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Kurzgeschichte

Der Wirt

Von Amanda Jeffrey

Ich werde sterben.


Geschichte

Ich werde sterben.

Jeder rasselnde Atemzug quält mich. Es ist, als hätte jemand meinen Brustkorb mit einer rostigen Säge zerteilt und ihn mit Zähnen gefüllt. Und so ist es auch.

Er hat mir das angetan.

Ich kann nicht hinsehen. Mit Tränen in den Augen blicke ich hinauf zu dem winzigen Oberlicht in der Ziegelsteindecke und versuche über das hinwegzusehen, was aus mir geworden ist. Hinter dem Oberlicht liegt Zhaun, meine Stadt. Doch von den tausenden, umtriebigen Seelen dort hat keine einzige mein Fehlen bemerkt. Niemand sucht nach dem Mann, der ich einst war.

Klick.

Das Aufnahmegerät springt an, der Wachszylinder dreht sich langsam und ein Schluchzer schneidet mir die Luft ab. Er spricht.

„Subjekt ‚Denker‘ ist nicht funktionstüchtig. Gehör und Wiedererkennung jedoch intakt“.

Klick.

Durch die Tränen und die Verzerrung des Beobachtungsfensters aus dickem, grünem Glas sieht der namenlose Mann aus wie ein halb geschmolzener, wächserner Albtraum. Tiefliegende, nicht zusammenpassende Augen tropfen ein verzerrtes, fahles Gesicht hinunter, der Verband über seinem Mund sieht mal größer, mal kleiner aus, während er hinter dem Fenster auf und ab geht, um sich ein Bild von meinem Zustand zu machen.

Der Blick seines guten Auges wandert von mir zur Quelle eines tiefen Stöhnens, das aus der Ecke meiner Zelle kommt. Ich wende mich der massigen Gestalt zu, die gerade das Bewusstsein erlangt. Glänzende Rohre und Schläuche winden sich um seine ansehnlichen Arme, nein, durch seine Arme, sodass sie mehr als doppelt so dick wirken.

In meinem jetzigen Zustand, dem Tode nahe und … anders, könnte er mich nur zu leicht entzweibrechen.

Klick.

„Subjekt ‚Brecher‘ hat um sechs nach dem vierten Glockenschlag das Bewusstsein zurückerlangt. Früher als erwartet. Vielversprechend! Experiment beginnt um … sieben nach dem vierten Glockenschlag.“

Klick.

Nein. Nein, nein! Nicht noch ein Experiment.

Klick.

„Lege Operationslinie fest. Subjekt Denker, beantworte die folgenden Fragen so schnell und so genau wie möglich.“

„Wa…“

„Erste Frage: Wie lautet dein voller Name?“

„Ich mache da nicht mit! Hörst du mich? Ich verlange, dass du mich sofort freilässt. Ich weigere mich, an deinem kranken, perversen …“ Meine Stimme versagt.

Klick.

Er lässt das Aufnahmegerät sinken und geht zu den Ventilen am Rande des Fensters hinüber. Ohne mich oder das Ding in der Ecke anzusehen, öffnet er eines der Ventile und eiskaltes Brackwasser schleudert mich gegen die Wand.

Ich glaube, ich schreie.

Eine Ewigkeit später stütze ich mich nach Luft ringend auf meine verkümmerten Hände. Ich taste auf dem Boden entlang, suche in dem langsam ablaufenden Wasser nach Halt, als mein Handgelenk an etwas hängenbleibt, mein Arm unwillkürlich einknickt und mein Gesicht unsanft auf dem Boden landet.

Einen Augenblick lang liege ich still, halte meinen Arm, der ungewohnt und heiß schmerzt – und dann spüre ich, wie sich zwischen meiner Brust und dem Boden etwas bewegt. Etwas Scharfes, als wäre ich auf einen uolanischen Skorpion gefallen, der sich einen Fluchtweg durch meine Brust bahnen möchte. Ich drehe mich weg, doch er folgt mir. Er ist auf mir, auf meiner nackten Haut, kratzt und windet sich, und von dem Geräusch seiner Beine auf meiner Haut wird mir übel. Ich trete um mich, schlage nach ihm, schreie in einem verzweifelten Versuch, ihn wegzuschieben, runter von mir!

„Wie ermüdend.“

Meine Hände sind blutig, etwas stimmt mit meinen Handgelenken nicht und ich kriege das Ding einfach nicht von mir runter. Es fühlt sich an wie Stacheldraht und Klauen und gräbt sich tief in meine – meine Brust.

Die Zähne in meiner Brust.

Jetzt erinnere ich mich. Da ist kein Spinnentier auf mir. Er hat mir das angetan. Er hat mich aufgeschnitten, in etwas anderes verwandelt, etwas mit saugenden Reißzähnen an den Handgelenken und zwei Reihen hungriger, schnappender Beißzangen, die vom Hals bis zu meiner Hüfte reichen. Und ich soll sie dazu benutzen, das Ding zu beißen, das mit mir hier drin eingesperrt ist.

Einmal hat er uns beide auf einer rostigen Eisenbahre gefesselt, und uns mit schneller, gnadenlos zustechender Nadel miteinander verbunden. Dann wartete er ab. Wartete darauf, dass der „Prozess“ begann, dass die Instinkte ausgelöst wurden, die er mir durch operative und chemtechnische Sünden eingeimpft hatte.

Als das nicht passierte, als ich mich weigerte, wurde alles schwarz.

Und jetzt bin ich mit dem, der mein „Wirt“ werden soll, in dieser Kammer gefangen.

