Truppen entsandt, um Spuren zu finden oder den Einheimischen einfach nur Ärger zu bereiten.“

Die Runenschmiedin ließ die Worte einen Moment lang sacken. „Wurdet ihr gesehen?“

„Nein“, antwortete Teneff. „Und angesichts der Stimmung in der Stadt schien es nicht klug zu sein, dort zu bleiben und Handel treiben zu wollen.“

„Aus dir spricht Weisheit“, sagte Tifalenji nickend. „Dann sollten wir aufbrechen.“

Erath nahm der Runenschmiedin die Zügel von Talz ab, dem massigen Basilisken der Gruppe. Er tätschelte die Flanke der Kreatur und erhaschte einen Blick auf Arrel und ihre Drachenhunde. Die Fährtenleserin wirkte mitgenommen auf ihn, aber er hatte gelernt, lieber nicht nachzufragen.

„Wo ist Marit?“, fragte Teneff.

„Sie sagte, es sei langweilig, auf euch alle zu warten, also ist sie vorausgeritten“, sagte Tifalenji.

Eine Weile trotteten sie schweigend durch knöcheltiefen Schlamm und den schimmernden Regen. Eraths Gedanken wanderten zu dem Dorf und zu den Ereignissen zurück, die sich abgespielt hatten. Zu dem Zorn, dem Hass und der Angst, die er auf den Gesichtern der noxianischen Soldaten gesehen hatte. Seine Hände wanderten zu dem Knochenanhänger an seinem Hals.

„Teneff?“

Die Veteranin richtete ihren Blick auf ihn. „Was beschäftigt dich?“

„Diese Dorfbewohner, alle Ionier … Wie können wir sie auf diese Art davon überzeugen, sich dem Imperium anzuschließen?“

Teneffs Gesichtszüge verdüsterten sich. Sie blieb stehen, damit Erath sie einholen konnte. „Richte nicht über deine noxianischen Landsleute, Junge, solange du nicht durchgemacht hast, was sie durchmachen mussten, und gesehen hast, was sie gesehen haben.“

Erath sah Teneff an.

„Sie alle kamen hierher und brachten die Verheißung des Imperiums zu denen, die sie Brüder nannten“, fuhr sie fort, „so wie wir es in Valoran und in Shurima getan haben. Dieses Land ist … anders. Es bedeutet eine große Herausforderung für die Seelen aller Soldaten, die Noxus dienen. Wir bemühen uns alle, diese Leute aufzuklären und sie auf unsere Seite zu bringen, damit wir alle dadurch bereichert werden, aber das ist nicht immer einfach. Ionia selbst ist alles, aber nicht einfach.“

„Hier ist so vieles anders“, stimmte Erath ihr zu. „Werden die Ionier wirklich zu Blumen, wenn sie sterben?“

Tifalenji stöhnte. „Eine Seelenblume. Die Seelen der Toten wohnen darin und wenn sie aufblühen, rufen sie nach den Lebenden, wenn das, was man mir erzählt hat, wahr ist.“

„Das stimmt mit meinem Wissen überein“, sagte Teneff.

„Wohnen nur die Ionier in diesen Blumen?“, fragte Erath Teneff.

„Das weiß ich nicht, warum?“

Erath griff unter sein Wams und nahm den Anhänger ab. „Während des Kriegs kamen alle Kämpfer unseres Stammes hierher. Jahrelang hörten wir nichts, doch dann kam eines Tages eine Frau mit dem hier.“ Er streckte Teneff den Knochensplitter in seinen Händen entgegen, um ihn ihr zu zeigen. „Sie sagte, dies sei alles, was von meinem Vater übrig ist. Ob er vielleicht in einer dieser Blumen sein könnte? Ist sein Geist immer noch hier? Könnte ich ihn auch finden?“

„Selbst wenn dem so wäre,“ unterbrach Tifalenji ihn, „haben wir keine Zeit für solche Kinkerlitzchen. Du musst konzentriert bleiben. Denkt daran, weshalb du hier bist, Klingenknappe. Jeder Einzelne von uns muss seinen Zweck erfüllen. Alles andere musst du aus deinen Gedanken verbannen.“

Erath senkte den Kopf. Im Gegensatz zu Tifalenji und den Jägerinnen war sein Zweck hier für ihn kaum erkennbar, was es schwierig machte, diesen gegen etwas so Absolutes wie Desertieren abzuwägen. Er strich mit dem Daumen über die Oberfläche des Anhängers. „Ja, Herrin.“

Teneff warf einen Blick zurück über ihre Schulter. „Wenn dein Vater hier gestorben ist, dann ist er als Held für Noxus gestorben. Nur das zählt.“

Erath nickte und legte langsam die Schnur mit dem Anhänger wieder um seinen Hals.


Hörte es hier jemals auf zu regnen?

Erath hievte einen Fuß aus dem Schlamm und kämpfte gegen den Morast, damit dieser ihm nicht den Stiefel auszog. Er war nur zum Teil erfolgreich. Er hopste auf einem Fuß herum und streckte die Hände nach seinem Stiefel aus, um ihn wieder hochzuziehen. Er zitterte und haderte mit seiner Umwelt.

Die schimmernde Farbe des Regens ließ alles auf wabernde, mulmige Weise wie einen Traum erscheinen. Aus den Ästen der Bäume, deren Farben einem Sonnenuntergang im Sommer glichen, hörte er Rufe, die sich nicht so anhörten, als ob sie von einem Tier stammen könnten. Vielleicht riefen auch die Bäume selbst, während die Farbe ihrer Blätter zwischen Orange und Indigo schwankte.

Es war alles so surreal.

Das Einzige, das sich für Erath im Moment wirklich echt anfühlte, war sein knurrender Magen. Er wünschte, er hätte mit den Dorfbewohnern handeln können, bevor die Soldaten ihre Chance darauf vereitelt hatten. Alles an der Szene hatte ihn gestört und seinen Kopf mit schroffen, unbehaglichen Gedanken gefüllt. War das die Art und Weise, wie man hier Krieg führte? Hatte sein Vater ihn genauso geführt?

Eraths Stiefel trafen auf festen Boden und er atmete bei der Aussicht, den Morast hinter sich gelassen zu haben, erleichtert auf. Er streckte sich, um die Muskeln in seinen Armen zu dehnen, und führte Talz über die Strecke aus fahlem Gestein, die vor ihnen lag.

Beim Gehen bemerkte Erath, dass sich auf dem Boden feine Formen und Linien befanden, die ihm irgendwie vertraut vorkamen. Der Fels unter seinen Füßen wirkte nicht zufällig, sondern verkündete eine gewisse Absicht. Er wirkte beinah künstlerisch. Eraths Augen weiteten sich.

Sie liefen über zwei hohle, aus Stein gefertigte Hände, die halb im Erdreich verdeckt waren. Sie waren größtenteils unter der Oberfläche verborgen, aber die Handflächen allein waren so groß wie ein Innenhof. Erath fragte sich, wie groß die Person sein musste, zu denen sie gehörten, und wo diese hergekommen sein mochte.

„Ich würde gerne wissen, wie jemand so etwas bauen kann“, sagte Erath.

„Mich würde viel mehr interessieren, wer das zerstört haben könnte“, entgegnete Tifalenji mit ernstem Gesicht, während sie ihren Blick über die Narben und Risse schweifen ließ, wo die riesigen Finger sich einst befunden hatten. „Oder was.“

„Halt“, warnte Arrel, deren Hunde im Chor knurrten.

Sie zeigte mit dem Finger.

Etwas lag in der Mitte der Hände. Es war ein kleines Etwas, das leise im Regen wimmerte. Erath wischte sich das Wasser aus den Augen, blinzelte und ging darauf zu. Jedes Mal, wenn er blinzelte, hatte es eine andere Farbe angenommen.

„Sei vorsichtig“, sagte die Runenschmiedin. Misstrauisch behielt sie ihre Umgebung im Blick und zog langsam das Schwert, dessen Stahl ein leises, kratzendes Geräusch machte.

Die Neugier trieb Erath weiter. Die Kreatur war klein, nicht ganz so lang wie die Klinge seines Malchus’. Er erhaschte einen Blick auf Federn und Schuppen, auf kurze, sich windende Wedel, die kraftlos nach nichts Bestimmtem zu greifen schienen, und auf vorgewölbte Stummel, die eines Tages vielleicht zu so etwas wie Flügel heranwachsen würden. Der Klingenknappe kniete sich hin und zum wiederholten Male äußerte er den Satz, der ihm seit seiner Ankunft in Ionia immer wieder entfuhr.

