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Rakan Xayah Schattenspiel
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Kurzgeschichte

Schattenspiel

Von Odin Austin Shafer

Xayah sprang hoch in die Baumkrone und wich den Schüssen aus, die von den Tempelmauern aus auf sie abgefeuert wurden.


Geschichte Bearbeiten

Xayah sprang hoch in die Baumkrone und wich den Schüssen aus, die von den Tempelmauern aus auf sie abgefeuert wurden. Die Menschen nannten ihre Waffen „Kashuri-Gewehre“. Sie waren tödlich, und bei den Stadtwachen handelte es sich offensichtlich um ausgebildete Krieger. Aber sie kamen zu spät. Zu spät, um sie zu erwischen. Zu spät, um die Stammesmitglieder aufzuhalten, die sie anführte und die bereits den uralten Tempel erklommen und das erreicht hatten, was er beschützen sollte: ein Quinlon.

Dabei handelte es sich um fünf gewaltige Felsen, die sich in der Luft schwebend umkreisten. Eine gewaltige Schutzsäule voller uralter Verzauberungen, die die natürliche Magie des Landes zurückhielten und einschränkten.

Vom grauen Stein dieses Quinlons hingen ein Dutzend Seile herab, befestigt an Keilen, die die Vastaya hineingeschlagen hatten. Diese Vastaya waren vom Kepthalla-Stamm. Zwar hatten sie gefiederte Körper wie Xayahs eigener Stamm, ihre Köpfe jedoch waren länglich, mit gewaltigen Hörnern.

An einigen Seilen hingen, an der Hüfte festgebunden, die Leichen der Gefallenen. Und ganz unten am Boden lagen noch mehr Leichen. Ein Dutzend Kameraden, die beim Versuch, den Stein zu erreichen, ihr Leben ließen – getötet von den brutalen Geschossen der Menschen. Ihr Opfer war nicht umsonst, da das Seil, das Xayah benötigte, heil blieb.

Sie nickte Rakan, ihrem Geliebten und Partner, zu. Er küsste sie und nahm ihr das Bündel ab, das sie in der Hand hielt. Dann kletterte Rakan hinauf in die Baumwipfel.

„Hui!“, schrie er vor Freude, als er von Baum zu Baum hüpfte und dann mit atemberaubender Geschwindigkeit gen Himmel schoss.

Mit seinem letzten Sprung sprang er ein ganzes Stück höher als der Turm, höher als zwölf Männer, und er stieg noch weiter in den Himmel hinauf.

Xayah hielt den Atem an. So viele waren gestorben für diesen Augenblick ... und jetzt, da er endlich gekommen war, fürchtete sie, dass ihr Geliebter auch bald unter den Gefallenen sein könnte. Alles wirkte zu grell. Rakans Umhang strahlte wie die Sonne, die durch die dünnen Herbstwolken schien. Die Gewehre folgten ihm. Zielten. Darauf lief alles hinaus. Aber die Kraft seiner Sprünge nahm ab …

Über ihm verließ einer der Kepthalla sein Versteck, schwang sich an einem Seil herab und näherte sich Rakan. Aber Rakan wurde langsamer. Und die Gewehre feuerten auf ihn.

Es war ein aberwitziger Plan, der auf einem idiotischen Zirkuskunststück beruhte, das Rakan einmal vorgeführt hatte. Xayah wusste, sie hätte es nicht verwenden sollen. Sie riskierte den Ausgang der Schlacht, das Schicksal dieses Stammes und das Leben ihres Geliebten. Alles hing jetzt von Rakans Glück und seiner Körperbeherrschung ab. Gewiss, er war ein Krieger und ein Akrobat. Aber da waren so viele Gewehre. Sollte er versagen … zögern … langsamer werden … Sollte er getroffen werden …

Das Stammesmitglied, das am Stein hing, streckte seine Arme aus und Rakan packte sie, schwang sich noch höher.

Und dann landete er an der Seite des Quinlons. Er rannte die fast vertikale Oberfläche mit majestätisch wehendem Umhang hoch. Und er lachte. Lachte und verspottete die Sterblichen, die auf ihn feuerten.

„Du wunderschöner Bastard“, flüsterte Xayah freudig. Sie spürte, wie sich ihre Fäuste öffneten.

„Und nun, Kriegsführerin?“, fragte der unterwürfige Botensänger der Kepthalla neben ihr.

„Blast zum Rückzug! Nichts wie runter von dem Felsen“, brüllte Xayah.

Der Bote stieß in das Horn, das er bei sich trug. Es gab ein seltsam tiefes und melancholisches Geräusch von sich, das durch den Wald drang und von den Tempelwänden zurückgeworfen wurde.

Die Stammeskrieger der Kepthalla begannen, vom Quinlon zu fliehen. Sie seilten sich ab, sprangen, fielen und rannten schließlich in Richtung des Waldes. Sie waren leichte Beute für die Schützen der Menschen … doch diese schluckten den Köder nicht. Die Sterblichen wussten, dass Rakan das einzige Ziel war, das jetzt zählte. Doch nun war er allein.

Schüsse donnerten von überall her und durchlöcherten die Oberfläche des Quinlons. Als er die Spitze erreichte, legte Rakan das Bündel ab und blickte sich verwirrt um. Er sah auf Xayah herab und zuckte mit den Schultern.

„Nein, du verdammter Idiot!“, schrie Xayah. „Die Streichhölzer! Die Feuerstäbchen hinter deinem Ohr!“ Aber ihre Worte erreichten ihn wegen des Lärms der Schüsse und der Entfernung nicht.

Xayah sprang hinauf in die Baumkronen, wodurch sie sich den Schüssen der Schützen auslieferte, und griff sich gestikulierend hinter ihr Ohr.

Überall um ihn herum schlugen Kugeln ein und ließen winzige Splitter und Staub aufstieben. Doch Rakan schützte nur seine Augen vor dem blendenden Nachmittagslicht und sah zu Xayah hinüber. Er sah ihre Gesten, und plötzlich schien ihm der Rest ihres Plans wieder einzufallen.

Er zupfte ein Streichholz aus den Federn hinter seinem Ohr. Strich es über den Felsen. Beugte sich über das Bündel. Und dann sprang er.

Er nutzte seinen Umhang, um seinen Fall zu lenken, zu gleiten, aufzusteigen. Irgendwie gelang es ihm dabei die ganze Zeit, dem Gewehrfeuer auszuweichen, das ihm galt. Er war ein Kriegstänzer, und zu spüren, was der Feind als Nächstes tun würde, noch bevor der Feind es selbst wusste, war das wahre Talent der Kriegstänzer.

Rakan krachte durch die Baumwipfel, verlor kurz die Kontrolle, stieß gegen einen Ast, machte dann irgendwie einen Rückwärtssalto und landete grazil neben ihr.

„Ich bin die personifizierte Pracht!“, rief er triumphierend. Er streckte Xayah das rauchende Streichholz entgegen. „Brauchen wir dieses Feuerstäbchen noch?“

Ashai-rei“, schimpfte Xayah und rieb sich die Stirn. „Nein, das Streichholz brauchen wir nicht mehr.“

„Was jetzt?“, fragte Rakan.

„Jetzt sehen wir zu, wie eine Waffe der Menschen – eine Bombe, die gegen unser Volk in Navori eingesetzt wurde – unser Gefängnis zerstört!“, rief Xayah, aber nicht an Rakan gerichtet, sondern an die Kepthalla, die sie umringten.

Darauf folgte nichts als Stille … und schließlich eine weitere Salve Schüsse in Richtung des Waldes.

„Rakan, hast du daran gedacht, die Zündschnur anzuzünden?“, fragte Xayah so ruhig, wie sie konnte, und wunderte sich nicht zum ersten Mal, warum sie ihm bei solchen Sachen vertraute.

