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Kurzgeschichte

Das verlassene Anwesen

Von Graham McNeill

Mit jedem seiner vorsichtigen Schritte spürte sie, wie der Dieb näher kam.


Geschichte

Mit jedem seiner vorsichtigen Schritte spürte sie, wie der Dieb näher kam.

Er war geschickt, das musste sie ihm lassen. Allerdings waren ihre Sinne so stark geschärft, wie es sich ein Sterblicher kaum vorzustellen vermochte. Seine Schritte auf den nahgelegenen Dächern waren sanft und kunstvoll platziert, und dennoch versetzten sie die stillstehende Luft in ihrem finsteren Domizil in Schwingungen, ganz ähnlich einer gezupften Lautensaite in einem stillen Tempel.

Seine Annäherung hatte sie aus einem Traum vom Ozean gerissen, von der Finsternis, die sich zu einem Tsunami erhob, um über die ganze Welt hereinzubrechen und sie für immer unter totem schwarzen Wasser zu begraben. Ein Teil von ihr fand die Auslöschung, die diese Welle mit sich bringen würde, reizvoll – besonders da sie wusste, dass sie bei ihrer Entstehung eine Rolle gespielt hatte.

Der Traum verblasste, als sich ihre Facettenaugen öffneten und sie jeden ihrer Sinne ausstreckte. Wahrnehmungen, die durch Gerüche und Geräusche eingefärbt wurden, Bewegungen, die in der Erschütterung der Luft zu spüren waren. Ihr Ärger wuchs bei dem Gedanken daran, sich mit einem weiteren Eindringling beschäftigen zu müssen, vor allem da sie von ihrer letzten Reise zu den nebelumhüllten Inseln noch müde und ausgelaugt war.

Ihr Kellerbau war in Schatten gehüllt, jedoch konnte sie die schweren Fässer, die verrotteten Wandteppiche und die eisige Dielen genauso deutlich erkennen, als würde Sonnenlicht durch die verrammelten Gitter fallen.

Das Flüstern krabbelnder Beine hallte durch das Anwesen, das Rascheln hunderter glänzender Körper, die ihre Gefilde verließen, um ihr Verlangen zu erfüllen. Eine wellenartige Bewegung zog sich über die tropfenden Wände und die durchgebogene Decke. Tausende Augen starrten sie an.

„Bald, meine Kleinen“, sagte sie mit rauchiger, vornehmer Stimme. „Lasst mich ein wenig mit ihm spielen.“

Sie konnte ihren Appetit auf menschliches Fleisch spüren.

Er glich ihrem eigenen.

Ihre träumende Gestalt, die zwischen der eines Menschen und einer Spinne schwankte, erhob sich von ihrer Ruhestätte. Sie streckte ihre dünnen Glieder aus, um die unzähligen Gerüche des Eindringlings mit den Sensoren an ihren Klauen aufzunehmen. Ihre Zunge fuhr über ihre nadelartigen Zähne, während sie mit jedem Atemzug mehr über ihn erfuhr.

Eine sandgeküsste Seele: eine Haut wie Rauch und die feinste Spur der alten Könige in seinem Blut.

Ein Kind der Wüste …

Sie konnte spüren, wie er sich näherte, und ihr war klar, was ihn in dieser bitterkalten Nacht zu ihrem verrammelten Anwesen führte. Und wer ihn ausgesandt hatte.

Wie die anderen vor ihm würde er nur den Tod finden.

Wie die anderen vor ihm würde Elise auch ihn zu sich locken und dann bei lebendigem Leibe verschlingen.

Der abnehmende Mond am kohlschwarzem Himmel. Tiefhängende Wolken und ein kühler Wind.

Ideale Konditionen für solch ein Vorhaben.

Vom Hafen der Hauptstadt her ertönte eine Glocke. Der eisige Wind trug die Laute streitlustiger noxianischer Soldaten aus den fernen Lagern vor dem Glockenturmtor der Stadt zu ihm.

Leichtfüßig und sicheren Schrittes bewegte sich Nyam über die Dächer, die locker sitzende Tunika und der Umhang aus grauer Wolle machten ihn dabei beinahe unsichtbar. Er blieb dabei hinter den geziegelten Dachgipfeln der Gebäude geduckt und beobachtete bei jedem Schritt mit großer Vorsicht die dünne Schneeschicht.

Ein loser Dachziegel, eine Eisschicht – und schon würde diese Nacht mit seinem zerschmetterten Körper auf dem Kopfsteinpflaster enden.

Allerdings hatte Nyam auch schon Grabstätten geplündert, die tief im Sand unter seinem Heimatland versunken waren, und Klippentempel an der Straße nach Ossamal auf der Suche nach Schätzen erklommen. Er hatte den Fallen in den Ruinen von Göttern und Königen getrotzt, daher stellten die hohen durchgebogenen Dächer von Noxus mit ihren Unebenheiten und den unzähligen Möglichkeiten, sich festzuhalten, kaum eine Herausforderung für einen Dieb seines Kalibers da.

Schon als Kind hatte er gelernt, die Wolkenstraßen entlang zu rennen. Damals hatte er sich immer einen Weg über die hohen Dächer von Bel’zhun gebahnt, um den herumziehenden Kinderbanden auszuweichen, die ihn wegen der Hasenscharte verprügelten, die seine Oberlippe bis zu seiner Nase spaltete. „Gesichtsloser Nyam“, so nannten sie ihn. Seine Missbildung gab den shurimanischen und den bleichen noxianischen Halbstarken ein gemeinsames Ziel für ihre Wut.

