League of Legends Wiki
Advertisement
League of Legends Wiki

Master Yi Die Poesie der Schwerter.jpg
BearbeitenBildReferenz

Ionia Tip.png

Kurzgeschichte

Die Poesie der Schwerter

Von Mo Xiong

Yi runzelte die Stirn, als der alte Meister Doran den Pfad zu ihm emporkraxelte.

Geschichte

Yi Yi runzelte die Stirn, als der alte Meister Doran den Pfad zu ihm emporkraxelte. Er sieht aus wie eine Schlammkrabbe zur Paarungszeit. Dieser Gedanke mutete alles andere als höflich an, aber angesichts des Alters des Meisterhandwerkers war er beinahe ein Kompliment.

Yi verbeugte sich kurz vor dem grauhaarigen Waffenschmied und umfasste seine Hände zur Begrüßung. Mit hochrotem Gesicht winkte Doran im Rhythmus seiner keuchenden Atemzüge, ohne langsamer zu werden, und rief ihm etwas zu.

„Ich bin ja schon da! Tut mir leid, dass ich mich etwas verspätet habe. Diese müden, alten Knochen haben sich heute zu viel Schlaf gegönnt.“

Yi schaute zur Mittagssonne hinauf. Etwas verspätet war es auf jeden Fall, war doch schließlich ein ganzer Morgen verronnen.

Aus der Zeit entspringt alles“, zitierte Yi mit abermals gerunzelter Stirn. „Morgentau taucht auf. Abendlicher Nebel bricht herein. So werden Sonne, Mond und Sterne geboren.

Doran hielt inne, den Trinkschlauch halb zu seinem Mund erhoben. „Was?“

„Der einleitende Vers der ‚Sammlung der Mandate‘. Hast du ihn etwa noch nie gehört, Meister?“ Für Yi war dies beinahe unfassbar. Dieser Vers war berühmt und wurde oft verwendet, um jene zu tadeln, die zu spät kamen. „Dieses Gedicht ist einer der Klassiker von Buxii.“

Der alte Mann strich sich durch den Bart. Sein Gesicht war voller Verwirrung zerfurcht. „Von wem?“

Yis Blick verfinsterte sich. Meister Buxii war der größte Dichter in der Geschichte Ionias. Noch bevor Yi die Namen seiner erweiterten Familie erfahren hatte, hatte sein Vater ihm beigebracht, „Der glühende Sonnenuntergang inmitten der Berge“ von Buxii auswendig aufzusagen.

„Schon gut.“ Yi räusperte sich. „Mein Meister hat mich über die Wichtigkeit des heutigen Trainings unterrichtet. Ich soll deinen Anweisungen folgen.“

Doran gluckste. „Er hat das als Training bezeichnet? Kein Wunder, dass du so früh hergekommen bist.“

Das muss ein Scherz sein. Yi war Doran schon einmal in der Werkstatt seiner Eltern begegnet. Fair und Emai respektierten den alten Mann sehr. Obwohl er einst als Fremder in das Dorf gekommen war, hatten ihn die Schmiede und Meister von Wuju für sein sagenumwobenes Geschick im Umgang mit Hammer und Amboss wärmstens empfangen. Doch die Ähnlichkeiten zwischen Yis Eltern und Doran endeten bei ihrem Beruf. Der alte Waffenschmied war ungepflegt, zerstreut und als bunter Vogel bekannt. Und wo Yis Eltern die großen Dichter kannten und respektierten, war Doran offensichtlich ungebildet.

Nicht zum ersten Mal zweifelte Yi daran, was ihm dieser merkwürdige Waffenschmied über die geweihte Kunst des Wuju beibringen sollte.

Er zwang sich zu einem schmalen Lächeln. „Wann beginnen wir, Meister?“

„Na ja, wenn es nach mir altem Mann geht, haben wir alle Zeit der Welt. Aber du …“

Doran packte seinen Trinkschlauch weg und drehte sich um, um einen Blick auf den Weg zu werfen, über den er hergekommen war. Es war ein enger und gewundener Hirtenpfad, der bis in das Dorf Wuju führte. Als er sich umdrehte, bemerkte Yi, dass Doran etwas auf dem Rücken trug: einen Korb aus Bambus, der in ein dickes Takinfell gehüllt war. Offensichtlich war er für lange Reisen gedacht.

„Wie viele Monde übst du dich im Schwertkampf? Fünf? Sechs? Und jetzt liegt dir eben ein kleiner Stolperstein im Weg. Warum bist du so ungeduldig?“, fragte Doran.

Yi spürte, wie sich sein Körper verkrampfte. Das war viel mehr als bloß ein kleiner Stolperstein; es war ein Problem, das es ihm unmöglich machen könnte, den Wuju-Stil weiter zu studieren. In einem Versuch, seine Mitte wieder zu finden, ballte er eine Faust um die Scheide seines Schwertes und gab sie sofort danach wieder frei. Dieser Trick, den ihm die anderen Schüler beigebracht hatten, erwies sich momentan als höchst ineffektiv.

„Meister“, sagte er leise, „ich studiere die Wuju-Schwertkunst seit vier Jahreszeiten.“

„Oh! Stimmt ja! Du bist schon fünfzehn Sommer alt.“ Doran kniff Yi in den Bizeps und legte einen gespielt überraschten Gesichtsausdruck auf. „Kein Wunder, dass du so stark bist. Du hast sicher jeden Sonnenaufgang an deinen Schwerthieben gearbeitet, hm?“

Yi war noch nie vor einer Aufgabe zurückgeschreckt, die ihm sein Meister gegeben hatte, ganz egal ob er an seiner Schwertechnik feilen, meditieren oder Poesie auswendig lernen sollte. Im Gegenteil, er arbeitete sogar härter als die anderen Lehrlinge und die meisten der älteren Schüler. Er beherrschte jede Haltung und jede Bewegung des Wuju-Stils mit unglaublicher Genauigkeit, fand mit tadelloser Raschheit und Technik in einen meditativen Zustand und beherrschte die meisten Gedichte, Lieder und Schriften der Wuju-Texte auswendig. Doch all seinen Errungenschaften zum Trotz machte er mittlerweile keinerlei Fortschritte mehr, was ihn überaus beschämte.

Yi konnte ein bitteres Lächeln nicht zurückhalten. „Etwa viertausend Mal am Tag.“

Doran pfiff. „Viertausend Schwertstreiche am Tag? Willst du etwa Schmied werden?“

Der junge Schwertkämpfer verschränkte die Arme vor seiner Brust. Wiederholung war die Essenz eines fundamentalen Leitsatzes des Wuju: Der Stamm ist robuster als der Zweig. Wusste Doran etwa nicht mal das?

Bevor Yi antworten konnte, nahm Doran den Bambuskorb von seinem Rücken und drückte ihn Yi in die Arme. „Bitte schön. Ein angemessenes Gewicht für einen starken, jungen Mann.“

Er massierte sich die rechte Schultern, während er sich von Yi entfernte. Yi, der vor Überraschung kurz erstarrt war, rannte ihm schließlich nach.

„Meister? Wo willst du hin? Dieser Pfad führt nach Süden.“

„Mach dir mal keine Sorgen“, sagte Doran. „Norden und Süden kann ich noch unterscheiden.“

„Aber was ist mit dem Training?“

„Willst du denn wirklich so gern trainieren?“ Doran schlenderte mit hinter dem Rücken verschränkten Händen weiter. „Gut, dann legen wir los.“

Yi hielt inne. Südlich von Wuju lagen nur unbewohnte Wälder. Wenn Doran nicht vorhatte, Wildschweine zu jagen, dann gab es hier nicht viel zu trainieren.

Doch Yi hatte seinem Meister versprochen, auf den alten Mann zu hören, und so warf er sich den Bambuskorb über die Schultern und folgte ihm.

Yi hatte diesen Pfad noch nie beschritten. Er hatte nicht einmal gewusst, dass es ihn gab.

Der Weg war durch Trittsteine gekennzeichnet, die sich tief in die Erde gegraben hatten und durch den Zahn der Zeit und durch Versäumnis beinahe zerbröckelten. Zwischen ihnen wuchs das Wildgras stellenweise bis zu Yis Knien. Anfangs glaubte er, dieser Weg würde zu einem vergessenen Schrein oder einer verlassenen Siedlung führen. Angeblich lagen auf der bergigen Insel Bahrl uralte Ruinen ungestört mitten in den Wäldern jenseits der Dörfer und Städte verborgen.

Sie waren schon einige Zeit gen Süden gezogen und der Waffenschmied hatte keine Anstalten gemacht, seinem Trainingsversprechen nachzukommen. Verärgert rückte Yi den Bambuskorb auf seinen Schultern in eine andere Position. „Meister, was genau trage ich? Es ist schwer.“

„Schwerter“, sagte Doran, ohne sich umzudrehen. „Nicht als Schwerter.“

Yi hob eine Augenbraue. Doran fertigte ausschließlich Klingen für Wuju-Schwertkämpfer an, und davon nur ein paar jede Jahreszeit.

„Wurden diese Schwerter alle von dir geschmiedet, Meister Doran?“

„Drei von ihnen. Was den Rest angeht …“ Doran machte eine Pause, als würde er nach den richtigen Worten suchen. „Die haben mir Kollegen anvertraut.“

„Sprichst du von anderen Waffenschmieden? Warum sollten sie dir ihre Werke geben?“

Yi spähte über seine Schulter, um sich den Korb näher anzusehen, nur um gleich darauf wegen seiner mangelnden Aufmerksamkeit über einen Stein mit sonderbarer Form zu stolpern. Er schwankte, bevor er sein Gleichgewicht wiederfand.

„He, sei vorsichtig!“ Doran rückte den Korb rasch wieder auf Yis Schultern zurecht. „Eins davon ist für dich. Falls du es verbiegst, gibst du am Ende bestimmt mir die Schuld.“

„Für … Für mich? Eine scharfe Klinge?“

„Natürlich ist sie scharf. Ich schmiede keine stumpfen Schwerter.“

Nur jenen, welche die Wuju-Philosophie des unblutigen Kämpfens wirklich verstanden hatten, wurde das Privileg zuteil, scharfe Klingen zu führen – als Beleg für ihre Selbstkontrolle. Und dann auch noch eine, die von Meister Dorans Hand gefertigt worden war … Viele ältere Schüler hatten zehn Sommer lang trainiert, bevor ihnen solch eine Ehre zuteilwurde – bei Yi waren es erst vier Jahreszeiten. Der junge Schwertkämpfer fühlte sich geehrt.