„Zündschnur?“, fragte Rakan.

Bevor Xayah ihn anschreien konnte, gab es eine Explosion über ihren.

Der größte Felsen des Quinlons zerbrach. Er war größer als jedes Haus. Das, was von ihm übrig blieb, krachte gegen die anderen fliegenden Steine um ihn herum. Und dann drehten sich die anderen Steine um ihn nicht mehr.

„Ich habe das Feuerstäbchen gegen diese kleine Schnur gehalten“, sagte Rakan, als die verbleibenden Steine anfingen zu zittern. Und dann stürzten sie alle gleichzeitig zu Boden. Die Erde bebte, als sie in das Tal und auf den Tempel unter ihnen krachten.

Der gewaltige Quinlon war Geschichte, und die unzähligen Jahrhunderte der Magie, die er zurückgehalten hat, wurden auf einen Schlag entfesselt, wie bei einem Damm, der bricht und eine Flutwelle frei lässt.

Um Xayah herum erstrahlte der Wald. Irrlichter erwachten zum Leben wie kleine Sterne. Eigenwillig geformte Wesen der wilden Magie, funkelnd durch das Licht des Geisterreichs, erschienen und verschwanden um sie herum. Es war herrlich.

Sie sah zu Rakan, und dieser lächelte sie an. Sein Umhang schimmerte purpurrot und golden. Seine Federn plusterten sich auf und er stellte sie zur Schau wie ein Pfau. Als die Magie stärker wurde, entstand vage ein Eindruck von Hörnern, die aus seinen ausgeprägten Wangenknochen hervorragten, aber er wischte sie weg und ließ stattdessen seine Hautfarbe dunkler werden, sodass sie Xayahs Hautfarbe glich.

„So viel, dass ich es spüren kann. Ich spüre, wie sie uns verändert“, sagte Xayah und atmete ein. Es war fast so, als wäre ihre Brust, ihre Kehle und ihr Schädel jahrelang von einem Eisenkäfig eingeschlossen gewesen, und plötzlich war sie frei. Ihre Federn stellten sich auf und sie stellte mit einem flüchtigen Gedanken fest, dass sie mühelos ihre Farbe, ihre Form und ihre Größe verändern konnte. Wenn auch die erste Welle der befreiten Magie abflachte, reichte doch ein Impuls ihres Bewusstseins, um sie hoch in die Luft aufsteigen zu lassen.

„Hieraus wurden wir geboren. An diesen Rändern der Welt. Halb Geist, halb Gestalt.“ Die Kepthalla versammelten sich unter Xayah, und ihre Stimme donnerte herab, als sie sprach. „Dafür haben wir gekämpft. Dies ist das Land unserer Vorfahren. So, wie es früher war. So, wie es sein soll.“

Langsam sank Xayah wieder zu Boden. Die Stammesmitglieder, mit offenen Mund staunend, verwandelten sich ebenfalls. Gestärkt durch die plötzliche Magie jubelten sie, lachten und johlten vor Freude.

Xayahs kepthallischer Botensänger – bis eben noch ein scheuer kleiner Kerl – packte sie, wirbelte sie herum und umarmte sie ohne Vorwarnung. „Du hast es geschafft!“, brüllte er freudig. „Du hast es geschafft!“

„Jetzt müsst ihr sie beschützen“, lachte sie, stieß ihn sanft von sich und schwebte davon.

Mit Leichtigkeit nutzte der Bote die Magie um ihn herum, um sein Signalhorn zu verwandeln. Jetzt war es länger als ein Tiger, und ein Dutzend Knochenpfeifen ragten aus dem Instrument. Er blies hinein und spielte ein Lied, das ebenso fröhlich wie überwältigend war.

Hinter Xayah bewegte sich der Wald. Der Weg, der sie hierher geführt hatte, und der erst nach rechts und dann nach links abbog, bog jetzt auch scharf links ab, ins Geisterreich. In diese Richtung führte der Weg durch Orte der Vergangenheit, Orte jenseits des Waldes – und keiner konnte ihn bereisen, ohne verändert zu werden.

„Ein uralter Pfad hat sich geöffnet!“, flüsterte Xayah staunend. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Magie hier so stark sein würde. Sie wandte sich zu dem Punkt um, an dem sie Rakan vermutete, aber er war nicht mehr da.

Am Waldrand konnte sie ihn und seinen Umhang sehen, der in der Nachmittagssonne leuchtete. Er spähte hinaus.

Mieli?“, fragte sie, als sie näherkam, das alte Wort für Geliebter verwendend.

„Wir haben ihn zerstört“, sagte Rakan ernst.

„Ja. Wir sind frei – der Quinlon ist Vergangenheit.“

„Nein, ich meine ihren Ort.“ Er deutete auf den Tempel und die menschliche Siedlung darum.

Ranken größer als Karren gruben die Erde um. Wie riesige Wellen peitschten sie aus dem Wald und zerschlugen ein dutzend Häuser zu Splittern.

Die anderen aus Holz gewobenen Häuser des Ortes wuchsen unkontrollierbar und klappten zusammen. Dann verwandelten sie sich zu gewaltigen Bäumen und zerquetschten dabei jeden, der sich in ihnen befand.

Eine sterbliche Frau, ein kleines Kind an sich drückend, rannte zu einem Pferdekarren. Ihr folgte ein Mann, der gerade noch einer gewaltigen Ranke ausweichen konnte, die herabkrachte und sein Haus zertrümmerte.

In den Händen hielt er einen Teil ihrer Besitztümer. Er warf sie in den Karren. Aber als die Welle der mächtigen entfesselten Magie sie einholte, erwachte das Fahrzeug zum Leben und verwandelte sich zurück in die Pflanzen, aus denen es einst geformt war. Xayah schaute zu, wie es zu einer riesigen insektenartigen Kreatur aus Holz und Ranken wurde. Der Mann schlug mit seinem Gehstock nach der Pflanze, und floh dann mit Frau und Kind.

Ein alter Mann mit einem langen Zopf versuchte, vom wogenden Erdboden wegzukommen. Er mühte sich ein paar Schritte lang ab, dann packten ihn zwei leuchtende Waldgeister, geformt wie geisterhafte Schmetterlinge. Die Geister zerrten ihn hoch in die Lüfte. Dann, als sie genug hatten von seinem Gezappel, ließen sie ihn hoch über einem Baum los. Er landete mit einem dumpfen Aufschlag. Seine Seele, umschlossen von seinem Körper, erschauderte und versuchte, seiner Hülle zu entweichen, um sich dem Wald anzuschließen.

Andere Sterbliche rannten an ihm vorbei. Xayah konnte sehen, dass ihre Seelen auch an den Grenzen ihrer Körper rüttelten. Eine alte Frau packte den alten Mann mit dem Zopf, zog ihn auf seine Füße, und zusammen flohen sie humpelnd, während die Erde und die Geister um sie herum Wellen schlugen.

„Die Gier der Menschen hat ihnen das eingebrockt“, sagte Xayah schließlich.

Rakan antwortete nicht. Xayah folgte seinem Blick in Richtung der Zerstörung, die ihr Plan angerichtet hatte.


Nach ihrem Sieg hatte sie ein Hilferuf vom Stamm der Vlotah erreicht, und sie brauchten drei Monde, um zu deren Dorf zu reisen.

Der Anblick des Dorfes war nicht sehr beeindruckend. Die Vlotah waren schon seit frühester Zeit ein kleiner Stamm. Das Dorf bestand nur aus ein paar verformten Bäumen rund um ein Kristallbecken. Als Xayah und Rakan von einer Wache ins Dorf geführt wurden, entstanden Öffnungen in einigen der Bäume und Stammesmitglieder kamen heraus, um die Besucher zu mustern.

