Graves Destiny und Fate.jpg
BearbeitenBildReferenz

Bilgewasser Tip.png

Kurzgeschichte

Destiny und Fate

Von Anthony Reynolds Lenné

Ah, Bilgewasser.


Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ach, Bilgewasser Tip.png Bilgewasser. Selbst in den besten Zeiten ist Bilgewasser eine hassenswerte, stinkende Jauchegrube voller Mord und Verrat … Verdammt, ist das schön, wieder zu Hause zu sein. Mit dem offenen Meer im Rücken rudere ich in die Bucht, direkt auf Lichter der Hafenstadt zu, die in der Ferne wie Katzengold glitzern. Wir hatten in Valoran, genauer gesagt in der Piltover Tip.png Stadt des Fortschritts und seiner hässlicheren Zhaun Tip.png geknechteten Schwester, Aufträge erledigt, aber das Pflaster war uns zu heiß geworden. Außerdem bot uns der Prinz diesen äußerst lukrativen Auftrag an, und so viel Geld konnten wir uns einfach nicht entgehen lassen. Viel zu viel Geld für etwas, das mir ein sinnloses Unterfangen zu sein scheint. Die Sache muss – natürlich – einen Haken haben. Aber wie gesagt, die Belohnung ist nicht zu verachten. Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir zurückgekehrt sind. Als wir das letzte Mal hier waren, endete unser Abenteuer ziemlich explosiv. Sarah Fortune Sarah Fortune hatte uns alle hereingelegt – mich mich, T.F. T.F. und Gangplank Gangplank. So wie sie hat noch niemand diesen gottverdammten Psychopathen aufs Kreuz gelegt. Sie hat ihn mitsamt seinem Schiff in Stücke gesprengt, und ganz Bilgewasser war Zeuge. Und Twisted Fate und ich waren ganz in der Nähe. Reines Glück, dass wir überlebt haben. Natürlich habe ich ein Hühnchen mit ihr zu rupfen, aber ich muss zugeben, dass sie mir mit dieser Aktion ordentlich imponiert hat. Sie zieht jetzt die Fäden in der Stadt, habe ich gehört. Nur noch ein paar Kapitäne, die sie auf Spur bringen oder in der Bucht von Bilgewasser versenken muss. Nicht mehr viele glauben, sie könnten den Versuch unternehmen, den inoffiziellen Thron für sich selbst zu beanspruchen. Einer von ihnen ist unser alter Freund, der Prinz … „Könntest du zumindest versuchen, dich auf den Auftrag zu konzentrieren? Wir kommen vom Kurs ab.“ Ich sehe zu T.F. hinüber. Während ich mich abrackere, hat der selbstgefällige Bastard es sich bequem gemacht und lässt gedankenverloren seine Spielkarten durch die Hände gleiten. Er ist sowieso zu dürr, um am Ruder zu sitzen. Aber es macht mich wütend, wie er mich kritisiert und sich dabei entspannt zurücklehnt wie ein hoher demacianischer Lord. Vor allem, weil er Recht hat. Die Strömung hat uns viel zu weit nach Süden abgetrieben, was bedeutet, dass ich besonders kräftig rudern muss, um uns wieder auf Kurs zu bringen. „Ihr könnt das Ruder gerne übernehmen, mein Herr“, knurre ich. „Keine Zeit“, antwortet er und legt drei Karten verdeckt auf das umgedrehte Fass vor ihm. „Bin beschäftigt.“ Finster blicke ich über meine Schulter, um mich zu orientieren. Wir durchschiffen ein Gebiet mit vielen scharfkantigen Felsen, die wie Messerklingen aus dem Meer ragen. Das größte Problem sind natürlich die Felsspitzen unterhalb der Wasseroberfläche. Wie immer sind die versteckten Klingen die tödlichsten. Man nennt sie die „Witwenmacher“. Über die Jahre haben sie viele Opfer gefordert. Man sieht sogar noch die Überreste der Schiffe, die an ihnen zerschellt sind: zerbrochene Mäste, die verkeilt zwischen den Felsen stecken, Planken, die Wasserwirbel umkreisen, verrottete Bordnetze, die sich an rasiermesserscharfen Felsspitzen verheddert haben. Die meisten dieser Schiffbrüche sind nur passiert, weil die verdammten Kapitäne keinen Buhru-Wellenflüsterer bezahlen wollten, der sie sicher in den Hafen geleitet. Keine gute Entscheidung. Zum Glück versuchen wir nicht mit einem Schiff, das von Bug bis Heck mehr als drei Meter misst, diese Witwenmacher zu umschiffen. Das undichte Ruderboot heißt Unerschrocken, und ich muss zugeben, dass ich es in der Stunde, seit wir uns kennengelernt haben, ehrlich lieb gewonnen habe. Schön ist es nicht gerade – leicht verrostet, der Anstrich stellenweise abgeplatzt – aber bis jetzt hat es uns nicht im Stich gelassen, und das will was heißen. Nicht mal über mein Rudern beschwert es sich. T.F. deckt die drei Karten auf, eine nach der anderen. Er runzelt die Stirn, dann mischt er sie wieder in seine Hand. Das macht er nun schon seit wir den Weißen Kai unbemerkt verlassen haben. Irgendwas an den Karten hat ihn wohl erschreckt, aber ich denke nicht weiter darüber nach. Unser abendlicher Hafenausflug wird zu nichts führen, aber wir müssen zeigen, dass wir es zumindest versucht haben. Ich bin nur verdammt froh, dass wir die Hälfte der goldenen Kraken im Voraus bekommen haben. Ich gehe nämlich davon aus, dass wir keine mehr kriegen werden. Aber das ist schon in Ordnung. Leicht verdientes Geld. Ein Schwall Meerwasser von meinen Rudern trifft T.F. im Gesicht. Er hört auf, seine Karten zu mischen, und starrt mich an. „Könntest du wohl etwas besser aufpassen?“ Klar, könnte ich. „Tschuldigung.“ Ich zucke mit den Schultern und rudere weiter. Er setzt den Hut ab und wischt sich über die Wange. Dann wirft er mir einen ernsten Blick zu und setzt den Hut wieder auf. Er zieht ihn tief in die Stirn. Will wohl besonders geheimnisvoll wirken … Ich finde, er sieht aus wie ein Trottel. Ich versuche, mir ein Grinsen zu verkneifen, und stoße eines meiner Ruder ins Wasser zurück. Diesmal erwischt es ihn richtig, volle Breitseite auf den Kopf. Klatsch. „Oh, verdammt noch mal“, schimpft er und funkelt mich böse an. Er steckt sich einen Finger ins Ohr und wackelt damit herum. „Das machst du doch mit Absicht.“ „Ich konnte mich nicht zurückhalten“, antworte ich. „Wie du den feinen Herren markierst, mit deinem ach so edlen Mantel und deinem wöchentlichen Bad … Das provoziert mich irgendwie.“ Ich erwische ihn noch einmal, und sogar etwas mehr als beabsichtigt. Jetzt ist er klatschnass. Wütend steht er auf und droht mir mit dem Finger, doch dadurch bringt er die Unerschrocken ins Schwanken. Schnell setzt er sich wieder hin und krallt sich mit herrlich erschrockenem Blick an den Seiten des Ruderboots fest. In diesem Moment geht all seine gespielte vornehme Haltung und sein cooles Auftreten über Bord. Grinsend schüttle ich den Kopf. Ich muss immer noch darüber lachen, dass einer, der die Hälfte seines Lebens beim Flussvolk und die andere Hälfte in Bilgewasser verbracht hat, immer noch nicht schwimmen kann. Er wirft mir einen tödlichen Blick zu, und sein parfümiertes, sorgfältig geöltes Haar hängt ihm dabei tropfend wie Seegras ins Gesicht. Wieder kann ich mir ein Kichern nicht verkneifen. „Du bist ein Idiot“, sagt er. Ich rudere weiter. Nach einer Weile hören wir vom Hafen von Bilgewasser herüber den dritten Glockenschlag. „Wir sind da“, verkündet T.F., nachdem er seine Karten noch einmal befragt hat. Ich blicke über meine Schulter. Ein zerklüfteter Fels, so groß wie eine kleine Insel, ragt vor uns empor, doch er unterscheidet sich kaum von den anderen. „Bist du sicher?“ „Ja, bin ich“, antwortet er schroff. Wahrscheinlich ist er immer noch sauer, weil er nass geworden ist. „Ich habe es mehrmals überprüft. Die Karten sagen mir immer wieder, dass wir richtig sind.“ Twisted Fate kann allerhand mit seinen Karten anstellen. Er kann sie benutzen, um Orte zu betreten und zu verlassen, zu denen wir keinen Zutritt haben, was uns bei unseren Aufträgen enorm hilft. Einmal habe ich sogar gesehen, wie er eine Karte warf, um einen Wagen explodieren zu lassen, als sei er mit Schießpulver beladen. Aber was er heute Abend gemacht hat, ist waschechte alte Flussvolkmagie. Ich muss sagen, das Ergebnis ist meist recht präzise. Auf T.F.s Geheiß hin navigiere ich die Unerschrocken dicht an der Leeseite des senkrecht aufragenden Felsens vorbei. Durch den Wellengang drohen wir anzuschlagen, aber ich halte das Boot stabil und werfe den Anker aus, sobald T.F. mir sagt, dass wir richtig sind. Der Fels ragt vor uns empor. „So … Und wie kommen wir jetzt da rauf?“ frage ich. „Gar nicht“, sagt er. „Die Karten sagen, dass sich der Schrein innendrin befindet.“ „Ich sehe keinen Höhleneingang.“ Dann sehe ich T.F.s Grinsen und mir wird bange ums Herz. Er deutet aufs Wasser. „Das meinst du nicht im Ernst“, murre ich. Als wir letztes Mal in Bilgewasser waren, wurde ich an eine Kanone gekettet und über Bord gestoßen. Ich dachte, ich würde ertrinken. T.F. hat mich gerettet, aber im allerletzten Moment, und ich habe keine Lust, so etwas noch einmal zu erleben. „Ich fürchte doch, Partner“, sagt er. „Oder wäre es dir lieber, wenn ich da ganz allein reingehe …“ „Damit du dich mit der Beute aus dem Staub machst und den Rest der Belohnung ohne mich kassierst? Nee, lass mal.“ Ich habe nicht vergessen, dass dieser Sohn einer Made mich schon einmal im Stich gelassen hat, mit dem Gold abgehauen ist und ich daraufhin die Konsequenzen allein zu tragen hatte. Die Jahre hinter Gittern bekomme ich nicht zurück. „Ich dachte, du glaubst nicht an die Existenz des Schreins?“ sagt T.F. „Wenn ich mich recht erinnere, nanntest du es ein sinnloses Unterfangen, oder?“ „Na ja, ich halte es immer noch für einen Haufen Pferdemist und Aberglauben, aber für den unwahrscheinlichen Fall, dass es nicht so ist, will ich meinen Anteil.“ Jetzt schmunzelt er, als ich anfange, Mantel und Stiefel abzulegen. Ich überprüfe, ob meine Patronen und Zigarren sicher und wasserdicht verstaut sind. Dann vergewissere ich mich, dass meine doppelläufige Schrotflinte „Destiny“, die ich in Piltover nach meinen Wünschen herstellen ließ, fest in wasserundurchlässige Tücher eingewickelt und bequem auf meinen Rücken geschnallt ist. Ich kremple meine Ärmel hoch. „So. Wo ist er denn, der Tunnel?“