Klick.

„Subjekt empfand anfänglichen Stimulus als unangenehm. Fahre mit den Fragen fort. Wenn das Denker-Subjekt seinen vollen Namen nicht nennt …“

„Bitte, ich flehe dich an. Hab Erbarmen!“, schreie ich.

„… werden Dauer und Intensität verdoppelt. Streichen wir das. Verdreifacht.“

Klick.

Er sieht mir direkt in die Augen. Vielleicht lächelt er unter seinem Verband, aber seine Augen bleiben trotzdem kalt. Er greift wieder nach dem Ventil und mir wird klar, was als Nächstes passiert. Ich kann mich nicht verstecken, mich nirgendwo festhalten, und als ein Donnern durch die Rohre läuft, bleibt mir nichts weiter übrig, als mich so klein wie möglich zu machen und tief einzuatmen.

Das Wasser trifft mich mit solcher Wucht und ist so kalt, dass mir die Luft aus den Lungen gedrückt wird. Ich pralle gegen Dinge, die ich nicht einordnen kann, verliere den Orientierungssinn. Schmerz schießt durch meinem Knöchel, und als der Wasserdruck endlich nachlässt, falle ich zu Boden, krumm vor Schmerzen. Langsam komme ich wieder zu Atem und bleibe bewegungslos liegen. Ich fühle mich so schwach wie noch nie, während das Wasser um mich herum abfließt.

Ich werde sterben.

Wumm. Ich zucke zusammen, als mein Mitgefangener auf Chems gegen das Beobachtungsfenster stürmt. Er ist die Fleisch gewordene Wut: Riesige, mächtige Fäuste trommeln gegen das Glas, unverständliche, wilde Schreie brechen aus ihm hervor.

Das Glas und das Monster dahinter bleiben unbeeindruckt.

Obwohl jede Bewegung schmerzt, robbe ich zur anderen Seite des Raumes, weg von dem rasenden Biest namens Brecher. Er schlägt noch immer gegen das Fenster, obwohl das Glas keine Risse bekommt und seine Knöchel blutig werden. Entweder ist er dumm oder stur, doch er schlägt immer weiter zu. Sogar als seine Schreie zu unverständlichen Schluchzern werden, hämmert er unaufhörlich weiter gegen das Glas.

Klick.

„Physische Stärke von Subjekt ‚Brecher‘ liegt im erwarteten Rahmen der pneumatochemischen Muskelverbesserung, doch er scheint außerstande, Probleme zu lösen.“

Klick.

Unser Peiniger tippt emotionslos gegen das Glas, das auf unserer Seite mit dem Blut des Brechers beschmiert ist. Dann wendet er sich stirnrunzelnd mir zu.

Klick.

„Subjekt ‚Denker‘ wurde jedoch möglichweise zu früh benann…“

„Ich heiße Hadri! Hadri Spillwether. Ich bin ein Mensch, nicht dieser ‚Denker‘, wie du mich nennst.“ Ich strecke eine Hand nach ihm aus, suche verzweifelt nach einem Fünkchen Empathie, das ich mit Lügenmärchen entfachen kann. „Ich habe einen Sohn! Er … er ist zwei Jahre alt und er vermisst mich sicherlich schrecklich.“

„Ein Sohn?“ Er zieht die Augenbauen hoch. „Wie heißt er?“

„L-Locke. Der kleine Locke Spillwether. Er ist richtig niedlich und doppelt so …“

„Genug. Du hast keine Familie. Deine Familie ist an derselben Erbkrankheit gestorben, an der auch du leidest und die sich durch beschleunigte Alterung und alle damit zusammenhängenden Krankheiten auszeichnet. Seit 13 Jahren gehst du jedem an der Zhaunitischen Akademie der Naturwissenschaften auf den Geist, der dir sein Ohr geschenkt hat, und hast nach einem Heilmittel gesucht. Nein, du hast darum gebettelt“.

Seine Worte prasseln so kalt und erdrückend auf mich ein wie das Wasser.

„Und mein außergewöhnliches Geschenk dankst du mir mit Widerstand und unbrauchbaren Daten.“ Jetzt ist er wütend. „Deinen Schätzungen zufolge hast du noch fünf Jahre zu leben. Damit belügst du nur dich selber. Du hast höchstens drei elende Jahre, bevor du ein sabbernder Pflegefall wirst. Und es gibt niemanden, der sich so um dich kümmern kann, wie du dich um deine Schwester und deinen Vater gekümmert hast.“

Darauf kann ich nichts erwidern. Er hat recht. Die Hoffnung auf ein Heilmittel war eben genau das: nur eine Hoffnung. Die Akademie kann mir nicht helfen – dort finden sich die hellsten Köpfe der Welt, und jeder von ihnen ist unerreichbar fern. Jeder von ihnen verfolgte seine eigene profitschürende Agenda, und ich war nur ein weiterer hoffnungsloser Fall. Erbärmlich. Allein.

Ich werde sterben.

Doch du musst nicht sterben.“

Mein Blick zuckt zu ihm hinüber. Ich bin … angeekelt? Hasserfüllt? Zornig? Hoffnungsvoll. Wie kann er so etwas sagen? Wie kann er es wagen? Wie …

„Wie?“ Die Frage bleibt mir im Hals stecken. Ich hasse mich dafür, sie ausgesprochen zu haben.