Die Vlotah waren gelenkig und schmal gebaut mit gewaltigen Schultern, die senkrecht aus ihren Rücken hervorragten wie knöcherne Flügel. Ihr schimmerndes Fell glänzte erst grün, dann lila am ganzen Körper – außer im Gesicht. Ihre Gesichter waren cremeweiß und wirkten ein wenig katzenhaft.

Aber da war auch die Spur eines Dunstes aus kränklichem Gelb und Schwarz, den die Bäume, die Vastaya und selbst das Becken zu verströmen schienen. Es war die Farbe des Hungers und der Krankheit.

Xayah flüsterte, dass ihrer Meinung nach die Vastaya zu schwach aussahen, um zu kämpfen oder ihr und Rakan im Kampf beizustehen.

„Die Magie hier ist unrein,“ stellte Rakan fest. „Wir sollten schnell aufbrechen. Das bringt mir die Federn durcheinander.“ Er plusterte sich auf.

„Rakan, ein Sieg hier würde unserer Sache Aufmerksamkeit in ganz Zhyun verschaffen. Wir brauchen einen weiteren Erfolg, um zu beweisen, dass eine Rebellion möglich ist.“ Xayah blickte die Stammesmitglieder erneut an, die sie umringten, und jetzt spürte sie Mitleid und die Gewissheit, dass sie zu kränklich waren, um sich selbst zu verteidigen. „Der Vlotah-Stamm hat uns um Hilfe gebeten. Und es ist mehr als deutlich, dass sie diese dringend brauchen, mein Liebster.“

„Ist ihnen zu helfen wirklich wichtiger als mein umwerfendes Erscheinungsbild?!“, fragte Rakan ungläubig, gefolgt von einem Lächeln, das verriet, dass er scherzte.

„Selbstverständlich nicht“, entgegnete Xayah, die auf den Scherz einging und sich aufgeheitert fühlte von seinem Humor.

„Es gibt Pri-o-ri-tä-ten!“, rief Rakan, jede Silbe betonend.

„Rakan und Xayah, nehme ich an?“, fragte eine tiefe Stimme.

In der Mitte des Dorfes saß ein uralter Vlotah im Schneidersitz auf einem Felsen, der die Form einer achtbeinigen Schildkröte hatte. Er hatte weißes Fell und trug eine Krone, die wie ein Elchgeweih geformt war.

„Ich bin Leivikah, der Stammesälteste der Vlotah“, sagte er und hustete.

Xayah und Rakan verneigten sich. Eine Menge bildete sich um sie. Dutzende der Vlotah-Stammesmitglieder flüsterten sich etwas in ihrer eigenen Sprache zu.

„Uns wurde berichtet, wie ihr Konsul Akunir und Sprecher Coll in Puboe gerettet habt. Ich hoffe, dass ihr auch uns helfen könnt“, sagt Leivikah mit schwacher Stimme, die sich kaum gegen das Flüstern der Menge durchsetzen konnte.

Xayah warf ihrem Partner einen Blick zu, und dieser erkannte die stille Aufforderung.

„Ich bin Rakan“, bestätigte er mit dieser tiefen Stimme, die er manchmal benutzte. Sie war laut und selbstsicher, und schaffte es, ein Lächeln mit sich zu tragen. Rakans Selbstvertrauen ließ die Menge verstummen. Er machte die Schultern breit, krümmte den Rücken und sah sich langsam um, wie um mit jedem Einzelnen Augenkontakt herzustellen. „Und das ist Xayah, der Violette Rabe. Ihr habt von ihren Triumphen gehört, und von ihrem Ruf nach Rebellion.“

Und schon hingen Menge und Ältester an seinen Lippen, erfreut über seine Anwesenheit. Xayah schüttelte ihren Kopf, verblüfft wie Rakan so oft fast nichts sagen konnte, aber mit dem exakt richtigen Gefühl dahinter. Sie tippte heimlich seinen Rücken an, damit er bei der Sache blieb.

„Oh, ähm … Wir haben euren Ruf gehört, und freuen uns, euch als Freunde … oder als Kampfgefährten zu besuchen. Sagt uns, wie wir helfen können.“ Rakan beendete seine kurze Rede mit seinem strahlenden Lächeln.

„Danke, Rakan und Xayah, unsere Not ist groß.“ Leivikah erhob sich wackelig mit Hilfe seines Stabes und deutete in Richtung Berge. „Nördlich von hier befindet sich der Kouln-Tempel. In ihm gibt es einen kleinen Kristall-Quinlon. Über viele Generationen lenkte er die Magie dieser Gegend in ihre Bahnen, und wir lebten in Frieden mit den Sterblichen, die ihn hüteten.“

Er hustete und deutete auf seine kränkliche Umgebung. „Aber dann haben Krieger in Schwarz und Rot, die sich die Yanlei nennen, die Kontrolle übernommen. Jetzt ist die Magie hier dahingeschwunden und hat sich verfinstert. Wir haben versucht, an der Seite der guten Mönche von Kouln den Tempel zurückzuerobern, aber man hat uns zurückgeschlagen. Jetzt sind wir zu schwach und zu wenige, um zu kämpfen. Wir hoffen, dass unsere Verbündeten mit eurer Hilfe ihre heilige Stätte zurückgewinnen können.“

Xayah runzelte die Stirn und betrachtete die Armut, die sie umgab. Sie wollte sprechen, hielt dann aber inne. Schließlich sagte sie verärgert: „Ihr wollt, dass wir einigen Menschen helfen, einen Quinlon zurückzuerobern?“

„Wir haben von euren großen Siegen gehört“, erwiderte Leivikah.

„Ihr habt gehört, dass wir den Quinlon im Tal von Houth zerstört und den Kepthalla-Stamm befreit haben“, sagte sie.

„Die Mönche von Kouln sind …“

Menschen“, schnauzte Xayah und unterbrach den Ältesten. „Was kümmern uns – oder irgendwen von euch – die Zankereien der sterblichen Rassen? Ihr bittet uns, denen zu helfen, die die Magie dieses Landes strangulieren? Seid ihr Narren?“

Leivikah, der Älteste, knurrte und blickte dann zu Rakan. Xayahs Partner schenkte ihm jedoch scheinbar keine Beachtung. Er summte und balancierte einen Zweig, den er gerade gefunden hatte, auf seinem Zeigefinger.

„Wir werden euch helfen. Aber nur, indem wir den Quinlon zerstören. Wir werden ihn nicht irgendwelchen Mönchen überlassen“, sagte Xayah schließlich.

„Dadurch wird das Dorf im Tal vernichtet!“, rief der Älteste.

„Ja“, stimmte sie zu.

„Viele werden dabei umkommen!“

„Viele Menschen werden umkommen“, korrigierte Xayah ihn.

„Und wenn die Menschen versuchen, ihr Land zurückzuerobern? Was wird …“

„Mit Hilfe der Magie könnt ihr es verteidigen.“

„So spricht man nicht mit einem Ältesten!“, brüllt Leivikah Xayah an, Spucke flog dabei aus seinem Mund. „Du hast hier keine Rechte, Kind! Du stellst Forderungen, ohne die Gebräuche unseres Stammes zu kennen. Dein Ruhm als Kriegerin macht dich nicht zu einem Ältesten!“

Während Leivikahs Tirade löste sich Rakan von Xayah und sauste um die Menge herum wie ein Jagdtier, das seine Beute umkreiste. Die wenigen Krieger, die es noch in diesem Dorf gab, wichen schnell vor der Herausforderung zurück, die Rakan damit andeutete. Plötzlich machte er einen Satz und landete auf dem riesigen Felsen neben dem Ältesten. Einen Moment lang ragte er über ihm auf.

„Willst du, dass ich dich von diesem Felsen herunterschleudere?“, fragte Rakan.