Ich springe ins Wasser. Hoffentlich nicht direkt in einen Schwarm Messerfische. Es ist verdammt kalt und verdammt dunkel, aber ich schaffe es, tiefer zu tauchen. Aus den Augenwinkeln sehe ich Fische und Weißgottnochwas an mir vorbeihuschen. Da. Es ist zwar sehr dunkel hier, aber noch ein Stück weiter unten, da ist eine Stelle, die irgendwie noch dunkler ist. Ein Tunneleingang. Schätze, T.F.s Karten hatten recht. Ich schwimme hinein und merke bald, dass es verglichen mit hier drin da draußen gar nicht so dunkel war. Ich kann nicht mal die Hand vor Augen sehen. Es ist auch ziemlich eng. Bei jedem Schwimmzug schaben meine Fingernägel links und rechts über die glatten Steinwände. Wenn ich zurückblicke, sehe ich den Tunneleingang als bläulichen Kreis. Ich merke, dass ich gerade noch genug Luft übrig habe, um umzukehren und aufzutauchen. Wenn ich jetzt weitertauche, kann ich auf diesem Weg nicht mehr zurück. Wehe, wenn T.F. sich geirrt hat. Wenn ich hier ertrinke, suche ich den Bastard bei der nächsten Graunacht heim, das schwöre ich. Ich sehe Licht vor mir und stoße mich auf dem Tunnelboden ab, im Glauben, einen Weg nach draußen gefunden zu haben … aber nein. Es ist nur eine verdammte Leuchtqualle, deren Tentakel wie tödliche Taue herabhängen. Dem Ding komm ich lieber nicht zu nahe. Ich schwimme weiter, ohne auch nur irgendwas zu sehen. Langsam steigt die Panik wie ein Blutmond in mir auf. Ich stoße auf eine Wand vor mir, und für einen schrecklichen Augenblick denke ich, in eine Sackgasse geraten zu sein. Instinktiv schwimme ich Richtung Oberfläche, um nach Luft zu schnappen, und stoße mir dabei an einem Felsen über mir den Kopf. Und zwar heftig. Die Kälte lindert den Schmerz, aber im Wasser sehe ich Blut. Kein guter Zeitpunkt, um zu bluten. Berserkerhaie können Blut meilenweit riechen … Ich fühle mich gefangen, wie eine Ratte in einem mit Wasser gefüllten Fass. Diesmal ertrinke ich vielleicht wirklich. Es muss einfach einen Weg geben. Ich schlage verzweifelt um mich und taste dann die Wände ab. Offenbar sind in den Stein spiralförmige Muster eingemeißelt worden, aber das interessiert mich im Moment wenig. Die Luft in meinen Lungen fühlt sich an wie Gift, und meine Kräfte verlassen mich langsam, als ich endlich eine Öffnung finde. Ich strample mich hindurch und sehe plötzlich das Mondlicht über mir. Ich schwimme nach oben. Tauche an der Oberfläche auf. Nehme einen tiefen, stockenden Atemzug. Ich lebe! Ich stapfe durchs Wasser und sehe mich um. Ich bin in einer Höhle, die teilweise unter freiem Himmel liegt und daher vom Mondlicht erleuchtet wird. Ich paddle zu einem Felsvorsprung und klettere hinauf. Krebse in der Größe meines Kopfs huschen vor mir davon. Sie haben übergroße blaue Scheren, mit denen sie herumfuchteln, als wollten sie mich verscheuchen. Von mir aus. Krebse mochte ich sowieso noch nie. Bei ihrem Anblick juckt es mich immer. Zu viele Beine. Erst mal das wichtigste. Ich nehme Destiny ab und wickle sie aus den Tüchern. Ich halte sie ins Mondlicht und inspiziere sie kurz, überprüfe Lademechanismus und Abzug. Sieht gut aus. Ich lade ein paar Patronen, und schon sieht die Welt wieder besser aus. Wenn ich die gute Destiny gesichert und geladen in den Händen halte, gibt es nicht viel, wovor ich Angst habe. „Hast dir ja ganz schön viel Zeit gelassen“, höre ich eine Stimme. Ich mache mich schon schussbereit, als ich merke, dass es nur T.F. ist. Er lehnt an einem Felsen und versucht, lässig und aalglatt auszusehen, da er den einfachen Weg gewählt und seine Karten benutzt hat. „Ich hätte mir beinahe in die Hosen gemacht, du verdammter Bastard“, fauche ich. „Du blutest“, sagt er. Ich berühre meinen Kopf. Meine Hand ist voller Blut. „Ich werd’s überleben.“ Hoffentlich habe ich damit recht. Er lässt sich zwar nichts anmerken, aber T.F. sieht mich immer noch an, und ich spüre, dass er sich Sorgen um mich macht. Ich würde das nie zugeben, aber es fühlt sich gut an. „Freu dich nicht zu früh. Mir geht’s gut!“ Ich sehe mich um und bemerke, dass jeder Zentimeter der Mauern mit geschwungenen Mustern verziert ist. Buhru-Mustern. Es dauert einen Moment, bis ich sie deuten kann. „Das sind ganz schön viele Schlangen“, sage ich, obwohl es offensichtlich ist. Hm. Vielleicht ist doch etwas an diesem sinnlosen Unterfangen dran. „Du hältst es immer noch für einen Mythos?“ fragt T.F. Ich grunze nur als Antwort. Auch wenn sich meine Meinung langsam ändert, möchte ich ihm noch keine Genugtuung gönnen. Das Ding, das wir finden sollen, ist nämlich eine Legende aus Bilgewasser, etwas, das kein normaler Mensch für echter hält als den Gezeitentäuscher Gezeitentäuscher oder die Legenden der Beschwörer. Die Tiefseekrone. Man sagt, wer diese Krone trägt, herrscht über die Monster der Tiefe. Und wer über die Monster der Tiefe herrscht, herrscht über die Gewässer um die Schlangeninseln. Und wer über sie herrscht, herrscht naturgemäß über Bilgewasser. Das ist der Grund, warum der Prinz sie unbedingt in seine goldenen Finger bekommen will. Miss Fortune wird seinem Anspruch nicht mehr viel entgegensetzen können, wenn er die Tiefseekrone trägt. „Wo ist denn jetzt der Schrein?“ frage ich. „Da drüben ist ein Gang, der weiter ins Innere führt.“ sagt T.F und zeigt dabei auf die Höhle. „Vielleicht ist er da drin.“ „Hoffentlich muss ich nicht wieder schwimmen“, murmele ich.

