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Ionia Immerwährend
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Ionia Tip

Kurzgeschichte

Immerwährend

Von Dana Luery Shaw

Viele hatten befürchtet, dass die Seelenblumen nie wieder nach Ionia zurückkehren würden. Das Land und sein Volk waren noch nicht wieder im Gleichgewicht.


Geschichte Bearbeiten

Viele hatten befürchtet, dass die Seelenblumen nie wieder nach Ionia zurückkehren würden. Das Land und sein Volk waren noch nicht wieder im Gleichgewicht. Fast eine ganze Generation war ohne die Seelenblumen aufgewachsen und ohne das Fest.

Doch Paskoma hatte in ihrem Leben gelernt, dass die Blumen immer zurückkamen, egal wie lange sie fort gewesen waren.

Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges trugen die Geisterbäume jetzt neue Knospen. Sie erinnerten an zierliche Perlen und erfüllten die Luft mit einem beißend süßen Duft. Paskoma erinnerte sich noch gut an das letzte Fest. Es hatte nur ein paar Sommer nach der Geburt ihrer Enkelin stattgefunden. Sie und ihr Ehemann Okerei tranken gemeinsam Seelentee und sprachen mit den Menschen, die ihnen am Herzen lagen und bereits verschieden waren. Sie vergewisserten sich, dass es ihnen gut ging, und zeigten ihnen, dass man sie in guter Erinnerung behielt. Auf diese Art konnte man loslassen, Frieden finden und nach einem Verlust weitermachen. Die Seelen der geliebten Menschen kehrten anschließend mit der Gewissheit in das Geisterreich zurück, dass es ihren Familien an nichts fehlte.

Dieses Mal würde Okerei allerdings nicht an ihrer Seite sein. Er hatte kurz nach der Invasion im Kampf gegen die Noxianer sein Leben gelassen. Sie hatte ihm so viel zu sagen. Und so viele Fragen.

Doch zuerst musste sie alles vorbereiten.

Paskomas Teehaus hatte keinen Namen. Die Besucher von Weh'le konnten es an der markanten Teekannenskulptur vor dem Eingang erkennen. Als Paskoma das Teehaus gebaut hatte, hatte sie einen talentierten Holzflechter gebeten, verschiedene Bäume zu einer Skulptur zu verbinden, die je nach Jahreszeit in unterschiedlichen Farben erblühten. Zurzeit erstrahlte die Teekanne in einem intensiven Fuchsienrot und war zur Hälfte mit rosaroten Laternen bedeckt.

„Ituren?“, rief Paskoma in das Teehaus hinein. „Dein besonderes Talent ist gefragt.“ Er war hochgewachsen und konnte die Laternen in die höheren Äste hängen.

„Ich bin hier, mein Liebling.“ Ituren war kein Mann vieler Worte und platzierte die Laternen dort, wo Paskoma hindeutete. Dabei lächelte er sie die ganze Zeit von oben an. Doch es war ein trauriges Lächeln. Ein besorgtes Lächeln.

Ituren war seit den letzten Kriegstagen Paskomas Geliebter und Gefährte gewesen. Doch ohne das Seelenblumenfest hatten sie nicht mit dem Geist von Paskomas Ehemann sprechen können. Okerei hatte ihnen seinen Segen nicht geben können und deshalb wollte Paskoma nicht wieder heiraten. Ituren hatte seine Frau selbst vor vielen Jahren verloren und war daher geduldig und verständnisvoll, doch er machte sich auch Sorgen. Paskoma tat ihr Bestes, um ihn zu beschwichtigen. Allerdings war sie nicht sicher, was sie täte, falls Okerei der Verbindung nicht zustimmen würde.

Nachdem sie die Laternen aufgehängt hatten, bereiteten Paskoma und Ituren die Gästezimmer und die Aufenthaltsbereiche vor: Sie wuschen die Böden mit Wein, stellten vor allen Spiegeln zwei Kerzen auf und teilten die Zimmer, um für den Ansturm der Gäste gewappnet zu sein, die sie zum Fest erwarteten. Sie hatten früh morgens begonnen, doch als es an der Tür klopfte, tauchte der Nachmittag sie bereits in sein goldenes Licht. „Mögen vergangene Freuden erblühen, Emai!“, ertönte eine vertraute Stimme.

Ituren und Paskoma warfen sich einen verwirrten Blick zu und antworteten mit dem traditionellen „Und die Sorgen der Gegenwart welken“. Die Stimme gehörte Turasi, Paskomas Tochter, doch das konnte nicht sein. Turasi lebte in Siatueh, einem Dorf auf der anderen Seite der Bucht, und eine Reise über die Berge nahm fast einen ganzen Monat in Anspruch.

Doch als sich die Tür öffnete, trat Turasi ein. Sie hatte das Lächeln ihres Vaters geerbt. Paskoma eilte zu ihrer Tochter und drückte sie fest an sich. „Turasi, ich hatte nicht mit dir gerechnet! Was für eine wunderbare Überraschung! Wo ist Satokka? Wo ist Kumohi?“

„Satokka ist draußen mit unserem Gepäck. Kumohi … wollte lieber im Dorf bleiben.“ Paskoma entging die Anspannung in Turasis Stimme nicht, als sie von ihrem Ehemann sprach. „Wir wollten dich zum Seelenblumenfest überraschen. Damit Satokka ihre O-fa kennenlernen kann.“

Ituren blickte Turasi fragend an. „Die Knospen sind erst letzte Woche gewachsen.“

Turasi runzelte die Stirn und wollte gerade antworten, als eine schlaksige junge Frau mit mürrischem Gesicht die Tür auftrat und einen Holzkoffer in den Raum zerrte. Ituren beugte sich hinab, um zu helfen, doch sie winkte ab. Turasi warf ihrer Tochter einen ungeduldigen Blick zu. „Satokka, lass dir von Ituren helfen.“

„Ich schaffe das selbst.“ Ohne ein weiteres Wort ließ Satokka den Koffer mitten auf dem Boden stehen und ging wieder hinaus.

