Tryndamere Glühende Kohlen.jpg
BearbeitenBildReferenz

Freljord Tip.png

Kurzgeschichte

Glühende Kohlen

Von Roy Graham

So hoch im Norden sind die Nächte finster. Ashe und ihr blutgeschworener Bräutigam werfen lange Schatten in der Halle. Die Feuerschalen sind bis auf glühende Kohlen niedergebrannt. Sie scheinen schon erloschen zu sein, gar tot – aber selbst ein Narr weiß, dass man sie besser nicht mit bloßer Hand berühren sollte. Selbst ein Narr.


Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

So hoch im Norden sind die Nächte finster. Ashe Ashe und ihr blutgeschworener Bräutigam werfen lange Schatten in der Halle. Die Feuerschalen sind bis auf glühende Kohlen niedergebrannt. Sie scheinen schon erloschen zu sein, gar tot – aber selbst ein Narr weiß, dass man sie besser nicht mit bloßer Hand berühren sollte. Selbst ein Narr. Tatsächlich macht er gerade nicht viel her. Zwar groß und stark, aber das dunkle Haar, das ihm auf die Schultern fällt, ist von grauen Strähnen durchzogen. Er sieht nicht aus wie eine Figur aus Legenden und Mythen. Wie er da am Ende der Tafel sitzt, sieht Tryndamere Tryndamere wie ein einfacher Mann aus. Seine Augen sind von mattem Grün. Trüb, wie die eines Tieres. Und dennoch kann ich seinen Blick nicht lange erwidern. Ich habe die darin verborgene Wut gesehen, und sie hat mich beinahe verschlungen, so wie die Glut das Stroh.