Leivikah sah, dass all seine Wachen von dem berühmten Kriegstänzer zurückgewichen waren. Dann stammelte er: „Ich … ich wollte nicht respektlos erscheinen.“

Rakan fuhr fort: „Die Worte meiner Dame sind Weisheiten, Narr. Und sie spricht nur die Wahrheit. Hör zu. Und pass auf, was du sagst. Sonst gibt es Ärger.“

Rakan sprang wieder vom Felsen herunter und der Älteste flehte: „Mein Stamm möchte nur, dass alles wieder wird, wie es mal war. Die Mönche von Kouln haben nie ein Versprechen gebrochen und uns stets beschützt. Wir suchen nicht den Krieg wie ihr.“

Rakan ging zu Xayah, richtete seine Federn und kratzte sich dann am Ohr.

„Was meinst du dazu?“, fragte Xayah leise.

„Wozu?“, entgegnete Rakan flüsternd.

„Zu dem, was er gesagt hat?“

„Ich habe nicht zugehört“, erwiderte Rakan schulterzuckend. Er küsste sie auf die Backe und sagte: „Ihr habt beide gebrüllt. Du warst wütend, aber er hat nur Angst.“

Xayah lächelte und erkannte, dass Rakan recht hatte. Dann flüsterte sie: „Danke, Mieli.“ Dann küsste sie ihn rasch auf die Lippen.

„Es tut mir leid, Ältester Leivikah“, entschuldigte sie sich mit einer Verbeugung. „Ich wollte auch nicht respektlos erscheinen.“

Dann legte Xayah ihre Hand auf ihr Herz und sagte: „Ihr fürchtet euch. Das ist keine Schande. Aber solange euer Stamm sich darauf verlässt, dass Menschen ihre Versprechen halten, werdet ihr niemals frei sein. Und das ist es, was ich wirklich fürchte. Wie viele Generationen ist es her, dass ein Kind in dieses Dorf geboren wurde? Mehr Generationen als bei den meisten unseres Volks? Sieh dich um. Euer Stamm verkümmerte schon, bevor diese neuen Krieger kamen. Aber in den Wäldern von Kepthalla haben sie Hoffnung auf eine Zukunft. Sie hoffen, dass wieder Kinder geboren werden – denn dort ist die Magie endlich wieder frei!“

Sie blickte sich in der Menge um – so wie Rakan zuvor – und sah so vielen Stammesmitgliedern in die Augen wie möglich. „Rakan und ich haben schon einmal gegen diese Yanlei gekämpft. Viele kennen sie als den Orden der Schatten, und sie sind gefährlich. Sehr gefährlich. Aber wir sind bereit, sie zu bekämpfen. Wir wollen euch helfen!“

Dann ließ Xayah ihre Schultern sinken und schüttelte ihren Kopf. „Weder Ehre noch Schwurmagie verpflichten euch noch, diesen Kouln-Mönchen beizustehen. Wir bieten euch eine Chance, euer Land zurückzubekommen. Alles, was ihr braucht, ist der Mut, unser Angebot anzunehmen und das zu verteidigen, was euch gehört!“

Der Älteste starrte sie lange an, bis er schließlich antwortete: „Du bist wahrlich so unerschütterlich wie dein Ruf, Xayah von Lhotlan, und wir danken dir. Wir werden deine Worte überdenken, und am Morgen sollst du unsere Antwort erhalten.“

Als sich der Älteste erhob, fragte Rakan Xayah: „Bleiben wir heute Nacht hier?“

„Sieht ganz so aus“, antwortete sie.

Rakan zeigte willkürlich in die Menge. „Wer von euch macht mir Abendessen? Und … habt ihr Schokolade?!“

Es war der Menge nicht klar, welche Substanz der Menschen gesucht wurde, daher warf man sich verwirrte Blicke zu. Rakan wandte sich zu Xayah um und rief ärgerlich:

„Keine Schokolade?!“


Am Morgen traf Stammesältester Leivikah seine Entscheidung. Er schwor, das Land mit seinem Stamm zu verteidigen, das durch die wilde Magie zurückerobert werden sollte, und unterstellte die wenigen Krieger, die sie noch hatten, Xayahs Kommando.

Nachdem sie den geschwächten und kränklichen Zustand der Krieger untersucht hatte, und da sie wusste, wie dringend der Vlotah-Stamm die Krieger später brauchen würde, um sein Land zu verteidigen, entschied sie sich, sie nur für Ablenkungsmanöver einzusetzen.

Die Vlotah-Krieger sollten Yanlei-Patrouillen angreifen, während Xayah und Rakan alleine versuchten, den Tempel einzunehmen, und so hoffentlich dafür sorgten, dass ein Teil der Truppen vom Tempel abgezogen wird.

Für den Fußmarsch vom Wald der Vlotah bis zu dem großen Dorf, von dem der Älteste gesprochen hatte, brauchten Xayah und Rakan einen Tag.

Als Xayah und Rakan das Dorf von den Hügeln herab betrachteten, sahen sie, dass es viel größer war als jedes andere Dorf, das sie in den letzten Jahren gesehen hatten. Es war eine kleine Stadt. Hunderte Behausungen füllten das ganze Tal.

„Können wir außen rum?“, fragte Rakan.

„Nein. Außer wir klettern an der nackten Felswand entlang, die die Stadt umgibt.“

„Klettern könnte Spaß machen.“

„An der Felswand wären wir die ganze Zeit allen Blicken ausgeliefert. Wenn die Menschen Ballisten haben oder diese Kashuri-Gewehre …“

„Ich hasse Armröhren“, grummelte Rakan. Dann deutete er in Richtung der Hügel hinter der Stadt. „Ich höre, wie der Quinlon die Magie stört. Aber ich kann ihn nicht sehen. Hinter der Stadt ist ein Wald.“

„Dort können wir rasten. Wir müssen allerdings durch die Stadt, ohne dass die Schwarzrotgekleideten uns entdecken. Sie werden wissen, wer wir sind, wegen der Ereignisse in Puboe und mit den Kepthalla. Wir müssen versuchen, als Menschen durchzugehen.“

„Vielleicht können ein paar Vlotah herkommen und uns helfen, die Stadt zu umgehen“, schlug Rakan vor.

„Sie haben zu viel Angst und sind zu geschwächt, Rakan“, erwiderte sie. „Und sie würden nur noch mehr Aufsehen erregen.“

Xayah begann, ein paar Gegenstände aus einem Sack zu nehmen, den sie aus dem Dorf mitgenommen hatte. „Die Vlotah haben uns Schuhwerk nach Art der Menschen mitgegeben. Und wir werden große Kapuzen tragen.“

„Dieser Umhang ist Grau“, sagte Rakan, atemlos vor Schrecken. „Das ist nicht mal eine Farbe!“ Er brach einen Zweig ab und warf ihn mit großer Wucht in den Wald.

Xayah sah die Kleidung an, und auch sie schauderte bei dem Gedanken, diese rauen menschlichen Stoffe über ihre Federn zu ziehen.


Schwarz und rot gekleidete Wachen waren gerade dabei, das Tor zu schließen und die letzten Besucher in die Stadt zu winken, denn die Nacht war nah. Xayah zog ihren Kopf ein, als Rakan und sie an ihnen vorbeigingen.

Als sie durch das Tor trat, warf sie der hohen Stadtmauer einen verstohlenen Blick zu. Sie maß ein Vielfaches des höchsten Baumes im Wald.

„Rakan, könntest du über diese Mauer springen?“, flüsterte Xayah.

„Warum?“, fragte er.

„Falls wir hier schnell verschwinden müssen“, sagte er.

Er blickte die Mauer hinauf und versuchte, die Entfernung abzuschätzen. Dann sagte er: „Nein … zu wenig reine Magie hier.“

Sie spürte die üble Magie, die genutzt worden war, um die Mauer zu errichten. Selbst für menschliche Magie war sie fremdartig. Düster und zornig. Etwas Ähnliches hatte sie nur einmal gefühlt … in Puboe.