Der „Gang“, von dem T.F. sprach, ist nicht viel mehr als ein Riss im Gestein. Der dürre Hering schlüpft hindurch wie eine Flunder. Ich dagegen habe einen stabileren – und wie ich finde, bewundernswerteren – Körperbau und verliere daher beim Versuch, mich hindurchzuzwängen, ein paar Hemdknöpfe. Ich grummle und schimpfe schnaufend, und verfluche dabei die doppelte Portion Fischsuppe, die ich am Abend gegessen habe, als T.F. sich mit dem Finger auf die Lippen tippt, um mir anzudeuten, dass ich still sein soll. Mit einem letzten Grunzen rutsche ich endlich durch und falle beinahe bäuchlings auf den Boden. Der Gestank haut mich um. Es stinkt so übel wie die Innereien und Fischabfälle am Schlachterhafen. Da tränen einem die Augen. Und böse Erinnerungen werden wach. Durch einen Spalt dringt schwaches Mondlicht in die Höhle, aber es ist immer noch duster. Es dauert einen Moment, bis ich die Unmengen an Treibgut sehe, die sich hier drin befinden. Das muss ein wahres Paradies für Sammler sein. Überall Trödel und Ramsch, wohin man auch sieht. Diese Höhle ist größer als die andere, und überall dort, wo nicht gerade ein Haufen unnützes Zeug liegt, sind diese Buhru-Muster eingemeißelt. Noch mehr Schlangen. Ich erkenne ein Schema … Auf der einen Seite ist ein großes Becken mit schwarzem Wasser, das mit dem verdammten Tunnel verbunden ist, in dem ich beinahe abgesoffen wäre. Aber der ganze Krempel hier kann doch nicht einfach angespült worden sein. Nee, den hat jemand hergebracht. Genau genommen kann ich sogar eine merkwürdige Ordnung darin erkennen, wie sie nur einem Geist entspringen kann, der so wirr wie ein Knäuel Seemannsgarn ist. Da sind Fässer und Kisten, Truhen und Netze. Angelgeräte und rostige Harpunen, vergammelte Seile. Muscheln und Steine, zu merkwürdigen Stapeln arrangiert, und Gefäße mit stinkenden Flüssigkeiten und Weißgottnochwas auf einfachen Regalen aus Treibholz. Ein verrosteter Anker wurde an eine Felswand gelehnt, und die krebsbedeckte Galionsfigur eines Schiffs – eine üppige Dame mit Fischschwanz – wurde zwischen ein paar Gesteinsbrocken geklemmt. Durch die abgeplatzte Farbe sieht es aus, als würde ihre Haut sich ablösen. Darüber stehen gebrochene Mäste überkreuz wie schiefe Dachsparren. Daran hängt Seegras neben Bündeln aus sich langsam drehenden Fischgräten und kleinen Zweigen in langen Strängen herunter, Garn und Haar haben sich zu Knoten verfangen, und zerfetzte Bänder aus gammligen Segeln vervollständigen das Bild. Und da, in den Schatten an der hinteren Felswand, kaum zu erkennen hinter all dem Gerümpel, steht etwas, das verdächtig aussieht wie … „Glaubst du, das ist es?“ flüstere ich. Dort steht eine Art Altar, der direkt in eine Felswand gemeißelt worden ist. Er ist einem Schwarm Seeschlangen nachempfunden – rote Flossen, Giftdrüsen, Halswirbel aus Ebenholz, der ganze Schmu. Um ihn herum stehen hunderte verlöschte Kerzen und der Boden ist mit geschmolzenem Wachs überzogen. Ringsherum finden sich Dutzende von Schädeln irgendwelcher Tiere. Ein paar menschliche Schädel sind auch dabei. „Der Tiefseeschrein.“ In T.F.s Stimme schwingt Ehrfurcht mit. Er ist einer vom Flussvolk, war schon immer ziemlich abergläubisch. „Ja, das wird er wohl sein.“ T.F. geht darauf zu. Ich folge ihm vorsichtig und beobachte die Schatten. Ich habe das Gefühl, falls etwas Schlimmes passieren sollte, wäre genau jetzt der richtige Zeitpunkt. Wir scheinen so was förmlich anzuziehen. Natürlich behalte ich auch T.F. im Auge. „Versuch erst gar nicht, dir die Krone unter den Nagel zu reißen“, knurre ich. Er sieht mich böse an, antwortet aber nicht. Dann sehe ich plötzlich etwas, und für einen Augenblick bleibt mein Herz stehen. Auf einer kniehohen Felsplatte in der Nähe liegt eine ältere Frau. Ich hätte sie beinahe übersehen, bevor sie aus irgendeinem Grund meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. „Verdammt“ sage ich atemlos. Jetzt schlägt mein Herz wie eine noxianische Kriegstrommel. Sie liegt auf dem Rücken und ihre Hände sind gefaltet, wie bei einer Totenstatue. So wie sie aussieht, könnte sie tatsächlich tot sein, oder ganz kurz davor. Ihre Kleidung ist halt verrottet, und ihre Hautfarbe ähnelt der eines toten Fischs. Vielleicht liegt es am Licht oder am fehlenden Licht, aber es sieht so aus, als hätte sie unter der durchsichtigen Haut schwarze Adern. „Da drüben, ähm, da ist eine alte Dame,“ flüstere ich. T.F., der am Schrein steht, ist in Gedanken versunken. „Hm?“ murmelt er geistesabwesend. „Ich sagte, da drüben ist eine alte Dame“ wiederhole ich etwas lauter, und schaue, ob sie davon aufgewacht ist. Ist sie nicht. T.F. sieht hinüber. „Was macht sie denn?“ „Sie schläft“ flüstere ich. „Oder sie ist tot. Eins von beidem.“ Ich rieche an ihr und übergebe mich beinahe. „Aber so wie sie stinkt, ist sie wahrscheinlich tot.“ T.F. setzt sein besorgtes Gesicht auf und runzelt die Brauen. Normalerweise macht er das nur, wenn er wirklich schlechte Karten auf der Hand hat, oder wenn er auf seinem überteuerten Jackett, das er in Piltover maßanfertigen ließ, einen Fleck entdeckt. „Dann … lass sie besser Ruhe“, sagt er. Spitzenidee. Ich wechsle das Thema. „Siehst du die Krone irgendwo?“ „Nein.“ Er wendet sich wieder dem Schrein zu. „Sie müsste hier irgendwo sein …“ Ich gehe zu ihm, um ihm bei der Suche zu helfen, da höre ich plötzlich hinter mir die Frau röcheln. Ich drehe mich geschwind um und ziehe Destiny, doch sie rührt sich nicht. Dann lebt sie also. Ich merke, was ich da tue, und ziele nach oben in die Luft. Was wollte ich denn tun, etwa ein schlafendes Großmütterchen erschießen? So übel sie auch riecht, dadurch würden wir bestimmt nur wieder großes Pech auf uns ziehen. Ich wende mich ab, aber zur Sicherheit behalte ich ein wachsames Auge auf die alte Schachtel. Plötzlich trete ich auf etwas. Etwas, das sich bewegt. Etwas, das dumpf aufschreit. Es ist noch jemand hier, begraben unter einem Berg aus verrottetem Segeltuch. Wie ein in die Ecke gedrängter Hund krabbelt er mit ängstlichem Blick von mir davon. Die Art seiner Kleidung und der goldene Ohrring lassen auf einen Seemann schließen, aber einer, der schon lange keine ordentliche Mahlzeit zwischen die Zähne gekriegt hat. Und dann sehe ich die verrostete Schelle an seinem Bein und die Kette, die von der Schelle zu einer Mauer in der Nähe führt. Da er keine Gefahr darstellt, hebe ich Destinys Läufe ein wenig an. Ich nicke T.F. zu, der herumgewirbelt ist und seine glühenden Karten gezückt hat. „Ganz ruhig“, sage ich mit erhobener Hand zum Gefangenen. „Wir wollen dir nichts Böses.