Seine Antwort ist stumm. Er neigt den Kopf nur langsam in Richtung der zusammengesunkenen Gestalt, mit der ich eingesperrt bin: Brecher. Der Rohling wippt vor und zurück, seine blutigen Hände liegen in seinem Schoß und er blickt keinem von uns in die Augen. Vielleicht kann er nicht sprechen. Er wiegt mindestens drei Mal so viel wie ich und besteht fast vollständig aus Muskeln. Die Augmentierungen an seinen Armen kommen noch dazu.

Ich erinnere mich daran, wie wir auf der Bahre festgeschnallt waren. Ebenfalls gemeinsam gefangen. Er war trotz seiner monströs augmentierten Stärke genauso hilflos. Ich soll mich an Brecher festbeißen, ihn als … Unterstützung nutzen? Eine lebende Prothese?

Von meinen eigenen Gedanken wird mir schlecht, und ich würge trocken, als ich rückwärts krabbele, weg von Brecher.

„Enttäuschend.“ Es klingt, als wäre ihm langweilig. „Vielleicht sind drei Jahre immer noch zu weit entfernt, Denker. Machen wir dir deine Situation mal schmackhaft – so geschwächt, wie du bist, erleidest du jedes Mal, wenn ich diesen negativen Impuls setze, mehrere Frakturen. Wenn ich das noch vier Mal mache, giltst du wohl als sehr eingeschränkt bewegungsfähig und wirst langsam in der Pfütze auf dem Boden ersaufen.“

Er grinst mich durch das Glas an. „Vorherige Beobachtungen lassen darauf schließen, dass es ziemlich unangenehm ist.“

Klick.

Der Raum ist zu klein. Ich kann kaum atmen. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen wie Brecher eben noch gegen das Beobachtungsfenster.

Als ich meinen Blick zu ihm hinüberwandern lasse, sehe ich, dass er mich anblickt – sofort schaut er weg. In seinem Blick lag kaum Verständnis, aber ich konnte Angst und etwas wie Mitgefühl sehen. Es ist die erste menschliche Verbindung, die ich seit Jahren gespürt habe. Er scheint wesentlich menschlicher als unser Peiniger.

Ohne den Mann hinter dem Glas anzublicken, frage ich: „Und was passiert, wenn ich es tue? Wenn ich …“

Klick.

„Sobald eine ektoparasitische Verschmelzung erfolgt ist, führe ich Tests durch, um die Art der Verbindung festzustellen, die Tragweite der Verhaltensänderungen durch den Parasiten zu klassifizieren und so weiter, und um die Belastbarkeit des entstandenen Superorganismus zu testen. Das Experiment wird abgeschlossen und all dies …“ Er deutet vage auf den Raum, die Rohre, die Ventile und das Beobachtungsfenster. „All dies ist vorbei.“

Klick.

Ich nicke abwesend, als ob alles ganz normal wäre, doch mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Die Belastbarkeit des Organismus. Was für eine glatte Formulierung für mit dem Skalpell zu Tode foltern.

Es gibt kein Heilmittel – zumindest nicht für mich. Es ist ein Todesurteil.

Zentimeter um Zentimeter richte ich mich an der Wand Halt suchend auf. Ich keuche auf und schwanke kurz – mein Knöchel ist schon gebrochen – und wende mich dann meinem Widersacher hinter der Scheibe zu.

„Nein.“

Lange herrscht Stille. Ich kann Zhauns Geräusche hören – aus den Rohren tropfendes Wasser, Pumpen in der Ferne und das tiefe, beruhigende Rumpeln ewig arbeitender Maschinen. Am Rande nehme ich fünf Glockenschläge wahr.

Von meinem Peiniger erwarte ich nichts. Als er die Hand ausstreckt, bin ich überrascht.

Klick.

„Das Subjekt ist … unkooperativ.“

Klick.

Er dreht das Ventil voll auf.

Schmerz. Das Wasser erfasst mich wie eine steinerne Faust und schleudert mich gegen Wände, Decke und Boden. Ich weiß nicht, wo oben und unten ist. Es ist nur laut. Es ist nur dunkel. Es ist eine einzige Qual.

Dann Licht.

Ein Blitz, so hell, dass die Welt hinter meinen Augenlidern golden aufleuchtet. Ein lungenzerfetzender Knall.

Und dann nichts.

Als ich wieder zu Bewusstsein komme, liege ich mit dem Gesicht auf dem Boden, mir ist elend und eiskalt. Ich sehe auf.

Etwas hat sich verändert. Noch immer schießt Wasser aus den Öffnungen, doch es hat weniger Druck. Durch ein Loch an der Decke strömt Licht herein. Ein Ausweg? Mehr gelbe Blitze, gefolgt von entfernten Erschütterungen.

Ein klagendes Schluchzen durchdringt das Klingeln in meinen Ohren. Voller Schreck wird mir klar, dass das Geräusch von Brecher kommt. Er hält sein Gesicht in den Händen, Blut quillt zwischen seinen Fingern hindurch. Er stürmt auf die Wand zu, dreht sich und fällt in das Wasser.

Das Wasser. Es steigt.

Panisch versuche ich, mich auf das Loch zuzubewegen, doch ich komme nicht von der Stelle. Die Zähne an meinen Handgelenken scharren über den mit Wasser bedeckten Steinboden, lassen mir die Haare zu Berge stehen. Ich versuche, mich mit schmerzenden Fingern vorwärts zu ziehen, doch ich rühre mich nicht.

Ich drehe mich um, um zu sehen, ob ich festhänge, und erbleiche bei dem Anblick, der sich mir bietet.