Es passierte in meinem ersten Winter, den ich als Kampfmaid für Ashe diente. Ich war jung, forsch und ziemlich gelangweilt – mein neues Leben war nicht gerade das Abenteuer, das ich mir erträumt hatte. Als sie gegen die Plünderer aus dem Norden in den Kampf zog, hatte mich Ashe in der großen Halle zurückgelassen, um auf ihren Blutgeschworenen aufzupassen. Tryndamere trommelte weder Kriegstrupps zusammen noch brüllte er vor Kampfeslust – er hielt mit einigen Gesandten von den einheimischen Klans eine Audienz. Es handelte sich nicht einmal um Stammeshäuptlinge oder Kriegsmütter, sondern um gemeine Männer und Frauen, deren Welt sich um die exakten Zahlen ihres Nutzviehs drehte, das sich auf ihren Wiesen tummelte. Der stumpfsinnigste unter ihnen, ein tatteriger alter Mann, sprach gerade. „Kriegsmutter Ashe hat jeden dritten unserer Krieger mit in den Norden genommen, um die Plünderer der Winterklauen Tip.png Winterklaue zurückzudrängen. Das bedeutet, dass jede dritte Hand den Boden nicht bestellt, und jedes dritte Augenpaar das Vieh nicht bewacht. Ich verstehe, dass Euer Volk nie Getreide angebaut oder Tiere gehütet hat, aber in zivilisierteren Gegenden …“ Ich wollte dem alten Kauz am liebsten den Kopf von den Schultern schlagen. Er sprach schließlich zu dem Blutgeschworenen der Kriegsmutter! Von meiner Position hinter Tryndamere blickte ich zu ihm auf, in der Hoffnung, unter dieser passiven Maske einen Anflug von Zorn zu vernehmen, doch wusste ich bereits, dass ich enttäuscht werden würde. Bei den Göttern, ich wünschte mir so sehr, dass er sein legendäres Temperament zeigen würde. So jung und so naiv. Das habe ich nie vergessen: Ich wollte es sehen. „Erlaubt mir, Blutgeschworener, Euch über die ordnungsgemäße Verwaltung der Ländereien westlich der Weißen Hügel zu unterrichten …“, fuhr der alte Mann fort. Meine Hand schloss sich um das mit Leder umwickelte Heft meines Schwerts. Bevor ich meinem Leichtsinn nachgeben konnte, schwangen die großen hölzernen Türen zur Halle auf. Die Feuerschalen spuckten und zischten, als sich Wind und Schnee einen Weg hinein bahnten – und mit ihnen ein halbes Dutzend Gestalten. Ihnen voraus ging eine große Frau mit silbernen Zöpfen, die aus ihrer mit Schnee bedeckten Reisekapuze hervorlugten. Als sie die Kapuze abnahm, erkannte ich die gezackte weiße Narbe an ihrer Wange. „Heldred?“ Die Kriegsmutter meines Stammes fixierte mich mit kaltem Blick. In dem Moment erkannte ich ihr Gefolge, das in Felle, Leder und Rüstung gehüllt war und die großen Türen hinter sich schloss. Allesamt Krieger mit gezogenen und blutigen Waffen. Ein Kriegstrupp. Die Gesandten in der Halle verstummten und blickten nervös zu den Neuankömmlingen. Tryndamere beobachtete sie auch, doch ob ihn der Anblick gezogener Waffen in seiner Halle störte, gab er nicht zu erkennen. Heldred ignorierte mich und schritt auf Tryndamere zu. Ich stellte mich ihr in den Weg. „Keinen Schritt weiter, Kriegsmutter.“ „Sigra“, sagte sie mit eiskalter Stimme. So kalt wie der Winter. „Dass du mich noch mit diesem Titel ansprichst, ehrt mich. Ich freue mich, dass du deine ersten Eide nicht vergessen hast.“ „Warum seid Ihr hier, Heldred?“ „Tritt beiseite, Kind. Wäre deine neue Kriegsmutter jetzt hier, würde ich meine Axt mit ihrem Blut tränken. Doch Blut muss vergossen werden, also wird ihr Stellvertreter herhalten müssen.“ „Heldred der drei Flüsse“, hallte eine Stimme aus den dunklen Ecken der Halle. Tryndamere. „Ihr habt einen weiten Weg hinter Euch gebracht. Warum sucht Ihr den Kampf?“ „Seid gegrüßt, Blutgeschworener“, sagte sie. „Das will ich Euch erzählen. Vor fünf Tagen, als die Sonne über unserem Dorf aufging, kam sie in Begleitung. Plünderer. Räuber. Mörder.“ Die Worte stachen mich wie Messer. „Die Winterklaue“, flüsterte ich. „Ja!“, bellte sie. „Die Winterklaue. Sie kamen, während der Mann, den du verteidigst, hinter seinen dicken Mauern fett und langsam wird, und haben uns angetan, was die Winterklaue immer tut. Früher hätten wir sie vielleicht davonjagen können. Doch das war, bevor Ashe alle Krieger zusammengerufen hat! Bevor sie jeden Dritten, der stark genug war ein Schwert zu schwingen, mitgenommen hat.“ Ihre Stimme wurde zu einem schneidenden Zischen. „Wir hatten ihnen nichts entgegen zu halten.“ Mir verschlug es die Sprache. Ich hätte dort sein sollen, dachte ich. Hätte ich nicht einer anderen meinen Eid geschworen, dann hätte ich dort sein können. Ich hätte kämpfen können. „Wie viele? Wie viele Gefallene?