Allerdings erwies sich sein Hochgefühl als flüchtig. Er schaute zu Boden. Doran schien den jähen Stimmungswechsel zu bemerken. Die beiden gingen einige Schritte schweigsam nebeneinander her, bevor der Waffenschmied das Wort ergriff und vorsichtig anführte: „Dein Meister hat mir verraten, dass du Schwierigkeiten hast, mit dem Geisterreich in Kontakt zu treten.“

Yi antwortete nicht sofort, dafür war seine Scham zu groß. „Der Kontakt ist nicht das Problem“, sagte er schließlich. „Wenn ich dazu nicht fähig wäre, hätte man mich nie in der Wuju-Schule aufgenommen.“ Er kratzte sich am Hinterkopf. „Allerdings scheine ich keine Kraft daraus gewinnen zu können. Manchmal gelingt es mir, einen Funken Macht abzuzweigen, doch dann kann ich meine Waffe damit nicht erfüllen.“

„Könnte es nicht einfach sein, dass du noch nicht so weit bist? Die Energie des Geisterreichs heraufzubeschwören …“ Doran fuhr sich durch den Bart und lächelte. „Wann es passieren wird, hängt vielleicht nur von den Launen des Schicksals ab.“

Yi wollte Doran sagen, dass er falsch lag: Über die Fähigkeit, Kraft aus dem Geisterreich zu gewinnen, konnte man schließlich nicht mit dem Schicksal verhandeln. Doch genau das bereitete ihm Sorgen. Womöglich versagte er, weil ihm nicht genügend Talent innewohnte. Womöglich war es Schicksal, dass es ihm nie gelingen würde.

Und doch hielt er seine Worte zurück. Er wollte nicht vorlaut wirken und noch klammerte er sich an die Hoffnung, dass das heutige „Training“ ihm helfen würde – so schlecht die Aussichten auch standen.

„Hm. Vielleicht hast du recht“, antwortete Yi endlich.

Es wurde schwieriger und schwieriger, dem Pfad zu folgen, denn immer mehr Wurzeln und Gestrüpp bedeckten die geschundenen Steine. Während Yi vorhin noch ab und an Fußstapfen von anderen Reisenden gesehen hatte, gab es nun keinen Hinweis mehr darauf, dass je eine Menschenseele hier entlanggekommen war. Das einzige Geräusch war der Sommerwind, der durch die dichten Baumreihen raschelte.

„Meister Doran, bist du schon einmal hier gewesen?“

„Mhm. Ich nehme diesen Pfad einmal alle vier Jahreszeiten. Dein Meister hat mich sogar zwei, drei Mal begleitet.“

Yi war überrascht. „Meister Hurong? Das hat er mir nie erzählt.“

„Sicher wird er das noch. Irgendwann.“ Doran machte eine winkende Geste, bevor er das Tempo anzog. Angesichts seiner flinken Schritte war es leicht, zu vergessen, dass dieser Mann schon fast sechzig Sommer gesehen hatte. Auf einmal erinnerte er ganz und gar nicht mehr an eine Schlammkrabbe.

Andere Schwertkämpfer haben ihn schon hierher begleitet. Braucht er einen Leibwächter? Ist das etwa das Training? Eine Gelegenheit, meine Gnadenhiebe zu üben? Dieser Gedanke gefiel Yi.

„Bist du auf diesem Weg je Gefahren begegnet, Meister?“

„Nicht einer.“ Dorans Lippen umspielte ein Lächeln, als er den Kopf schüttelte. „Aber halt dein Schwert fest umschlossen, mein Junge. Meine Reise auf diesem Pfad hat nichts mit deiner zu tun. Selbst wenn ich diesen Weg schon tausend Mal gegangen und mir dabei nie eine Gefahr untergekommen wäre, heißt das nicht, dass dir keine begegnen wird.“

Als hätten die Worte es heraufbeschworen, erklang ein scharfes, vogelähnliches Krächzen.

Yi hielt an, griff nach dem Heft seines stumpfen Schwerts und hob es auf die Höhe seiner Brust. Er erkannte das Krächzen als den Ruf eines Greifvogels. Diese gefährliche Vogelspezies hielt sich üblicherweise tief in den Wäldern auf.

Der Schwertkämpfer biss die Zähne zusammen und musterte die Baumreihe.

Doran verdrehte die Augen und deutete nach vorn. „Siehst du die Berge da drüben?“

Direkt vor ihnen lag eine Kette aus Berggipfeln, die sich lückenlos über den Horizont zog. Sie waren nicht sonderlich hoch, aber sie erstreckten sich, so weit das Auge reichte.

Die Wälder waren seit dem Ruf des Greifvogels ruhig geblieben, also senkte Yi sein Schwert. „Gehen wir etwa Bergsteigen?“, fragte er und versuchte, seinen Verdruss zu verbergen.

„Deine Heimat ist Bahrl“, antwortete Doran und klopfte Yi mit seinem Handrücken gegen die Brust. „Da hast du sicher keine Angst vor ein paar Hügeln, oder?“

Yi schaute auf. Die strahlend goldene Sonne hing auf einer wolkenlosen, blauen Leinwand. Es war tatsächlich ein guter Tag für eine Bergwanderung, wie er sich eingestehen musste.

Er straffte seine Schultern und ging weiter.

Nachdem sie an einem Hain vorbeigegangen und einen Bach überquert hatten, hatten sie die Berge endlich erreicht. Sie befanden sich nun weit außerhalb des Wuju-Territoriums und jenseits des Gebiets, in dem die Ältesten Reisen für ratsam hielten. Und doch machte Doran keine Anstalten, langsamer zu werden.

Als sie den ersten Anstieg erreichten, erklommen sie eine Treppe aus steinernen Stufen. Früher mochten sie einmal vielbereist gewesen sein, doch heute waren sie kaputt, von Unkraut bedeckt und rutschig vor Schlamm. Die Stufen endeten abrupt vor einer steilen Klippe, die ungefähr drei Mann hoch war. Bevor Yi fragen konnte, hatte Doran bereits nach einer Unebenheit im Gestein gegriffen und den Aufstieg begonnen. Er erreichte beinahe mühelos die Spitze, drehte sich um und schaute mit einem Gesichtsausdruck herunter, der zu sagen schien: Worauf wartest du noch?

Eine Felswand zu erklimmen, war für jeden jungen Bewohner von Wuju eine Leichtigkeit, doch Yi hatte so einen Kletterakt noch nie mit so einer schweren Last auf seinem Rücken versucht. Die Aufgabe stellte sich als noch schwieriger heraus, als sie ausgesehen hatte. Nachdem er endlich über den Rand der Klippe geklettert war, brauchte er eine Weile, um wieder zu Atem zu kommen.

Als er sich schließlich aufgerichtet und den Staub von seiner Kleidung geklopft hatte, fiel sein Blick auf eine Steintafel, in die ein einziges Wort gemeißelt war. Er konnte die verwitterten ionischen Buchstaben kaum ausmachen.

Nebelfall.

„Wir haben noch Zeit.“ Doran setzte sich neben die Steintafel auf den Boden und nahm einen Schluck aus seinem Trinkschlauch. „Ruhen wir uns aus.“

Er holte Reisgebäck aus irgendeiner für Yi nicht auffindbaren Tasche und begann, daran zu knabbern. Nach ein paar Bissen schaute Doran auf, als hätte er sich plötzlich an etwas erinnert. Er streckte Yi, der noch immer die Steintafel musterte, die Überreste des Reisgebäcks entgegen. Als er die schartigen Zahnabdrücke auf dem dargereichten Essen sah, schüttelte Yi den Kopf.

„Meister, du hast gesagt, wir hätten noch Zeit. Du meinst für mein Training, oder?“

Doran schlug sich auf ein Knie, während er auf einem weiteren Bissen Reisgebäck kaute. „Ein gut eingeschäumter Bart ist halb rasiert, Junge. Wenn du wirklich so erpicht auf dein Training bist, dann würde ich vorschlagen, dass du dich erst mal hier ausruhst.“

Als Yi beobachtete, wie Doran von einem zweiten Reisgebäck abbiss, musste er einen entnervten Seufzer unterdrücken. In einem Versuch, seine Ungeduld zu verbergen, sah er sich um.

Er entdeckte einige uralte Ruinen, die unter dichten Ansammlungen von Ranken und Gebüsch verborgen lagen. Zwar waren davon nur noch eingestürzte Säulen und Mauern übrig, doch er sah der majestätischen und auffallenden Bauweise an, dass sie sich gänzlich von Wujus Pagoden unterschied.

Doran deutete auf die Ruinen. „Auf diesem Berg befand sich einst ein Schrein zur Anbetung eines Gottes, der schon lange vor unserer Geburt in Ungnade gefallen war. Niemand kennt seinen Namen und niemand weiß, wohin seine Anhänger verschwunden sind. Diese bescheidenen Steine sind alles, was von dem Kult bleibt.“

Blumen welken, während Menschen alt werden. Selbst die Morgensterne müssen in die Nacht zurückkehren“, zitierte Yi. Dann deutete er auf die Steintafel. „Waren sie diejenigen, die diesen Ort Nebelfall genannt haben?“

„Die Schriftzeichen haben spätere Generationen eingemeißelt. Was den Namen angeht …“ Doran gestikulierte in Richtung der anderen Klippenseite. „Du wirst seine Bedeutung verstehen, wenn du dich dort umsiehst.“

Yi spähte vorsichtig über den Rand der Klippe. Unter ihm legte sich ein weißer Nebel über das Tal, bis in der Ferne der blaue Himmel auf die Berge traf. Der Ausblick war atemberaubend, seine Herrlichkeit erstreckte sich über das gesamte Blickfeld.

Das Tal selbst war nicht groß. Es erinnerte Yi an einen See, der nicht mit Wasser, sondern mit einem wallenden, silbrigen Nebel gefüllt war. Ein schmaler Pfad führte von der Klippe hinunter und verschwand in den Tiefen.

„Siehst du den Weg?“, fragte Doran. „Da gehen wir lang.“

Dort? Ins Tal hinunter?“

„Ganz genau.“

Nach einem langen Wandertag durch die leere Wildnis schien sein Training noch weiter in die Ferne zu rücken. Yi konnte keinen weiteren Unfug mehr ertragen.