“ „Holt mich hier raus“, flüstert er, und sein Blick zuckt zwischen mir und der schlafenden alten Frau hin und her. „Ich will nicht geopfert werden. Ich soll nur nach der Krone suchen! Holt mich hier raus, holt mich hier raus, holt mich hier raus –“ Mit steigender Panik wird auch seine Stimme immer lauter. Wer weiß, wie lange der arme Kerl hier schon angekettet ausharrt? Oder warum? „Nicht so laut, Kumpel“, versuche ich ihn zu beruhigen. „– holt mich hier raus, holt mich –” „Stell ihn ruhig,” faucht T.F. „Warum kommandierst du mich ständig rum, hmm?”, platzt es aus mir heraus und ich drehe mich demonstrativ zu meinem Partner um und strecke ihm einen Finger entgegen. „Ich hab alles im Griff, klar? Ganz genau wie –“ Eine simple Irreführung, eine Technik, die ich übrigens von T.F. gelernt habe. Zieh durch eine plötzliche Bewegung die Aufmerksamkeit des Ziels auf dich. Lenke seinen Blick dorthin, wo du ihn haben willst, damit er nicht das sieht, was er nicht sehen soll. Wie zum Beispiel hier: Der panische Blick des Gefangenen ist auf T.F. gerichtet, daher bemerkt er zu spät, dass ich mich ihm genähert habe. Ich ramme ihm Destinys Kolben direkt ins Gesicht. Der Schlag soll ihn nicht umbringen, nur lange schlafen lassen. Ich werfe einen Blick über meine Schulter, aber die Alte hat wohl nichts mitgekriegt. Bestimmt stocktaub. Der Matrose war allerdings ziemlich aus dem Häuschen. Langsam krieg ich das Gefühl, dass mit ihr irgendwas nicht stimmt … „Gut gemacht“, sagt T.F. Ich nicke ihm zu und knie neben dem bewusstlosen Gefangenen nieder. Er kommt mir irgendwie bekannt vor … „Ich glaube, den kenn ich“, sage ich. Ich reiße an seinem Kragen, und ein paar Knöpfe springen ab. Ja, da ist sie: eine kleine Tätowierung mit zwei gekreuzten Pistolen. „Ja, das ist einer von Missy Fortunes Jungs. Ein hochrangiger sogar. Sie lässt bestimmt ’n ordentliches Sümmchen springen, um ihn zurückzukriegen.“ T.F. grunzt amüsiert. „Offenbar ist nicht nur der Prinz hinter der Krone her.“ „Sieht ganz so aus. Ob sie wohl besser zahlt?“ „Wir müssen sie erst mal finden“, erwidert er. „Was meinte er damit, er soll geopfert werden?“ Ich denke, wenn die alte Frau stark genug ist, um einen von Miss Fortunes Männern zu überwältigen, hatte sie entweder Helfer, die vielleicht noch in unmittelbarer Nähe sind, oder sie hat wesentlich mehr auf dem Kasten, als man vermuten würde. Jedenfalls habe ich keine Lust, hier Wurzeln zu schlagen. „Wir sollten lieber verschwinden“, murmele ich. „Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.“ „Aber wir sind so nah dran!“, erwidert T.F. „Sie ist genau hier, ich weiß es! Gib mir noch etwas Zeit.“ Seltsam, dass diesmal ich derjenige bin, der sich aus dem Staub machen will, und er derjenige, der noch bleiben will. Normalerweise ist es andersherum. Ich werfe der alten Frau noch einen beunruhigten Blick zu, nicke dann aber zögerlich. „Na gut. Aber beeil dich.“ T.F. setzt sich auf den Boden und beginnt, Karten mit der Rückseite nach oben abzulegen, um ein symmetrisches Muster zu bilden. Ich lasse ihn machen und sehe mich solange um. Ich stochere mit Destinys Läufen in dunklen Ecken herum und achte jetzt mehr darauf, wo ich hintrete. Ich finde ein paar alte angelaufene Münzen. Zu meiner Überraschung sind auch ein paar goldene Kraken darunter. Ich stecke sie ein und werfe T.F. einen Blick zu, um mich zu vergewissern, dass er nichts davon bemerkt hat. „Bist du sicher, dass sie hier ist?”, frage ich. T.F. hebt eine Karte auf, um sie mir zu zeigen. Das Bild darauf sieht aus wie … wie eine goldene Krone in Form einer Schlange. „Ich glaube, diese Karte habe ich noch nie gesehen“, sage ich. „Ich auch nicht“, sagt T.F. „Bisher hat sie nicht existiert. Die Krone ist hier. Irgendwo.“ Das mit seinen Karten habe ich nie so recht verstanden. Ich suche weiter, aber irgendwann überkommt mich das Gefühl, dass wir beobachtet werden. Kein angenehmes Gefühl. Ich drehe mich auf der Stelle um und blicke in die Finsternis. Aus dem Augenwinkel heraus meine ich, Bewegungen wahrzunehmen, aber sobald ich genauer hinsehe, steht alles still. Ich versuche, das Gefühl zu verdrängen. Wahrscheinlich sind es nur wieder die Krebse. Trotzdem sollten wir so schnell wie möglich von hier verschwinden. T.F. murmelt etwas und sammelt dann mit einer Bewegung seine Karten ein. Stirnrunzelnd blickt er sich um. „Hast du auch das Gefühl, dass wir beobachtet werden?“ Geht also nicht nur mir so. Bin mir nicht sicher, ob mich das beruhigen oder beunruhigen sollte. Wieder glaube ich, eine Bewegung zu bemerken, dann fällt mein Blick auf einen umgedrehten Eimer auf dem Boden. Hat – hat er sich gerade bewegt? Ich lasse ihn nicht aus den Augen, und da bewegt er sich tatsächlich ein kleines Stück nach vorne und hält dann wieder inne. Ich habe wohl schon so manches in meinem Leben gesehen, aber ich kann nicht behaupten, schon mal einen Eimer gesehen zu haben, der sich anschleicht. Ich trete einen Schritt näher und beuge mich runter. An der Seite ist ein Loch, und … jepp, da ist ein Auge, das mich anstarrt. Ein großes gelbes Glotzauge. „Hab ich dich, du kleiner –“, sage ich und richte Destiny auf das Auge. Was auch immer unter dem Eimer steckt, merkt, dass seine Täuschung aufgeflogen ist, wirft den Eimer um und macht sich aus dem Staub. Beinahe hätte ich geschossen, aber dann merke ich, dass es nur ein verdammter Tintenfisch ist. T.F. gluckst, als das gummiartige Vieh sich mit schmatzenden Geräuschen und überraschender Geschwindigkeit über den Höhlenboden bewegt. Das einzelne Auge starrt mich weiter an, während der Tintenfisch rückwärts davonhuscht. „So was … sieht man nicht jeden Tag“, sagt T.F. Das lange grüne Ding bewegt sich auf die Felsbank zu, auf der die alte Frau schläft. Es streckt seine Tentakel nach oben und beginnt zu klettern. „Pass auf, dass er sie nicht aufweckt!“, zischt T.F. „Was soll ich machen, schießen?“ Meinst du nicht, dass sie dadurch erst recht aufwacht?” T.F. hat eine Karte in der Hand, wirft sie aber nicht, wahrscheinlich weil er nicht riskieren will, die Alte zu wecken. „Ich weiß es doch auch nicht. Halt ihn fest oder so!“ „Nie und nimmer fass ich einen einäugigen Tintenfisch an, Tobias.“ Für die Verwendung seines echten Namens ernte ich einen bösen Blick. „Ich habe dir doch gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst“, sagt er. „Ich heiße jetzt Twisted Fate Twisted Fate, klar? Ich verdrehe die Augen. „So werde ich dich bestimmt nicht nennen. Das ist albern und eingebildet und –“ Als die Alte stotternd grunzt, hören wir schlagartig auf, uns zu zanken. Wir sehen zu ihr rüber und entdecken, wie das schleimige Vieh seine Tentakel um ihr Gesicht wickelt. Mit einem widerlichen Schmatzen stülpt es sich wie eine groteske Haube über ihren Kopf. Sein großes gelbes Auge blinzelt. „Das darf doch nicht wahr sein“, murmele ich. Dann setzt sich die alte Frau schlagartig auf.