Die enormen Dornenranken, jeweils breiter als ein Pferd, wurden nicht gebeten oder dazu überredet, mit diesen Steinen einen Wall zu formen – sie wurden dazu getrieben und gezwungen. Und die Magie, die die Mauer und die Wallanlage über ihr zusammenhielt, klagte und knurrte.

Die Mauer stellte einen mächtigen Schutz gegen Eroberer dar, aber sie fragte sich, was passieren würde, wenn die Ranken, die diese Magie in sich trugen, plötzlich freigelassen würden.

Das Tor schloss sich hinter ihnen und wurde abgesperrt. Xayah und Rakan verbargen sich in der Menge der Reisenden und Bauern, die die Hauptstraße in Richtung Zentrum gingen.

„Es gibt hier einen Magier“, sagte Rakan.

„Ich kann seine Magie hören“, erwiderte Xayah, „aber ich kann ihn nicht sehen.“

„Über uns.“

An der Spitze eines Turm, der aus zerteilten toten Bäumen bestand, stand ein Mann in einer burgunderroten Robe. Seinen Augen entwich eine seltsame Dunkelheit, und er hielt eine verzierte Bronzeglocke in der Hand, die einen finsteren Dunst verströmte.

„Er hält Ausschau nach Vastaya und Yordle“, sagte Rakan mit Gewissheit.

Xayah packte Rakans Arm und zog ihn in eine Gasse, als der Magier ein schreckliches Kreischen von sich gab. Er hatte ihre Verkleidung durchschaut. Hörner erklangen von den Mauern als Antwort auf den Schrei des Magiers.

Schritte und rufende Wachen erklangen hinter ihnen. Xayah und Rakan rannten, huschten von Gasse zu Gasse, aber schon bald erkannten sie, dass die Straßen ein Labyrinth bildeten.

Sie fühlten, wie der Magier versuchte, sie durch Magie aufzuspüren. Er schwang die magisch berührte Glocke. Sie läutete sanft, ließ aber einen unsichtbaren magischen Peitschenhieb in ihre Richtung schnellen. Immer wieder und wieder gab sie einen Klang von sich, den kein Sterblicher vernehmen – oder schmerzhaft spüren – konnte, der aber in den Ohren der Vastaya knallte wie die Peitsche eines Riesen. Einer der Peitschenhiebe krachte die Gasse entlang und verfehlte Rakan nur knapp, der sich an eine Wand drückte.

Die Magie der Glocke vibrierte in ihren Federn, und einen Moment lang dachte Xayah, sie wären entdeckt worden. Aber dann ließ der Magier die Glocke in eine andere Richtung erklingen, eine andere Gasse hinab. In seiner Suche tastete er blind umher und war sich offensichtlich nicht im Klaren, wer oder wo sie waren.

An einer Kreuzung vor ihnen packten die Yanlei-Wachen einige Bürger und zerrten sie ins Freie, wo sie der Magier sehen konnte.

Eine der Wachen, ein Hauptmann, war anders gekleidet als die Übrigen. Er trug eine aufgeknöpfte, dunkelgraue Weste aus grobem Stoff. Den Vastaya erschien er missgebildet, als sei er mit einer Art Verderbnis in Kontakt gekommen. Rakan nickte mit dem Kopf in Richtung der Tätowierungen, deren schwarze Windungen beide Arme des Mannes überzogen.

„Schattenmagie“, knurrte Rakan.

Xayah nickte. „Sie sind wahnsinnig.“

„Sehen wir mal, ob er tanzen kann“, sagte Rakan. Instinktiv packte Xayah die Hand ihres Geliebten und hielt ihn zurück.

In diesem Moment erwachten die Tätowierungen des Mannes zum Leben. Sie stiegen von seinem Körper auf wie Rauch. Ihre Dunkelheit nahm die Form von dornigen Klauen an, die den Beinen einer Spinne glichen und je ein grausames, gebogenes Schwert umklammerten. Dann fuhren diese Schattenformen auf den Dorfbewohner herab, der sich dagegen gewehrt hatte, aus seiner Deckung gezerrt zu werden. Mit einem Schrei und einem roten Schnitt auf seinem Rücken stürzte der Mann zu Boden.

Rakan und Xayah schwangen sich an die Wand unter dem Dachüberstand des Gebäudes neben ihnen und huschten in eine weitere Gasse, die nach Fäulnis und Unrat roch. Als sie feststellten, dass die Gasse frei von Wachen war, rannten sie, so schnell sie konnten. Sie stießen sich von den Wänden ab und nutzten innere Magiereserven, um schneller laufen zu können. Allerdings beschrieb die Gasse einen Bogen. Sie führte zurück zur breiten Straße.

Hinter ihnen erschienen einige der schwarzrotgekleideten Krieger auf Balkonen und sprangen herab.

Rakan suchte die Straße ab, betrachtete jedes Haus und seine Bewohner. Dann packte er Xayahs Hand und zerrte sie um die Ecke in Richtung eines beinahe verfallenen Hauses mit einigen eingestürzten Balken.

„Was tust du?“, fragte Xayah.

„Das hier ist gut“, antwortete Rakan und deutete auf den Eingangsbereich des Hauses, der kürzlich gefegt wurde, und auf die geputzten Fenster.

„Was?!“, erwiderte Xayah.

Eine der Wachen am Ende der Straße bemerkte die Verzweiflung in ihren Schritten und machte seinen Befehlshaber auf sie aufmerksam. Der tätowierte Unhold stand immer noch neben dem jammernden Bauern.

„Alles in Ordnung?“, fragte eine weibliche Stimme.

Xayah drehte sich um und sah eine gelbgekleidete ältere Frau vor sich. Sie hatte langes, weißes, aufwendig geflochtenes Haar, und ihre Augen waren misstrauisch zusammengekniffen.

„Ja“, erwiderte Xayah. „Wir wollten gerade …“

„Die Wachen suchen nach uns“, unterbrach sie Rakan, „Wir brauchen Hilfe.“

Die Frau sah die Wachen an, und dann wieder Xayah und Rakan. Rakan schenkte ihr ein hoffnungsvolles Lächeln. „Wir führen nichts Böses im Schilde“, versicherte er.

„Schnell, durch den Seiteneingang“, sagte sie, und zeigte auf die Gasse neben ihrem Haus. Dann schloss sie den Vordereingang und verriegelte ihn von innen.

Rakan und Xayah rannten die Gasse hinunter, am Haus entlang. Eine Sackgasse … und keine sichtbaren Türen.

„Verdammt, warum hast du ihr das gesagt?“, schimpfte Xayah. Sie konnte hören, wie der Magier seine Glocke nach ihnen suchen ließ – seine Magie peitschte laut durch das Geisterreich. Sie konnten bereits die sich nähernden Schatten der Wachen sehen.

Aber dann entstand plötzlich eine Öffnung in einer der Wände, als ein Geheimgang sich öffnete. Die alte Frau lehnte sich heraus und gestikulierte, dass sie hereinkommen sollten.

Als die beiden drinnen waren, schloss die alte Frau den Schmugglereingang, und keine Spur war mehr von ihm zu sehen.

Die beiden Vastaya sahen sich um und erkannten, dass sie in einem Lagerraum mit niedriger Decke und schmutzigem Fußboden waren. Der dunkle Raum wurde nur von einer einzelnen Öllampe und zwei verwelkenden Ekyl-Blüten erhellt.

Unter ihrem Mantel formte Xayah zwei Federklingen und machte sich bereit.

Die Frau wich zurück, vielleicht die Gefahr ahnend, in Richtung eines Vollmondspeers, der an einer Wand lehnte. Eine gute Waffe, gut geölt und von alter Magie berührt, die in ihrem Innern zufrieden schnurrte.