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, murmelte Erath. Er streckte die Hand nach der Kreatur aus. „Na, du. Hast du Hunger?“

Noxus Schwesternschaft des Krieges 02

„Nein, nein, nein,“ hauchte Teneff und ihre Blicke zuckten wie die der Runenschmiedin hin und her. „Nein, nein, nein.“

Erath blinzelte. „Aber was ist, wenn es verletzt ist? Es ist doch nur ein Baby.“

„Eben“, stimmte Teneff zu. Erath hörte, wie sie die Glieder ihrer Kette von ihrem Arm wickelte. „Und was glaubst du, wo die Mutter ist?“

Etwas löste sich aus dem Schatten der Bäume neben ihnen. Die bereits kühle Luft wurde noch kälter. Erath hielt die Luft an, als eine gewaltige Gestalt sichtbar wurde und der Regen begann, aufwärts zu fallen.

Genau wie das winzige, hilflose Ding, das sie gefunden hatten, war das Wesen zum Teil Vogel, Bestie und Wasserkreatur. Ausgewachsen hatten alle Aspekte allerdings wahrlich monströse Ausmaße angenommen. Die greifenden Wedel des Babys waren bei der „Mutter“ Tentakel so dick wie der Arm eines Mannes und die leichten Unebenheiten waren bei ihr rasiermesserscharfe Krallen. Die Hälfte der Gestalt schien immer wieder feste Form anzunehmen und diese zu verlieren, als ob sie nur zum Teil in derselben Realität wie Erath existierte.

Ein ohrenbetäubendes Kreischen ertönte aus dem Dickicht aus Zähnen und Augen, das man für das Gesicht des Dings halten konnte. Erath schrie schmerzerfüllt auf und presste seine Hände gegen die Ohren. Die Kreatur schlug mit den mehrfarbigen Flügeln auf ihrem Rücken und schleuderte Erath von ihrem Schützling fort.

„Zurück!“, donnerte Teneff nicht die Kreatur, sondern Erath an. „Du musst Talz schützen!“

Erath hatte seinen Malchus gezogen, tat aber, wie ihm geheißen. Er beobachtete, wie Teneff ihre Kette herumwirbelte, bis diese zu einem schwarzen, dornenbewehrten Bogen verschwamm. Arrel hatte sich hinter das Ding geschlichen. Ihre Hunde geiferten und warteten darauf, von der Leine gelassen zu werden. Tifalenji skandierte einen unheimlichen Sprechgesang, bis ihre Nase zu bluten begann und ihr Schwert mit smaragdgrünem Licht erbebte.

Die Bestie kreischte erneut und wurde von drei Seiten angegriffen.

Arrel gab eine Reihe scharfer Handzeichen und ihre Hunde stürzten sich auf die Kreatur. Reißzähne und Krallen rissen an der welligen Haut. Sie wand, drehte und schlängelte sich und versuchte, die Hunde dadurch abzuschütteln. Das Rudel wurde zu Boden geschleudert, aber Drei gelang es, einen Flügel zwischen seinen Kiefern mitzunehmen.

Fr-ah deh-AHK!“, donnerte Tifalenji und schwang ihre Klinge, die einen Schweif aus brennender Jade hinter sich herzog. Zwei Tentakel lösten sich in einem Schwall aus hell leuchtendem, blauem Blut ab und verschwammen zu Schlieren aus schmutzigem Licht, bevor sie mit einem peitschenden Knall verschwanden. Die nässenden Stummel zuckten einen Moment, dann sprossen aus ihnen für jeden Fortsatz, den sie verloren hatten, drei neue hervor. Sie bildeten sich wie die verzweigten Äste eines Baumes.

Teneff stürmte vorwärts. Das Ungeheuer heulte und schlug auf Teneff ein, wobei seine Klauen über den schweren Schulterpanzer ihrer linken Schulter kratzten. Sie zog den Kopf ein und schützte ihn hinter der Panzerung, während ein Funkenregen über sie hinwegtanzte. Sie warf ihre Kette, die in einem Wirbel aus klappernden Gliedern davonflog und gegen das Fleisch des Ungeheuers prallte. Doch sie wurde schnell von den sich windenden Tentakeln überwältigt. Die schlangengleichen Fortsätze zerrten an Teneff und versuchten, sie von den Füßen zu reißen, doch sie grub ihre Fersen in den Boden und hielt stand. Sie ließ das Kurzschwert in ihrer anderen Hand herumwirbeln und stach damit wieder und wieder auf die Flanke der Kreatur ein, bis der Steinboden von dem Blut rutschig wurde.

Das Untier schlug mit den Flügeln und schleuderte Teneff zurück. Ihre Kette, die immer noch in der Seite der Kreatur steckte, spannte sich ruckartig an und riss ihre Schulter in einen unnatürlichen Winkel. Sie heulte vor Schmerz auf, ließ die mit Widerhaken versehenen Glieder los und flog weiter rückwärts, bis sie auf hart dem Boden aufschlug.

Erath sprang auf Teneff zu, doch sie wehrte ihn mit ausgestreckter Hand ab. Sie starrte ihn an. Ihr Gesicht war eine Fratze aus Blut, das aus einer Platzwunde an ihrer Stirn stammte. Tifalenji warf sich auf das Monster, während ein weiterer Sprechgesang über ihre Lippen kam, doch ein Schlag von einigen Tentakeln schmetterte sie aus der Luft.

Jede Faser in Eraths Körper schrie ihn an, er solle sich bewegen, etwas unternehmen. Er warf Talz einen Blick zu und biss die Zähne zusammen. Es war Zeit, dass er sich ins Zeug legte.

Erath kletterte an der Seite des Basilisken empor, packte fest die Zügel und stieß Talz die Fersen in die Flanken. Das Tier stampfte mit einem kehligen Grunzen vorwärts. Erath ritt geradewegs zwischen die Kreatur und Teneff. Ein Tentakel peitschte auf sein Gesicht zu. Er riss seinen Malchus hoch und trennte ihn ab.

Das Blut rauschte in Eraths Ohren, während er einen weiteren, wild um sich schlagenden Tentakel abwehrte und sich auf den Sturmangriff vorbereitete. Er kämpfte sich weiter vor und schlug auf einen Schwarm aus Tentakeln ein, der ihn angriff.

„Halte dich von meinem Diener fern, Ungeheuer!“, erklang eine Stimme hinter der Kreatur.

Die schlanke, wendige Silhouette von Lady Henrietta tauchte zwischen den Bäumen auf. Das Reitreptil schoss vorwärts, begierig darauf, seinen Schmuck durch eine frische Tötung zu zieren. Auf ihrem Rücken thronte die maskierte Gestalt von Marit, die genauso begierig darauf war und lachte. Die Klinge ihrer Gleve fuhr singend durch die Luft.

Mit einem weiteren schrillen Kreischen wirbelte die Kreatur zu Marit herum. Sie schien keine Knochen oder Gelenke zu haben.

„Ja, so ist’s richtig!“ Marit warf die Gleve nach vorn und packte sie am äußersten Ende. Sie lehnte sich zurück und beschrieb erst mit dem Speer einen weiten Bogen, bevor sie ihn neben ihrer Seite schwang. Sie riss die Klinge neben dem Untier nach oben und mähte eine Gruppe Tentakel und zwei Flügel ab. Die Kreatur wich zurück. Marit sprang auf Henriettas Sattel in die Hocke. Sie benutzte ihre Waffe, um das Gleichgewicht zu wahren, und sprang hoch in die Luft, um dann auf dem Rücken des Monsters zu landen.

Mit ihrer freien Hand umklammerte Marit einen Tentakel und kletterte immer weiter an dem Biest empor, während dieses verzweifelt versuchte, sie mit wilden Sätzen und Bocksprüngen abzuwerfen. Mit einem Kampfschrei stach sie die Spitze ihrer Gleve tief in die Schädelbasis des Monsters und drehte sie scharf herum, als dampfende Blutstrahlen hervorschossen und sie trafen. Das ohrenbetäubende Zischen der Kreatur endete plötzlich und ihre Gliedmaße sackten herab. Dann kippte sie um und schlug auf dem Boden auf. Der Regen fiel wieder normal.

Die Noxianer sammelten sich und umringten die tote Kreatur. Erath stieg von Talz’ Rücken und zögerte bei der Vorstellung, das Ungeheuer könnte noch einmal aufstehen, seine Klinge einzustecken.