Zertrümmerter Stein – vermutlich genau der Stein, der uns den Ausweg eröffnet hat, – drückt schwer auf meinen unteren Rücken. Ich will danach treten, doch nichts passiert. Ich will mich dagegen aufbäumen, doch nichts passiert. Ich versuche alles, ich schreie, winde und drehe mich. Langsam rutscht der Block von mir herunter und fällt platschend zur Seite. Das steigende Wasser um mich herum färbt sich rot.

Ich spüre meine Beine nicht.

„Das Experiment endet um … zwei … nein … drei nach dem fünften Glockenschlag.“

Ich drehe mich um, gerade rechtzeitig, um den Mann mit den Verbänden gehen zu sehen. Einen Augenblick später wird es dunkel. Die Explosionen, meine Lähmung oder mein Widerstand – welche dieser Variablen hat wohl sein kostbares Experiment ruiniert?

Verdammt soll er sein.

Ich schaffe es, mich zwischen dem Geröll aufzusetzen. Im schwachen Licht von Zhaun sieht mein Blut schwarz aus. Es fühlt sich an, als ob die Wärme meinen Körper verlässt und ich von innen heraus erfriere. Mir bleibt nichts.

Schluchzen. Das Schluchzen kommt von Brecher, der wie ein verzweifelter Felsbrocken in einer Ecke kauert, schwach beleuchtet vom grünen Licht der Rohre an seinen Armen.

Ich spreche leise. „H-Hey.“

Abrupt blickt er auf. Um seine Augen sind schwarze Linien zu sehen, angestrahlt von den Gräueltaten, die das Monster hinter dem Glas aus seinen Armen gemacht hat. Verzweiflung und Schmerz verzerren sein Gesicht, als er den Kopf schief legt und zuhört.

„B-Brecher?“ Ich zittere. Sprechen zehrt Kraft. „Hey, tut mir l-l-leid, ich weiß deinen echten Na…“

Brecher steht stolpernd und platschend auf. Seine Chemtech-Implantate werfen wild tanzende Schatten an die Wände. Er rennt auf mich zu. Ich kneife die Augen zusammen und warte auf den Aufprall.

Plötzlich spüre ich eine riesige, warme Hand auf meinem Kopf. Ich öffne die Augen und sehe, dass Brecher vor mir kniet und unbeholfen mein Gesicht und meine Schultern tätschelt, als wolle er sichergehen, dass ich real bin.

Ein entfernter Blitz, dessen Licht durch das Loch in der Decke flutet, beleuchtet ihn. Unter dem ganzen Blut und den Schwellungen sieht er so unschuldig aus. So allein.

Ich werde sterben.

Aber vielleicht kann Brecher überleben.

„Brecher? B-Brecher, du musst m-mir … z-zuhören.“ Er nimmt meine Hand und dreht seinen Kopf, sodass sein Ohr nah an meinem Mund ist. „Es gibt einen … einen Ausweg“, sage ich. „Ein Loch in der Decke. Du w-willst doch hier rauskommen, oder?“

Er nickt so heftig, dass mein ganzer Körper vor und zurück wippt, weil er immer noch meine Hand hält. Der Schmerz brennt heiß gegen die Kälte in meinem Inneren. Fast ist er mir willkommen.

„Aah! Nun gut. Gut. H-Hör zu. Hör zu! Du musst jetzt meine Hand los…“

Sein eiserner Griff unterstreicht seine Weigerung.

Wasser schlägt jetzt gegen die Zähne in meiner Brust, die sich nur noch schwach bewegen. Sie knirschen, suchen nach einem Wirt, als ob sie wüssten, dass ihr Ziel in der Nähe ist. Doch ich würde lieber sterben, als mir das anzutun. Oder es Brecher anzutun.

Bei so viel Blut, das im Wasser um mich herum wirbelt, bleibt mir nicht mehr lang. Ich muss mich beeilen.

Vorsichtig öffne ich seinen Griff um meine Hand. „D-Du schafft das schon, B-B-Brecher. Versprochen. Du musst nur … nachsehen, ob es sicher ist.“ Atmen fällt mir immer schwerer. „W-Würdest du das für mich tun? Dann kommen wir b-beide hier r-raus.“

Das ist eine Lüge, aber immerhin lässt er mich los.

Ich stoße ihn am Ellbogen an, bis er aufsteht. Trotz des Schmerzes beuge ich mich nach vorn und schubse ihn ein wenig in Richtung der aufgesprengten Wand.

Als mir klar wird, dass ich zum letzten Mal die Wärme eines Menschen gespürt habe, lasse ich meine Arme wieder ins eiskalte Wasser fallen.

„H-h-hör einfach auf meine Stimme. Ich sag dir, w-wohin du gehen musst!“ Das Wasser steht mir jetzt bis zum Hals und ich zittere so sehr, dass ich kaum klar sehen kann. „Ein paar Schritte geradeaus. Vorsicht, d-da liegen T-Trümmer und …“ Er stößt mit seinem Bein an einen Haufen herabgefallener Ziegel und schreit auf. „Alles gut, nichts p-p-p-p-passiert. K-Kletter da rauf. Gut. Jetzt streck d-die Hand n-nach d-der Wand aus. Spürst du sie? Gut. Das ist gut. Zwischen den Ziegeln sind Lücken. Daran kannst d-du hochklettern. Greif nach oben. Nach oben, Brecher. Genau … d-da geht’s raus.“

Ich lege den Kopf zurück, um Luft zu holen. Das Wasser steht mir jetzt bis zum Kinn. Immerhin spüre ich meinen Körper nicht mehr.