„Seid ihr Vastaya?“, fragte die Frau vorsichtig.

Bevor Xayah ihn aufhalten konnte, nickte Rakan und sagte mit seiner tiefen Stimme: „Ich bin Rakan, Kriegstänzer des Lhotlan-Stammes.“

Zu Xayahs Überraschung atmete die Frau erleichtert aus und lachte. „Leivikah sagte, dass er eure Hilfe suchen wollte, aber wir haben seitdem nichts mehr vom Vlotah-Stamm gehört. Ich bin Äbtissin Gouthan.“

An der Vordertür klopfte es laut.

„Bleibt ruhig, ich versuche, sie loszuwerden“, sagte Gouthan, eilte in Richtung Vordertür und schloss dabei die Flurtür hinter ihr.

Während die Äbtissin nachsah, wer an der Vordertür klopfte, kamen sechs junge sterbliche Akolythen aus den anderen Zimmern des Hauses zu ihnen. Viele trugen Verbände und waren scheinbar verletzt. Sie warfen sich nervöse Blicke zu. Xayah spürte, dass sie ihr letztes bisschen Magie zusammennahmen.

Xayah steckte ihre Hand unter den Wollmantel, den sie trug, und ließ eine neue Federklinge entstehen. Sollten die Mönche angreifen, wären sie nicht weit genug entfernt für Wurfdolche, also veränderte sie den Griff der Klinge und formte so einen kurzen Malchus.

Als Äbtissin Gouthan zurückkehrte, hielt sie einen Finger an die Lippen als Zeichen, keinen Laut von sich zu geben. Dann schickte sie beinahe lautlos die Mönche, die am stärksten verletzt waren, zurück in ihre Kammern, und machte sich mit den zwei verbliebenden Schülern daran, ein Kochfeuer anzuzünden. Leise sangen und summten sie eine bewegende Melodie und begannen, Essen zuzubereiten.

Rakan legte seinen Arm um Xayahs Schulter und führte sie zu einem niedrigen Tisch im Nebenzimmer. Das Paar setzte sich. Während die Mönche kochten, verlangsamte Xayah ihre Atmung und absorbierte mit ihrem Federkleid die Klingen und ihre Magie wieder.

Xayah deckte ihre Beine mit Feder- und Wollmantel zu und wartete. Nur ein paar Bienenwachskerzen und das Feuer nebenan beleuchteten den Nebenraum und konnten die Kühle des Abends kaum zurückhalten.


Die Kerzen waren fast vollständig heruntergebrannt, als die Äbtissin und ihre beiden Bediensteten fertig gekocht hatten und sich mit einigen Tellern voll Essen leise zu Rakan und Xayah gesellten.

„Nachdem sie den Tempel eingenommen hatten, versteckten wir uns einige Wochen in den Hügeln“, flüsterte Gouthan. „Dann schlichen wir uns in die Stadt, genau wie ihr.“

Sie und einer ihrer Schüler reichten die karge Mahlzeit, die sie zubereitet hatten, von der Kochstelle der Küche durch bis zu dem Tisch, an dem Rakan und Xayah saßen.

„Dieses alte Haus gehörte meiner Familie schon lange, bevor ich Äbtissin des Kouln-Tempels wurde. Es gelang uns nur, unentdeckt zu bleiben, weil die Navori …“

„Wer ist der Krieger mit den schwarzen Tätowierungen?“, fragte Rakan.

„Die Krieger mit den Tätowierungen gehören dem Orden der Schatten an. Sie gehören zur Bruderschaft von Navori … oder zumindest war das so, als …“

„Es herrscht Krieg zwischen euren Stämmen?“, unterbrach sie Rakan erneut.

„Nicht ganz“, antwortete Gouthan geduldig. „Sie nahmen uns unseren Tempel, aber sie haben die meisten von uns am Leben gelassen, wohl um die hiesigen Dorfbewohner nicht zu einer Revolte anzustacheln. Der Frieden ermöglicht es ihnen, ihre üble Schattenmagie zu ernten und zu sammeln. Aber ich habe meine Schüler heimlich in die Stadt gebracht. Wir bereiten uns vor.“

Rakan nahm einen Bissen von dem auf Stein gebackenen Brot. „Ihr habt ‚Theln und die Fallenden Blätter‘ gesungen, als ihr das zubereitet habt?“

„Ja“, antwortete Gouthan. „Das Lied ist wichtig, wenn Vastaya kochen, richtig?“

„Es ist wichtig“, sagte Xayah emotionslos. Sie hatte ihren Teller noch nicht angerührt.

Rakan erklärte: „Bei Steinmehlbrot verwendet man traditionell ein fröhliches Lied, das man mittrommeln kann.“

„Und du schmeckst das?“

Rakan steckte sich noch ein Stück Brot in den Mund und nickte.

„Bitte verzeiht, ich kann euch wenig anbieten, und noch weniger Finesse im Umgang mit euren Bräuchen,“ sagte die Äbtissin und beugte dann den Kopf. Sie schämte sich sichtlich dafür, wie weit ihr Orden gesunken war.

Rakan klopfte ihr auf die Schulter. „Es ist gut! Es ist kein Lied, das man sonst für Steinbrot verwendet, aber es harmoniert gut mit diesem Mehl.

„Sehr gütig von dir.“

„Er hat Hunger“, sagte Xayah.

„Jetzt, da wir gemeinsam gegessen haben, wollen wir jetzt besprechen, wie wir den Tempel zurückerobern werden?“, fragte die Äbtissin hoffnungsvoll.

„Eure Hilfe wird nicht benötigt“, antwortete Xayah.

„Meine Schüler können euch hinführen. Ich selbst kann es mit mehr als nur ein paar der Schattenkrieger aufnehmen. Außerdem kann ich den Kinkou-Orden benachrichtigen – sie werden sicherlich Verstärkung schicken.“

Xayah und Rakan tauschten einen Blick aus. Dann fragte Xayah: „Wie viele Yanlei-Krieger gibt es in der Stadt?“

„Vielleicht einhundert.“

„Und beim Tempel?“

„Vielleicht fünfzig.“

„Damit kommen wir zurecht“, sagte Xayah.

„Allein?“

„Allein.“

„Sie sind schlechte Tänzer“, murmelte Rakan und nahm sich noch ein Stück Brot.

„Aber wenn wir auf die Kinkou warten, dann können wir doch sicherlich …“

„Die Vlotah können nicht auf die Hilfe der Kinkou warten. Deswegen sind wir hier.“

„Ich verstehe“, sagte die Äbtissin. „Ich habe sie im Stich gelassen. Lasst mich wenigstens an eurer Seite gegen diese Yanlei-Bastarde kämpfen.“

„Du solltest in der Stadt warten“, sagte Xayah ausdruckslos.

„Ich kann euch zeigen, wo sie patrouillieren …“

„Das kannst du uns morgen früh zeigen“, sagte Xayah. „Aber entschuldige uns bitte, ich hätte gern einen Moment mit meinem Partner.“

„Oh … äh, natürlich.“ Die Äbtissin und ihr Bediensteter erhoben sich. Bevor sie sich in die Räume im vorderen Teil des Hauses zurückzogen, folgte Rakan ihnen bis zur Tür, umarmte jeden Einzelnen und gab ihm ein paar Stücke Brot mit.

Dann schloss er die Tür und setzte sich neben Xayah. Sie flüsterte: „Wir sollten gehen, sobald sie eingeschlafen sind.“

„Wir sollten sie warnen, was passieren wird, wenn wir den Quinlon zerstören“, entgegnete er und steckte sich noch ein Stück Brot in den Mund.