Mit einem durch ihre Ledermaske gedämpften Ächzen riss Marit ihre Gleve heraus. „Ich glaube, ich habe es allmählich ein wenig satt, deine persönliche Retterin zu sein, Runenschmiedin.“

„Diese Kreatur“, sagte Tifalenji. „Sie kam aus dem anderen Reich.“

„Ach, wirklich?“ Marit hob eine Augenbraue. „Nun, ganz gleich welcher Teil von ihr sich in diesem Reich befindet, er ist tot.“

Die Runenschmiedin sah zu der Reiterin hoch. „Wenn all dies vorüber ist, werde ich dir eine Waffe schmieden, die so schonungslos ist wie dein Geist.“

Marit hielt ihrem Blick stand. „Vielleicht nehme ich dich beim Wort.“

„Hervorragend gemacht, Marit.“ Teneff neigte ihren Kopf.

„Ja“, nickte Erath hastig. „Danke.“

Arrel sagte nichts.

„Gerne doch.“ Ein Lächeln stand in Marits Augen und sie verbeugte sich theatralisch. „Ich will verflucht sein, wenn ich noch mehr von diesem Abenteuer ohne Handlanger durchstehen muss.“ Sie warf einen Blick auf den Kadaver des Monsters. „Glaubst du, dass man dieses Ding essen kann oder dass es voll mit widerlichem Gift ist?“

„Willst du es ausprobieren?“, spottete Arrel. „Lass dich nicht abhalten. Es wäre nur gerecht, da du es schließlich getötet hast.“

„Aha.“ Marit legte ihren Kopf schief. „Was ist mit dem Kleinen?“

Die Noxianer wandten alle ihre Aufmerksamkeit der kleineren Kreatur zu. Das winzige Monster hob seinen Kopf und trillerte. Es zitterte für einen Moment und zerstob dann in einer Wolke Schneeflocken, von denen jede einzelne zu einem Klang wurde und dann in nichts zerfiel.

Erath starrte auf die jetzt leere Stelle und stieß langsam den Atem durch die Nase aus. „Kann mir noch mal jemand sagen, warum wir diesen Ort wollen?“

„Der Schleier ist hier dünn“, sagte Tifalenji und wischte sich mit dem Ärmel das Blut von der Oberlippe, während sie ihr Schwert einsteckte. „Dieses Land ist voller bizarrer Dinge. Ignoriert sie.“

„Dieses Land ist durch und durch bizarr“, murmelte Erath.

Marit stellte sich vorsichtig auf den Schädel der toten Kreatur und schnippte mit den Fingern, um Henrietta zu sich zu rufen. Sie stach ihre Gleve in den Boden, stieß sich dann vom Ende ihres Schafts ab und benutzte sie wie einen Sprungstab, um sich wieder in den Sattel zu schwingen.

„Wie lange sitzt du schon da oben im Sattel, hm?“, neckte Teneff. „Warum gönnst du Lady Henrietta nicht eine Pause?“

Marit machte ein finsteres Gesicht. „Ich werde Ionia nicht mehr berühren als unbedingt notwendig, besten Dank.“

„Das klingt, als ob du ziemlich lange nicht pinkeln gehen willst“, grinste Teneff.

„Hmm, ich habe hier irgendwo noch ein paar volle Krüge verstaut, wenn du sie haben willst?“ Marit fing an, in ihren Satteltaschen herumzuwühlen. Eraths Schultern bebten, als er ein Lachen unterdrückte.

„Können wir das lassen?“, fragte Tifalenji und sah beide Frauen mit gespielter Verzweiflung an.

Teneff schüttelte den Kopf. „Du verstehst keinen Spaß, Runenschmiedin.“

„Überhaupt keinen Spaß“, bekräftigte Marit. Sie sah Erath an und ihre Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen, in denen grausamer Schalk funkelte.

„Nun, Diener, ich hasse dich noch nicht gänzlich, und da wir gerade beim Thema sind, eine Warnung für dich, wenn du dich um Lady Henrietta kümmerst. Ihr Urin ist höchst ätzend, also egal, wie verzweifelt und durstig du auf deinen Reisen sein magst, du musst dich nach etwas anderem umsehen, verstanden?“

„Wieso?“ Erath kicherte. „Ist das etwa mit deinem Gesicht geschehen?“

Marit spannte sich sichtlich an. Ihre Augen blitzten kurz auf und ihre Finger gruben sich in den Schaft ihrer Gleve. „Nein“, sagte sie kalt und wickelte Henriettas Zügel um ihre freie Hand. Dann ritt sie ohne ein weiteres Wort davon.

Eraths Gesicht wurde aschfahl. „Ich …“

„Lass gut sein.“ Teneff schüttelte den Kopf. „Halte dich nur eine Weile von ihr fern.“

Erath wurde das Herz schwer und er schleppte sich zurück zu Talz. Nach so langer Zeit hatte er endlich das unbestimmte Gefühl gehabt, Teil der Gruppe zu sein, dazuzugehören. Jetzt spürte er, wie dieses Gefühl zwischen seinen Fingern zerrann, genau wie der Tee des alten Ioniers.

Er war so nah dran gewesen und er hatte es verbockt.


Die Wanderung der nächsten Woche war ruhig verlaufen, zumindest so ruhig wie es in der Wildnis Ionias für einen Außenstehenden möglich war. Es hatte aufgehört zu regnen und Erath genoss es, zur Abwechslung auf trockenem Boden zu marschieren. Ohne die tiefsitzende Kälte und all das andere Elend, das ein Soldat im Schlamm erleiden musste, konnte er jetzt ungetrübt die natürliche Pracht Ionias in all ihrer wunderbaren, atemberaubenden Schönheit sehen.

Alles war unterschwellig in Bewegung, von tanzenden Vögeln bis hin zum sanften Wiegen der bunten Bäume. Sogar die Jagd eines Raubtieres und seiner Beute, auf die er immer nur kurz in den Lücken zwischen den Bäumen einen Blick erhaschte, bot sich irgendwie in anmutiger Harmonie dar. Es war, als ob sich alles im Takt einer unhörbaren Melodie bewegte, die Eraths Sinne nicht wahrnehmen konnten; als ob er in einer Welt lebte, deren ganzes Ausmaß er nicht erkennen konnte.

Sie waren, seit sie in Navori angelegt hatten, dem Lauf eines gewaltigen Stroms gefolgt und hatten seine Ufer nie lange aus den Augen verloren. Er hatte ihnen nicht nur als Quelle für Nahrung und frisches Wasser gedient, sondern auch als Wegweiser tiefer ins Landesinnere, während die Jägerinnen dem unheimlichen Lied von Tifalenjis Klinge folgten.

„Es wird bald Nacht“, sagte Teneff und warf der Runenschmiedin einen Blick zu.

Tifalenji sah nach oben zur silbernen Sichel des Mondes, die kaum am sich rot färbenden Himmel zu sehen war. Erath glaubte, einen Hauch Frustration über ihr Gesicht huschen zu sehen, bevor dieses wieder ausdruckslos wurde. „Dann machen wir hier halt.“ Sie sah Erath an. „Schlag das Lager auf.“

„Zwei“, murmelte Arrel. Der Hund zeigte sich. „Finde Marit und bring sie zurück.“

Zwei schnaufte, drehte sich um und rannte in die Dämmerung davon. Seit dem Vorfall, nachdem sie die Kreatur getötet hatten, war Marit vorangeritten und der Gedanke verursachte einen Stich des Bedauerns in Eraths Magengrube.

„Ich gehe Holz fürs Feuer holen“, sagte Erath und nahm ein Beil, das von Talz’ Rücken herabbaumelte.

„Achte darauf, wie du es dir holst“, warnte Teneff. „Die Bäume hier leben.“

Erath runzelte die Stirn. „Leben nicht alle Bäume?“

„Sie meint, sie sind so lebendig, dass sie dich töten werden“, sagte Arrel.

Die Falten auf Eraths Stirn vertieften sich.

Bis Erath genug Feuerholz gesammelt hatte, war die Nacht vollständig hereingebrochen und hüllte die Welt in eine Decke aus funkelndem schwarzen Samt. Seit dem Kampf gegen die Kreatur hatte er sich entschieden, verstreute Zweige vom Boden aufzusammeln, statt sie frisch zu schlagen und dadurch zu riskieren, irgendeinen grausamen Baumgeist zu erwecken, der Eraths Gliedmaße als gerechten Ausgleich ansehen könnte.

Er kehrte zum Lager zurück und machte Feuer. Sobald er sicher war, dass die Funken zu richtigen Flammen heranwuchsen, schlang er sich einen Kochtopf und ein mit Gewichten versehenes Netz über die Schulter und ging zum Fluss. Nachdem er gesehen hatte, wie leicht ihre Vorratssäcke geworden war, hoffte er, mit einem Fisch ins Lager zurückzukehren.

Die Minuten dehnten sich, während er am Flussufer hockte und auf die glasklare, schwarze Oberfläche starrte. Sein Herz schlug schneller, als er eine Bewegung im Wasser entdeckte. Er warf das Netz aus, zog es eng zusammen und hievte es wieder an Land. Im Netz zappelte und hüpfte ein gefangener Karpfen.