Paskoma wandte sich zu Turasi. „Ihr seid wegen des Festes hier?“

Zögern, dann ein Nicken. „Ja. Wir sind wegen des Festes hier.“

Es spielte keine Rolle, dass sie nicht die Wahrheit sagte. Die Ringe unter den Augen ihrer Tochter sagten Paskoma, dass sie noch Zeit brauchte. Sie kniete vor dem Herd nieder, um ein kleines Feuer zu entfachen, und lächelte ihre Tochter dann aufmunternd an. „Dann werden wir dafür sorgen, dass wir uns noch lange an dieses Fest erinnern.“


Vor langer Zeit war die Welt in einem perfekten Gleichgewicht gewesen. Sie war wie ein riesiger Baum voller Lebenskraft und jeder Ast, jedes Blatt und jede Blume war so umsichtig platziert worden, dass Sonne und Regen sie alle nähren konnten. Zwischen den Völkern, Tieren und Geistern herrschte Frieden. Es gab kein Wort für „Krieg“, denn es war noch nie zu Kämpfen oder Blutvergießen gekommen.

Eines Tages kreuzten sich die Wege der Torwächterin und des Sammlers. Der Sammler sah, wie viele Geister die Torwächterin bereits durch das Geisterreich zu Frieden und Glück geführt hatte, und er wurde eifersüchtig …

„Moment. Die Torwächterin? Du meinst die Füchsin.“

Ituren ließ Satokkas Einwand zu und unterbrach seine Erzählung. Er hatte sie um Hilfe gebeten, da sie alle Klingen im Haus vergraben mussten – die Küchenmesser, seine Säge und Sichel und das verrostete Schwert, das Paskoma von ihrer Tante geerbt hatte.

„Ich kenne unterschiedliche Versionen. Manchmal ist die Torwächterin eine Füchsin, manchmal eine Hündin oder eine Leopardin“, entgegnete Ituren lächelnd. Satokka hatte seit ihrer Ankunft mit Turasi nicht viel gesagt. Ituren hatte gehofft, dass eine Aufgabe und eine Geschichte ihre Zunge lösen würden. „Stellst du sie dir als Füchsin vor?“

Satokka verdrehte die Augen. „Ich bin kein Kind mehr. Du musst nicht so mit mir reden.“

Sie gruben schweigend weiter.

Ituren war geduldig. Er konnte warten.

„Wenn Fa-ir die Märchen erzählt“, sagte Satokka langsam, „nennt er sie einfach die Füchsin. Also … ist sie eine Füchsin.“

„Ich stelle sie mir als Otter vor“, antwortete Ituren sanft. Für ihn war das Geisterreich immer ein endloser Fluss voller Strömungen gewesen, die jemanden leicht vom Weg abbringen konnten. Ein flinker Otter zeigte den geisterhaften Neuankömmlingen, wie man sich in den heimtückischen Gewässern zurechtfand.

Satokka warf ihm einen verstohlenen Blick zu. „Du kannst weitererzählen“, murmelte sie. „Ich möchte immer noch wissen, warum wir die alle vergraben.“

Ituren räusperte sich und sprach weiter.

Der Sammler war neidisch auf all die Geister, denen die Torwächterin zu Frieden verholfen hatte, und so heckte er einen Plan aus. Er nahm zwei seiner stärksten, lautesten Glocken und schmolz sie ein. Im Laufe von zwölf Nächten formte er dann mit einem Hammer Klingen aus ihnen. In die erste ließ er etwas von seiner Eifersucht fließen. In die zweite etwas von seiner Besessenheit. Im Frühling ließ er die Geister dieser Schwerter in der realen Welt erblühen und sie wuchsen aus dem Boden wie Schösslinge.

Schösslinge. Dafür hielten die beiden Brüder die Klingen, als sie im Wald auf sie stießen.

Die Brüder waren beste Freunde, einander äußerst loyal und kannten ihren Platz in der Welt. Der ältere sollte eines Tages das berühmte Schwert seines Vaters und dessen Ländereien erben, während dem jüngeren das Schiff des Vaters zustand. Beide glaubten, dass sie große Helden werden würden, der eine zu Hause und der andere jenseits der Meere. Eines Frühlings fanden die beiden also die zwei Schwertschösslinge im Wald. Keiner der Brüder hatte jemals einen Baum gesehen, der so scharf war und so glänzte. Gemeinsam fällten sie die Bäume und warfen sich je einen über die Schulter, um sie nach Hause zu bringen.

Sie konnten nicht ahnen, dass dies das Letzte war, das sie zu ihren Lebzeiten als Brüder gemeinsam unternahmen. Auf dem Weg nach Hause floss ihnen nämlich das seltsame Harz von den Schwertern in den Nacken und füllte ihre Köpfe mit schrecklichen Gedanken und Gefühlen … Denen des Sammlers. Auch wenn sie an diesem Tag noch nicht zu Feinden wurden, kreuzten sie letztendlich die Klingen und es erklang ein Glockenschlag, der durch die reale Welt und das Geisterreich fuhr.