“ „Deine Familie konnte sich rechtzeitig verstecken, Sigra. Dafür bin ich dankbar. Aber viele hatten nicht so viel Glück. Zu viele.“ Langsam erhob sich Tryndamere. „Kriegsmutter, mein Beileid gilt Euren Gefallenen. Ich … ich weiß, was es heißt, ein verzweifeltes Volk anzuführen. Bringt Eure Überlebenden hierher. Wir werden unser Essen und unsere Mauern mit ihnen teilen. Ihr seid hier alle willkommen.“ Das war ein großzügiges Angebot. Heldred spuckte jedoch nur auf den Boden. Die Kriegsmutter zog die Axt aus ihrem Gürtel. „Ich will weder Eure Mauern noch Euer Essen, Blutgeschworener. Ich will Blut. Gemäß den alten Bräuchen steht mir eine Herausforderung zu, also verlange ich nach einer Herausforderung.“ „Wie töricht“, sage ich. „Denkt an Euren Stamm.“ Denkt an meine Familie, behielt ich für mich. „Halt dich da raus, Kind. Ich werde mich nicht wiederholen – tritt beiseite.“ Von Zorn getrieben klammerte sich meine Hand fest um das Heft meines Schwerts. Mit einer flüssigen Bewegung ziehe ich es, der Stahl schimmert orange im Feuerschein. „Nein, Heldred. Das werde ich nicht tun. Ich bin eine Kampfmaid und habe geschworen, diese Halle zu verteidigen. Bei meinem Eid nehme ich Eure Herausforderung an.“ „So sei es. Wenn du unbedingt sterben willst, dann mache ich es schnell.“ „Genug!“, brüllte Tryndamere. „Auf diesem Boden wird kein Blut der Avarosa vergossen. Wir haben Feinde genug, da müssen wir uns nicht auch noch gegenseitig umbringen!“ Das Echo seiner Worte brachte die Balken der Halle zum Beben. Nie hatte ich ihn so sprechen gehört – etwas Gefährliches schwang unterschwellig in seinen Worten mit. Doch Heldred grinste nur höhnisch. „Ich fürchte Euch nicht, Blutgeschworener. Das Leben im Schutze dieser Mauern hat Eure Klinge stumpf werden lassen. Meine ist immer noch tödlich scharf.“ Ich wehrte ihren ersten Schlag mit meinem Schwert ab. Die Wucht kugelte mir fast die Schulter aus. Ich hatte mich kaum gefangen, als Heldred erneut ausholte. Ich war zwar schnell, aber ihre Erfahrung und Stärke gaben ihr die Oberhand. Heldreds Hieb verfehlte meinen Schädel nur um wenige Zentimeter und die Axt grub sich tief in den Boden. Ich stürzte mich nach vorn auf sie, aber mit einem wilden Grunzen zog sie ihre Axt aus dem Boden und stieß mir das flache Ende in die Rippen. Schmerz schoss durch meine Brust und da ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, sackte ich zu einer Seite weg. Am Boden liegend erhob ich mein Schwert, mit dem ich schwach auf die Frau zeigte, die einst meine Kriegsmutter gewesen war. Sie schlug es mir herablassend aus der Hand. „Ich werde deiner Familie erzählen, dass du tapfer gekämpft hast, Sigra Kampfmaid.“ Heldred hob ihre Axt für den Todeshieb und ich schloss fest die Augen. Aber nichts geschah. Ich öffnete die Augen. Tryndamere hatte die Axt abgefangen – abgefangen, mit bloßer Hand. Blut tropfte von der Klinge auf seinen Arm und auf den Boden. „Das ist wider unserer Traditionen. Die Avarosa beschützen sich gegenseitig.“ Vom Boden aus sah ich, wie die Wunde in seiner Handfläche auf magische Weise heilte heilte. Unmöglich. Er sprach mit zusammengebissenen Zähnen, und die lauernde Gefahr, die ich zuvor gespürt hatte, brüllte in meinem Kopf. Lauf, rief sie. Lauf, so lange du noch kannst. Einen Augenblick lang sah ich, dass auch Heldred die Stimme hörte – doch dann holte sie mit ihrer Axt zu einem mächtigen Hieb aus, der jeden Mann entzwei gespalten hätte. Tryndamere brüllte brüllte. Es war ein unmenschlicher Klang, ein Zorn, der tiefer ging als die Berge selbst und so unergründlich wie der tiefste See war. Er brüllte und stürzte sich dann auf sie.

All das trug sich vor zwei Wintern zu. Zwei Winter, und ich habe nicht vergessen, wovon ich damals Zeuge wurde. Wahrscheinlich werde ich das auch nie. Wahrscheinlich sollte ich das auch nie. Ich bin immer noch eidgeschworen und daran gebunden, an seiner Seite zu kämpfen. Wenn ich neben meinem barbarischen Herrn Wache halte, wie er bewegungslos an seiner langen Tafel sitzt, sehe ich Heldreds vor Qualen verzerrtes Gesicht vor meinem inneren Auge. Wenn die Flammen in der langen Halle heruntergebrannt sind, höre ich ihre Schreie. Ich habe gesehen, was hinter diesen ruhigen, trüben Augen lauert. Jede Nacht bete ich zu meinen Ahnen, dass ich nie wieder Zeuge davon werde. Manche Dinge sind in Erzählungen besser aufgeboben. Manche Kohlen lässt man lieber glühen.

Referenzen[Quelltext bearbeiten]

Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA, sofern nicht anders angegeben.