Erath stieß erleichtert einen triumphierenden Seufzer aus, füllte den Topf mit klarem Flusswasser und warf den Karpfen hinein.

Er machte sich auf den Rückweg zum Lager und seine Schritte waren viel beschwingter als auf dem Hinweg. Er dankte dem Fisch für seinen ergebenen Dienst am noxianischen Imperium.


„Sie ist fertig“, sagte Erath und verteilte die Suppe auf die Zinnbecher der Kriegerinnen. Dabei achtete er sorgfältig darauf, die Kelle am Boden des Topfs entlang zu führen. Als er den letzten Becher übergeben hatte, goss er sich den Rest ein und setzte sich in die Nähe des Feuers.

Eine Zeit lang sprach niemand und alle genossen die Annehmlichkeiten einer warmen Mahlzeit und der Wärme des prasselnden Feuers. Erath bildete da keine Ausnahme. Er war froh, seinen Magen zu füllen und seinen schmerzenden Füßen und müden Muskeln eine Ruhepause zu gönnen.

Für diese kurze Zeitspanne war alles andere unwichtig.

Jeder Einzelne der Noxianer tat sein Bestes, sich zu entspannen. Arrel hatte ihre Hunde um sich versammelt und untersuchte sorgfältig ihre Krallen und Zähne. Tifalenji hatte sich etwas abgesondert und saß im Schneidersitz im Mondlicht. Dabei intonierte sie einen Sprechgesang und hüllte ihre schwebende Klinge in Magie. Teneff hatte eine abgenutzte Pfeife hervorgezogen und stieß langsam zitternde Ringe aus blaugrauem Rauch aus, die im Feuerschein knisterten.

„Du benutzt das Ding noch immer, Ten?“ Marit faulenzte oben auf Lady Henriettas Rücken und sah zu ihr hinunter. „Du weißt doch, das Zeug wird dich umbringen.“

Teneff schüttelte den Kopf. „Das hier wird nicht mein Tod sein. Außerdem werde ich nicht zulassen, dass ich sterbe, bevor diese Angelegenheit erledigt ist.“

Erath spürte, wie die Gedanken aller zusammenflossen und räusperte sich. Teneff sah ihn an.

„Diese Person, die wir finden sollen“, sagte Erath.

Riven Standard Riven Sq Riven“, sagte Arrel leise.

„Habt Ihr sie alle gekannt?“

Tifalenji ließ ihr Schwert in ihre Hände fallen. „Nur ihren Ruf.“

„Wir haben zusammen gekämpft, nachdem wir in diesem Land angekommen sind“, sagte Teneff und starrte in die Flammen. „Ein zähes kleines Ding. Man hätte es ihr auf den ersten Blick nicht zugetraut, aber sie konnte zwei Legionäre gleichzeitig an den Ohren packen und zu sich hinunterziehen. Und um ihr Schwert auch nur anzuheben, brauchte es unglaubliche Kraft.“

„Ganz zu schweigen davon, wie sie damit herumtanzte“, fügte Marit hinzu.

Erath bemerkte aus dem Augenwinkel, wie die Runenschmiedin Teneff aufmerksam bei der Erwähnung des Schwerts betrachtete. Der unangenehme Gedanke, wie wenig er wirklich über Tifalenji wusste und wie sehr sein Leben jetzt von ihr abhing, machte sich in seinem Kopf breit.

„Zunächst war sie sehr still“, sagte Marit, „und hielt sich überwiegend abseits.“

„Aber wenn man Seite an Seite kämpft“, fuhr Teneff fort, „wird ein Band aus Eisen und Blut geschmiedet …“

„Man wird zu Schwestern“, beendete Arrel die Erzählung.

Schweigen senkte sich auf die drei Jägerinnen herab, die ihren Gedanken nachhingen.

„Warum ist sie hiergeblieben?“, sagte Marit und ihre Worte wurden etwas schärfer. „Nach all diesen Jahren, nach allem, was geschehen ist. Warum hat sie uns verraten?“

„Wir wissen nicht, was passiert ist“, sagte Teneff.

Marit schnaubte. „Tu nicht so, als wärst du ein Schwachkopf, Ten. Das passt nicht zu dir.“

„Du glaubst, ich will sie nicht zur Rechenschaft ziehen?“ Teneff erhob sich und baute sich vor Marit auf. „Warum sollte ich sonst hier sein?“

„Sie ist seit Jahren hier“, entgegnete Marit und rührte sich nicht. „Seit Jahren. Sie hatte jede Gelegenheit, sich wieder zu melden, und hat es nicht getan. Sie ist ein Deserteur und Deserteuren ist eine Schwäche zu eigen, die wir nicht hinnehmen können. Ihren Verrat können wir nicht verzeihen. Wir sind hier, um Rache zu nehmen.“

„Nenn es nicht Rache“, sagte Arrel. „Es ist Gerechtigkeit.“

„Nenn es, wie du willst“, erwiderte Marit. „Riven hat ihre Entscheidung getroffen und wir sind die Konsequenz.“


Erath versuchte zu schlafen, doch trotz seiner Erschöpfung gelang es ihm nicht. Er hatte gesehen, wie stark die Jägerinnen waren, wenn sie zusammenarbeiteten. Wer war diese Person, die sie entzweien konnte, ohne überhaupt hier zu sein? Wer war Riven, die bei jeder von den dreien ihre Spuren hinterlassen hatte?

Die Fragen wirbelten durch seinen Kopf, doch allmählich begannen sie, sich zu legen und er kam zur Ruhe. Doch diese wurde durch eine Stimme wieder zunichte gemacht.

„Aufstehen!“

Erath regte sich. Es war Teneff, die Wache stand.

„Steht auf!“, donnerte sie erneut und schlug mit ihrem Schwert klappernd gegen ihre Rüstung. „Der Fluss tritt bald über die Ufer!“

Die Noxianer sprangen auf die Füße. Erath drehte sich um, sah zum Flussufer und ihm gefror das Blut in den Adern.

Etwas hatte den Fluss aufgewühlt und sein friedvolles Dahinfließen in brodelnde Stromschnellen verwandelt. Erath sah, wie menschliche Gesichter sich in den schäumenden Wasserwänden bildeten, hochkochten und dabei stumme, erzürnte Flüche mit den Lippen formten, bevor sie sich wieder auflösten. Derweil stieg das Wasser immer weiter und verschlang Stück für Stück das Ufer.

Das war keine Überschwemmung. Der Fluss lebte.

„Zum Waldrand!“, bellte Tifalenji.

Teneff war bereits losgerannt. Marit musste nur ihre Reitposition auf Lady Henrietta einnehmen, dann schossen auch die beiden auf die Bäume zu. Eraths erster Gedanke galt Talz.

Er eilte zu dem Basilisken und sammelte dabei so viel wie möglich aus dem Lager auf, während der Boden unter seinen Füßen sich in einen sumpfigen Morast verwandelte. Wasser umspülte seine Stiefel, als er das gewaltige Reptil erreichte. Er warf einen Blick zurück und sah gerade noch, wie eine große Welle über Arrel hereinbrach.

Die Welle wirkte, als ob sie Hände hätte.

Erath riss die Pflöcke heraus, die Talz an Ort und Stelle festhielten, und begann, auf seinen Rücken zu klettern, da stürmte der Basilisk auch schon los. Erath klammerte sich verzweifelt an den Gurten und Tauen an der Flanke des Tieres fest, während das Wasser hinter ihnen anschwoll. Er hievte sich mit frei schwingenden Beinen hoch und zog den Kopf ein, als Ausrüstung, Werkzeuge und die Reste ihrer Vorräte weggerissen wurden.

Sie schafften es bis zu den Bäumen und Erath kletterte an ihnen hoch, während das Wasser dagegenbrandete. Talz grub seine Krallen in einen Baum und zog sich auf die Hinterbeine, um seinen Kopf über der Wasseroberfläche zu halten. Jede neue Welle schlug höher gegen seinen Rücken und Hals. Erath blickte zurück. Teneff und Marit waren in Sicherheit, aber Arrel und ihre Hunde waren in dem Sumpf gefangen, in den ihr Lager sich verwandelt hatte, und wurden langsam zurück in den Fluss gezogen.

Erath wappnete sich gegen eine weitere Welle, die ihn wie ein Steinhagel traf. Der Baum neben ihm neigte sich bedenklich und der Stamm brach beinahe. Sein Blick wanderte zwischen dem Baum und Arrel hin und her. Dann ließ er sich hinunter ins Wasser fallen, das ihm bis zur Hüfte reichte.