Satokka runzelte die Stirn. „So ist das nicht passiert. Die Brüder schmieden die Schwerter selbst. Sie schmelzen das Schwert ihres Vaters nach seinem Tod ein und beide dachten, der jeweils andere hätte die bessere Klinge. Deswegen zogen sie in den Krieg. Der Sammler hatte nichts damit zu tun.“

Ituren wischte den Schmutz von seinen Händen und sah auf das Loch hinab, das er in den Boden des Gästezimmers gegraben hatte. Die Wurzeln des Raumes waren dick und gesund. Mit ein wenig Druck konnte er die erste Klinge vorsichtig unter diese Wurzeln schieben. „Das sind alte Geschichten“, sagte er, „die im Laufe vieler Lebensalter hunderte oder tausende Male erzählt wurden. Ich bin sicher, dass wir beide einen Teil richtig erzählen. Ich kenne diese Version am besten.“

Satokka dachte einen Moment lang nach, während sie mit dem Finger über das verrostete Schwert fuhr. „Also vergräbst du diese Klingen wegen der Brüder?“

„Ja. Wenn die Brüder nicht zu den Waffen greifen können, kämpfen sie nicht gegeneinander. So stellen wir sicher, dass das Fest friedlich abläuft und wir vergangenen Groll loslassen können. Und sieh nur.“ Ituren deutete auf die Sichel, die unter einer anderen Wurzel hervorlugte. „Vertraut man die Klingen Wurzeln an, die in Frieden gediehen sind, können die Klingen nicht wie die Schwertschösslinge wachsen, die mit Gewalt gepflanzt wurden.“

Er fragte sich, ob sie den Rest seiner Geschichte hören wollte. Letztendlich entschied er aber, die hauchdünne Verbindung nicht zu riskieren, die sich zwischen ihnen entwickelte. Stattdessen streckte er seine Hand aus, um das Schwert entgegenzunehmen.

Satokka drückte es schützend an ihre Brust. „Nein. Ich vergrabe es. Zeig mir einfach, wo.“

Das war gut genug.

Ituren zeigte Satokka, wie man am besten unter den Wurzeln grub, ohne sie zu stören. Sie gingen von Zimmer zu Zimmer und vergruben die Klingen unter den Wurzeln jedes Raumes. So hatten die Frauen die erste Gelegenheit seit Turasis Ankunft, ein ernstes Gespräch miteinander zu führen.


Nach dem Abendessen entkorkten Paskoma und Turasi eine Flasche guten Wein, während Ituren und Satokka die Klingen vergruben. Das volle Kakao-Pflaumen-Aroma hinterließ einen angenehmen Nachgeschmack auf der Zunge und erleichterte so ein wenig das Gespräch mit einem zurückhaltenden Konversationspartner. Nach drei Gläsern wiegte Turasi den Wein in ihrem Becher und sah dem Feuerschein zu, der in der Flüssigkeit tanzte.

„Turasi?“ Es wurde still, während Paskoma abwog, wie sie ihre Frage stellen sollte. Turasi erwiderte den Blick ihrer Mutter. „Warum ist Kumohi in eurem Dorf zurückgeblieben? Warum ist er nicht mit dir und Satokka zum Fest gekommen?“

Turasi wollte noch nicht darüber sprechen. Paskoma wusste das, doch sie waren jetzt schon drei Tage im Teehaus. Sie musste wissen, ob die Schwierigkeiten ihrer Tochter ihnen bis nach Weh’le gefolgt sein konnten. Vielleicht mussten sie oder Ituren etwas tun, um die Sicherheit aller zu gewährleisten. Besonders während des Festes, wenn so viele Fremde in das Städtchen kamen.

Mit einem Seufzer begann Turasi ihre Geschichte. „Es segeln noxianische Schiffe durch die Bucht, um mit Siatueh und den anderen Dörfern an den Klippen zu handeln. Sie sind sehr … vorsichtig. Sie wollen uns zeigen, dass sie nichts im Schilde führen. Oder jemanden verletzen wollen. Sie hielt ihren Becher so fest umklammert, dass Paskoma Angst hatte, das Glas würde zersplittern. „Doch einige Leute in Siatueh schwören, dass sie dieselben Noxianer auch an Land gesehen haben, wo sie oder ihre Vögel das Gebiet ausspähen. Sie denken, dass die Noxianer ihre Pläne für Ionia nie aufgeben werden.“

Paskoma nickte. Die Invasion hatte nach ähnlichen Spähaktionen begonnen und sie konnte nachvollziehen, warum ihre Tochter nervös war. „Und Kumohi?“

„Kumohi hat es nicht mit eigenen Augen gesehen. Doch er vertraut unseren Freunden und Nachbarn.“

„Also wollte er bleiben, um sich selbst ein Bild zu machen.“

„Nicht ganz.“ Turasis Hände zitterten, als sie einen großen Schluck Wein nahm. „Sie wollen die Noxianer vertreiben, Emai. Sie klettern auf die Schiffe und werfen alles ins Meer, was nicht niet- und nagelfest ist. Mehr tun sie momentan nicht, aber …“ Sie brachte den Gedanken nicht zu Ende.

„Es ist Widerstand.“ Okerei war auch Teil von solchen Aktionen gewesen.