„Meister, was für ein Training soll das sein?“, platzte es aus ihm heraus.

„Ich kann nur sagen, dass die Reise beschwerlich wird, also solltest du diese Rast ernster nehmen.“

Yi schluckte seinen Frust herunter. Er erkannte, dass er keine aufschlussreicheren Erklärungen von Doran bekommen würde. Er fand eine Steinplatte gegenüber vom alten Waffenschmied, setzte sich hin und legte den Bambuskorb neben sich ab.

Was sollte er mit einer Rast? Wenigstens eignete sich dieser Ort perfekt zur Meditation.

Yi schloss seine Augen und begann, tief und langsam zu atmen. Vielleicht lag es an der unvertrauten Umgebung, aber es dauerte länger als üblich, bis er in einen meditativen Zustand verfiel. In diesem Raum zwischen Bewusstlosigkeit und Wachheit durchströmte Leichtigkeit seinen Körper. An der Spitze dieser Leichtigkeit tauchte ein helles und ungewöhnliches Objekt auf. Es war wie ein Funken, der jede Ecke seines Verstandes in Licht tränkte.

Ein Geist.

Yi waren beim Meditieren schon öfter Geistern begegnet. Sie besuchten ihn häufiger als die anderen Schüler. Vermutlich verhieß das Gutes, denn es zeigte, dass er dem Geisterreich nah war und dazu fähig sein sollte, Energie aus ihm zu gewinnen.

Fähig sein sollte.

Yi konzentrierte sich auf das weiße Licht und verbannte alle anderen Gedanken aus seinem Verstand. Schon bald bemerkte er, dass dies kein durchschnittlicher Geist war. Yi versuchte, nach ihm zu greifen, seinen Puls zu spüren. Zu seiner Verwunderung verschmolz er mit dem Wesen und verschwand im blendenden Licht.

Er zwang sich, die Augen zu öffnen, und fand sich unter einem gigantischen Silberholzbaum wieder, wie er ihn nur am Eingang von Wuju gesehen hatte. Doch die Gebäude in der Ferne sahen sonderbar und fremd aus.

Verwirrt stand er auf und ging in das Dorf, wo ihm vertraute Gestalten begegneten: sein Vater, seine Mutter, andere Schüler, sogar die schwarze Katze seines Nachbarn, Kleine Nacht, und der Hund des obersten Ältesten, Goldi. Sie alle schienen in ihrer eigenen Welt zu leben. Niemand würdigte Yi eines Blickes. Das müssen Visionen sein, dachte er. Während er langsam die Hauptstraße hinunterging, beruhigte er sich allmählich.

Dann sah er etwas, das ihn stutzen ließ. „Meister Doran?“

Der alte Waffenschmied schaute Yi einmal an, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete. Doch er schmiedete keine Schwerter. Dort wo Schmiedeofen, Werkzeuge und Amboss sein sollten, war stattdessen ein einzelner Blumentopf mit zerbrechlichen Setzlingen zu sehen. Mit einem Lächeln, das Yi an Fieberwahn erinnerte, hob der Handwerker langsam die Arme über seinen Kopf. Die jungen Pflanzen im Topf krümmten und reckten sich im Zuge seiner Bewegungen. Sie wuchsen mit einem unfassbaren Tempo, bis ein kleiner Wacholderbaum mit sprießenden Blättern gediehen war. Doran nahm ihn unter die Lupe und wirkte unzufrieden. Dann hob er seine Arme noch einige Male an. Der Baum änderte seine Form. Er wippte fröhlich im Wind, bis er sich in eine Trauerweide verwandelt hatte.

Fassungslos blickte Yi sich um. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass jedes einzelne Haus im Dorf von üppiger, farbenfroher, gar bizarrer Vegetation bedeckt war. Viele der Unterkünfte sahen aus, als wären sie aus massivem Gestein gewachsen, während andere ihre Gestalt wandelten und dabei wie Menschen anmuteten – nicht nur in ihrer Gestalt, auch in ihren Bewegungen.

Yi wanderte ziellos umher, bis eine Fanfare aus dem Dorfzentrum erschallte. Fast jeder Dorfbewohner ließ alles stehen und liegen, um in Richtung des Berghangs auf der anderen Seite des Ortes zu gehen.

Vor einer Felswand stürzte ein Wasserfall herab, der hinter sich eine Höhle verbarg. Doran war der erste Dorfbewohner, der ankam. Er hob seine Arme und teilte das Wasser, damit er trockenen Fußes in die Höhle gehen konnte. Die anderen Dorfbewohner taten es ihm gleich und traten einer nach dem anderen ein. Doch als Yi seine Arme erhob, blieb jegliche Wirkung auf das herabstürzende Wasser aus.

Es ist nur eine Vision, sagte er beruhigend zu sich selbst. Es ist völlig egal, ob ich nass werde.

Er trat durch den Wasserfall und fand sich in einer gewaltigen Kammer wieder. Abertausende von Kerzen zierten den Raum. Im Zentrum der Höhle standen die Dorfbewohner, die vor ihm eingetreten waren, und unterhielten sich in einer Sprache, die Yi nicht verstand. In der gegenüberliegenden Ecke erkannte er seinen Wuju-Meister, Hurong, der bei ein paar anderen ehrwürdigen Ältesten des Dorfes stand.

In die Steinmauern waren seltsame Furchen und Linien gehauen. Die Muster schienen sich zu bewegen, während Meister Hurong sprach und gestikulierte. Sie sahen wie ein lebendes Kalligrafiegemälde aus … Nein, nicht wie ein Gemälde. Wie eine Karte.

Die Ältesten beendeten ihr Gespräch mit ausgetauschten Blicken und nickenden Köpfen. Dann hob Yis Meister seinen rechten Arm und schnippte mit den Fingern. Mit der Leichtigkeit einer Tür, die geschmeidig aufschwang, spaltete sich eine ganze Mauer bis zur Decke und entblößte den Himmel, sodass Strahlen aus blendendem Sonnenlicht in die Kammer fielen. Draußen wartete ein tiefer Sturz bis zum fernen Boden.

Meister Hurong sprang vor und verwandelte sich in der Luft in einen schillernd blauen Häher, wie Yi ihn von Bahrl kannte. Er flog aus dem Berg hinaus, den Wolken entgegen. Die anderen Ältesten und die Dorfbewohner folgten ihm. Einer nach dem anderen nahm die Gestalt eines Vogels an. In einem krächzenden Chor leerte sich die aufgebrochene Höhle langsam, bis nur noch Yi und Doran übrig waren.

Wohlwissend, dass er nicht mit Doran kommunizieren konnte, senkte Yi respektvoll den Kopf und bereitete sich darauf vor, zu gehen. Er war schockiert, als Doran ihn anschaute und in einer Sprache mit ihm redete, die er beherrschte. Seine Stimme war kalt und tief.

„Du. Du verfolgst den Weg des Wuju?“

Yi erstarrte und schaute den Waffenschmied sprachlos an.

„Ich habe bereits Leute wie dich, die Wuju praktizieren, kennengelernt“, sagte Doran mit ausdrucksloser Miene. Erst jetzt fiel Yi auf, wie sonderbar seine Augen aussahen. Blutrote Iris fixierten ihn und erstrahlten dabei in einem schaurigen Licht, dem jeglicher Anschein von Leben fehlte. „Ihr nehmt große Mühen auf euch, um ein Tröpfchen Macht aus dem Geisterreich zu gewinnen, nur damit ihr es dann als Waffe einsetzen könnt. Wie geschmacklos. Dennoch reicht diese armselige Nachahmung aus, damit ihr das Reich der Starken betreten könnt.“

„Nachahmung?“ Yi hatte noch nie gehört, dass jemand sich verachtend über den Wuju-Stil äußerte. „Was ahmen wir denn nach?“

Doran ignorierte die Frage und deutete auf die sich langsam schließende Lücke in der Höhlenwand. „Geh. Folge ihnen.“

Yi schaute zum Himmel empor. Das ist doch absurd. „Aber ich kann nicht fliegen.“

„Doch, kannst du.“

Dorans Stimme kam von hinten. Yi wirbelte herum und sah, dass der Waffenschmied mit zusammengelegten Fingern draußen vor dem Eingang der Höhle stand. „Du weißt nur noch nicht, wie.“

Der Eingang und die Lücke in der Wand schnappten zu und schlossen Yi ein. Sein einziger Fluchtweg war eine Öffnung, die weit über seinem Kopf lag. Anscheinend wollte dieser rotäugige Doran Yi dazu drängen, wie die anderen aus dem Berg zu fliegen.

Yi schnaubte, setzte sich mit überkreuzten Beinen auf den steinernen Boden und schloss die Augen. Hinausfliegen? Das würde nicht nötig sein. Visionen waren wie Träume: Ganz egal wie bizarr sie auch wurden, man musste nur aufwachen und schon erwies sich alles als flüchtige Fantasie.

Yi keuchte, als er seine Augen öffnete und sich auf der Steinplatte in der Nähe von Nebelfall wiederfand, direkt gegenüber von Doran. Der alte Waffenschmied war so in seine eigenen Gedanken versunken, dass er Yis plötzliches Erwachen nicht zu bemerken schien.

Yi kniff sich ins Ohrläppchen. Das tat er immer, wenn er eine Vision erlebt hatte. So konnte er sicherstellen, dass er wirklich in die Realität zurückgekehrt war. Dabei war die Vision so lebhaft gewesen, so real, dass er nicht mal durch sein Kneifen die Fassung zurückgewann.

„Meister?“

„Hmm?“ Doran drehte den Kopf zu ihm. „Was ist?“

Yi schaute in Dorans dunkelbraune Augen. „Wie lange habe ich meditiert?“

„Du hast dich eigentlich gerade erst hingesetzt. Warum?“

Yi rieb sich die Lippen. Er würde keine Erfahrung preisgeben, die er selbst nicht ganz verstand.

„Egal. Wollen wir weiter?“

Genau wie Doran gewarnt hatte, steckte der Weg in das Meer aus Nebel voller Gefahren. Auf den steinernen Stufen wuchs tückisches, grünes Moos, das jeden Schritt zu einem potenziell tödlichen Fehltritt machen konnte. Der schwere Korb voller Schwerter machte diese Aufgabe nicht leichter, aber Yi beschwerte sich nicht. Diese Genugtuung würde er Doran nicht gönnen.