Ich gebe offen zu, das Geräusch, das ich von mir gab, als sich die Alte aufgerichtet hat, war vielleicht etwas schriller als mir lieb ist. Es war aber immer noch würdevoller als der Schrei, den T.F. ausstößt. Die Alte reißt ihre Augen auf. Sie sind weiß wie Schlangenmilch. Blind oder nicht, sie wendet sich uns trotzdem zu. „Noch mehr kleine Ratten, die herumschleichen und stehlen?“, sagt sie. Ihr Stimme klingt, na ja, eben so, wie man sich die Stimme einer alten Seehexe mit einem Tintenfisch auf dem Kopf vorstellt. „Freche Ratten, hier gibt es nichts für euch, oh nein …“ „Einen Augenblick bitte, werte Dame“, sage ich, als sie sich zur Seite dreht und ihre nackten Füße auf den Höhlenboden setzt. Destiny ist auf sie gerichtet, aber das scheint sie nicht zu kümmern. „Wir sind keine Ratten und keine Diebe. Na ja, Diebe sind wir schon, aber, also –“ Ich sehe rüber zu T.F. „Jetzt hilf mir doch mal, Mann!“, zische ich. „Wir sind auf der Suche nach der Tiefseekrone“, sagt T.F. „Wenn Sie bitte so freundlich wären, sie uns auszuhändigen, dann machen wir Ihnen auch keinen Ärger.“ Die alte Hexe richtet sich mit Hilfe eines Stabes mit Schlangenkopf auf. Den hatte ich noch gar nicht bemerkt. Sie richtet ihre leeren milchigen Augen auf uns und schenkt uns ein zahnloses Lächeln. „Dumme, dumme Ratten“, sagt sie, sabbernd. „Schon ertrunken. Den Monster der Tiefe versprochen, und sie wissen es nicht einmal.“ Sie stößt ihren Stab auf den Boden. Der Widerhall lässt die Höhle erzittern und breitet sich wellenförmig über das schwarze Wasser aus. Es knackt, als würden eine ganze Menge Stöcke und Zweige zerbrechen, und die Wände erwachen zum Leben. Wesen treten aus der Dunkelheit hervor. Große Wesen. „Krebse,” murmele ich. „Natürlich, was sonst.“ Aber das sind keine normalen Krebse – nicht dass ich etwas mit derart vielen Beinen jemals als normal bezeichnen würde, aber diese Viecher hier sind wirklich ungewöhnlich. Sie sind so groß wie kleine Wagen und erwecken den Anschein, dass sie uns in der Luft zerreißen können und wollen. Sie krabbeln bedrohlich auf uns zu und wedeln mit ihren gigantischen blauen Scheren. Ich muss sagen, so ein Krebs macht schon einen bedrohlichen Eindruck, wenn die Schere groß genug ist, um einen Mann in zwei Hälften zu zerteilen. Aus dem Wasser kommen weitere heraus und wuseln und schnappen und krabbeln seitwärts die Höhle hinauf. „Nimm das, du vielbeiniger …“ Ich brülle und schieße mit der Schrotflinte auf den ersten, der auf uns zukommt. Der Knall ist ohrenbetäubend und schleudert den Riesenkrebs mit befriedigender Gewalt rückwärts. Ein roter Blitz, und T.F. wirft eine seiner Karten, die sich ihren Weg in die Mitte eines Grüppchens bahnt. Sie explodiert und viele von ihnen werden von einem Meer aus magischen Flammen getroffen. Ich lade gerade noch rechtzeitig nach, um ein weiteres dieser wuselnden Biester zu erledigen und seine riesige Schere zu zerbersten. Zersplitterte Krebsschalen und nasses Fleisch spritzen heraus, und das Untier taumelt. Die zweite Patrone zerstört seine Stielaugen und klackernden Unterkiefer, woraufhin es auf den Rücken fällt. Destiny teilt mit ordentlich Schmackes aus, wie der Tritt eines Maultiers. Ein Krebs will T.F. über die Flanke angreifen, und ich rufe ihm eine Warnung zu. Er duckt sich und gleitet unter einer schnappenden Schere hinweg, dann wirft er wieder eine Karte. Sie trifft die Kreatur mit einem goldenen Blitz. Der Krebs hält schlagartig inne und bewegt sich nicht mehr. Ich lade nach und stoße ihn als Krebstartar mit meinen Schüssen ins Wasser zurück. „Wir müssen von hier verschwinden!“ schreie ich. „Nicht ohne die Krone!“ schreit T.F. zurück, während er einer Schere ausweicht. Ich habe das Gefühl, er will mir was beweisen. Typischerweise haut T.F. ab, wenn die Dinge langsam brenzlig werden, und lässt mich im Stich. Aber er schwört, dass er sich geändert hat, und ich schätze, er riskiert den Tod, um es zu beweisen. Nun, das ist einfach nur dämlich. Bewundernswert, aber dämlich. „Die nützt uns nicht viel, wenn wir tot sind!“ rufe ich. Ich will erneut schießen, aber der verdammte Krebs schnappt sich Destiny mit seiner Schere, als ich gerade abdrücken will. Ich treffe versehentlich den Tiefseeschrein und sprenge ihn mit dem Schuss. Die Seehexe, die, wie ich anmerken möchte, die ganze Zeit über wie eine Wahnsinnige gekichert hat, kreischt jetzt wütend. Ich ringe mit dem Krebs, der Destiny in der Schere hält. Ich lasse nicht locker, und der Krebs offenbar auch nicht. Ich knurre. „Das gehört mir, du gemeiner –“ Zwei Karten schießen durch die Luft und trennen jeweils ein Stielauge des Krebses ab. Das lockert endlich seine Umklammerung. Er taumelt blind herum, stößt gegen die Felswände und gegen andere Krebse. Ich nicke T.F. dankend zu, aber er sieht nicht her. Er starrt hinüber zum Schrein. Das heißt, an die Stelle, wo der Schrein gestanden hat. Jetzt ist da nur noch ein Gesteinshaufen. Wie es scheint, war er hohl gewesen, und mein danebengegangener Schuss hat ihn komplett zerlegt. „Na, sieh sich das mal einer an“, sage ich. Sieht so aus, als wäre jemand darin bestattet worden. Jetzt liegen dort nur noch trockene Knochen im Geröll. Auf dem Schädel liegt eine befleckte Krone, die golden schimmert und in Form einer zischenden Schlange gefertigt ist … Ich sehe zur Hexe hinüber. Sie scheint alles andere als begeistert über die Geschehnisse zu sein. Mit finsterem Blick erhebt sie sich vom Boden. Einen Moment lang frage ich mich, ob ich mir den Kopf vielleicht heftiger angestoßen hatte, als ich dachte, und muss ein paar Mal blinzeln, weil ich meinen Augen nicht traue. Aber ich bilde mir das nicht ein. Sie schwebt jetzt einen halben Meter über dem Boden. „Oh“, sage ich. Die Hexe stößt fauchend ihren Stab in unsere Richtung, und über uns öffnet sich ein Loch in der Luft. Zugebenermaßen ergibt das überhaupt keinen Sinn, aber ich kann es nicht besser beschreiben. Das Loch ist ungefähr so groß wie eine Kanonenkugel, zumindest anfangs, aber es dehnt sich rasant aus, wie ein Riss im Rumpf eines Schiffes. Ein eiskalter Schwall Meerwasser strömt heraus, ich verliere den Halt und gehe in die Knie. Und da bewegt sich etwas in dem Loch! Ein gewaltiges gelbes Auge erscheint, die Pupille verengt sich deutlich, als es hindurchstarrt. Sieht genau aus wie das Auge des Tintenfisches auf dem Kopf der Hexe, nur einhundert, nein, eintausend Mal so groß. Ich habe das Gefühl, dass sich das Auge ganz tief unten in den dunkelsten Abgründen des Ozeans befindet, aber es ist hier und beäugt uns wie einen Köder an der Angelleine. Plötzlich zieht sich das Auge zurück und zwei gigantische Tentakel schießen durch das Loch. Ich feure aus allen Rohren und schaffe es, einen der Tentakel abzutrennen. Er fällt zu Boden, krümmt und windet sich und verspritzt blaues Blut in alle Richtungen. Der andere Tentakel schlingt sich um einen Riesenkrebs, hebt ihn mühelos hoch und schnellt mit ihm zurück durch das Loch. Die alte Seehexe schwebt weiterhin in der Luft, mit einem fiesen Grinsen im Gesicht. Sie scheint genüsslich abzuwarten und zuzugucken, wie ihre Bestie uns erledigt. „Schnapp dir die verdammte Krone!“, brülle ich, rapple mich auf und wühle nach neuen Patronen. Wieder erscheint das gelbe Auge und starrt durch das Loch. Es fixiert T.F., aber ich schreie und wedle mit den Armen, und daraufhin schaut die riesige Pupille in meine Richtung. Ein Tentakel schnellt heraus und umklammert mich. Mein Brustkorb wird fast zerquetscht, als er zudrückt und mich hochhebt. Der Tentakel beginnt sich zurückzuziehen, doch bevor ich durch das Loch sonst wohin gezogen werde, gelingt es mir, mit Destiny auf das Auge zu zielen. Mir scheint, als stecke in diesem Blick mehr Intelligenz, als man bei einem Seemonster vermuten würde. Es bemerkt Destiny und ahnt wohl, was als Nächstes kommt, denn plötzlich zieht sich das Auge blitzschnell zurück. Aber nicht schnell genug. Destiny donnert, spuckt Feuer und Schwefel, und ich höre – spüre – das Schmerzensgebrüll der gewaltigen Bestie. Ich werde schlagartig zu Boden geschleudert. Das Wasser fließt weiter in die Höhle und reißt mich Hals über Kopf mit, bis ich gegen die Wand pralle. Zum Glück kann ich Destiny festhalten – ich habe nämlich keine Lust, schon wieder nach Piltover zu reisen, um mir eine neue Waffe anfertigen zu lassen. Sie ist bei meiner Wasserschlacht aber wahrscheinlich etwas nass geworden. Ich tauche prustend auf. Ich glaube, ich hab die halbe Bucht von Bilgewasser geschluckt. Ich sehe, wie T.F. dem Skelett die Krone abnimmt und mir zunickt. „Jetzt verschwinden wir“, sagt er. Ich rapple mich auf. Die Bestie hinter dem Loch scheint sich fürs Erste zurückgezogen zu haben, das Wasser allerdings schießt weiterhin heraus. Die ganze Höhle steht knietief unter Wasser, Schrott und Krempel schwimmen überall umher. Die wenigen verbliebenen Riesenkrebse wuseln verwirrt herum. Der Gefangene der Hexe ist inzwischen aufgewacht. Er ist auf einen Felsen geklettert und starrt verängstigt durch die Gegend. Ich kann es ihm nicht verdenken. Er ist ja auch noch angekettet, und das bei steigendem Wasserpegel. Ich ziele mit Destiny auf die Kette und drücke ab, damit er zumindest eine faire Chance hat – aber nichts passiert. Dann ist das Wasser wohl doch ins Innere vorgedrungen. „Tut mir Leid, mein Freund“, sage ich mit einem Achselzucken. Die Hexe bemerkt, dass T.F. die Krone hat, und faucht vor Zorn. Sie schwebt zu uns herüber, die Zehen durch das eiskalte Salzwasser schleifend. T.F. wirft mir die Krone zu, und ich fange sie ungeschickt auf. „Was soll ich damit?“ Ich muss brüllen, damit er mich trotz des tosenden Wassers versteht. „Dachte, du willst sie bestimmt nicht aus den Augen lassen“, brüllt er zurück. „Du denkst doch garantiert, dass ich mich mit der Krone aus dem Staub mache.“ Ich denke kurz darüber nach. Muss sagen, ich bin überrascht, und auch ein bisschen beeindruckt. Wenn T.F. so weitermacht, muss ich vielleicht meine Meinung über ihn überdenken. Wie dem auch sei, die Hexe konzentriert sich jetzt auf mich und murmelt anscheinend einen Fluch. Wie gesagt, ich bin nicht abergläubisch, aber dumm bin ich auch nicht. Ich werfe die Krone zurück zu ihm. „Ich vertrau dir“, rufe ich. „Mehr oder weniger.“ Ich schaue noch mal zur Hexe. Hinter ihr glotzt das große gelbe Auge erneut durch das Loch. Die fiese rote Wunde, wo Destiny zugebissen hat, gibt mir ein kurzes Gefühl der Genugtuung. T.F. schnippt drei Karten, die magische Flammen nach sich ziehen, in die Richtung der Hexe, doch diese macht eine abwehrende Geste. Eine unsichtbare Kraft ändert die Flugrichtung der Karten, sodass sie ihr Ziel verfehlen. Die Seehexe kommt schwebend näher. Da ist wieder ihr zahnloses Grinsen, das ihr faulendes Zahnfleisch freilegt. Ihre Siegessicherheit ist verständlich. „Los, bring uns hier raus!“, rufe ich T.F. zu und schwinge mir Destiny über die Schulter. Keine Zeit, sie wasserdicht einzupacken. Falls ich aus dem Schlamassel entkomme, muss sie dringend überholt werden. „Wir sehen uns auf der anderen Seite“, sagt T.F. mit einem Augenzwinkern. Und ich glaube es ihm sogar. Wer hätte das gedacht? „Pack sie, jetzt!“, kreischt die Hexe. Sie richtet ihren Stab auf uns, und die gigantische Bestie schmeißt sich nach vorne und versucht, sich durch das Loch zu quetschen. Massenweise Tentakel strecken sich uns entgegen. Zeit zu gehen. T.F. macht sein Ding, lässt die Karten tanzen und konzentriert sich auf seinen Abgang. Und dann verschwindet er mitsamt der Krone. Jetzt bin ich dran. Ich nehme Anlauf und springe in das dunkle Becken, während Tentakel nach mir peitschen. Ich hoffe inständig, dass ich auf diesem Weg zu dem Tunnel zurückkomme, durch den ich hergeschwommen bin, denn sonst kommt der heroische Sprung mächtig albern rüber. Ich platsche ins Wasser, tauche in die Tiefe und schwimme los. Ich sehe überhaupt nichts, aber die Zeit für Vorsicht ist vorbei. Wenn ich gegen eine Wand knalle, dann ist es eben so. Im Moment mein geringstes Problem. Zum Glück war meine Vorahnung richtig. Ich tauche unter einem dunklen Felsen durch, völlig blind, und tauche auf der anderen Seite auf. Zurück in der ersten Höhle, wo das wütende Kreischen der Seehexe von den Wänden widerhallt. Ich rechne jeden Moment damit, dass sich ein Tentakel zu mir durchschlängelt und mich zurückzerrt. Ich hole tief Luft und tauche erneut.