„Kletter rauf, B-Brecher“, keuche ich. Ich strecke mich, pruste: „Lebe wo…“

Dann schwappt das Wasser über mein Gesicht und trotz allem halte ich meinen Atem an, spare mir diesen letzten Atemzug. Mein Herz pocht hämmernd in den Ohren. Mir fällt auf, dass ich dieses Geräusch mag. Ich werde es vermissen.

Meine Lungen brennen. Es ist so weit. Mein Herz bäumt sich auf. Meine tauben Arme schlagen um sich. Meine Augenlider flattern und meine Brust hebt und senkt sich, verzweifelt um Luft bemüht. Mein letzter Atemzug entweicht meinem Mund und meine Lungen laufen voller Grubenwasser.

Panik überkommt mich.

Etwas schlägt gegen meine Hand und instinktiv versuche ich, davon wegzukommen. Nach oben. Egal, wohin. Doch ich hänge fest. Ich kann mich nicht bewegen. Hier gibt es keine Luft und ich kann mich nicht bewegen. Plötzlich nimmt Brechers Gesicht mein ganzes Sichtfeld ein. Nein! Er nicht auch noch! Ich will mich wehren, aber nichts tut sich. Mein Körper gibt auf. Ich gebe auf. Alles wird dunkel. Ich sehe nur noch Grau. Ich sehe, dass Brecher sich umdreht, und hoffe unwillkürlich, dass er überlebt.

Etwas stimmt hier nicht. Oder alles stimmt. Ich weiß nicht genau. Ich spüre Wärme und Bewegung. Etwas hebt mich hoch. Krämpfe zucken durch meinen Körper und nur für einen Augenblick sehe ich alles wieder scharf. Durch das Wasser sehe ich Brechers Hinterkopf. Meine Brust spürt … nein, das Ding in meiner Brust spürt seinen Rücken, will zuschlagen, dehnt sich aus, als würde es herzhaft gähnen. Ein willkommener Schmerz.

Nein. Ja. Nein!

… Ich will nicht sterben!

Als die Zähne in meiner Brust zubeißen, als ich sie in seinen Nacken schlage …

KNIRSCH.

Ich … wir leben!

Wir sind noch immer unter Wasser, doch unsere Lungen sind voller Luft (und leer). Unsere Gliedmaßen sind stark und mächtig (und schwach und gebrochen). Wir können wieder sehen (das konnten wir immer).

Ich/wir stoßen uns von der Wand ab, gleiten durch das Wasser in Richtung des Lichts. Ich/wir heben unsere Hand, um eine Metallstange aus dem Weg zu schieben. Unsere Hand ist erschreckend groß, und weiter links als gedacht. Fast verfehlen wir die Stange. Wir passen uns an. Jetzt geht es. Wir können sie ganz leicht schieben. Die Stange gleitet zurück. Wir rudern mit den Beinen, schwimmen zu dem Loch in der Decke, ziehen uns das letzte Stück nach oben. Wir fallen auf das Dach draußen.

Luft.

Wir husten Wasser aus einer unserer Lungen, während die andere tief Luft holt.

Nein, nicht unsere Lunge … meine Lunge. Meine Herzen schlagen kraftvoll und schnell. Meine Gehirne arbeiten auf Hochtouren.

Dank meiner mächtigen Arme kann ich das Gebäude hinabklettern. Als meine Füße auf dem Boden aufkommen, scheint er gleichzeitig weiter weg und doch näher, aber etwas verschoben zu sein. Mein Gehör ist genauer, als ich es mir je erträumt habe.

Dem Geruch nach befinden wir uns tief in Zhaun. Um mich herum stehen kaputte Container, häuft sich windender, durchnässter Müll. Wir sind im Hof einer alten Fabrik. In einiger Entfernung lehnt hoch über uns ein Teil des gefallenen Turms unsicher gegen einer Wand des Abgrunds. Gelbe Blitze und tiefes Grollen zeugen von weiteren, kleineren Explosionen.

Von der Ursache meiner Freiheit. Der Grund für meine Schöpfung.

Das Geräusch von weiteren Trümmern, die hinter mir zu Boden fallen, erschreckt mich, und ruft mir ins Gedächtnis, wie nah ich dem Tod war. Durch ihn.

Hier kann ich nicht bleiben (Angst!).

Ohne, dass ich es will, renne ich los.

Rennen ist belebend. Ich bin überrascht, wie schnell die Welt vorbeizieht, wie leichtfüßig ich mich bewege. Schnell wie der Blitz bin ich in einer Gasse, verschwinde darin. Ein Tor versperrt mir den Weg, doch ich habe schon einige aus der Wand hervorstehende Rohre gesehen, an denen ich entlangspringen kann, und ein herunterhängendes Geländer, mit dem ich mich darüber schwingen kann.

Keines meiner vorherigen Ichs hätte das geschafft, doch mein jetziges schon. Es ist so einfach.

Die Landung ist geräuschlos und verlangsamt mich kaum. Der Aufprall tut weh, denn eine meiner Wirbelsäulen ist gebrochen, doch die Verletzung liegt in weiter Ferne, hat kaum noch Auswirkungen. Meine Stärken ergänzen einander, erkennen und gleichen meine Schwächen aus. Ich habe mich noch nie zuvor so gefühlt. Besser, als ich war, vollständiger. Zufrieden mit mir.