Er schnappte sich das Beil von Talz, holte aus und schlug auf die nasse Rinde des maroden Baums ein. Er hätte schwören können, ein trauriges Ächzen von seinen Blättern zu hören, als er endlich durchbrach und schräg auf den Fluss zustürzte. Erath sah zu, wie einige Gestalten sich ihm näherten.

Arrels Hunde. Sie paddelten im Kreis um sie herum und zerrten sie auf den Baum. Aber sie waren nur zu dritt.

Als das Wasser sich endlich langsam zurückzog, durchbrach das erste Tageslicht mit kupfer- und goldfarbenen Strahlen bereits das Blätterdach. Die Sonnenstrahlen tanzten glitzernd über das Wasser. Ein grässliches Geräusch wie eine Totenklage, die von einem Ertrinkenden gespielt wurde, erfüllte die Luft, als der Fluss sich wieder in sein Bett zurückzog.

Marit galoppierte zurück und Teneff kletterte von ihrem Baum herab. Alle begaben sich zu Arrel und dem umgestürzten Baum. Sie war am Ufer entlanggelaufen und hatte das jetzt wieder ruhige Wasser mit ihrem Rudel abgesucht.

„Zwei!“, rief sie und blieb stehen. „Zwei …“

„Er wurde unter die Wasseroberfläche gezogen, Arrel“, sagte Teneff. Zaghaft legte sie ihre Hand auf Arrels Schulter. „Es tut mir leid.“

Arrels Hände zitterten. Sie ballte sie zu Fäusten und biss die Zähne fest aufeinander.

„Wir verschwenden unsere Zeit hier“, krächzte die Fährtenleserin und schüttelte Teneffs Hand ab. Sie richtete sich auf und bedeutete den anderen Hunden mit scharfen Gesten, ihre schwermütige Wache am Flussufer zu beenden. Vier blieb etwas länger zurück als die anderen, doch ein finsterer Blick von Arrel ließ ihn zu ihr trotten.

Erath zuckte zusammen, als das Sonnenlicht verblasste. Er streckte seine Hand aus und spürte schwere Tropfen, die seine Handfläche trafen. Die kurze Erholungspause vom Regen war vorbei.

Innerhalb weniger Minuten war die Sonne verschwunden und hatte sich hinter schweren schwarzen Sturmwolken versteckt. Heulende Winde gesellten sich zum Regen und peitschen ihnen den herabströmenden Niederschlag als gefrierendes Wasser entgegen. Die schneidende Kälte drang Erath bis in die Knochen. Er konnte nur eine Armlänge weit sehen. Marit war durch die Kälte sogar dazu gezwungen, von Lady Henrietta abzusteigen.

Tifalenji hob ihr Schwert über den Kopf. Ein Flüstern, dann schoss eine smaragdgrüne Flamme aus der Klinge hervor und drängte die Sturmwinde, die ihnen die Sicht nahmen, ein wenig zurück. Teneff holte ein Seil von Talz und schlang es jedem um die Hüfte, um sie zusammenzubinden.

Die Noxianer stemmten sich gegen den Wind und den peitschenden Regen und gingen hinter Tifalenji her, die wie eine winzige grüne Kapsel aus grünem Licht in dem Mahlstrom wirkte. Erath verlor jedes Zeitgefühl, während er dahinstapfte. Er wusste nicht, ob Minuten oder Stunden vergangen waren, als Tifalenji das Wort ergriff.

„Wir müssen anhalten“, brüllte sie über den Wind hinweg.

„Seht!“ Marit zeigte mit ihrer Gleve. „Da vorne ist Licht!“

Erath erkannte ganz schwach eine Gruppe von Lichtern, die wie eine Sternkonstellation am Himmel wirkte.

„Wir sind hier in der Wildnis“, warnte Teneff. „Das könnten Banditen sein, oder ein Lager der Bruderschaft.“

„Dann töten wir sie eben alle“, zischte Marit. „Die Runenhexe hat recht. Wir haben keine Vorräte und wenn wir keinen Unterschlupf finden, wird dieser Sturm uns alle umbringen.“

Teneff spie einen Mundvoll Regenwasser aus und nickte. Gemeinsam kämpften sie gegen den Sturm an und setzten einen Fuß vor den anderen, bis sie die Lichter erreichten.

Die Bäume über ihnen bildeten einen Überhang und absorbierten das Schlimmste des Sturms. Ein Dorf tauchte vor ihnen auf, klein und isoliert mitten im Wald. Es wirkte wie ein Ausläufer des eigentlichen Waldes. Die hohen, schlanken Behausungen wirkten geflochten und geschnitzt. Sie konnten diese mit Müh und Not über eine Wand aus ineinandergeflochtenen Ästen hinweg erkennen, die ihnen den Weg versperrte. Es schien, als ob das Land selbst eine Palisade errichtet hätte. Die Äste zitterten und lösten sich voneinander, um einen schmalen Durchgang zu bilden.

Ein Dutzend Männer und Frauen trat durch die Öffnung. Sie trugen handgewebte Roben und ihre Gesichter waren unter Kapuzen verborgen, die sie zum Schutz vor dem Sturm aufgesetzt hatten. Die Jägerinnen erblickten Äxte und Schwerter in ihren Händen. Die breiten, dicken Klingen waren schartig und abgewetzt. Ebenso wie die lädierten Überreste von Plattenrüstungen, die sie trugen.

Die Jägerinnen bildeten eine Reihe, hinter der Erath und Talz standen.

„Das sind noxianische Waffen“, sagte Teneff.

„Und sie werden von Noxianern getragen“, fügte Arrel hinzu.

Alle nahmen gleichzeitig Kampfhaltung ein. Arrels Hunde knurrten.

„Nehmt eure Waffen runter“, sagte der Anführer des Dorfes in perfektem Va-Noxianisch. Er setzte seine Kapuze ab. Darunter kam ein vernarbtes Gesicht zum Vorschein. Seine dunklen Haare und sein Bart waren mit silbernen Strähnen durchzogen. „Wir wollen keinen Streit.“

„Nun, ihr seid Deserteure“, höhnte Marit. Sie spie auf den Boden.

„Denk daran, was hinter uns liegt“, grollte Teneff leise.

„Sieh doch mal, was da vor uns ist!“, versetzte Marit.

„Halt!“ Erath drängte sich zwischen die Jägerinnen. Irgendetwas an diesem Mann, am Klang seiner Stimme erschien ihm vertraut. Mit zitternden Händen trat er vor. Er musterte den Anführer der Noxianer mit weit aufgerissenen Augen.

Eine einsame Träne rollte über seine Wange.

„Vater?“


Der Mann führte Erath aus dem Sturm in eine der Hütten. Sie gingen an schaulustigen Noxianern und Ioniern vorbei, deren Gesichter alles von Entsetzen und Zorn bis Angst widerspiegelten. Erath folgte ihm wie in Trance und hatte Mühe, zu glauben, dass dies Jobin, sein Vater, war.

Und dass er lebte.

„Du siehst aus, als ob du ein paar Mahlzeiten ausgelassen hättest“, sagte Jobin. Die beiden setzten sich an eine Feuerstelle. Jobin öffnete einen dampfenden Topf, schaufelte etwas Reis in zwei Holzschüsseln und gab Erath eine davon. „Mein Sohn, was tust du hier?“

Sie unterhielten sich, über Eraths Reise, über Zuhause. Erath ließ vieles aus und achtete sorgfältig auf seine Worte, während er mit dem Mann sprach, den er für tot gehalten hatte.

Als sie fertig waren, leuchteten Jobins Augen im Schein des Feuers. „Sieh dich an. Du bist jetzt ein Mann. Mein kleiner enhasyi.“ Er hielt inne. „Wie geht es deiner Mutter?“

„Sie trauert immer noch um dich“, sagte Erath und versuchte, keine Bitterkeit in seine Stimme zu legen. Er nahm den Knochenanhänger vom Hals. „Und von wem ist das hier?“

„Von mir.“ Jobin hob eine Hand und zeigte ihm den Stumpf eines Fingers. „Ein Opfer, das wir alle in der Hoffnung zurücksandten, dass es euch Frieden bringen möge.“

„Frieden.“ Erath atmete das Wort aus.

Nach der wochenlangen Reise durch das Reich der wilden Magie, der Illusionen und der unheimlichen Begegnungen musste er diese offensichtliche Frage stellen.

„Bist du echt?“

Jobin beugte sich nach vorne. „Was?“

„Bist du echt?“, fragte Erath noch einmal. „Oder ein Zauber, der mir einreden will, dass mein Vater nicht wirklich tot ist? Wenn du eine Täuschung bist, wäre ich dir wirklich dankbar, denn die Alternative macht alles so viel komplizierter.“

Ein paar Augenblicke lang sagte niemand etwas. Die Stille hielt an.