Ich erreiche die Oberfläche und schnappe nach Luft. Der Rückweg hätte eigentlich leichter sein sollen, da ich ja wusste, wo es langgeht, aber er hätte mich dennoch fast umgebracht. Hände packen mich und ziehen mich hoch. Mit viel Fluchen und Grunzen schaffen T.F. und ich es, uns ins Ruderboot Unerschrocken zu hieven. „Warum bist du nur so verdammt schwer?“, ächzt er. „Warum bist du nur so verdammt schmächtig?“, erwidere ich. Keine Ahnung, ob die Seehexe und ihre Tierchen uns auf den Fersen sind, aber hier zu verweilen, um es herauszufinden, ist keine gute Idee. Ich schnappe mir die Ruder und lege los.

Hinter den Witwenmachern wartet ein Schiff auf uns. Ein schneller, schnittiger Kutter namens Aufgestiegene Kaiserin. Ziemlich protzig, verziert mit Blattgold und einer Frau mit Katzenkopf als Galionsfigur – vermutlich die erwähnte Kaiserin. Der Prinz kann es bestimmt kaum erwarten, seinen Schatz in den Händen zu halten, hmm?“, sagt T.F., als der Kutter sich in unsere Richtung dreht. „Wahrscheinlich.“ Minuten später ist die Kaiserin neben uns. Ein Netz wird herabgeworfen, wir klettern hinauf, und eifrige Hände ziehen uns an Bord. Der Prinz und seine Mannschaft begrüßen uns. Ein komischer Kerl, dieser Prinz. Immer schon gewesen. Er behauptet, von den einstigen Herrschern der Sandländer Shurimas abzustammen, und schreitet mit goldener Schminke im Gesicht durch die Gegend. Aber er zahlt immer gut. „Habt ihr sie?“ fragt der Prinz. Er ist ganz aufgeregt und leckt sich förmlich die goldenen Lippen nach seinem Schatz. „Habt Ihr unsere Bezahlung?“ frage ich. Ein paar Beutel voller Kraken landen vor unseren Füßen. Ich bücke mich, um sie zu inspizieren. Das Gewicht ist ordentlich. Wie gesagt, der Prinz bezahlt immer gut. T.F. überreicht ihm die Krone, und der Prinz nimmt sie ehrfürchtig entgegen. „Die Tiefseekrone“, flüstert er. Er starrt sie noch einen Augenblick an, dann setzt er sie auf seinen glatten, goldenen Kopf. Ein breites Grinsen huscht über sein Gesicht. Er nickt uns dankend zu und stolziert aufs Vorderdeck. Er geht zum Bug und blickt mit erhobenen Händen übers offene Meer. „Erhebt euch!“ brüllt er aus voller Brust. „Hört meine Befehle, oh, Wesen der Tiefe! Erhebt euch und kommt zu mir!“ Die Mannschaft des Prinzen sieht erwartungsvoll zu. Ich schaue zu T.F. hinüber und als sich unsere Blicke kreuzen, nicke ich in Richtung der Unerschrocken.