Ich trabe weiter, verlasse die Gasse und treffe auf eine kleine Menge, die eine Kirche der Glorreich Entwickelten verlässt – sie sind eine Masse mechanischer Beine, Atemmasken, zusätzlicher Metallarme und anderer, merkwürdigerer Augmentierungen.

Doch jeder dieser skurrilen, von Augmentierungen besessenen Kultisten bleibt stehen und starrt mich an.

„Da ist was auf seinem Rücken“, sagt ein Mann mit mechanischen Augen.

„Was ist das?“, fragt eine Frau, deren Lungenprothese auf ihren Rücken geschnallt ist.

„Es nährt sich von ihm!“, kreischt ein unbekannter Dritter weiter hinten in der Menge.

Ihre Gesichter zeigen jetzt Abscheu anstatt Schreck. Ich weiche zurück, aber ich bin umzingelt.

Jemand schubst mich von hinten. Ich will ihnen sagen, dass sie aufhören sollen.

„Bitte … –asst mich … –uhe.“ „–ITTE. LASS– –ICH –RUHE …“

Die Worte überschlagen sich, kommen aus zwei Mündern. Ich habe meine neue Stimme noch nicht gehört, und sie ist sowohl vertraut als auch fremd. Die Entwickelten scheinen mich nicht zu verstehen. Ein Stein sirrt an meinem Kopf vorbei.

STOP-OP. Ich HABE – habe nichts euch nichts –ICHTS getan –ETAN“, flehe ich. Die Worte passen nicht zu meinen Mundbewegungen, klingen wie ein Echo. Meine Stimme gehorcht mir nicht, und diese Menschen hören mir nicht zu!

Ein Mann mit gelben Haaren tritt aus der Gruppe hervor, schnallt sich im Gehen eine hammerartige Prothese an sein augmentiertes Handgelenk. Er hebt sie zum Angriff.

„Lasst mich in Ruhe, habe ich gesagt!“ Das ist meine richtige Stimme. Klar wie ein Glockenschlag, harmonisch in ihrer Dissonanz. Doch Worte sind zwecklos.

Panisch blicke ich mich um und sehe ein Dampfrohr, das über mir die Gasse kreuzt. Kurz bevor mein Angreifer zuschlägt, springe ich hoch und zerre das Rohr herunter, um seinen Schlag zu parieren. Der Hammer durchschlägt es und kochend heißer Dampf schlägt ihm ins Gesicht. Er stolpert schreiend zurück.

Während ich fliehe, höre ich ihre Rufe und Drohungen hinter mir. Ich kenne das Ziel meiner Flucht durch die gepflasterten Gassen nicht. An Mietshäusern vorbei, Läden, zwei Kanalklärern auf Stelzen und einem Verkäufer auf Sprungfedern. Ich renne Treppen hinauf, schlittere um Kurven. Ich sprinte über eine der kleineren Brücken, meine Schritte hallten metallisch klirrend wider, als mir plötzlich ein vertrauter Geruch in die Nase weht. Ich hocke mich hinter einen leeren Stand und atme tief ein.

Irgendwo in meinem Gehirn regt sich eine Erinnerung an den Geruch. Ich bin schon einmal hier gewesen. Mit Mama. Sie gab mir zwei Dichtungen für die Haferschleim-Frau und ich habe eine dampfende Schüssel davon heimgetragen.

Heim. Bei dem Gedanken schießen mir die Tränen in die Augen. Dort kann ich mich verstecken, mich ausruhen, dort ist es sicher.

Es ist nicht weit!

Als ich jetzt losrenne, habe ich ein Ziel. Drei Steintreppenabsätze an der Abgrundseite empor, am alten, kaputten Glashaus vorbei, dann zwei Straßen entlang, bis ich an den Rand des Fabrikwaldes komme.

Ehe ich mich versehe, stehe ich vor dem Gebäude, das einst mein Zuhause war. Es ist nur noch eine verkohlte Ruine übrig, die schon lange leer steht. Mein Gehirn versucht, das zu verstehen. Das war mein Zuhause (nein, war es nicht). Ich habe hier mit meiner Mama und meinem Bruder gelebt (nein, habe ich nicht). Sie hat die Wände gelb gestrichen und gesagt, das wäre flüssiger Sonnenschein (ich bin noch nie hier gewesen).

Vorsichtig steige ich die von unendlich vielen Regengüssen malträtierten Stufen empor. Meine Hand schmiegt sich an das Geländer, als würde sie es kennen (ich habe das Geländer noch nie berührt).

Ich öffne eine verfallene Tür und meine Sicht trübt sich. Meine glücklichen Erinnerungen an lächelnde Gesichter werden von der Realität verbrannter Überreste und Trümmer verjagt. Tränen strömen meine Wangen hinunter. Hier ist etwas Schreckliches geschehen, doch ich weiß nicht mehr, was.

Die Tür zum nächsten Zimmer hängt schon lange nicht mehr in den Angeln und das Dach ist eingebrochen, doch mein Blick wandert in die linke Ecke des Raumes, wo ich einst geschlafen habe. Ein kleines, rußgeschwärztes Bett steht dort. Als ich davor stehe, kann ich den Namen, der in die Wand daneben geritzt ist, klar erkennen:

„Palo.“

Das bin ich. Ich heiße Hadri. Palo, meine ich. Ich war beide, doch das Ich, das hier lebte, hieß Palo. Hadris Mutter ist bei der Geburt gestorben, doch Palo wurde von seiner Mutter aufgezogen.

Was ist hier passiert? Ein Unfall? Ein Angriff? Hat Mama den falschen Chem-Baron verärgert? Habe … habe ich aus Versehen etwas Schlimmes getan?