Schon bald wurde klar, dass Doran nicht der Einzige war, der von diesem geheimen Ort wusste. Als sie sich den Nebeln näherten, entdeckte Yi ein recht neues Holzbrett an der Seite des Pfades, auf dem eine Warnung geschrieben stand. Die fahrige Handschrift und die Schreibfehler deuteten darauf hin, dass dieser Hinweis das Werk eines ungebildeten Jägers war.

Yi wusste nicht, ob seine Sinne ihm einen Streich spielten, aber als sie an dem Holzbrett vorbeigingen, wurde ihm auf einmal kalt. Bislang hatte sich der Tag heiß und sommerlich gezeigt, doch nun wurde er von frostigen Winden umspielt. Noch dazu verschwamm langsam seine Sicht, als sich ein merkwürdiger dichter Nebel um Doran und ihn legte.

Er folgte dem Älteren dicht auf den Fersen, während er seine Umgebung absuchte und das Heft seiner Klinge in der Befürchtung fest umschlossen hielt, irgendetwas könnte sie aus dem Nebel heraus anspringen.

„Dieser Nebel ist nicht normal“, murmelte Yi. „Hier verweilen Geister. Wir sollten umkehren und zurückkommen, sobald sie fort sind.“

„Die Geister werden nie verschwinden“, antwortete Doran mit einem Kopfschütteln. „Sie leben schon länger an diesem Ort, als es Menschen in Ionia gibt. Mach dir keine Sorgen. Wir werden nicht lange hier sein.“ Er deutete voraus. „Komm, deine Augen sind besser als meine. Hilf mir, ein Schwert zu finden.“

Yi runzelte die Stirn. „Du willst ein Schwert finden? Hier?

„Eine Plazidium-Flamberge, um genau zu sein. Sie sollte nicht zu übersehen sein“, sagte Doran. „Ich habe sie bei meinem letzten Besuch als Markierung zurückgelassen.“

Yi sah sich verblüfft um. Alles war in eine dichte, weiße Nebeldecke gehüllt. Er konnte kaum zwei Schritte weit gucken, geschweige denn eine Plazidium-Flamberge entdecken. Da er keinen Anhaltspunkt hatte, tat Yi so, als würde er den Boden zu seiner Linken und Rechten absuchen.

Er war nur ein paar Schritte weitergegangen, als sich ihm der Magen umdrehte. Es fühlte sich auf einmal an, als würde sein Körper immer leichter werden. Selbst das Gewicht des Bambuskorbs war nicht mehr zu spüren.

„Meister Doran“, sagte Yi beunruhigt.

Doch Doran wurde weder langsamer, noch drehte er sich um. Stattdessen legte er einen Zahn zu. In großer Sorge versuchte Yi, ihn einzuholen, doch der Waffenschmied entfernte sich immer weiter. Schon bald war Doran spurlos im weißen Dunst verschwunden. Yi sah dabei zu, wie genau dieser Dunst auch ihn selbst verschlang. Er wurde so dicht, dass Yi nicht einmal mehr seine eigenen Beine sehen konnte. Ohne Gewicht und ohne Beine schwebte er durch diesen irrealen Nebel.

Nein, er schwebte nicht einfach nur, er flog. Der Nebel wurde zu Wolken, die kühle Luft zu Wind.

Er musste sich wieder in einer Vision befinden. Dieses Mal hatten die Geister ihn allerdings nicht gewarnt, bevor sie ihn entführt hatten.

Er fühlte sich unsicher, also streckte er die Arme aus, um sein Gleichgewicht zu finden – doch statt Armen entfalteten sich zwei prachtvolle jadefarbene Schwingen.

Ich habe mich in einen Vogel verwandelt!

Er segelte am Himmel entlang, als er plötzlich eine lange Küstenlinie entdeckte. Eine salzige Meeresbrise strich über ihn hinweg, als die strahlend blauen Ozeanwellen gegen die Küste brandeten. Das Land fühlte sich wie Zuhause an, doch am Rand des Strands ragte ein dunkelgraues Bauwerk in die Höhe, das mit Sicherheit nicht aus Ionia stammte.

Ist das … eine Art Denkmal? Würde man ihm die präzise Bauweise nicht ansehen, hätte man es mit einem Berg verwechseln können. Als er näherflog, erkannte er das Bauwerk als drei ungeheuerliche Türme von unfassbarer Größe, die auf einem gemeinsamen Fundament standen.

Das können unmöglich Sterbliche erbaut haben.

So etwas hatte Yi noch nie gesehen. Die Türme bestanden aus Tausenden großer Steine, die zu perfekten Blöcken gehauen und geschliffen waren. Ein jeder von ihnen war so hoch wie ein ausgewachsener Schwertkämpfer.

Ein Schwarm farbenprächtiger Vögel brach aus den Wolken hervor und segelte zu der Festung. Obwohl er nicht wusste, ob er aus eigenem Willen zu ihnen geflogen war oder nicht, fand sich Yi auf einmal mit eiligem Tempo an der Seite des Schwarms wieder.

Er folgte einem hellroten Vogel, der zwischen den drei Türmen umhersauste. Der Vogel ließ Yi zurück, als er im Sturzflug auf das Fundament des Bauwerks zuhielt und schließlich mit einem Purzelbaum landete. Als er sich erhob, nahm er die Gestalt eines Mannes an, die Gestalt des rotäugigen Meister Dorans. Er schaute zum Himmel und winkte Yi, der noch immer durch die Lüfte kreiste, zu sich heran.

Yi landete auf Dorans Schulter, bevor er behände auf den Boden rollte. Als er sich aufrichtete, stellte er fest, dass seine menschlichen Beine und der Rest seines Körpers zurückgekehrt waren.

„Anscheinend kannst du fliegen“, sagte Doran.

Voller Energie und gleichzeitig außer Atem sagte Yi: „Meister Doran …“

Doch Doran schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist nur eine Gestalt, die ich angenommen habe.“

Mehr sagte er nicht. Yi blinzelte. Warum sollte dieser Geist ausgerechnet die Gestalt von Doran annehmen?

Er streckte sich und schaute zu den gewaltigen Türmen hinauf. „Was ist das für ein Ort?“

„Ihr nennt ihn Bahrl.“ Der Geist, der wie Doran aussah, deutete auf die sich schlängelnde Küstenlinie, an der ein Kriegertrupp bewaffnet mit Piken und Gleven patrouillierte. Ihre Waffen und ihre Rüstung wirkten fremd. „Sie nennen das hier das Andersufer. Wir nennen es ‚Zuhause‘.“

„Wer sind sie? Und wer ist dieses Wir?“

Yi drehte sich, um den Geist anzusehen, aber er war bereits fort. Nur einige rote und weiße Federn erinnerten noch an ihn.

Wie absurd.

Yi wollte diese Vision verlassen, wie er die letzte verlassen hatte, doch bevor er seine Meditation beginnen konnte, erklang ein lautes, rhythmisches Geräusch in der Ferne, so laut, wie er noch nie ein Geräusch gehört hatte. Das Klirren von Metall und die Schreie von Menschen. Seine Neugierde war geweckt worden, und so folgte er dem Lärm zu seiner Quelle.

Als Yi an den kolossalen Türmen vorbeiging, wurde noch augenscheinlicher, dass ihre Größe die Grenzen des Möglichen sprengten. Jeder Turm könnte alle Bewohner von Wuju beherbergen und wäre nicht einmal voll. Aber warum sollte jemand so große und hässliche Gebäude errichten? Es ergab keinen Sinn.

Yi war so in seine Gedanken verloren, dass er beinahe gegen einen stattlichen Mann gelaufen wäre. Er trug einen glänzenden Metallhelm, doch seine Brust war nackt. In einer Hand hielt er eine seltsam anmutende Hellebarde.

Genau wie die Dorfbewohner in seiner letzten Vision schienen ihn die Leute auch hier nicht wahrzunehmen. Der fremde Mann hielt kurz inne, bevor er seinen Weg fortsetzte. Durch das Gebiet patrouillierten noch einige andere Krieger, die stark und entschlossen wirkten. Sie ließen Yi ebenfalls passieren.

Als Yi sich einem Wall aus Erde näherte, wurde der Lärm ohrenbetäubend. Er hörte das Donnern von Kriegstrommeln, das immer wieder von Schreien unterbrochen wurde.

Yi erklomm den Wall und streckte seinen Hals aus, um zu sehen, was dahinter lag. Der Anblick ließ ihn schlucken.

Tausende Soldaten, deutlich mehr Leute als in Wuju lebten, tummelten sich auf einem großen, offenen Platz. Ihre Reihen waren so ordentlich wie ihre Kriegsbanner, und ihre Ausrüstung war beeindruckend vielfältig. Einige waren in stählerne, mit Stacheln versehene Plattenrüstung gehüllt, während andere dicke Tierfelle oder nur dünne Stoffgewänder trugen. Zwar hätten diese Soldaten äußerlich kaum verschiedener sein können, doch ihre Sache einte sie. Sie schlugen sich im Rhythmus der Trommeln und ihrer eigenen Kriegsschreie auf die Brust.

„Schüler des Wuju, verrate mir“, sagte eine kalte Stimme von hinten, „was du dort siehst.“

Blitzschnell packte Yis Hand seinen Schwertgriff, als er herumwirbelte, nur um den rotäugigen Geist unten am Wall stehen zu sehen. Er kletterte zu Yi hoch und legte seine Hände sanft auf das Erdwerk.

„Sag mir, was dir als Erstes in den Sinn gekommen ist“, sagte der Geist.

Yi antwortete mit einer Gegenfrage: „Wer ist das? Warum zeigst du sie mir?“

Doch der Geist ließ sich nicht beirren. „Das erste Wort“, drängte er. „Das erste Wort, an das du gedacht hast.“

„Das erste Wort …“ Yi schaute erneut auf das Meer aus Kriegern. „Stärke“, sagte er schließlich.

„Stärke. Wo siehst du Stärke?“

„Hmm …“ Yi kratzte sich am Kopf. „Jedem dieser Krieger wohnt die Wildheit eines Tigers inne, die Kraft eines großen Bären. Sie tragen scharfe Klingen und glänzende Rüstungen. Ihre Kriegsrufe schallen über diese Strände …“

„Das siehst du also. Oh, Kind. Deshalb bist du hier.“ Der Gesichtsausdruck des Geists verfinsterte sich, als er nickte. Er deutete hinter den jungen Schwertkämpfer. „Dein Blick sucht in der falschen Richtung. Je härter du trainierst, desto weiter wirst du dich von deinem Ziel entfernen.“

Yi drehte sich um und schaute hinter sich. Doch bevor er etwas sehen konnte, schubste der Geist ihn vom Erdwall, sodass er in Richtung des Bodens stürzte, der auf einmal unendlich weit entfernt zu sein schien. Obwohl er wusste, dass er sich in einer Vision befand, konnte Yi vor Schock einen Aufschrei nicht unterdrücken.