„Den Noxianern ist das nicht entgangen. Sie schicken mehr Schiffe. Schiffe mit Soldaten. Da wurde es Zeit, zu gehen.“ Turasi umschlang ihre Knie. „Kumohi sah das anders.“

Paskoma stand auf, küsste Turasi sanft auf die Stirn und nahm die Hände ihrer Tochter in ihre eigenen. „Ich finde es so schön, dass du und Satokka hier sind. Ihr müsst nicht wieder zurück, wenn das Fest vorbei ist.“

Ein heiseres, tränenersticktes Flüstern. „Emai …“

„Nein.“ Sie drückte Turasis Hände. „Ich will keinen weiteren geliebten Menschen an den Krieg verlieren. Bleibt hier.“


Als Satokka am nächsten Tag über den Marktplatz lief, versuchte sie, sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Ituren sollte dekorative Glöckchen kaufen, um ein paar kaputte zu ersetzen, und Satokka hatte gerade die zwei Masken besorgt, die ihre Baab-Tsha für sie und ihre Mutter in Auftrag gegeben hatte. Sie wollte die Besorgungen erledigen, zurück zu Ituren gehen und dann nach Hause. Nun ja. Zum Teehaus.

Doch all die Waren, die für das Fest feilgeboten wurden, zogen sie in ihren Bann. All die Roben, Kuchen, Blumen … Beim letzten Seelenblumenfest war sie noch sehr jung gewesen und sie konnte sich an kaum etwas erinnern.

Gerade war sie auf den Kuchenstand aufmerksam geworden, als sie gleich dahinter ein riesiges Puppentheater entdeckte. Die Bühne – eine große Holzwand auf Rädern mit durchsichtigem Papier in der Mitte – stand im Zentrum des Platzes. Die Puppenspieler bewegten aufwendig gestaltete Papierfiguren und ein Feuermagier sorgte für Licht und Schatten. Vor der Wand stand ein Erzähler und trug dem gefesselten Publikum die Geschichte vor, die die Figuren nachspielten.

„Und so fragte der Geist der Verzweiflung unsere Heldin Tsetsegua: ‚Glaubst du wirklich, dass du ihn finden kannst?‘ Tsetsegua nickte nur. Sie wusste, dass sich ihre Hoffnungen in Nichts auflösen würden, wenn sie sie vor Verzweiflung aussprach.“

Satokka verzog das Gesicht. Sie hatte sich ganz in der Anmut der Vorstellung verloren, doch die Geschichte machte das zunichte. Warum sollte Tsetsegua überhaupt im Geisterreich, wo sie nach ihrer verlorenen Liebe suchte, mit Verzweiflung sprechen? Verzweiflung sprach mit niemandem.

„Verzweiflung zog eine Augenbraue hoch. ‚Vielleicht kann ich dir helfen. Wie lautet dein Name, Sterbliche?‘ Tsetsegua dachte schnell nach und antwortete: ‚Nargui.‘ Niemand. Nun musste Verzweiflung Tsetsegua helfen, den Geist ihrer verlorenen Liebe zu finden. Und da Verzweiflung ihren wahren Namen nicht kannte, war Tsetsegua vor ihren Listen gefeit. Fürs Erste.“

Die Geschichten ihres Fa-ir leuchteten hell in ihrem Kopf, als sie dieser anderen, falschen Version der Geschichte von Tsetsegua zuhörte. Satokka wünschte, sie hätte mit ihrem Vater in Siatueh bleiben können. Sie hätte dem Widerstand helfen können. Sie war groß und stark und hätte auch noxianische Waren ins Meer werfen können. Das hatten sie verdient. Sie konnte sich an die Zeit vor dem Krieg nicht erinnern, doch Satokka wusste, dass Ionia etwas verloren und noch nicht wieder zurückgewonnen hatte.

Voller Enttäuschung wandte sie sich ab. Doch langsam hatte sich eine größere Menge gebildet. Darauf war sie nicht gefasst gewesen.

Es waren Noxianer in Weh’le.

Sie trugen keine Rüstung und keine Waffen, doch man konnte Noxianer immer an ihrem Gesichtsausdruck erkennen. Da war stets eine Art Feindseligkeit oder dieser Glaube, besser zu sein als alle Umstehenden.

Doch diese Noxianer – sie waren zu sechst und mittleren Alters oder jünger – verhielten sich anders. Sie schienen ihre Anwesenheit zu bedauern, als wüssten sie, dass dieses Fest nicht für sie gedacht war. Und doch waren sie hier. Satokka drehte sich der Magen um.

Die Ionier auf dem Markt machten einen großen Bogen um sie. Überall an den Ständen wurde geflüstert, doch niemand sagte ihnen, dass sie nicht willkommen waren. Eine der jüngeren Noxianerinnen grinste zurückhaltend. Sie hielt einen kleinen Beutel mit Münzen hoch und ging auf den Kuchenstand zu.

Satokka sah sich um und wartete darauf, dass jemand etwas sagen würde. Oder etwas tun würde.

Doch das blieb an ihr hängen.

Satokka starrte die Noxianerin wütend an, während diese sich den Kuchen näherte, bis sich ihre Blicke kreuzten. Die Frau streckte die Hand aus, als wollte sie sich vorstellen.

Ohne den Blick abzuwenden, spuckte Satokka ihr vor die Füße.

Die Menge atmete hörbar ein. Satokka bekam die Reaktion der Noxianer nie zu Gesicht, da sie in diesem Augenblick unsanft an der Schulter gepackt wurde. Sie sah auf – es war Ituren, der sich verbeugte und für ihr Verhalten entschuldigte, während er sie wegführte.