Mamas Schreibtisch ist in nasse Einzelteile zerfallen, doch etwas glitzert mich zwischen dem Holz hervor an. Ihr Handspiegel. Er ist gesprungen … wohl durch die Hitze. Ich hebe ihn auf. Als ich Hadri war, konnte ich es nicht ertragen, das anzusehen, was der Mann mit dem Verband aus mir gemacht hatte. Doch das liegt ein ganzes Leben zurück. Ich bin jetzt so anders und ich muss es wissen.

Ich schaue in den Spiegel.

Ein Albtraum blickt zurück. Ein verletzter, blinder, blutverschmierter Mann steht vor mir, in seinen Unterarmen stecken leuchtend grüne Rohre und Kabel. An seinem Rücken klebt ein schwächlicher Parasit, dessen verkümmerte Arme um seinen Nacken geschlungen sind. Die spitzen Zähne des Parasiten sind noch zu sehen. Seine verkümmerten Beine schwingen bei jeder Bewegung nutzlos umher. Über die Schulter des Mannes blicken blutunterlaufene, käferschwarze Augen, die vor Schreck über das Spiegelbild weit aufgerissen sind.

Abscheu überkommt mich. Ich lasse den Spiegel fallen und meine größten Hände versuchen verzweifelt, den Parasiten vom Wirt zu entfernen. Ich bin abscheulich. (Jetzt bin ich schlau!) Ich bin nur ein fehlgeschlagenes Experiment. (Mir geht es jetzt besser!) Niemand könnte das hier je lieben. (Ich liebe mein neues Ich!) Ich werde immer allein sein. (Ich will nicht allein sein!)

Allein. Ich war so allein.

Die bittere Einsamkeit zweier Leben überkommt mich, und ich lege beide Köpfe in den Nacken und heule. Niemand sollte sich je so fühlen. Niemand kann sich so fühlen. Ich heule wegen der doppelten Einsamkeit. Und wegen der geteilten Einsamkeit. Ich heule aus Mitgefühl für mich selbst und weil die Einsamkeit des Anderen so groß ist. Überall in Zhaun höre ich, wie andere das Geheul erwidern – Tiere, Menschen und das, was dazwischen liegt. Andere, die für einen paradoxen Augenblick in ihrer Einsamkeit vereint sind.

Ich falle auf die Knie und meine nutzlosen Füße streichen hinter mir über den Boden.

Ich werde überleben. Nicht als Palo, nicht als Hadri. Nicht als Brecher, nicht als Denker. Ich bin beide. Ich bin sie alle. So, wie ich jetzt bin, bin ich besser.

Ich reiße einen der halb verbrannten Vorhänge von der Wand, werfe ihn mir über die Schultern und achte darauf, meine Augen nicht zu verdecken.

Meine Erinnerungen sind zu merkwürdig, zu komplex, zu verwirrend. Hier kann ich nicht bleiben. Während ich hinausgehe und die Treppe hinuntersteige, überlege ich, wo ein Monster wie ich Unterschlupf finden könnte.

Klick.

„Trotz oder vielleicht wegen unerwarteter explosiver Komplikationen wurde Stufe 1 des Wirt-Experiments endlich abgeschlossen.“

Klick.

Ich erstarre. Mein Peiniger steht auf der schmalen Straße vor dem Haus und richtet eine pneumatische Pfeilpistole auf mich. Die Fläschchen voller unbekannter Flüssigkeiten an seinem Gürtel klirren wild (es brennt!) und ein Beutel auf seinem Rücken lässt vermuten, dass er noch mehr schreckliche Dinge dabei hat.

Er hat mir das angetan.

Wut kocht in uns hoch, meine Herzen spüren den kräftigen Schlag des jeweils anderen durch unsere Brustkörbe. Instinktiv trete ich einen Schritt auf ihn zu.

„Das ist keine gute Idee“, sagt er warnend. Beiläufig richtet er die Pfeilpistole zur Seite, drückt ab, und ein Pfeil spießt einen grünen Käfer auf, der an der Wand entlang krabbelte. Ich sehe schreckerfüllt zu, wie die Flüssigkeit aus dem Pfeil den Körper des Käfers fast augenblicklich auflöst. Seine Schreie hallen laut in meinen vier Ohren wider.

Er hat schon nachgeladen und zielt wieder auf mich. Ich hebe zwei meiner Hände.

Klick.

„Die folgenden Fragen sind für Denker. Antworte zügig, ansonsten muss ich motivierend einwirken.“

„Was?“

„Ruhe. Erste Frage: Wie lautet dein vollständiger Name?“

Die Pistole bleibt auf mich gerichtet, während einer seiner langen Finger über dem Aufnahmegerät schwebt.

„Hadri Spillwether.“ Ich schaue mich nach einem Ausweg um. Einem Fluchtweg. Irgendetwas.

„Gut. Nächste Frage. Wie lautete der Name deines Vaters?“

Mein Vater? Ich hatte nie einen … Augenblick, doch, ich hatte einen Vater. Ich habe mich um ihn gekümmert, als es ihm schlechter ging. Er hieß … er hieß …

„Schneller. Beantworte die Frage!“, verlangt der Mann mit den Verbänden.

„Arvon! Arvon Spillwether!“ Ich klinge erleichterter als erwartet. Verzweifelter.