Er schloss die Augen, als der Boden auf ihn zuraste.

Als er sie wieder öffnete, saß er mit dem Bambuskorb im Rücken mitten im dichten Nebel. Er nahm an, dass er wieder in Nebelfall war, kniff sich aber vorsichtshalber ins Ohrläppchen. Er musste sichergehen, dass er die Vision verlassen hatte. Zufrieden mit dem Ergebnis schaute er zum Himmel.

„Warum kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen?“ Yi stöhnte frustriert auf und massierte sich vor Frust das Nasenbein. „Und wovon um alles in der Welt hat er bloß geredet?“

Als Yi sich den Schweiß von seiner Stirn wischte und vor Erleichterung seufzte, kam Doran aus dem Nebel gehinkt. Seine Arme hielten etwas umschlungen. Er musterte Yi von oben bis unten.

„He, Junge, was ist passiert? Warum sitzt du so am Boden?“ Der Waffenschmied hielt ein seltsam geformtes Schwert mit einer wellenförmigen Klinge, die Yi an eine Schlange erinnerte. Vermutlich war das die Plazidium-Flamberge, nach der er gesucht hatte.

„Meister Doran“, sagte Yi, „ist dir etwas Seltsames aufgefallen, als du mit meinem Meister hier warst?“

„Hier im Nebel?“ Doran kniff die Augen zusammen. „Wo bist du reingeraten?“

Da er nicht wusste, wie er es erklären sollte, stand Yi auf, schüttelte den Kopf und warf sich den Bambuskorb wieder über die Schultern. „Ich sorge mich nur, dass dieser Ort möglicherweise nicht sicher ist. Seit wir angekommen sind, ist der Nebel noch dichter geworden.“

„Oh, mach dir da mal keine Gedanken“, erwiderte Doran und steckte die Flamberge in den Boden. „Der Nebel wird sich bald auflösen. Solange wir verschwinden, bevor er sich wieder über die Gegend liegt, sind wir in Sicherheit.“

„Der Nebel wird sich auflösen? Warum das?“

„Alle vier Jahreszeiten gibt es einen Sonnenuntergang, an dem die Nebel sich verflüchtigen. Heute ist genau dieser Tag.“

In dem Moment bemerkte Yi, wie die Kühle aus der Luft wich. Binnen weniger Augenblicke verflüchtigte sich der Nebel mit einem erstaunlichem Tempo.

„Das ist …“

Doran hob einen Finger an die Lippen und bedeutete Yi, zu schweigen. Gerade als die Sonne den Gipfel eines entfernten Berges berührte, lag das Tal unverhüllt vor ihnen. Yi schlug die Hände vor den Mund und sog scharf Luft ein, so unfassbar war das Geschehen vor ihm.

„Warum löst sich der Nebel auf?“ Dorans Hände ruhten auf dem Heft der Flamberge. „Vielleicht gedenken die Geister an jenen bedeutsamen Sonnenuntergang vor unzähligen Sommern …“

Den erbittertsten Kampf, den Yi in all seinen fünfzehn Sommern gesehen hatte, war der eines Jägers gegen einen wilden Keiler. Ersterer hatte dabei seinen Finger verloren, Letzterer seinen Kopf. Soweit Yi wusste, war Ionia schon immer ein reines, friedliches Land gewesen, ein Symbol für Harmonie. Doch das, was vor ihm lag, strahlte etwas Unreines aus. Es stand völlig im Gegensatz zu dem Ionia, das Yi kannte.

Zahllose Klingen steckten im Boden. Dieser gewaltige Wald aus Waffen begann gerade einmal zehn Schritte vor ihnen und erstreckte sich über die gesamte Länge des Tals bis zum Fuß des fernen Gebirges. In ihrer Mitte ragten zehn große Zweihandschwerter aus dem Boden. Wobei „groß“ ihnen nicht gerecht wurde. Sie waren gigantisch. Da die Spitzen der Schwerter in der Erde vergraben lagen, konnte Yi ihre volle Größe nicht einschätzen, doch ihre Hefte allein waren so groß wie erwachsene Schwertkämpfer und das sichtbare Ende der Klingen war so lang wie sieben oder acht und damit so hoch wie die Große Pagode von Wuju.

„Vor vielen, vielen Jahren wurde hier eine Schlacht ausgetragen.“ Doran klopfte Yi auf die Schulter. „Die Kämpfer haben ihre Waffen hier zurückgelassen. Die Geister schützen sie davor, von der Zeit zersetzt zu werden. Im Laufe der Jahrtausende wurde dieses Land zu einem heiligen Ort. Mit der Zeit pilgerten nach und nach jene hierher, die geschworen hatten, nie wieder an der Gewalt und dem Blutvergießen des Krieges mitzuwirken, um ihre Klingen in den Boden zu stecken.“

Yi sah sich um. „Ich habe noch nie von so einem Ort gehört …“

„Das ist auch alles schon sehr, sehr lange her. Einige dieser Waffen könnten älter als deine letzten bekannten Vorfahren sein. Heutzutage gibt es kaum noch jemanden, der sich an diese Tradition erinnert. Und die meisten von denen, die es doch tun, möchten die Geister nicht stören.“

„Warum kommst du dann hierher, Meister Doran?“

„Es ging das Gerücht um, dass die Geister von Nebenfall Waffen segnen und so stärker machen würden. Als ich endlich zum ersten Mal meinen Weg hierher gefunden hatte, wurde mir klar, dass eigentlich das Gegenteil der Fall ist. Die Schlacht von einst hat das Gleichgewicht dieses Ortes zerstört. Deshalb hassen die Geister im Tal Gewalt. Sie segnen zwar die Waffen, aber diese Segen verlieren in dem Moment ihre Wirkung, in dem mit den Klingen Blut vergossen wird. Als die Schwertschmiede dies verstanden hatten, reiste kaum einer noch hierher. Ich bin der Einzige, der den Geistern Segen entlocken konnte, die auch anhalten. Hast du erkannt, woran das liegt?“

Yi nickte. „Weil du nur Waffen für Wuju-Schwertkämpfer fertigst, und wir vom Blutvergießen und Töten absehen.“

„Richtig. Genau deshalb bin ich in Wuju geblieben. Mein ganzes Leben lang wollte ich die besten Klingen der Welt anfertigen, aber sie sollten nicht in Schlachten genutzt werden. Nur ihr Wuju-Schwertkämpfer teilt meine Auffassung von Waffen.“ Doran deutete auf den Bambuskorb auf Yis Rücken. „Oh, den kannst du jetzt absetzen.“

Yi war froh, seine Schultern von der schweren Last befreien zu dürfen.

„Die stecken wir heute hier in den Boden, damit sie gesegnet werden. Unter ihnen ist auch die Klinge, die ich für dich gefertigt habe. Dann sammle ich die Schwerter ein, die ich letztes Mal hiergelassen habe.“

Die beiden drangen tiefer in das Tal vor. Als sie sich der Mitte des Schlachtfelds näherten, sah Yi seltsame Waffen aus dem Boden emporragen. Einige muteten wie herkömmliche Klingen an, doch sie waren entweder zu groß oder zu klein, um von jemandem wie Yi geführt zu werden, während andere zwar die richtige Größe zu haben schienen, aber dafür in Formen geschmiedet waren, die er noch nie gesehen hatte. Er fragte sich, wer sie wohl benutzt haben mochte.

„Sieh nur! Wir sind da. Das ist mein Garten!“

Doran zeigte auf ein einschneidiges Schwert mit einer prachtvollen Parierstange. Die Waffe eignete sich für einen menschlichen Schwertkämpfer und sah viel neuer aus als die anderen, als wäre sie gestern geschmiedet wurden.

Bei genauerer Betrachtung sah Yi etwas noch Interessanteres: Ein Papieramulett baumelte, mit einem dünnen, roten Faden befestigt, vom Griff herab. Da bemerkte er, dass diese Papieramulette auch andere Schwerter zierten. Normalerweise dienten sie für Gebete und Segen. Heute sah Yi sie zum ersten Mal an Waffen.

Doran zog das einschneidige Schwert vorsichtig aus der Erde und nahm das Amulett ab, das er dann wiederum behutsam auf den Boden legte. Nach einer genauen Begutachtung der Klinge drehte er sich zu einem weiteren feststeckenden Schwert und wiederholte den Prozess wie ein Bauer, der seine Feldfrüchte erntete.

Als würde er Reisstängel umpflanzen, dachte Yi. Er krempelte die Ärmel hoch und umfasste den Griff eines Langschwerts, an dem ein Amulett befestigt war.

„Nicht anfassen!“, rief Doran. „Das wurde von einem anderen Schwertschmied zurückgelassen. Es ist schon eine ganze Weile hier. Lass es im Boden stecken.“

Yi gab die Waffe frei, aber dabei rollte er versehentlich den roten Faden auf, der das Amulett am Heft befestigte. Er nahm das Papier in die Hand und las den ionischen Text darauf. Es war ein einfaches Gedicht:

Ohrenbetäubender Donner im Frühling;

Sintflutartige Regen im Sommer;

Östliche Sturmwinde im Herbst;

Schwebender Schnee im Winter.