Eigentlich will ich nicht in der Nähe sein, wenn die Krone funktioniert, ich rechne aber auch nicht damit, dass sie es tut – aber nach allem, was ich heute Nacht erlebt habe, halte ich es zumindest für möglich. Und falls sie wirklich funktioniert, ist es auf jeden Fall gut, möglichst weit weg zu sein. Die Seehexe war nicht gerade begeistert, dass jemand ihr Eigentum geraubt hat. Dennoch bin ich mehr als überrascht, als die größte verdammte Kreatur, die ich je gesehen habe, ungefähr 30 Meter vor dem Steuerbord der Aufgestiegenen Kaiserin auftaucht. T.F. und ich rudern eilig Richtung Hafen und sind schon ein ganzes Stück entfernt, aber selbst von hier aus gesehen ist das schiere Ausmaß dieser Kreatur kaum zu fassen. „Hm“, knurre ich. T.F. schafft nicht einmal das. Für einen Augenblick vergisst er seine Angst, von Bord zu fallen, und steht auf, um mit offenem Mund auf das Seemonster in der Ferne zu starren. Ich kann den Prinzen gerade noch erkennen, wie er auf dem Deck der Aufgestiegenen Kaiserin steht und immer noch die Arme zum Himmel streckt. Die Bestie steigt immer weiter empor. Man könnte sie mit einer kleinen Insel verwechseln, allerdings haben Inseln selten gewaltige leuchtende Köder auf dem Kopf, Zähne so groß wie ein Schiffskiel, haufenweise sich windende Tentakel oder fahle Augen so groß wie der Mond. Fast schon gemächlich streckt die gigantische Bestie ihre Tentakel aus und umschlingt die Aufgestiegene Kaiserin. Der Kutter neigt sich zur Seite. Kanonen und Mannschaft fallen ins Meer. Ich kann den Prinzen, der sich ans Vordeck klammert, immer noch erkennen. Und dann schnappt der gewaltige Schlund der Bestie zu, und sie verschlingt die vordere Hälfte des Schiffs mit einem Happs – und mit ihr den Prinzen. Ein paar Augenblicke später ist alles vorbei. Bevor die fünfte Glocke schlägt, ist die Aufgestiegene Kaiserin spurlos verschwunden, und die große Bestie ins Meer abgetaucht. „Hm“, sage ich noch einmal. Ich glaube, damit hat keiner von uns gerechnet. Nach einer Weile beginne ich zu rudern. Wir wechseln kein Wort, bis wir am Weißen Kai festgemacht und wieder festen Boden unter den Füßen haben. „Also, das war … erstaunlich.“ „Stimmt.“ „Meinst du, dass die Seehexe hinter uns her ist?“ „Denke schon.“ Ich grunze, und dann blicken wir schweigend den Kai entlang. „Was trinken gehen?“, fragt T.F. endlich. Da fallen mir plötzlich diese zusätzlichen Kraken wieder ein, die ich in der Höhle der Hexe eingesteckt habe. Vielleicht gar nicht schlecht, die möglichst bald loszuwerden. „Klar“, stimme ich nickend zu. „Und ich zahle.“