„Hmpf. Schneller! Wo hast du gewohnt? Was war dein Beruf? Wie lautete mein Name, als wir uns zum ersten Mal in der Akademie getroffen haben?“

„Hier! Ich habe hier … Nein, warte. Ich … Ich weiß nicht … 451! Zimmer 451 in der Duftblumen-Herberge! Beruf? Ich … War ich Angestellter? Ich kann nicht … Ich kann mich nicht erinnern. Es ist so lange her!“ Ich schwitze und schüttele die Köpfe. Es ist alles durcheinander.

Klick.

„Armselig. Was für eine Verschwendung. Es ist zu einer unförmigen Gestalt geworden, die Reinheit des Haupthirns ist kontaminiert. Für weitere Erforschung ungeeignet“, murmelt er. Dann dreht er sich auf der Stelle um und entfernt sich.

Ich kann spüren, wie meine Gesichter sich vor Wut verzerren.

Er hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Er hat mein Haus mit chemischem Feuer angesteckt. Ich erinnere mich jetzt an den Brand. Er hat meine Hoffnung nach einem Heilmittel ausgenutzt.

Und jetzt wird er dafür bezahlen.

Ich bin vier Schritte hinter ihm. Jetzt zwei. Dann dreht er sich plötzlich zu mir um und wirft direkt vor mir ein Fläschchen auf den Boden. Ich will gerade noch einen Schritt tun, doch schon kleben meine Stiefel am Boden fest. Er steht knapp außerhalb meiner Reichweite und ich versuche verzweifelt, ihn zu erreichen.

„So viel zu deinem Namen, Denker“, sagt er. „Ich war wirklich zu optimistisch. Dieser Fehler wird mir nicht noch einmal unterlaufen.“

Er macht einen großen Schritt zurück und setzt seinen Weg durch die schmale Gasse fort. Levengasse – ich erinnere mich genau. Sobald er außer Sichtweite ist, knie ich mich hin und schnüre meine Stiefel weit genug auf, um herauszuschlüpfen. Mit einem einzigen, kraftvollen Sprung hefte ich mich barfuß an seine Fersen.

In der Gasse ist es dunkel, doch mein Gehör ist scharf. Ich kann ihn hinter der ersten Biegung hören, wie er immer noch leise mit sich selbst spricht – über Subjekte und Quellen. Es stinkt, und ich gebe mir Mühe, keinen Gedanken daran zu verschwenden, was alles an meinen Füßen kleben bleibt, während ich mich an schmalen Lücken und brettervernagelten Eingängen vorbeizwänge. Als ich an der Ecke ankomme, hat er schon die halbe Strecke zur nächsten Biegung zurückgelegt und ist im Smog und Zwielicht kaum auszumachen. Ich hebe ein kaputtes Rohr vom Boden auf, das ich als Waffe benutzen will, und richte mich dann angespannt wieder auf.

Er ist weg.

Unmöglich! Ich laufe weiter und schaue in die Hauseingänge hinein. Die Luft beißt und ich versuche, den Husten in meinem Vorhang zu ersticken, doch ich kann nur einen meiner Münder bedecken. Mir wird schwindlig und ich drehe mich um, um einen Blick hinter mich zu werfen. Es ist neblig … zu neblig.

Er setzt eine Art Gas ein! Ich wickele mir den Vorhang um eines meiner Gesichter, vergrabe das andere in meiner Schulter und versuche, so wenig wie möglich zu atmen. Es ist eine Falle.

Ich will wieder in Richtung meines Zuhauses zurückstolpern, doch die Ecke scheint weiter entfernt zu sein, als ich sie in Erinnerung hatte. Ich muss es schaffen. Ich fange an zu rennen, doch eine der Türen – rot, aus Metall, mit Nägeln versehen – öffnet sich plötzlich und schlägt mir ins Gesicht. Ich falle zu Boden.

Alle meine Gliedmaßen sind so schwer. So schwer. Ich habe das Gefühl, dass mein Gewicht auf dem Rücken mich erdrückt, doch es ist ohnehin schwer, zu atmen.

Ich werde sterben.

Der Mann mit dem Verband steht über mir. Tränen laufen meine Wangen hinunter, als ich zu meinem Mörder aufblicke und mich erinnere.

Über seinem jetzigen Gesicht liegt sein früheres – mit getönten Brillengläsern und sauber rasiertem Kinn. Als ich ihn vor Jahren das erste Mal traf, war er auf dem Weg von seinem Labor zum Hörsaal, ein Meister in seinem Element, und wurde von allen mit Bewunderung, Neid und noch etwas anderem betrachtet, das ich nicht erkannt hatte (Furcht!). Hinter ihm blieb ein sanfter Geruch nach Eau de Cologne zurück. Er hielt inne und sah mich an – nicht voller Mitleid, wie ich es gewöhnt war, sondern mit einem Hauch Aufregung und Erwartung. Er stellte sich vor.

„Singed. Sie haben … sich als Professor SIN-Singed vorgestellt.“

Die harmonische Dissonanz ist aus meinen Stimmen verschwunden, und im letzten Augenblick bin ich wieder allein.

Erdrückende, schmerzhafte, unendliche Einsamkeit.

Singed gräbt in seinen Taschen, sucht verzweifelt nach etwas. Ein Heilmittel? Gnade?

Sein Aufnahmegerät. Er schaltet es ein und hockt sich beobachtend hin.

„Oh, sehr gut, Denker vier. Damit … ja … damit hast du sogar mehr Antworten gegeben als Denker zwei! Du warst sehr hilfreich.“

Er schaltet sein Aufnahmegerät aus.

Es ist das letzte Geräusch, das ich höre.

Referenzen

Geschichte und Ereignisse