Yi runzelte die Stirn. „Was ist das?“

Der alte Mann schaute auf, während er sich am Korb zu schaffen machte. „Das ist ein Gedicht, das der Schwertschmied geschrieben hat. Was hältst du davon?“

Yi schaute es sich genauer an. Der Verfasser beherrschte Kalligrafie und Poesie sicherlich besser als der Durchschnitt, doch das Gedicht las sich eher wie eine Tischrede. „Es ist ganz annehmbar. Aber warum werden hier Gedichte dargelegt?“

„Damit ehren wir die Geister.“ Doran kniete nieder und nahm einen großen Schluck Wasser, bevor er in seine Tasche griff und einen Kalligrafiepinsel voller vertrockneter Tinte hervorholte. Er feuchtete ihn mit seiner Zunge an. „Wenn die Geister in Wuju Poesie verstehen, warum sollten die hiesigen es nicht können?“ Doran deutete auf die drei leeren Amulette, die vor ihm auf dem Boden lagen. „Die Schwertschmiede, die mich gebeten haben, ihre Schwerter hier in den Boden zu stecken, haben ihre Amulette bereits vorbereitet, also muss ich nur noch die Gedichte für meine Waffen schreiben.“

„Meister Doran, du schreibst die Gedichte? Bedeutet das etwa, dass du dich doch mit Lyrik auskennst?“ Yi ging zu Doran hinüber, als dieser mit dem Schreiben begann. „Also hast du mich nur auf den Arm genommen, als du sagtest, du wüsstest nicht, wer Buxii ist.“

Der Handwerker schenkte ihm ein durchtriebenes Grinsen. Seine Kalligrafie war unbeherrscht, in kühnen Strichen flog der Pinsel über das Papier. Schnell nahm ein längerer Vers Form an.

„Mal sehen.“ Yi bückte sich hinunter und las laut vor. „Heute keine Kriege, nur ein Schluck Wein, um die Enteneier runterzuspülen. Schmeckt lecker …“ Er konnte seine Entrüstung nicht zurückhalten. „Doran! Meister! Was schreibst du da?“

Doran fuhr sich voller Stolz durch den Bart. „Gefällt es dir?“

„Das hat nichts mit Dichtkunst zu tun!“ Yi gestikulierte wild durch die Luft. „Da ist kein Rhythmus, kein einziger Reim, die Zeilen beziehen sich nicht aufeinander, nicht einmal das grundlegende Format eines Gedichts ist zu erkennen!“

„Der wichtigste Teil eines Gedichts ist das Gefühl, nicht die Form.“ Doran grinste und stieß ihm mit einem Finger gegen die Brust. „Es geht um das Thema, von dem das Herz erzählen will. Rhythmus und Reim sind nur zierende Schnörkel.“

Yi starrte ihn fassungslos an. „Aber … Das, was du geschrieben hast … Wo stecken da die Gefühle? Wo das Thema?“

„Es geht um meine Erfahrung mit dem Krieg.“ Doran schaute mit leerem Blick auf das Amulett. „Wenn du später mal ein alter Mann wie ich bist, der zu viel Blutvergießen und Tod gesehen hat, wirst du verstehen, warum ein Schluck Wein und ein Entenei eines Gedichts und des Lobs würdig sind.“

Yi hob eine Augenbraue und wandte sich zu den anderen Waffen mit Amuletten. Hatten diese Schwertschmiede etwa auch so fragwürdige Poesie verfasst?

Er ging zu einem anderen Schwert und las sich die Inschrift des Amuletts durch. „Unerschöpfliche Schrecken und Dämonen, an der Seite von unermüdlichen Bösartigkeiten und Schurken …

Dieses Gedicht hing an einer Zeremonienklinge, die nicht für den Kampf gedacht war. Basierend auf dem Vers glaubte Yi, dass sie einem Zeremonienmeister oder umherstreifenden Schwertkämpfer gehören könnte.

Doran, der noch immer ganz in seine eigene Schreiberei vertieft war, warf dem jungen Mann einen kurzen Blick zu. „Oh, das ist von Laka. Sie ist im Plazidium berühmt. Ihre Schwerter kosten ein Vermögen.“

Yi war noch nie im Plazidium von Navori gewesen, aber er hatte gehört, dass Händler es als „Zuflucht“ bezeichnet hatten. Vielleicht war es noch etwas größer als Wuju?

Er ging zu einer weiteren Zeremonienklinge, die wohl als Gehstock benutzt wurde. Der Griff aus Teakholz verströmte einen erfrischenden Geruch von Minze, der wohl Insekten fernhalten sollte.

Blindes Vertrauen verdirbt Seelen;

Blinde Treue verdirbt Leben.

Wenn des Metzgers Messer auf den Boden schlägt,

Sind alle verwundet, und das Selbst zerstört.

Yi hatte erst den halben Vers gelesen, als Doran ihn unterbrach. „Das dürfte von Morya sein. Er verwendet immer die besten Materialien für die knauserigsten Kunden – Priester, Mönche, solche Leute. Mit jeder Waffe, die er anfertigt, wird er ärmer. Er schuldet mir sogar noch Geld!“

Doran deutete mit seinem Pinsel auf eine Stelle neben Yi. „Ach ja! Sieh dir das mal an! Das ist richtig gut!“

Yi drehte sich um und fand das Schwert, auf das Doran gezeigt hatte: ein Großschwert mit gezackter Klinge, an dessen Heft ein winziges, blaues Amulett hing.

Der Text auf dem Amulett war in einer fremden Sprache geschrieben. Yi konnte nichts außer der Signatur am Ende lesen. Lear stand dort auf Ionisch.

„Lear ist ein absolutes Genie. Er lebt auf den südlichen Inseln und ist sogar schon mal in Zhaun Tip.png Zhaun gewesen“, sagte Doran.

„Wo ist … Zhaun?

„Ah, frag gar nicht erst.“

Nachdem Yi ein Amulett nach dem anderen gelesen hatte, stieß er einen erleichterten Seufzer aus. Anscheinend war Doran die einzige Person in ganz Nebelfall, die so unpoetische Poesie schrieb.

Yi drehte sich zu dem alten Mann. „Meister Doran, die Werke der anderen lassen sich wenigstens als Dichtkunst erkennen. Nur du bist achtlos.“

Doran hielt inne. „Achtlos?“

„Gefühle sind wichtig, aber ein Gedicht zeichnet sich durch seine Form aus.“ Yi sprach mit höchster Ernsthaftigkeit. „Wenn du Gedichte verfassen möchtest, solltest du dich an die Tradition halten. So viel Verbindlichkeit und Respekt sollte man den Geistern gegenüber zeigen.“

„Interessant.“ Doran lächelte. „Dein Meister hat früher mal dasselbe zu mir gesagt … und damals ist er noch nicht das Oberhaupt von Wuju gewesen.“

„Das liegt daran, dass wir beide Wuju-Schwertkämpfer sind.“ Yi plusterte sich auf. „Es ist unsere Pflicht, alte Traditionen zu wahren. Demnach ist es nun meine Pflicht, dir zu sagen, dass du in deinem Tun irrst.“ Yi sah sich um. „Nein, deine Gedichte sind nicht das wahre Problem. Die Tatsache, dass wir hier sind – das ist verkehrt. Meister Doran, du störst diese Geister in der eigennützigen Hoffnung, bessere Schwerter fertigen zu können.“

„Beide Wuju-Schwertkämpfer …“ Doran nickte. „Wie viel des Wuju begreifst du wirklich?“

Yis Frustration kochte über. Er versteckte seine geballte Rechte hinter seinem Rücken und sprach mit einer Stimme, die vor unterdrücktem Zorn zitterte.

„Ich werde erst seit vier Jahreszeiten ausgebildet und verstehe demzufolge kaum etwas von der Kunst des Wuju. Aber was weißt du schon? Du magst ein angesehener Waffenschmied sein, aber du wurdest nicht einmal einen Tag im Umgang mit dem Schwert unterrichtet, nicht wahr? Wer bist du, dass du mein Verständnis des Wuju hinterfragst?“

Doran zeigte sich unverdrossen. „He, interessant. Warum soll ich etwas vom Umgang mit dem Schwert verstehen müssen? Du bist doch der, der heute trainieren soll.“

Yi traute seinen Ohren nicht und machte einen halben Schritt nach vorn. „Trainieren? Du hast mich einen Berg erklimmen lassen, dann musste ich mich ausruhen und jetzt soll ich Schwerter suchen. Wann genau soll dieses Training denn beginnen?!“

Doran war eine Weile still, bevor er seinen Pinsel endlich auf den Boden legte. „Dein Meister hat mir gesagt, dass man das essenziellste Wissen nicht mit Worten lehren kann. Es lässt sich nur durch Offenbarungen lernen. Es war genau dieser Ort, an dem er vor vielen Jahren die Antworten gefunden hat, nach denen er gesucht hatte.“

Der junge Mann erstarrte. Der Waffenschmied spielte auf die Sieben Grundlehren des Wuju, Verkümmerte Blumen gedeihen am besten im Regen, an. Er wartete darauf, dass Doran fortfuhr.

„Ich weiß nicht, wie ihr Wuju-Schwertkämpfer trainiert. Daher habe ich dich gefragt, wie viel du bereits begreifst.“ Doran machte eine Pause. „Oder hast du bisher noch nichts gelernt?“

Peinlich berührt wich Yi seinem Blick aus. „Bitte verzeih, Meister Doran. Hat Meister Hurong dir gesagt, wie er zu seiner Offenbarung gekommen ist?“

„Ich habe nicht gefragt, aber er hat damals ein Gedicht zurückgelassen.“ Doran zeigte auf ein gewaltiges Großschwert, das hinter Yi über das Schlachtfeld ragte. „Es befindet sich an dem Schwert dort drüben.“

Zögerlich ging Yi zu dem Großschwert. Die riesige Klinge war von Kerben und Rissen übersät und irreparabel beschädigt … allerdings musste sie angesichts ihrer formidablen Größe wohl auch nicht scharf sein.

Yi konnte kein Gedicht erkennen, daher machte er ein paar Schritte zur Seite, um es besser betrachten zu können. Dann bemerkte er, dass die Klinge schimmerte. Das Schwert schien aus einer Art Glas zu bestehen. Neugierig streckte Yi seine Hand aus und berührte den strahlenden Schimmer des reflektierten Lichts.

Er blinzelte.

Ein donnerndes Beben erschütterte das Tal, als das kolossale Schwert aus dem Boden gezogen wurde.

Verblüfft trat Yi einen Schritt zurück. Zehn Riesen, ein jeder so groß wie ein kleiner Berg, standen vor ihm. Sie alle waren in goldene Rüstungen und sonderbare Helme gehüllt und dort, wo ihre Augen hätten sein sollen, leuchteten zwei feurige Kugeln auf, die in einem unheilvollen Glühen funkelten. Ihre gigantischen Schwerter reflektierten die Strahlen der untergehenden Sonne. In ihrem prachtvollen Rüstzeug und dank ihrer unerschütterlichen Haltungen sahen sie aus wie Götter, die vom Himmel herabgestiegen waren.