„Wenn sie wüssten, was wir vorhaben, würden sie uns an diese anderen Sterblichen verraten. Oder an die Kinkou.“

„Viele Sterbliche werden sterben“, sagte Rakan.

„Der Vlotah-Stamm wird sterben, während sie auf Hilfe warten. Liebling, das ist der Weg, den wir eingeschlagen haben. Sie haben vastayanisches Land besetzt. Sie haben mit Magie einen Wall errichtet, die sie kaum beherrschen und erst recht nicht verstehen.“

„Wenn du das sagst. Aber ich ziehe diese Äbtissin dem Stammesältesten Leivikah vor. Wenigstens hat sie keine Angst.“

„Du hast dich nur von ihrem Essen verführen lassen.“

Rakan nahm noch einen Bissen und zuckte mit den Schultern. „Es wurde mit Sorgfalt und einem aufrichtig gesungenen Lied zubereitet.“

„Ich traue ihr nicht. Nicht, wenn unser Leben auf dem Spiel steht.“

„Hast du deswegen gesagt, dass wir ihre Hilfe nicht brauchen?“

„Fünfzig Krieger, das ist eine ganze Menge“, gab Xayah zu. „Und dann kommt noch Schattenmagie dazu.“

Rakan zuckte mit den Schultern. „Hast du denn keinen Plan?“

„Natürlich habe ich einen Plan.“

„Dann vertraue ich darauf“, sagt Rakan sanft.

Xayah schüttelt den Kopf. „Wir gehen alleine rein. Wenn mein Plan nicht aufgeht …“

„Du irrst dich nie bei solchen Sachen.“

Xayah strich mit den Fingern durch ihre Federn, ließ ihren Kopf sinken und ging jedes Detail durch, das sie vom Ältesten der Vlotah erfahren hatte: das Gebiet, die schwarzrotgekleideten Krieger, die Stadt, der Bergtempel und der Kristall-Quinlon.

Nach einer langen Pause fragte sie: „Warum vertraust du diesen Mönchen?“

„Weil ich mich mit solchen Sachen auskenne“, antwortete Rakan.


Xayah lag die folgende Nacht viele Stunden wach und studierte die Landkarten, die die Vlotah zur Verfügung gestellt hatten. Sie konnte sich zusammenreimen, wo die Krieger wohl Patrouillen und Kontrollpunkte eingerichtet hatten, und legte einen Pfad fest, der es ihnen ermöglichen sollte, ungesehen bis auf wenige hundert Schritte an den Tempel heranzukommen.

Sie brachen auf, nachdem der Mond aufgegangen war, und es gelang ihnen, sich ohne Zwischenfall aus dem Haus zu schleichen.

Bis auf die Geräusche der Insekten war es still in der Stadt, und so fiel es ihnen leicht, den Yanlei-Kriegern auszuweichen, indem sie ihren Schritten lauschten. Nachdem Xayah die Positionen dieser Krieger erschließen konnte, war es keine große Sache, einen Weg um die patrouillierenden Wachposten herum zu finden.

Als das Licht des Morgens begann, den Himmel zu erhellen, hatten sie bereits die Stadt und die letzten Bauernhäuser auf dem Weg den Berg hinauf hinter sich gelassen.

Der Wald auf dem Berg hatte die Farbe von Asche. Rakan und Xayah konnten spüren, wie etwas von der Magie in ihnen weggezerrt wurde.

Der Quinlon hier dämpfte nicht nur das Vermögen der Geistermagie, Veränderung zu erschaffen oder ihre lebensspendende Vitalität, indem er die wilde Magie zurückhielt, die die Sterblichen als zu gefährlich empfanden. Dieser Quinlon absorbierte aktiv Magie, saugte sie wie ein Egel aus dem Land und dem Geisterreich in einer Geschwindigkeit, die Xayah so noch nicht erlebt hatte. Es war fast so, als wäre die normale Funktion eines Quinlons auf den Kopf gestellt worden, sodass nur die finstersten Magien aus dem Geisterreich fließen konnten.

Den Großteil des Tages marschierten Rakan und Xayah durch die Wälder, verborgen in den Überresten des knochenfarbenen Unterholzes, ein paar Dutzend Meter vom Weg entfernt. Wenn feindliche Krieger vorbeizogen, blieben sie regungslos. Erst trafen sie auf normale Patrouillen, aber schon bald waren es große Kriegergruppen, die in offensichtlicher Eile den Hügel herabmarschierten.

Xayah ging davon aus, dass die Vlotah-Krieger die Ablenkungsangriffe begonnen hatten, die sie angeordnet hatte. Sie und Rakan hätten diese Menschen sicherlich besiegen können – Xayah wusste aber, dass es sicherer war, jedes bisschen Magie, das sie hatten, aufzusparen.

Dass die Vlotah, geschwächt und krank durch den Mangel an Magie, sich freiwillig für diese Angriffe auf die Yanlei gemeldet hatten, zeugte von großem Mut. Xayah beruhigte sich mit dem Gedanken, dass ihre neuen Genossen zumindest noch eine kleine Weile lang in Sicherheit waren. Aber wenn es Rakan und ihr nicht bald gelingen würde, den Quinlon zu vernichten …? Xayah spürte, wie sich ihre Fingernägel in ihre Handflächen gruben, als sie mit Rakan hinter einem Felsen in Deckung lag, der so groß war wie ein Karren.

Nach einiger Zeit nahm die Größe und Frequenz der rotschwarzgekleideten Kriegerpatrouillen deutlich ab, sodass sie und Rakan schneller vorankommen konnten.

Am späten Nachmittag erreichten sie den Tempel. Das Gebäude war hässlich und verachtete die Welt. Es war hoch und blass wie ein Leichnam. Blattlose Zweige und Dornen wuchsen aus den hölzernen Mauern, um Zinnen und Verteidigungsstachel zu formen.

Rakan pfiff, um die Aufmerksamkeit der ersten Wache zu erregen, die er sah. Der Mann drehte sich gerade rechtzeitig um, um eine von Xayahs Federklingen in die Brust zu bekommen. Rakan fing ihn auf, bevor er zu Boden ging – um anzugeben.

In der Ferne ertönte ein Horn, und Xayah wusste, dass sie entdeckt worden waren. Ein Dutzend weitere schwarzgekleidete Krieger strömte aus Verstecken rund um den Tempel.

Rakan stürmte in ihre Mitte, trat um sich, wirbelte herum und warf Krieger hoch in die Luft. Währenddessen ließ Xayah ihre Klingen sprechen. Jetzt bewegten sie sich schnell. Sie schlugen eine Schneise zum Tempeleingang.

Xayah holte ihre Federklingen mittels ihrer Magie zu sich zurück und tötete dadurch die umstehenden Krieger. Rakan verbeugte sich.

Angesichts seines Gehabes verdrehte sie die Augen und überließ ihm die Aufgabe, diese schwarzgekleideten Krieger zu beschäftigen.

Sie schob sich durch die Ranken am Eingang des Tempels und betrat seinen großen Eingangsbereich. Links und rechts von ihr begannen finstere gekrümmte Passagen, die Türen zerbrochen und am Boden verstreut. Sie ließ sie links liegen und folgte stattdessen dem Pfad, den das Sonnenlicht sich zu einem von Ranken überwucherten Durchgang an der anderen Seite des Raumes bahnte.

Sie hielt kurz inne, als sie an ein paar kristallenen Quadern vorbeikam, die an einer Wand aufgestapelt waren. Seltsame Objekte waren das, rechtwinklig und absolut seelenlos – irgendwie enthielten sie absolut keine Magie. In einer Art frevelhaften Akt gegen die Welt hatte ihr Schöpfer es geschafft, keinen Teil seiner Essenz – oder der Essenz des Ausgangsmaterials – in sie einfließen zu lassen. Sie machte einen großen Bogen um sie und schlüpfte durch einen Durchgang, der von schwarzen Wurzeln überwuchert war.