Sarah Fortune Sarah Fortune lehnt sich zurück, die Stiefel auf dem Tisch. Sie nimmt einen Schluck aus einem verzierten Kelch, betont lässig … obwohl sie heimlich in den tiefen Taschen ihres Mantels eine geladene Pistole umklammert. Auf dem Tisch vor ihr türmen sich alte Münzen, Artefakte und kostbare Edelsteine. Trotz Grünspan, Seepocken und Seetang handelt es sich dabei um einen Schatz, der genug wert ist, um die halbe Schlachterflotte aufzukaufen. Trotzdem versucht Sarah Fortune, unbeeindruckt zu wirken. Lieber nicht zu erpicht wirken. „Also, für das Aushändigen meines Mitarbeiters und diesen Schatz da“, sagt sie und zeigt gelangweilt auf den Schatz, „willst du konkret was im Gegenzug? Die Seehexe starrt sie ausdruckslos an mit ihrem leeren, milchigen Blick an. Das goldene Auge der Kreatur, die sich auf ihrem Kopf befindet, blinzelt jedoch. „Zwei Ratten, den Monstern der Tiefe versprochen“, faucht die Hexe. „Finde sie für mich, und das alles und noch mehr soll dir gehören …“

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Referenzen[Quelltext bearbeiten]

Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA, sofern nicht anders angegeben.