Aus dem entfernten Vorgebirge waren fünfzig weitere Riesen auf dem Weg hierher. Mit den immensen Waffen in den Händen hielten sie vor ihm inne und standen still, als würden sie einen Befehl erwarten.

Als er hinter sich einen Tumult hörte, drehte Yi sich herum, nur um in ein Meer aus Gesichtern zu blicken.

Erst kamen sie ihm vertraut vor. Sie gehörten den Dorfbewohnern von Wuju, nur dass sie verschwommen wirkten, weniger klar, und dass sie wie ein Gemälde aus Wasserfarben im Regen verliefen.

Doch dann wurden ihre Züge klarer und Yi begriff, dass diese Leute anders waren als alle, die ihm bisher begegnet waren. Manche hatten von Federn bedeckte Rücken, andere nur drei Finger und wieder andere eine grüne Haut. Alle waren sie hochgewachsen und sportlich gebaut. Farbenfrohe Kleidung, die teilweise wie schillernde Schuppen aussah, bedeckte ihre ranken Figuren.

Wie gebannt starrte Yi sie an. „Was … Was sind sie?“, brachte er schließlich hervor.

Yi hatte keine Ahnung, wann der Geist, der wie Doran aussah, neben ihm aufgetaucht war, aber plötzlich stand er da und antwortete mit einem eiskalten Blick aus seinen blutroten Augen. „Ihr nanntet sie – uns – die Vastayaschai’rei.“

Yi hatte diesen langen und sperrigen Namen noch nie gehört. Er sah den Geist an, dessen Gewänder ihn wie einen auf zwei Füßen stehenden Kranich aussehen ließen.

Der Geist deutete zu den Vastayaschai’rei. „Wir haben in dieser Schlacht gesiegt.“

Yis Blick fiel auf das Heer der Riesen. „Wie habt ihr gegen diese Ungetüme nur siegen können?“

Der Geist antwortete nicht.

Zehn Älteste, zumindest hielt Yi sie für Älteste dieser sonderbaren Wesen, traten aus den Reihen der Vastayaschai’rei hervor. Eine von ihnen setzte sich an die Spitze, legte eine Handfläche auf den Rücken der anderen Hand und hob ihre Arme über den Kopf. Sie riss ihre Hände auf den Boden und das gesamte Tal erbebte, als ein Spalt die Erde entzweite. Die beiden Armeen waren nun durch eine tiefe Kluft getrennt.

Unterdessen setzten die anderen neun Ältesten ihre eigene Magie ein. Einige begannen zu tanzen, während andere mit überkreuzten Beinen auf den Boden saßen. Heulende Sturmwinde und eine unheilverkündende Decke aus finsteren Wolken zogen über dem Schlachtfeld auf. Donner dröhnte durch das Tal und Blitze zuckten über den Himmel. Am Rand des Spalts rief ein anderer Ältester ein Gewirr aus Ranken herbei, die wie gewaltige Schlangen aus der Erde brachen und sich zu einer Mauer so hoch wie sechs Schwertkämpfer aufbauten.

Derartige Macht über die Elemente kannte man sonst nur aus Mythen. Yi wusste, dass dies eine Vision war, konnte aber sein Erstaunen nicht zurückhalten.

„Was siehst du jetzt?“, fragte der Geist. „Ist das Stärke?“

Yi nickte. „Ja, das ist sie.“

„Doch wir tragen weder robuste Rüstungen noch scharfe Klingen, und wir schreien auch nicht mit der Inbrunst einer blutrünstigen Armee. Wo erkennst du hier Stärke?“

„Ihr ruft die Winde herbei und beschwört Unwetter herauf. Ihr teilt die Erde selbst. Wenn das keine Stärke ist, was dann?“

Der Geist zeigte auf die Riesen. „Du hast mich gefragt, wie man in einer Schlacht gegen diese Ungetüme triumphieren soll. Die eigentliche Frage sollte aber sein, wie sich diese Riesen gegen die himmlischen Kräfte behaupten werden, die dieses Land geformt haben.“

Die Ungetüme ließen sich von der meisterhaften Magie der Vastayaschai’rei nicht beeindrucken. Sie warfen ihre Köpfe in den Nacken und heulten voller Entzücken auf. Die vorderen zehn Riesen hoben ihre gewaltigen Schwerter und stürmten vor. Durch ihre schiere Größe wirkten sie wie eine Gebirgskette, die den Vastayaschai’rei entgegenraste.

Doch die Vastayaschai’rei schreckten nicht zurück. Die Ältesten rückten vor, die anderen dicht hinter ihnen. Einige von ihnen nahmen eine gebückte Haltung an und sprangen dann vor. In der Luft verwandelten sie sich in Vulkodalks, geschuppte Schnapper und Wölfe, bevor sie an Yi vorbeihetzten. Andere nahmen vogelartige Formen an und sausten wie Pfeile durch die Luft. Binnen eines Herzschlags wurden die Vastayaschai’rei zu einer Lawine, die auch Berge unter sich begraben konnte.

Die Riesen waren überraschend wendig. Sie sprangen über den Spalt, ließen den Rankenwall mühelos hinter sich und stürzten sich kühn in die Armee aus Tieren.

Jeder Streich ihrer Schwerter war eine unaufhaltsame Kraft. Die Vorhut der Vogelkrieger fiel scharenweise, und dennoch schlugen ihre Brüder und Schwestern unbeirrt den ihren Flügeln und erschufen verzauberte Klingen aus Wind, die flache, rote Kerben in die Lücken zwischen den Rüstungen der Riesen schlugen. Einen Menschen würden diese Angriffe zerteilen, doch die Riesen wurden kaum langsamer.

Die Vastayaschai’rei am Boden zeigten sich ebenso unerschrocken wie ihre fliegenden Kameraden. Einige der geschuppten Schnapper preschten auf die Riesen zu und warfen sie mit ihrer eigenen Masse zu Boden, während die Vulkodalks mit ihren Hörnern und messerscharfen Zähnen ihre Feinde zerfetzten.

Gewaltige, wie Pfeile zugespitzte Bäume brachen aus der Erde hervor und ließen ihre Äste wie Peitschen knallen. Donner brodelte in der Luft und heftige Blitze krachten mit himmlischem Zorn so gewaltvoll in den Boden ein, dass sie Krater hinterließen. Doch nicht einmal dieses apokalyptische Geschehen konnte die Riesen aufhalten. Ranken fesselten ihre Füße, Bestien kletterten über ihre Leiber und einige von ihnen wurden gar auf die Knie oder zu Fall gebracht, und doch kämpften und heulten sie sich Meter um Meter vorwärts. Sie wirkten geradezu angestachelt und nahmen noch mehr Schwung auf, als sie über unzählige Kadaver traten und eine Lücke in die Reihen der Tierarmee schlugen.

Der Geruch von Blut hing in der Luft, ein metallischer Geschmack, der real wirkte.

In diesem Moment bemerkte einer der Riesen Yi. Die feurigen Augen des Monstrums funkelten wütend, als es direkt auf ihn zukam. Fassungslos machte der junge Schwertkämpfer einen Schritt zurück und nahm eine Verteidigungshaltung ein.

Während der Riese näher und näher kam, legte der Geist eine Hand auf die Scheide von Yis Schwert.

„Winde und Regen. Blitz und Donner. Lawinen. Selbst unser Körper. Alles sind lediglich Formen. Wenn du nur ihre Essenz findest, sind alle Formen stets nur einen Steinwurf entfernt. Genauso einfach kannst du deiner Klinge Kraft einflößen.“

Während der Geist sprach, wurden die Schritte des Riesen langsamer, genau wie der Angriff der Vastayaschai’rei. Selbst die Blitze wurden träge, bis jegliche Bewegungen um Yi herum zum Erliegen kamen.

Dann begriff er. „Du meinst …“

„Den Wuju-Stil.“ Der Geist nickte. „Der Wuju-Stil zieht seine Kraft aus dem Geisterreich. Auf diese Weise haben auch die Vastayaschai’rei ihre Gestalten geändert und die Elemente manipuliert. Der einzige Unterschied ist das Ausmaß der verwendeten Kraft. Ich weiß nicht, wer den Wuju-Stil begründet hat, aber er muss ein bemerkenswerter Magier gewesen sein.“

„Das ist unmöglich!“, rief Yi. „Wir sind Schwertkämpfer, keine Magier.“

„Formen! Es spielt keine Rolle, ob sie als Magier, als Priester oder als Mönche bezeichnet werden, am Ende nehmen sie alle nur Formen an“, sagte der Geist verärgert. „Das Herz von Wuju ist Magie. Das Herz der Wuju-Lehre sind die Leute, die diese Magie einsetzen. Jede Kampfhaltung, jede dichterische Arbeit, jede Meditation, die du erlernt hast, dient nur dieser Magie.“

Yi wollte die Behauptungen des Geists anfechten – schließlich war Präzision in den eigenen Bewegungen ein essenzieller Teil des Wuju! –, doch dann wurde ihm klar, dass dies keine Diskussion war. Dieser Geist lehrte ihn offensichtlich die Kunst des Wuju. Das musste das Training sein, von dem sein Meister gesprochen hatte!

„Und wie nutze ich diese Magie?“, fragte Yi. „Ich habe keine Probleme mit dem Schwert oder der Meditation, also warum kann ich keine Kraft aus dem Geisterreich gewinnen?“

„Aber Schwertkunst und Meditation sind dein Problem.“

Der Geist nahm das Heft von Yis Schwert, zog die stumpfe Klinge und führte mit Anmut eines Meisters verschiedene Haltungen aus. Yi nahm an, er würde ihm ein paar Manöver zeigen wollen, doch stattdessen brach der Geist das Schwert entzwei und warf es auf den Boden.

„Nicht das Schwert ist der Träger der Magie, sondern du. Du konzentrierst dich zu sehr auf deine Schwertkunst und deine Meditation und lenkst so all deine Aufmerksamkeit auf diese nutzlosen Formen. Genau deshalb fehlt dir der Instinkt, den jeder Wuju-Schwertkämpfer haben sollte.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Vergiss das Schwert. Vergiss den Feind. Vergiss alles, was dein Meister dir beigebracht hat“, sagte der Geist. „Und in dem Augenblick, in dem du mit dem Geisterreich in Kontakt trittst, vergisst du sogar, dass du meditierst. Frage dich nicht bei jeder kleinen Bewegung, ob sie richtig oder falsch ist.“

Plötzlich entzündete sich das chaotische Feuer der Schlacht erneut. Der Riese wurde wieder schneller und kam mit erhobenem Schwert direkt auf Yi zu. Und er hatte nichts außer einer hölzernen Scheide, um sich zu verteidigen.