„Die Welt war früher so klein“, sagte Jobin endlich. „Du hast sie nie kennengelernt. Wir kümmerten uns um unsere Herden, tauschten mit unseren Nachbarn und zogen unsere Familien groß. Wir hatten ein einfaches Leben und waren glücklich. Dann kam das Imperium und unsere kleine Welt wurde so viel größer, so viel finsterer.“

Er schaute zur Hütte hinaus. „Hier zu sein, diesen Ort zu sehen, hat mich an damals erinnert.“

„Und das war den Verrat wert?“, fragte Erath.

„An wem?“ Jobin sah ihn wieder an. „An einem Herrscher im Elfenbeinturm, den ich meinen Lebtag nicht treffen werde und der Holzfiguren über eine Karte schiebt? Diese Figuren sind Menschen, Erath. Noxianer und Ionier. Wir hätten diesen Krieg nie beginnen dürfen.“

„Aber zusammen sind wir stärker.“ Erath ließ nicht locker. „Noxus hat uns nicht in Ketten gelegt, sondern befreit. Die Herden werden nicht mehr jedes Jahr kleiner, unsere Nachbarn plündern nicht mehr. Und dasselbe können wir hier tun. Du bist schon sehr lange fort. Noxus ist nicht mehr, wie du es kennst. Wir sind wirklich Teil von etwas Größerem geworden.“

„Ich glaube nicht, dass sich viel verändert hat.“ Jobin schüttelte den Kopf. „Als wir herkamen, glaubten wir dasselbe wie du. Dass dieses Land Noxus braucht. Erath, ich denke nicht, dass sie unsere Hilfe oder unsere Herrschaft brauchen, doch wir können koexistieren. Ich musste sie nicht töten, damit sie zu Familie werden. Sobald ich das begriffen hatte, konnte ich nicht zurück.“

Erath musste die Worte seines Vaters verarbeiten und ließ den Kopf hängen. „Alles, was du mich gelehrt hast, war eine Lüge.“

„Es tut mir leid, mein Sohn.“ Jobin legte eine Hand auf Eraths Schulter. „Ich wurde selbst getäuscht. Aber es ist immer noch Zeit für etwas anderes. Etwas Besseres. Es gibt hier einen Platz für dich.“

„Eine Lüge“, wiederholte Erath. Langsam sah er auf. „Warum sollte ich dir jetzt glauben?“

Jobin sackte sichtlich in sich zusammen. „Mein Sohn …“

„Nein.“ Eraths Augen waren hart. „Das kannst du nicht machen. Du hast einen Finger verloren, ich habe dich verloren! Und jetzt sitzt du hier und predigst, während du dich im Wald verkriechst? Bevor wir Teil des Imperiums wurden, konnten wir uns damit herausreden, dass wir die große Welt nicht kannten. Doch jetzt wissen wir es besser. Jetzt hilfst du entweder dabei, die Welt zu einen, sie zu verbessern, oder du läufst davon.“

Erath stand auf.

„Ich laufe nicht davon.“


Erath und Jobin verließen die Hütte. Der Klingenknappe sah zu den Wolken auf, die sich langsam über dem Blätterdach der Bäume auflösten. Der Regen hatte auch nachgelassen.

„Denke über meine Worte nach, mein Sohn“, sagte Jobin.

„Das habe ich bereits“, erwiderte Erath und stellte sich zu den Jägerinnen.

Jobin schluckte und räusperte sich. „Wir haben euch Unterschlupf gewährt. Jetzt, da der Sturm vorüberzieht, bieten wir euch einen Teil unserer Ernte. Im Gegenzug erwarten wir nur, dass ihr uns in Frieden lasst und vergesst, dass ihr diesen Ort je gefunden habt.“

Teneff musterte die Runenschmiedin. Sie legte den Kopf schief und die Jägerinnen zogen sich zur Beratung zurück.

„Es gilt eigentlich nur zu klären“, sagte Marit, „ob wir sie alle töten.“

„Sein Vater ist unter ihnen“, Teneff nickte Erath zu.

„Sein Vater ist ein Verräter“, gab Marit zurück.

„Und er ist nicht der einzige“, meinte Arrel. „Das Dorf besteht fast zur Hälfte aus Noxianern … oder zumindest ehemaligen.“

„Hast du Angst, deine Hündchen schmutzig zu machen?“ Marit fuhrt mit dem Finger die Schneide ihrer Gleve entlang.

„Was hilft es uns bei der Suche nach Riven, wenn wir Feiglinge und Dörfler abschlachten?“, fragte die Fährtenleserin.

Erath sah zu Tifalenji. Die Runenschmiedin hielt die Leben dieser Dorfbewohner – das Leben seines Vaters – in ihren Händen. Erath konnte beim besten Willen nicht entscheiden, auf welche Antwort er hoffte. Und das ließ ihm das Herz in der Brust schwer wie Blei werden. Die Jägerinnen musterten sie ebenfalls und suchten ihre ungerührten Gesichtszüge nach einem Urteil ab.

Teneff legte eine Hand auf ihre Kette. „Was soll es nun sein?“

„Wir ziehen weiter“, verkündete Tifalenji. „Wir sollen nur eine Deserteurin finden und die ist nicht hier.“ Sie sah Marit an. „Dieser Beschluss steht nicht zur Debatte.“

„Wie du willst.“ Marit zuckte mit den Achseln und ging zu ihrem Reittier zurück. Tifalenji sah Erath ernst an.

„Unter anderen Umständen würde ich es nicht billigen, sie am Leben zu lassen.“

„Ich verstehe“, erwiderte Erath.

„Und jetzt rasch weiter“, befahl Tifalenji. „Die Zeit ist gegen uns und ihr wisst, was vor uns liegt.“

Die Jägerinnen sammelten sich und marschierten aus dem Dorf hinaus. Erath warf einen letzten Blick zurück, als sie durch den Palisadenzaun schritten, und berührte dann Teneff am Arm. „Was liegt vor uns?“

Ihr Gesicht verfinsterte sich und ihre Augen schienen in weite Ferne zu blicken. „Der Ort, an dem all das hier begann.“


Sie marschierten in Stille, obgleich aufgewühlte Gedanken Erath das Gefühl gaben, dass er sich durch eine Menge drängte. Er konnte den Mann, der ihn aufgezogen hatte, nicht mit dem Mann in Einklang bringen, den er in diesem Dorf entdeckt hatte. Ein Sohn wird als Abbild seines Vaters erzogen, doch wird er dann zum selben Menschen?

Der Knochenanhänger um seinen Hals scheuerte gegen seine Brust.

Die Landschaft veränderte sich und wurde trockener, wie auch die Stimmung der Jägerinnen. Ihre Körper spannten sich sichtlich an, sie zuckten bei den leisesten Geräuschen zusammen und alle drei hatten ihre Waffen gezogen und hielten sie so fest umklammert, dass die Knöchel deutlich hervortraten. Erath konnte einen beißend scharfen Geruch in der Luft riechen.

Die Noxianer erklommen einen Hügel und blickten über die staubigen Weiten von verdorrten Ebenen. Ein Wegweiser war an der Grenze zur Ebene errichtet worden, nicht mehr als ein Steintotem mit ionischen Schriftzeichen. Er konnte sie nicht entziffern, doch ihre Bedeutung war Erath klar.

Es war eine Warnung, sich fernzuhalten.

Ein alter Mann saß neben dem Wegweiser. Er summte leise vor sich hin und schnipste gegen die Glöckchen an seiner Halskette, die er um die Schultern trug. Als die Noxianer näherkamen, riss er die Augen weit off und stemmte sich mithilfe seines Gehstocks auf die Füße.

„Reisende“, er hob eine Hand. „Ich bin kein Teil von Zwistigkeiten und diene keinem Meister. Ich halte hier Wache an der Grenze eines schrecklichen Ortes, um jene abzuhalten, die ihn überqueren möchten.“

Die Jägerinnen waren still. Erath hatte sie noch nie so angespannt erlebt. Tifalenji trat einen Schritt nach vorne.

„Wir wollen dir nicht schaden, Torwächter“, sagte sie. „Doch halte uns nicht auf.“

„Ich flehe euch an!“ Der Ionier faltete seine winzigen Hände. „Geht nicht weiter. Ihr könnt euch das Leid nicht vorstellen, das hier geschehen ist.“

„Das müssen wir auch nicht“, gab Teneff zurück, als sie an ihm vorbeiging.