Sie hatte den Mittelpunkt des Tempels erreicht, der in rotes Licht getaucht war. Xayah sah auf. Über ihr glühte der Quinlon. Wie viele andere Quinlone bestand er aus rotierenden Steinen. Dieser hier aber schien aus riesigen Rubinsplittern zu bestehen, jeder einzelne größer als ein Pferd. Er glühte. Sie konnte den Sog spüren, den er auf die Magie ausübte.

Und sie musste schockiert zusehen, wie er über ihr kleine Waldgeister aufsaugte.

Die Luft schien sich zu verändern, und sie wusste, dass sie nicht allein war. Sie duckte sich, als ein gepanzerter Krieger aus den Schatten trat. Er sprang über sie hinweg, stieß sich von den Wänden und Säulen ab, genau wie ein Kriegstänzer es tun würde – allerdings tauchte er dabei aus dem Nichts auf und verschwand wieder, und hinterließ jedes Mal Rauchwolken.

Sie kannte Vastaya, die mit den Wolken in Einklang waren und Ähnliches leisten konnten. Aber die Magie dieses Mannes war eigenartig. Selbst die Schatten in ihm bargen den Abdruck von etwas anderem, ein Echo der Magie des Zwielichts. Er war mächtig – mächtiger als jeder Magier, jeder Sterbliche, dem sie je begegnet war. So geschwächt wie sie und Rakan waren, war es unwahrscheinlich, dass sie diesen gepanzerten Krieger besiegen würden.

Sie warf Federklingen, aber er zerteilte sie einfach in der Luft. Mit jeder Bewegung wurde sie schwächer und er kam näher. Sie beobachtete, wie der Krieger eine ihrer Federklingen parierte und diese hoch in den Quinlon flog.

Der rote Stein brach sofort.

Das war also der Grund, warum dieser kleine Quinlon im Innern des Tempels errichtet worden war. Das seltsame rubinartige Mineral, aus dem er konstruiert wurde, verlieh ihm seine ungewöhnliche Macht … aber es war zerbrechlich. Besonders jetzt, in diesem überladenen Zustand.

Diesen Krieger konnte sie vielleicht nicht besiegen, zumindest nicht unter diesen Umständen … Aber wenn sie dafür sorgen könnte, dass er abgelenkt ist, dann könnte sie es schaffen, diesen Quinlon zu zerstören.

Sie erschuf so viele Federklingen, wie sie nur konnte. Die Anstrengung entzog ihren Gliedern die Kraft. Sie fühlte sich, als würde man sie unter Wasser festhalten. Dennoch warf sie sie blind auf ihren Gegner, und zwang ihn zu parieren oder auszuweichen. Sie wusste, dass jede verfehlende Klinge direkt den Quinlon oder das Tempeldach über ihm treffen und beschädigen musste.

Jedoch ging ihr langsam die Luft aus, und ihr Feind umkreiste sie wie ein Hai. Er wollte sie müde machen – und jetzt war der Zeitpunkt für ihn gekommen, ihr Duell zu beenden.

In ihrer Erschöpfung biss sie die Zähne zusammen und machte sich bereit für das, was sie zu tun hatte. Sie würde sterben, wie auch dieser Krieger … aber die Vlotah würden überleben.

Und dann wurde ihr für den Bruchteil einer Sekunde klar, dass sie Rakan niemals wiedersehen würde. Seine Nähe spüren würde. Sein Lachen hören würde. Sein verschmitztes Lächeln sehen würde … Während sie so in Gedanken versunken war, schlug der gepanzerte Krieger zu. Sie konnte seinen Schlag gerade noch blocken, die Wucht warf sie aber zu Boden. Der Krieger sprang mit einem Rückwärtssalto weg von ihr. Sofort danach sprang er wieder auf sie zu, seine Klingen bereit für den Todesstoß.

Das war ihre Chance. Anstatt zu parieren rief sie ihre magischen Klingen zu sich zurück und … riss den Quinlon und das Dach des Tempels in Stücke! Der Schattenkrieger fiel auf sie. So sicher wie der Tod würden in wenigen Momenten die riesigen Splitter des Quinlons und die Steine des Daches folgen.

Plötzlich erschien Rakan!

Seine Arme hielten sie fest umklammert. Ein Wirbel goldener Energie entwich seinem Umhang und umgab sie. Sie konnte spüren, wie die Klingen des Schattenkriegers auf diese Energie prallten – unfähig, ihr den tödlichen Stoß zu versetzen. Sie spürte Rakans Brust an ihrer Wange. Sie spürte, wie sie sich hob, als er Luft holte.

Inzwischen stürzten größere Trümmer des Tempeldaches und des Quinlons herab. Rakans verbliebene Magie formte eine Energieblase, die die Steine zurückhielt. Xayah konnte jedoch spüren, wie er unter der Last des Schildes schwächer wurde. Er brüllte, kreischte wie ein Tiger in einer Falle, und das ganze Gebäude stürzte ein. Seine Brust bebte und er stürzte auf seine Knie.

Und dann wurde es stockfinster.


Als Xayah ihre Augen öffnete, half ihr Rakan in den Ruinen des Tempels auf die Füße. Der seltsame Krieger war verschwunden, und seine Handlanger rannten den Pfad hinunter auf der Flucht vor der ersten Welle der entfesselten wilden Magie, die auf die Welt prallte.

Die Wälder leuchteten, die Blumen erblühten und die großen Geister erwachten. Das Licht der anderen Welt umspülte sie.

Sie blickte Rakan lächelnd an und wischte einen Fleck von seiner Wange.

Sie umarmten sich und ließen die Magie auf sich wirken. Hier war sie anders als im Wald der Kepthalla. Sie war voller Lebenskraft und Freude, obwohl sie eingesperrt und missbraucht worden war – oder vielleicht gerade deswegen?

Der Vlotah-Stamm hatte seine Freiheit zurück, genau wie die Kepthalla. Und ob es möglich oder richtig war, die Quinlone zu zerstören, war jetzt ein für alle Mal geklärt. Weitere Stämme, ja sogar Xayahs Stamm, würden jetzt an die Zukunft glauben, die sie für ihr Volk für möglich hielt.

Der Boden bebte – etwas Großes unter dem Berg erwachte, und das Liebespaar tanzte über die großen Spalten, die in der Landschaft entstanden.

Rakan küsste Xayah zärtlich und sagte dann: „Die Menschen können auf unserem Land nicht leben, aber ich werde sehen, ob ich nicht der Äbtissin bei der Flucht helfen kann. Wenn ich diese rosa Schlucht dort hinabsegle, könnte ich sie noch rechtzeitig erreichen.“

„Los, rette deine Bäckerin, mein Geliebter. Ich denke aber, dass sie bereits die Stadt verlassen hat.“

Rakan neigte verwirrt seinen Kopf.

Xayah nahm sein Gesicht in ihre Hände. „Ich habe eine Nachricht hinterlassen, habe ihr mitgeteilt, was passieren wird, und sie aufgefordert, mit so vielen ihrer Art zu fliehen, wie sie kann.“

„Du hast ihr gesagt, was passieren wird?“, fragte Rakan mit einem Lächeln, als er ihre Hände an sein Gesicht hielt.

„Du hast ihr vertraut“, antwortete Xayah. „Und ich vertraue dir bei solchen Sachen.“

Trivia Bearbeiten

Media Bearbeiten

Xayah & Rakan, die Rebellin & der Publikumsliebling - Login Screen

Xayah & Rakan, die Rebellin & der Publikumsliebling - Login Screen

Xayah und Rakan Wilde Magie Neuer Champion-Teaser – League of Legends

Xayah und Rakan Wilde Magie Neuer Champion-Teaser – League of Legends

Referenzen Bearbeiten

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