Satokka warf schnell einen Blick an Ituren vorbei, als sie um die Ecke gingen, und sah, dass die Noxianer einfach nur … dastanden. Die Frau, die sie angespuckt hatte, sah verloren aus. Satokka war mächtig stolz. Gut so. Die Noxianer sollten sich klein vorkommen.

Sie umkreisten das Festgelände, damit ihnen niemand folgen konnte. Doch Ituren hatte neue Glöckchen dabei und sie klingelten bei jedem Schritt. Letztendlich warf Ituren die Glöckchen auf den Boden und brachte Satokka zurück zum Teehaus.

Bevor sie durch die Hintertür ins Haus gingen, drehte sich Ituren zu Satokka um. Sie blinzelte überrascht, weil sie nicht mit seinem Gesichtsausdruck gerechnet hatte. Bisher hatte sie ihn nur heiter oder müde erlebt. Doch jetzt spiegelte sich Furcht in seinen Augen. „Sie sind in friedlicher Absicht gekommen, um das Fest mit uns zu feiern, Satokka.“ Iturens Stimme hatte noch nie so scharf geklungen. „Das wäre nicht nötig gewesen.“

Satokka dachte an ihren Vater in Siatueh, an den Widerstand, an die noxianischen Soldaten, die in diesem Augenblick in ihr Dorf einmarschierten.

„Doch, das war es.“


Turasi stürmte panisch in den Empfangsraum und ging direkt zu ihrer Mutter. Paskoma übergab einem neuen Gast gerade eine Teekanne, saubere Bettlaken und Handtücher, doch sie schickte die Frau weiter, als sie die Angst und die Wut in Turasis Gesicht sah.

„Was ist passiert?“, fragte Paskoma sanft. Mit zusammengebissenen Zähnen erzählte Turasi, was ihrer Tochter und Ituren auf dem Marktplatz zugestoßen war. Es hatte eine Weile gedauert, mehr als nur eine kleinlaute Entschuldigung für die fehlenden Glöckchen aus Ituren herauszubringen. Mit Satokka über eine Missetat zu sprechen war, als würde man Wasser aus einem Stein auswringen.

„Ich kann nicht glauben, dass sie etwas so Unbesonnenes und Gefährliches tun würde!“ Turasi war so froh gewesen, ihre Familie in Weh’le und im Haus ihrer Mutter in Sicherheit gebracht zu haben. Aber es waren nicht nur Noxianer im Städtchen, sondern Satokka hatte auch noch ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das war doch der Grund gewesen, warum sie Siatueh verlassen hatten.

„Sie ist fast erwachsen, Turasi. Sie testet ihre Grenzen aus, um zu sehen, wie weit sie gehen kann.“

„Und das wird sie das Leben kosten. Diese Noxianer … Sie mögen unbewaffnet gewesen sein, doch wir alle wissen, dass jeder einzelne Soldat in dieser Armee ein skrupelloser Mörder ist.“

„Verzeiht bitte.“ Beide Frauen drehten sich überrascht um. Die Ahri Standard Ahri Sq Reisende von vorhin stand im Türrahmen zu ihrem Zimmer. Sie war groß, hatte dunkles Haar und ungewöhnliche bernsteinfarbene Augen, die von der Kapuze ihres Umhangs teilweise verdeckt waren. „Ihr sprecht von den Kriegern in Weh’le?“

„Ja, genau“, erwiderte Turasi verdutzt. Ihr war nicht aufgefallen, dass sie beim Sprechen auf die Reisende zugegangen war. Die Luft um die Frau schien seltsam zu schimmern und bewegte sich anders um sie herum als durch den Rest des Teehauses. Einen Augenblick lang fragte sich Turasi, ob sie vielleicht träumte. „Sie sind in den Kriegskünsten ausgebildet. Und sie müssen von hier verschwinden, doch ich …“

„Oh, nein“, unterbrach die Reisende sie mit einem gutmütigen Lächeln. „Du verstehst mich falsch. Ich suche nach jemandem, der für die Rolle eines Beschützers geeignet wäre. Einer Wache. Ich könnte einen starken Kämpfer im Städtchen überzeugen, wenn du mir nur sagst, wo ich einen finden kann.“

„Nein.“ Paskomas Stimme war klar und unnachgiebig. „Ich lasse während des Festes niemanden hier unterkommen, der gefährlich sein könnte. Wenn du darauf bestehst, eine Wache zu finden, dann muss ich darauf bestehen, dass du dir ein anderes Teehaus suchst.“ Sie strecke die Hände aus, um die Bettlaken der Reisenden wieder in Empfang zu nehmen.

Doch diese lachte nur unbekümmert, Paskomas Worte schienen sie zu erheitern. „Das ist doch das beste Teehaus des Städtchens, oder? Wenn ich es verhindern kann, möchte ich nicht unter meinem Niveau wohnen. Ich werde deinen Wunsch respektieren und niemanden Gefährliches durch diese Türen bringen.“

Sie zwinkerte und verschwand in ihrem Zimmer. Paskoma seufzte tief und wandte sich wieder ihrer Tochter zu. „Ihr wird nichts geschehen, Turasi. Satokka ist klug genug, um nicht auf Dauer zur Zielscheibe zu werden.“

Turasi nickte. Ihr blieben die Worte im Hals stecken, doch sie lächelte ihre Mutter an. Sie hatte vergessen, wie beruhigend es sein konnte, sich von ihrer Mutter umsorgen zu lassen. Es war zu verlockend, wieder in die Rollen von Turasis Kindheit zurückzufallen.