„Jetzt bist du an der Reihe.“ Der Geist machte einen Schritt zurück. „Frage dich, wie du einen Gegner besiegen kannst, der um ein Vielfaches stärker ist als du.“

Yi zog die Scheide wie ein Schwert und nahm eine Kampfhaltung ein. Sein Atem wurde flacher.

Die Schritte des Riesen ließen den Boden erbeben. Das ist nur eine Vision, rief Yi sich ins Gedächtnis, doch er konnte kaum gleichmäßig und ruhig atmen.

Er spürte die Magie des Geisterreichs um sich herum tosen, als stünde er in einem mächtigen Strom. Bislang hatte sich ihm diese Kraft entzogen, wenn er versucht hatte, sie über sein Schwert zu kanalisieren.

Doch das Schwert war nur eine Form, genau wie die Scheide.

Genau wie ich.

Wie kann ich einen Gegner besiegen, der um ein Vielfaches stärker ist als ich?

Indem ich zum Strom werde.

Das Monstrum schwang sein Schwert in einem mächtigen Hieb.

Beinahe instinktiv hob Yi seine Scheide, um den Angriff abzuwehren. Als das Schwert auf die Scheide traf, erzitterte sein Körper durch die Wucht des Aufpralls. Doch er blieb aufrecht stehen. Er hatte dem Hieb nicht nur standgehalten, sondern mit seiner hölzernen Scheide auch irgendwie eine Kerbe in die gewaltige Waffe des Riesen geschlagen.

Von diesem Erfolg ermutigt änderte Yi seine Haltung und schlug mit der Scheide diagonal nach dem Schwert. Er versetzte der Riesenklinge eine tiefe Furche. Der Riese zögerte, dann zog er seine Waffe zurück, um sie zu betrachten. Als er sah, dass sie beschädigt war, brüllte er vor Wut und Verwunderung auf. Seine feurigen Augen unter dem Helm wurden matter.

Yi konnte genauso wenig fassen, was hier passierte. Er fuhr mit seinem Zeigefinger sanft über die Seite der Scheide. Dort war kein einziger Riss oder Splitter zu spüren, doch er schnitt sich die Fingerspitze auf, als wäre er an einer scharfen Klinge entlanggefahren.

„Spürst du sie?“ Der Geist trat vor und griff nach Yis Hand, um seinen blutigen Finger emporzuhalten. „Die Kraft, die deinem Willen folgt?“

Er nickte.

„Behalte dieses Gefühl im Kopf und lenke es vom Boden unter deinen Füßen auf dein Ziel.“ Der Geist deutete auf den Riesen. „Greife mit deinem Herzen und deinem Körper an, nicht mit deiner Klinge.“

Zwar sprach der Geist noch immer in seiner Auffassung der Formen, doch Yi hatte es jetzt verstanden.

Der Geist trat einen Schritt zurück, als der Riese erneut angriff. Dieses Mal kniete er nieder und schwang sein Schwert am Boden entlang, als würde er mit einer Sense die Ernte einfahren.

Jetzt war Yi vollkommen konzentriert. Er hielt den Atem an, ging auf ein Knie und hob die Arme über den Kopf, um seinen Oberkörper mit der Scheide zu schützen. Während des Trainings hatte er den Zweck dieser Haltung nie verstanden, doch nun war der Groschen gefallen und hatte ihm Klarheit gebracht.

Gerade als das Schwert des Riesen auf seine Scheide treffen sollte, sprang Yi auf die Beine und hielt die Waffe vor sich. Er preschte mit der Kraft eines Tsunamis vor, warf sich dem Angriff des Ungetüms entgegen und schlug mit seiner Scheide gegen das Schwert.

Als Yi seine Haltung schließlich aufgab und seine Waffe verstaute, war die abgetrennte Hälfte der Riesenklinge bereits wie ein Kinderdrachen mit einem Loch zu Boden gefallen.

Die Wucht des Angriffs brachte auch den Riesen zu Fall. Er wollte gerade wieder aufstehen, als ihn ein Blitz in den Rücken traf und Dutzende Vastayaschai’rei über ihn herfielen. In den Augen des Monstrums funkelte Zorn … und Furcht.

Yi starrte auf seine Hände und schüttelte verwundert den Kopf. „Ich fühle mich, als könnte ich einen Berg durchtrennen!“

Der Geist nickte. „Keine Rüstung hält den Angriffen eines Wuju-Schwertmeisters stand. Solange du nur genug Kraft beziehst, kannst du in der Tat einen Berg, einen Wald oder gar die gesamte Welt spalten.“

Yi war so begeistert, dass er seine Fäuste ballte und beinahe anfing, zu tanzen. Der Geist schien seinen inneren Ausbruch zu bemerken und räusperte sich hastig. „Aber vergiss nicht, dass dies alles eine Vision ist.“

„Ähm, ja, natürlich.“ Yi runzelte die Stirn. Was für seltsame Worte für einen Geist.

„Die Kraft, die Menschen aus dem Geisterreich gewinnen können, ist nicht grenzenlos. Deshalb …“ Ein Grinsen zeigte sich auf dem Gesicht des Geistes. „… würde ich vorschlagen, dass du die Flucht ergreifst, wenn dir so ein Gegner begegnet. Vermutlich könntest du ihm nicht einmal einen Zehennagel abtrennen.“

„Gut möglich.“ Yi rieb sich den Hinterkopf. „Verstehe.“ Bahrl war ohnehin ein friedlicher Ort. So einen Gegner würde er nie vernichten müssen.

„Ich habe bereits viele Wuju-Schüler gesehen, aber du tust dich unter ihnen hervor. Verschwende dein Leben nicht mit sinnlosen Unterfangen.“ Der Geist legte seine Hände sanft auf Yis Schultern und musterte ihn. „Ich kann dir noch etwas beibringen, wenn du möchtest.“

Yis Augen strahlten auf. „Unbedingt!“

„Du bist in Bahrl aufgewachsen, von daher …“

Plötzlich war Yi wieder in Nebelfall und starrte auf die riesige Klinge im Boden.

Er war völlig von Wasser durchnässt – von Wasser aus Dorans Trinkschlauch, das dieser ihm soeben ins Gesicht gespritzt hatte.

„Ich hab dich ein paar Mal geschüttelt, aber das hat nichts gebracht, also musste ich andere Saiten aufziehen.“ Doran lächelte, als er Yi den Schlauch gab. „Komm, trink einen Schluck. Danach geht’s dir besser.“

Yi schaute zum Himmel empor und stieß einen langen Seufzer aus. „Bei den Göttern! Meister, hättest du nicht noch einen Augenblick warten können?!“

„Was?“, fragte Doran. „Warst du etwa gerade dabei, einen Riesen zu erschlagen oder so?“

„Ich war kurz davor, zu lernen …“ Yi erstarrte. „Moment mal! Meister Doran, du … du hast die Vision auch gesehen, nicht wahr? Die Schlacht mit den Riesen?“

„Dein Meister hat davon gesprochen. Anscheinend sind Wuju-Schwertkämpfer die einzigen, die hier solche Visionen haben.“ Doran lehnte sich nach vorn. „Du wirkst aufgeregt. Ich nehme an, du hast etwas entdeckt?“

Yi blickte auf seine Scheide hinab und zog sein stumpfes Schwert. Er stand vor der gewaltigen Klinge, schloss seine Augen und nahm einen tiefen, andächtigen Atemzug, als wäre er ein Priester vor seinem Abendgebet. Nach einigen Augenblicken hob er sein Schwert und schlug mit der von Magie erfüllten Waffe zu. Sein Hieb war so stark, dass er durch das Schwert des Riesen entzweite. Nur noch ein Bruchteil blieb in der Erde zurück.

Doran sog scharf Luft ein. „Donnerwetter!“

„Wie war das?“ Ein fast schon selbstgefälliges Grinsen breitete sich auf Yis Gesicht aus.

„Mit wem hast du geredet?“, fragte Doran mit hochgezogener Augenbraue.

Yi wollte ihm gerade verraten, dass es ein Doran verblüffend ähnlich sehender Geist gewesen war, als ihn plötzlich die Inspiration traf. „Meister Doran! Dürfte ich mir deinen Pinsel ausleihen?“

Doran drehte sich, um den in Tinte getränkten Pinsel zu nehmen, und gab ihn Yi. „Wozu? Willst du ein Gedicht über deine Gefühle schreiben, wie es dein Meister getan hat?“

Yi spürte das Gewicht des Pinsels in seinen Händen, bevor er zu den Überresten des Riesenschwertes zurückkehrte. Bevor er begann, strich er mit einer Handfläche darüber und bemerkte kaum wahrnehmbare Spuren, die wohl von Tinte stammten. Der Wind und der Regen würden sämtliche Kalligrafie, die jemand hier aufschrieb, verschwinden lassen. Aber das spielte keine Rolle. Was er auch verfasste, es war nicht für die Augen anderer Besucher bestimmt.

„In dem Gedicht, das mein Meister geschrieben hat, ging es nicht um Gefühle“, sagte Yi, als er das erste Wort niederschrieb. „Es ging um seine Dankbarkeit.“

Als Yi fertig war, hatte Doran die Schwerter bereits im Bambuskorb verstaut und wollte diesen gerade auf seine Schultern nehmen. Yi eilte an seine Seite, um die Last zu übernehmen, aber Doran winkte ab.

„Ich werde ihn tragen. Schließlich ist dein Training für heute beendet.“

Yi nickte. Er schaute auf die Klingen, die Doran zurückließ, damit die Geister sie segneten.

„Meister, welche davon ist meine?“

„Keine. Die Klinge, die ich für dich gefertigt habe, bekommt stattdessen einer der jüngeren Schüler.“

„Bitte?“ Yi konnte es nicht fassen. „Ein jüngerer Schüler? Welcher?“

Doran prustete, drehte sich um und ließ Yi zurück.

Yi rannte ihm nach. „Aber warum denn, Meister?“

Der alte Waffenschmied wirkte abgelenkt, als er seufzte und einige Worte murmelte, die nur er hören konnte.

„Weil sie für dich nicht mehr die richtige ist, Junge.“

Referenzen

Geschichte und Ereignisse
Advertisement