Erath folgte ihr und ließ den zurückgewiesenen Ionier hinter sich. „Ich werde für euch singen“, sagte der Torwächter. „Für euren Schmerz.“

Nach dem ersten Schritt auf die staubige Ebene hatte Erath das Gefühl, dass er an einen fremden Ort gebracht worden war, selbst für ionische Verhältnisse. Hier regte sich kein bisschen Leben. Der Boden hatte einen kränklichen Grünstich und die saure Luft stach ihn in seiner Nase und Kehle. Seine Augen und Lippen kribbelten.

Die Erde strahlte einen dunstartigen, tiefgreifenden Verlust aus, der Erath kleine Messerstiche versetzte.

Teneff hielt an und ließ die Landschaft auf sich wirken.

„Hier ist es geschehen.“

„Das ist der Ort.“ Tifalenji atmete aus und die Runen auf ihrer Klinge pulsierten. Sie blinzelte. „Sie war hier.“

„Der Kampf hatte bereits jahrelang getobt“, sagte Teneff. „Es ging weder vor noch zurück. Sie meinten, sie hätten eine Lösung gefunden, und brachten uns einen wahnsinnigen Zhauniten wahnsinnigen Zhauniten und sein abartiges Gemisch.“

„Chemisches Feuer“, murmelte Arrel.

„Es ist so ätzend, dass es dir bei Berührung alles Leben entzieht“, sagte Marit. „Wir beschützten die Fracht und brachten sie an die Front, als plötzlich alles schief lief.“

Erath blickte von einer Jägerin zur nächsten, während die Worte aus ihnen heraussprudelten.

„Wir gerieten in einen Hinterhalt …“

„… es waren so viele …“

„Riven rief nach Hilfe …“

„Sie hätten nicht wissen können, wo wir waren.“

„Sie feuerten …“

„… und die Gefäße entzündeten sich.“

Marit fasste sich an den Hinterkopf und löste die Schnalle, die ihre Maske festhielt. Die Riemen erschlafften, fielen ab und Erath musste schlucken.

Ihr gesamtes Gesicht und ihr Kopf bestanden aus haarlosem, glänzend rotem Narbengewebe. Erath hatte schon Verbrennungsopfer gesehen und wie die Haut danach aussah, doch das hier war anders. Schwarze Adern zogen sich wie Spinnennetze durch das Gewebe. Erath konnte nicht einmal im Ansatz erahnen, welche Schmerzen sie auch heute noch ertragen musste.

Nur ihre Augen waren unversehrt. Sie sah Erath an und hielt in kalter Stille seinem Blick stand.

Arrel nahm ihren eigenen Helm ab. Erath konnte Wunden um ihre Lippen und an ihrem Hals erkennen. Die Fährtenleserin hustete trocken und spuckte einen blutigen Schleimklumpen aus.

Sie muss es eingeatmet haben, dämmerte es Erath.

„Es war pures Chaos“, erklärte Teneff. „Kameraden wie Feinde verbrannten und schrien sich zu Tode. Ich habe Riven nie wiedergesehen. Ich glaubte, sie wäre wie die anderen hier gestorben.“ Sie sah Erath an. „Verstehst du jetzt? Wenn wir sie finden können … Der Gedanke, dass wir aus all dem hier etwas Gutes machen können …“

Dann hielt sie inne, ihre Augen waren auf den Horizont gerichtet. Erath folgte ihrem Blick und sah einige Gestalten auf dem Hügel. Es waren Ionier in leichten Rüstungen, die mit vielen verschiedenen Klingen geschmückt waren. Ihre Gesichter waren hinter Masken und unter Kapuzen verborgen, die die Farbe von dunklem Eisen hatten.

„Ruhig ist der Ozean vor dem Sturm“, rief einer der Ionier. „Stellt euch eurer Verantwortung, xiir! Wenn jemand dieses Land kontrolliert, dann wir.“

„Die Bruderschaft von Navori!“ Teneff fletschte die Zähne und sprach die Worte aus wie einen Fluch.

„Ein ganzer Kriegstrupp“, meinte Marit. Ihre Stimme war ruhig und gleichmäßig, doch man konnte ihre Anspannung ob der bevorstehenden Auseinandersetzung erahnen.

„Das Dorf, das ihr bestohlen habt“, sagte der Krieger der Bruderschaft und breitete seine Arme aus. „Alle haben sie eifrig von euch berichtet. Damit wir unser Versprechen erfüllen können.“

Erath wurde es siedend heiß.

„Wir hätten sie töten sollen“, zischte Marit und Zorn zeichnete sich auf den Überresten ihres Gesichtes ab, als sie die Maske wieder aufsetzte. Leichter Regen fiel vom eisengrauen Himmel herab.

„Dieser verdammte Regen“, fauchte Arrel.

Der Krieger der Bruderschaft trat einen Schritt den Hügel hinunter. „Wir haben versprochen, euch, die xiir, zu finden, wo auch immer ihr in den Ersten Landen sein möget. Wir haben versprochen, euch zu jagen, zu verfolgen, unsere Heimat von jenen zu säubern, die das Gleichgewicht zwischen den Zwillingsreichen zerstört haben.“

Die Ionier brüllten auf und reckte ihre Waffen in die Höhe, von denen viele vor Magie förmlich zitterten.

„Wir geben diese Versprechen all jenen, denen ihr das Leben genommen, denen ihr die Glieder gestohlen, denen ihr die friedlichen Träume geraubt und mit Schrecken und zerstörten Erinnerungen ersetzt habt. Diese Versprechen halten wir, solange unsere Herzen noch in unserer Brust schlagen!“

Ein Dutzend Krieger kam den Hügel hinab und näherte sich den Noxianern mit gezogenen Waffen bis auf ein paar Schritte.

„Sagt mir“, meinte der Ionier. „Wie lautet euer Versprechen?“

Teneff atmete tief durch, schloss langsam die Augen und öffnete sie wieder. „Ich verspreche … dass ich euch leiden lasse.“

„Dann versprecht ihr also Blut.“ Der Krieger lächelte unter seiner Kapuze. „Das akzeptieren wir.“

Teneff brüllte auf und schleuderte ihre Hakenkette. Sie traf ein Mitglied der Bruderschaft an der Schläfe. Die Wucht des Aufpralls riss ihn zu Boden. Teneff trat gegen seine Brust und zog den Haken aus ihm heraus. Blut spritzte. Als sie ihn erneut schwang, versprühte sie noch mehr.

Arrel streckte in einer flinken Bewegung ihre Hand aus und ihre Hunde griffen an. Eins sprang eine von ihnen an und schloss seine Kiefer um den Hals der Frau. Der Drachenhund schüttelte ihren Körper gnadenlos hin und her, bis sie erschlaffte und visierte dann den nächsten an.

Die beiden Gruppen gingen in den Nahkampf über. Tifalenji rammte ihr Schwert in den Bauch eines Ioniers. Sie sprach einen Fluch aus und die Klinge entzündete sich. Der Mann ging kreischend in jadegrünen Flammen auf. Marit schlitzte sich durch ihre Gegner. Ihre Gleve war nur verschwommen wahrzunehmen und stach und stieß zusammen mit Lady Henriettas schnappenden Kiefern pausenlos zu.

Erath beobachte die Eröffnungsschläge. Dieser Ort hatte etwas in ihnen ausgelöst, den Zorn entfesselt, den sie jahrelang tief in ihrem Inneren eingeschlossen hatten. Die Runenschmiedin hatte sich mühsam einen Weg gebahnt. Sie wusste, dass sie ihr Ziel nur erreichen konnte, wenn sie die Ionier auf ihre Weise eliminierte. Talz’ Zügel glitten aus seiner Hand, als Erath seinen Malchus zog.

Teneff duellierte sich mit dem Anführer der Bruderschaft und ihre Gesichter waren nur ein paar Fingerbreit voneinander entfernt.

„Dieser Boden quält euch“, provozierte er sie. „Wollt ihr die xiir wiedersehen, die ihr verloren habt?“

Wie auf ein Kommando begann ein junger Ionier auf halber Strecke den Hügel hinunter zu singen. Es war eine trällernde, unheimliche Melodie, ein Lied, zu dem kein Lebewesen fähig sein sollte. Sie klang so falsch, dass die Noxianer einen Augenblick innehielten.

Eraths Füße verloren den Halt, als die Erde erbebte. Winzige Dinger erschienen aus dem Boden wie Keimlinge, doch mit einem pulsierenden, kränklichen, blinkenden Unlicht. Erath brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es sich um Finger handelte.

Bald erschienen Hände und dann streckten sich Arme aus der Erde. Körperlose Umrisse von zerlumpten Männern und Frauen bahnten sich einen Weg aus dem Untergrund. Sie trugen geisterhafte, zerfetzte noxianische Kleidung und von ihnen allen ging die dieselbe kalte, unheimliche Dunkelheit aus.