Natürlich war nicht alles wie früher. Als Kind hatte Turasi weder die Sorgen noch die Ängste ihrer Eltern gesehen. Nein, ihre Eltern waren stark und omnipräsent wie die Berge oder das Meer gewesen. Erst nach dem Tod ihres Vaters hatte Turasi ihre Mutter voller Zweifel und Ungewissheit gesehen.

Und jetzt, da die Seelenblumen bald erblühen sollten, war diese Ungewissheit in Bezug auf Okerei zurückgekehrt. Was würde ihre Mutter tun, wenn sie nicht die Antwort erhielt, die sie sich erhoffte?

Allerdings war Turasi auch nicht sicher, ob Paskoma überhaupt wusste, welche Antwort sie wirklich wollte.


Satokka hat in ihrem ganzen Leben noch kein solches Mahl gesehen. Um die erste Nacht des Festes zu feiern, hatte Paskoma für die ungefähr zwanzig Gäste im Teehaus ein Festmahl zubereitet. Also füllte Satokka ihren Teller, schlug sich den Bauch voll und tat, was sie im Haus ihrer Großmutter bisher am meisten genossen hatte: Sie unterhielt sich mit den anderen Gästen und lauschte ihren Gesprächen.

Alle trugen ihre Masken oder Kostüme. Turasi wies Satokka an, zum Fest ihre eigene Maske zu tragen und sie nicht abzunehmen. Die Noxianer könnten sie beobachten und sich rächen wollen. Doch das störte Satokka nicht. Sie liebte ihre Maske. Sie war aufwendig gestaltet, mit großen Zierhörnern und Augen, die sich das Gesicht hinabwanden und ein teuflisches Grinsen formten. Es war das Gesicht des kleinen Mädchens, das im Augenblick jeden Todes erschien und das Leben nahm.

Während des Abendessens führte Satokka mit der Reisenden mit den Bernsteinaugen eine hitzige Diskussion über das kleine Mädchen. Die Frau war wie die Füchsin gekleidet – oder die Torwächterin, wie man sie hier in Weh’le nannte. An ihrem Kopf waren lebensechte Fellohren befestigt und ihr Gesicht war mit Schnurrhaaren geschminkt.

„Aber das kleine Mädchen ist doch schon da, wenn jemand stirbt“, beharrte Satokka. „Es ergibt mehr Sinn, wenn sie die Seelen in das Geisterreich führt.“

„Warum“, fragte die Reisende amüsiert und dehnte jedes Wort, „entfernen wir dann den schärfsten Zahn im Mund des Toten und legen ihn in seine Hand? Der Zahn ist bestimmt nicht für das kleine Mädchen.“

Satokka zuckte mit den Achseln. „Damit bezahlt man den Übertritt durch den Schleier.“

„Wen bezahlt man denn? Wer hätte schon einen Nutzen für diese Zähne?“ „Die Khumaia.“

„Wen bitte?“

„Eure Torwächterin. Sie trägt jeden Zahn an einer endlosen Halskette, damit sie das Leben der Seele versteht, die sie in das Geisterreich hinabführt. Wenn die Seele dann kommt, weiß Khumaia, ob sie ihrem friedlichen Pfad oder Rakhsasums Pfad der Qual folgen wird, auch wenn es die Seele selbst noch nicht weiß. Sie tut alles, was sie kann, um denen zu helfen, denen Schmerz bestimmt ist. Doch ihr Schicksal enthüllt sich in diesem Zahn.“

„Ist das so?“ Satokka hatte sich in den letzten Wochen an die Unterschiede zwischen den Geschichten von Weh’le und Siatueh gewöhnt. Mittlerweile freute sie sich schon auf all die Geschichten, die sie ihrem Vater erzählen würde, wenn sie ihn wiedersah.

Die Frau kicherte. „Nein. Das habe ich gerade erfunden.“

„Oh.“

„Wenn ich mich recht erinnere, feiern wir so das Alter des Toten. Den abgenutzten Zahn eines weisen alten Menschen, den scharfen, jungen Zahn einer Soldatin, die in der Blüte ihres Lebens gegangen ist.“ Sie hielt inne und lächelte Satokka an. „Aber ich erzähle gerne Geschichten, die noch nicht erzählt wurden.“

Als es Zeit für den Nachtisch war, probierte Satokka aufgeregt die Küchlein, die Ituren die letzten beiden Tage lang für diesen Abend gebacken hatte. Der Teigboden war etwas verbrannt, doch die klebrig-süße Füllung brachte ihre Geschmacksknospen zum Tanzen.

Ituren verteilte die Küchlein nach und nach. Zuerst bekam Satokka einen und zuletzt die Reisende mit den perfekten Fuchsohren. Die Reisende legte ihre Hand auf Iturens Unterarm, sah ihm tief in die Augen und stellte ihm leise eine Frage.

Satokka bemerkte, dass Ahri Bezaubern Iturens Augen glasig wurden. Dann nickte er und sagte: „Natürlich. In diesem Haus sind alle willkommen, egal ob sie mit einer Klinge umgehen können oder nicht. Wir diskriminieren hier niemanden.“

Die Reisende drückte ihm dankbar den Arm. „Vielen Dank. Das solltest du deine Frau wissen lassen, sie ist vielleicht nicht so verständnisvoll wie du.“

Er nickte erneut, doch Satokka fiel auf, dass Iturens Augen nicht ihre normale Farbe hatten, als er zurück in die Küche ging. Einen kurzen Augenblick lang – vielleicht hatte ihr das Licht auch einen Streich gespielt – waren seine für gewöhnlich dunkelbraunen Augen so bernsteingolden wie die Augen der Frau mit den Fuchsohren neben ihr.


Als die letzten Sonnenstrahlen über dem Wasser verschwanden, begannen im Mondlicht die Seelenblumen zu leuchten, die jetzt in voller Blüte standen. Die Besucher des Festes brachen in Jubel aus – endlich, nach all der Zeit, waren die Blumen wirklich zurückgekehrt. Sie entzündeten Laternen und marschierten zum Tempel in den Bergen. Ihr Licht war ein warmer, fröhlicher Kontrast zu dem geisterhaften Silberschein der Blumen an den Ästen.

Paskoma wünschte, sie könnte sich so freuen wie alle anderen. Nach dem Festmahl hatte sie sich mit der maskierten Satokka herausgeputzt und auf die Suche nach Okereis Blume gemacht. Dank ihr würde sie sich mit seinem Geist verbinden und mit ihm sprechen können. Früher war es Paskoma nie schwergefallen, die gesuchte Blume zu finden. Es gab angeblich immer eine Verbindung zwischen dem schlagenden Herz der Lebenden und dem stillen Herz der Verstorbenen.

Diesmal jedoch … gab es so viele Geister an den Bäumen.

Sie hatte die Äste noch nie so voll, so ausladend gesehen. Einige flüsterten, dass nicht nur Ionier an den Bäumen erblühten und dass die Noxianer selbst im Tod noch ihr Fest vergiftet hatten. Das Krächzen von Raben in einiger Entfernung schien diese Befürchtungen zu bestätigen. Paskoma glaubte nicht daran. Es gab eine einfachere Erklärung. Es gab einfach so viele, die zurückkommen mussten, viel mehr als je zuvor. Die Hoffnung all derer, die auf eine Verbindung hofften, hing schwer an den Bäumen.

Und sie hatte Okerei noch nicht gefunden.

Sie befürchtete, dass er sich verirrt haben könnte, seinen Frieden noch nicht gefunden hatte oder nicht mit ihr sprechen wollte. Vielleicht war ihre Verbindung nach der langen Zeit der Trennung unterbrochen.

Paskoma lächelte tapfer gegen die Tränen an, die ihre Wangen hinabrollen wollten, und ermutige Satokka, weiterzusuchen. Sie wollte das erste Seelenblumenfest ihrer Enkelin nicht mit ihrer eigenen Trauer ruinieren. Sie begingen ein fröhliches Fest und es war wichtig, dass Satokka die Freude nachvollziehen konnte, die diese Wiedervereinigungen brachten.

Turasi und Ituren schlossen sich ihnen an, als sie mit dem Abwasch nach dem Festmahl fertig waren. „Habt ihr Fa-ir schon gefunden?“, fragte Turasi und zog ihre eigene Maske auf. Sie trug eine wunderschön bemalte Tsetsegua-Maske, in deren Wangen Tränen geschnitzt worden waren. Paskoma schüttelte ihren Kopf, da ihre Kehle wie zugeschnürt war. „Dann suchen Satokka und ich weiter. Warum ruhst du dich nicht einen Augenblick lang aus?“

Paskoma ließ sich von Ituren zu einer Bank führen, wo sie sich hinsetzte und das Treiben beobachtete. Familien weinten über Kannen voller Seelentee und flehten die Geister ihrer Familienangehörigen an, noch ein bisschen länger zu bleiben. Kinder spielten mit Stöcken Soldat und ihre Gesichtsausdrücke waren viel zu ernst für ihr Alter. Sie hörte die Sorgen und das Flüstern all jener auf dem Fest, die den Raben lauschten und die Geisterbäume voller Misstrauen und Verachtung anstarrten.

Das hier war nicht wie die Seelenblumenfestlichkeiten, an die sie sich erinnerte. Sie fragte sich, ob es jemals wieder wie früher sein würde.

In einiger Entfernung ertönte ein neues, rhythmisches Trommeln und zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Auf einem Berggipfel in der Nähe brannten Flammen. Paskoma griff sich an die Brust – sie kannte dieses Geräusch. Sie hatte es nach heftigen Schlachten vernommen, als die Noxianer ihre Toten auf riesigen Scheiterhaufen verbrannten.

„Ich wünschte“, seufzte sie, „wir würden nicht so viel Zeit damit verbringen, in die Vergangenheit zu blicken.“

„Aber darum geht es doch bei diesem Fest.“

„Nein.“ Sie wandte sich zu den Bäumen um und drehte den Flammen den Rücken zu. „Es geht darum, die Vergangenheit loszulassen und sich der Zukunft zuzuwenden. Aber viele vergessen das.“ Obwohl sie es nicht sehen konnte, hatte Paskoma den Eindruck, dass sie die Hitze des Feuers spüren konnte. Es wollte sie, ihre Familie, alles um sie herum, alles Vergangene und alles Zukünftige verschlingen. „Und diesmal fühlt es sich anders an.“

„In welcher Hinsicht?“

„Sieht es danach aus, als würden wir loslassen?“, fragte Paskoma und deutete mit einer Geste auf die Menschen um sich herum. „Wirkt es nicht eher, als würden wir uns so fest an etwas klammern, dass es einfach zurückkommen muss?“

Eine warme Hand schloss sich um ihre eigene. Sie blickte in Iturens Augen, während er sanft antwortete.