„Die Toten haben hier keine Ruhe gefunden“, fauchte der Ionier, der mit Teneff rang.

„Irrsinn“, zische Teneff.

Der Krieger der Bruderschaft sprang zurück und zog eine Klinge. „Und ihr werdet euch zu ihnen gesellen!“

Der Junge sang weiter und noch mehr bleiche Phantome stemmten sich aus der Erde. Erath war umzingelt und schwang seine Waffe in einem weiten Bogen. Die Geister lösten sich in einem kränklichen Wind auf, als seine Klinge mit ihnen in Berührung kam. Er schlug immer wieder zu, um sich Sicht auf den ganzen Kampf zu verschaffen.

Der Zorn der Jägerinnen lichtete die Reihen der Bruderschaft, doch das Gedränge der Toten, die von dieser höllischen Melodie zurück ins Leben gezerrt wurden, wurde immer dichter. Erath wich zurück. Er spürte, dass selbst die Landsleute dieses Ioniers nicht mit dem Bösen einverstanden wären, das er gerade entfesselte. Es blieben nur noch wenige Augenblicke, bevor die Geister sie überwältigen würden, und jemand musste dem Ganzen Einhalt gebieten.

Er rannte zum Hügel. Ein Krieger der Bruderschaft mit zwei langen Dolchen stürzte sich ihm in den Weg. Er fluchte auf Ionisch und sprang auf Erath zu. Der Klingenknappe parierte den ersten Dolch, der auf seinen Unterleib abzielte, sah dann jedoch den zweiten aufblitzen, der an seine Kehle schnellte. Er wich zurück, verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden.

Der Ionier hechtete auf ihn. Seine Maske verrutschte und enthüllte ein junges Gesicht, das entschlossen war, einen der Dolche in Eraths Brust zu rammen. Sein Malchus war ihm bei seinem Sturz aus den Händen geglitten. Er kämpfte mit dem Mann und packte ihn an den Handgelenken, während sich die Spitze des Dolches in seine Haut bohrte. Erath brüllte vor Schmerz und Wut auf, rollte sich auf die Seite und kehrte so ihre Positionen um, während er sein Messer zog.

Er rammte dem Ionier das Messer mit seinem gesamten Gewicht in den Bauch. Schwer atmend bohrte er es tiefer hinein und spürte, wie den Ionier die Kräfte verließen. Er zog seine Klinge heraus, nahm sich seinen Malchus und stieg über den sterbenden Widersacher.

Regen und Blut verwandelten den Boden in Morast. Erath rannte, duckte sich unter gekreuzten Klingen hinweg und schlug Haken inmitten der stöhnenden Horden verlorener Noxianer, die ihre Arme nach ihm ausstreckten. Wo sie ihn berührten, wurde seine Haut taub, als hätten sich seine Adern mit Eiswasser gefüllt. Er rang nach Atem, als durchsichtige Klauen seinen Oberkörper entlangfuhren.

Die Augen des Sängers waren geschlossen und seine Lider zuckten, während er Blut weinte. Die rubinrote Flüssigkeit tropfte aus seiner Nase, seinen Ohren und von seinen Lippen, während er in Trance sein Klagelied darbot. Er sah Erath nicht kommen. Der Klingenknappe sprang nach vorne und kämpfte gegen kalte, klammernde Hände an. Er krümmte sich zusammen und schrie vor Schmerz auf, als ein Geist auf ihn kletterte. Dann richtete er sich mit Schwung auf, um den Ghul abzuwerfen. Sein Blick war wie ein einstürzender Tunnel auf sein Ziel gerichtet, als er atemlos vorwärts stürzte und mit letzter Kraft seine Klinge niederfahren ließ.

Das Lied des Ioniers verklang, als er zusammensackte und das Blut aus ihm herausströmte, wo Eraths Klinge von Hals bis Brustbein eine klaffende Wunde hinterlassen hatte. Die Phantome kreischten und dehnten sich, als sie gewaltsam zurück unter die Erde gezogen wurden. Innerhalb weniger Augenblicke war nichts weiter von ihnen übrig als ein bleicher, kränklicher Nebel und das Echo der Schreie der ruhelosen Toten.

Erath drehte sich um und stolperte wie ein Betrunkener zurück zu dem Kampf, der immer noch unter ihm tobte. Von dem Kriegstrupp der Bruderschaft von Navori waren nur noch wenige Krieger übrig. Sie alle hatten den Tod der Flucht vorgezogen, bis auf einen. Arrels Hunde brachten ihn zur Strecke und rissen ihn in Stücke. Lady Henrietta speiste, ihr Schmuck war voller scharlachroter Flecken. Blut knisterte und zischte, wo es die Runen auf Tifalenjis Klinge berührte.

Erath kam gerade rechtzeitig, um Teneff im Kampf mit dem Anführer der Krieger zu sehen. Sie hatte ihre Kette um seinen Hals geschlungen und presste sein Gesicht in den Morast. Ihr Stiefel drückte gegen seinen Rücken, während er erstickte.

Alle von ihnen bluteten aus einem Dutzend Wunden. Teneff sah zu Erath, als er näherkam. Sie richtete sich ruckartig auf, brach dem Ionier das Genick und taumelte zurück. Sie sank auf ein Knie. Die Erschöpfung nach dem langen Handgemenge steckte ihr tief in den Knochen.

Erath senkte den Blick. Die Erde knisterte und dampfte, wo Blut sie getränkt hatte. Der Staub ließ seine Haut brennen, sie war rot und löste sich bereits ab.

„Irrsinn“, fauchte Marit und schüttelte Blut von ihrer Gleve. „Die Ionier behaupten, sie verehren die Toten, und dann sowas?“

„Wir sind nicht ihre Toten“, murmelte Arrel. „Dennoch …“

Irrsinn“, wiederholte Marit.

„Hier können wir nicht bleiben“, keuchte Tifalenji. „Die Erde ist immer noch vergiftet. Und wer weiß, was für Unheil dieser Nekromant noch über uns gebracht hat.“ Sie stellte sich neben Teneff.

„Ich hätte fast gehofft, Riven unter ihnen zu sehen“, sagte diese und blickte zu der Runenschmiedin auf. „Ich hätte mir gewünscht, dass du falsch liegst.“

Die Runenschmiedin bot ihre Hand an. „Ich liege nicht falsch.“

Nach einem kurzen Augenblick packte Teneff zu.

Endlich entpuppte sich der Regen als Segen. Er war kühl, läuternd und wusch Blut und vergiftete Erde von ihren Körpern ab, als sie den Ort des toxischen Feuers hinter sich ließen. Sie alle konnten sehen, dass das Schwert der Runenschmiedin jetzt leuchtete und summte.

„Sie ist nah“, flüsterte Tifalenji. Ihre Augen waren fest auf die Runen gerichtet. „So nah.“

Sie nickte Marit und Arrel zu und die beiden gingen voraus.

Erath konnte seine Brust deutlich spüren, während sie liefen. Darauf bedacht, seine Dolchwunde nicht zu berühren, zog er seinen Anhänger vorsichtig unter seinem Wams hervor und strich mit einem Daumen langsam über seine Oberfläche. „Er hat uns verraten. Mein Vater hat uns verraten.“

„Vielleicht wurde er dazu gezwungen“, entgegnete Teneff. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf. „Es spielt keine Rolle.“

„Ich war damals noch ein Kind. Sie haben mir gesagt, dass er tot ist, fort, dass er niemals wiederkommen wird und dass ich ihn niemals wiedersehen werde. Dann sehe ich ihn wieder und alles, was ich von ihm wusste, entpuppt sich als Lüge.“ Er sah Teneff an und atmete zitternd ein. „Was soll ich damit jetzt anfangen?“

Teneff dachte einen Moment lang nach. „Du kannst ihn loslassen.“

Erath wischte sich eine Träne ab. „Wie soll das helfen, nach allem, was passiert ist?“

„Es geht nicht darum, alles wiedergutzumachen.“ Sie packte ihn an der Schulter. „Es geht nur um dich. Solange Noxus Bestand hat, wirst du immer eine Familie haben, Erath.“

Erath hielt inne. Er ließ sich die Worte und Erinnerungen der letzten Tage noch einmal durch den Kopf gehen. Dann atmete er aus und zog so heftig an seinem Anhänger, dass das Band um seinen Hals zerriss. Er starrte ihn an und neigte seine Handfläche langsam, bis der Knochensplitter zu Boden fiel.

Ohne zurückzublicken, rannte er los, um die anderen einzuholen, während der Anhänger schnell unter der Erde verschwand.

Trivia Bearbeiten

Referenzen Bearbeiten

Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.