„Du bist traurig, weil wir Okereis Blume noch nicht gefunden haben.“

Eine Träne rollte ihre Wange hinab. „Ich … Alles ist anders. Die Seelenblumen sind zurück, doch können wir zu dem zurück, wie es vorher war? Kann überhaupt wieder etwas in Ordnung gebracht werden?“

Ituren drückte sanft ihre Hand. „Es ist noch Zeit. Wir werden ihn finden, mein Liebling. Die Verbindung zwischen euren Herzen war – ist – die stärkste, die ich je gesehen habe. Du wirst mit ihm sprechen und begreifen, dass sich einige Dinge nie ändern, auch wenn andere das tun. Er wird dich immer lieben und du wirst ihn immer lieben. Und wie auch immer seine Antwortet lautet …“ Er hielt inne und hob ihre Hand an seine Lippen. „Mit ihm zu sprechen, wird dir und deiner Familie Frieden bringen. Und mehr wünsche ich mir auch gar nicht für dich.“

Aus Paskomas angespanntem Lächeln wurde ein echtes und sie blickte den Mann an, den sie seit so langer Zeit liebte. Sie drückte seine Hand ebenfalls. „Unsere Familie, Ituren.“

Er schloss seine Augen, bevor ihm die Tränen kamen, und legte ihre Hand auf seine Brust. Sie konnte seinen Herzschlag unter ihren Fingerspitzen spüren – stark, gleichmäßig und lebendig.

Zum ersten Mal wurde ihr klar, was sie wollte. Egal, was Okerei sagen würde.

Sie war bereit, die Vergangenheit loszulassen, und sich mit Ituren an ihrer Seite der Zukunft zuzuwenden.


Die sechs Noxianer versuchten mit ihrer Zeremonie nicht aufzufallen, doch sie zog gezwungenermaßen Aufmerksamkeit auf sich, da alle Noxus’ Gefallene ehren sollten. Sie waren von einer kleinen Insel mitten in der Bucht gekommen, um die Toten auf ionische Art zu feiern. Allerdings waren sie beim Seelenblumenfest in Weh’le diese Woche abgewiesen worden. Also mussten sie die Traditionen ihres eigenen Volkes befolgen und den Toten auf die Weise gedenken, die ihnen bekannt war. Obwohl die Noxianer auf ihre Reise nur das Nötigste mitgenommen hatten, konnten sie die Zeremonie der Erinnerung leicht improvisieren.

Laurna spielte die Wolf Standard Wolf Sq Wolfstrommel, Giotto und Samtha schürten das Feuer, Helia und Arnaut fertigten die Andachtsfiguren aus Reisig und Bindfaden. Jacrut warf Samthas ungegessenen Kuchen in die Kohlen. Niemand wollte ihn nach dem Vorfall auf dem Marktplatz anrühren und so wurde er zur ersten Opfergabe, die die Luft mit dem Geruch von verbranntem Honig erfüllte. Im Anschluss warf Jacrut – mit dem dramatischen Gestus, den er seinem adligen Elternhaus und seiner Ausbildung zum Priester zu verdanken hatte, – die Andachtsfiguren in die Flammen.

„Wir schicken diese Seelen in den Himmel“, stimmte Jacrut an und seine Stimmte erklang in der klaren, stillen Nacht. „Damit ihre Asche überall auf die Welt hinabfallen kann.“

„Mögen sie im Tod Noxus über das Meer bringen“, murmelten die anderen.

„Mögen ihre Körper den Boden nähren, damit wir wachsen können.“

„Mögen sie nicht vergebens gestorben sein.“

„Und mögen ihre Seelen …“

Jacrut hielt plötzlich inne, als ein Windstoß die Flammen anfachte und sie zu den Sternen emporlodern ließ. Der Anblick überwältige ihn einen Moment lang und ließ ihn verstummen.

Das war Noxus’ Versprechen. Eine Flamme, die alles in ihrem Weg verbrennen würde, selbst ihr eigenes Volk. Er und seine Kameraden hatten das noch vor Kriegsende begriffen. Sie waren Deserteure und versuchten sich auf eigene Faust durchzuschlagen, fernab von jenen, die sie im Stich gelassen, und jenen, denen sie Leid gebracht hatten.

Niemand wollte sie.

Das hier war nicht Noxus. Das hier war nicht ihr Land und er war sich nicht sicher, ob ihre Götter sie hier hören könnten. Er war sich nicht einmal sicher, ob er von ihnen gehört werden wollte. Er kannte die Gebete, doch er war sich nicht sicher, ob er noch an sie glaubte.

Die Blumen an den Geisterbäumen leuchteten und pulsierten beinahe im Licht des Feuers. Jacrut musste schlucken. Nein, das hier war nicht Noxus. Das hier war wunderschön, gefährlich und jagte ihm Angst ein. Sie machten ihn nervös. Die Blumen, die zum ersten Mal seit dem Krieg aufgetaucht waren.

Denn wenn die Götter sie nicht sehen konnten, dann waren nur die Augen der ionischen Geister auf sie gerichtet. Menschen, die er und seine Kameraden getötet hatten, Menschen, die nur Zorn und Groll gegen sie hegen konnten.

Menschen, gegen die er hoffentlich nicht noch einmal kämpfen musste. Denn sie alle hatten die Schiffe und die Soldaten gesehen. Sie wussten, was das bedeutete. Doch sie wussten nicht, was das für sie bedeutete. Für ihr Leben in Ionia. Für ihren Dienst für Noxus.

„Mögen ihre Seelen unter unseren Vorfahren zu Ruhe kommen“, krächzte er mit trockener Kehle, „und uns in zukünftigen Schlachten Stärke verleihen.“

Er wollte nicht, dass die Geister seine Gebete hörten.

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