Selbst als er nach seinem zehnten Sommer genug gestohlen hatte, um einen Einbalsamierer dafür bezahlen zu können, dass er ihm die Lippe zunähte, machten sie sich weiterhin über ihn lustig. Aber diese harten, brutalen Jahre hatten ihm gut gedient. Er hatte gelernt, die Einsamkeit zu akzeptieren, schwindelerregende Höhen zu lieben und eins zu werden mit den Schatten eines Landes, das nur das goldene Licht seiner uralten Sonne kannte.

Aber vor allem hatte er gelernt zu kämpfen: erst mit seinen Fäusten und dann mit der Obsidianklinge, die er aus dem Sarkophag eines so großen Leichnams genommen hatte, dass es sich dabei um einen der legendären Aufgestiegenen gehandelt haben musste. Für den toten Gott mochte es ein Messer gewesen sein, aber für Nyam war es ein Schwert, das er in einer Schwertscheide auf dem Rücken trug.

Der Ort, den ihm sein Zahlmeister beschrieben hatte, ragte direkt vor ihm auf, mittlerweile nur noch ein Schatten seines ehemaligen prachtvollen Selbsts: Die Fenster waren verrammelt und das Mansardendach dort verrottet, wo sich Ziegel gelöst hatten und herabgestürzt waren.

Da komme ich rein.

Nyam erreichte den mit Eiszapfen übersäten Giebel am Ende des Daches, hockte sich, problemlos das Gleichgewicht haltend, an den Rand und löste ein Seil von seinem Gürtel. Er klappte die Spitzen eines Kletterhakens aus und warf ihn dann mit antrainiertem Geschick in Richtung einer Spalte zwischen zwei rissigen Kaminen. Nachdem der Haken genau an der anvisierten Stelle gelandet war, zog Nyam am Seil, um sich zu versichern, dass der Haken sicher im Mauerwerk verankert war.

Dann glitt er vom Dach.

Die bitterkalte Luft schien ihn zu zerschneiden, als er sich hinüberschwang. Er zog die Beine an, um den Aufprall abzufedern, und zuckte zusammen, als der Lärm des Aufpralls trotz seiner weichen Stiefel durch das verfallene Gebäude hallte wie ein Hammerschlag auf einen Amboss. Schnee fiel vom Dachvorsprung, und Nyam hielt einen Moment inne, um nach Anzeichen zu lauschen, dass ihn jemand gehört hatte.

Nichts. Das alte Haus war still wie eine Grabkammer.

Eine Hand über die andere setzend kletterte er das Seil hinauf, bis er schließlich problemlos das Dach erklommen hatte.

Nyam rollte das Seil auf und hockte sich in den Schatten eines Kamins. Sein Atem verwandelte sich in der Luft zu Nebel. Er zog einen dicken Fäustling aus Drüvaskfell von seiner linken Hand, um den Stein über ihm mit seiner bloßen Handfläche zu berühren.

Viele Monde sind vorbeigezogen, seit dieser Kamin das letzte Mal Wärme gespürt hatte.

Nur aus wenigen Kaminen in diesem Viertel strömte der Rauch eines Herdfeuers. Aus anderen Ecken der Hauptstadt glomm rötlicher Feuerschein. Feuerstellen, Scheiterhaufen der Krieger hinter den Mauern und Feuerschalen in den Wolfschreinen Wolfschreinen.

Doch nicht hier.

Diese Gegend war beinahe verlassen. Die klaffenden Fenster ihrer schwarzen Steingebäude wirkten, als wären sie noch nie erleuchtet gewesen. Der seufzende Wind, der durch die schmalen Gassen wehte, ließ die zerfetzten Vorhänge steif gefrieren. Nur ein paar Kerzen flackerten tief unter ihm an ein paar Fenstern, und er hatte nur eine einzige Laterne vor dem Eingang einer verlassen wirkenden Taverne gesehen.

Die blassen Strahlen des Mondlichts fielen auf leere Straßen voll unberührtem Schnee. Wie so ein verlassener Bereich in einer Stadt existieren konnte, in der jedes Stück Boden kostbar war, war Nyam ein Rätsel. Aber das war der Ort, an den ihn sein Auftraggeber geschickt hatte.

Das Anwesen des Hauses Zaavan.

Nyam glitt langsam durch ein weites Loch im Dach am Seil hinab.

Schneeflocken wirbelten bei seinem Abstieg um ihn herum wie Diamantstaub im schwachen Mondlicht. Er wartete einen Moment, bis seine Augen sich an die Dunkelheit des Anwesens gewöhnt hatten, und sah dann, dass er in etwas hing, das wohl einst ein großer Empfangsraum mit einem breiten Kamin aus golddurchzogenem Marmor gewesen war.

In der Feuerstelle befand sich schneebedecktes Holz, und verschüttet daneben ein Eimer voll frostiger Kohle, als hätten die Bewohner des Hauses ihn umgestoßen, als sie es überstürzt für immer verlassen hatten.

In dem Raum befanden sich einige mit Leinen drapierte Möbelstücke: große Kanapees, breite an die Wände geschobene Diwane und leere Stühle. Aus dem steif gefrorenen Zustand des Stoffes schloss Nyam, dass viele Jahre vergangen sein mussten, seit dieser Raum verlassen worden war.

Auf dem Parkettboden lagen vereinzelte Dachziegel und abgebrochenes Gebälk. Vorsichtig setzte er einen Fuß auf eine freie Stelle zwischen dem Unrat und überprüfte, ob der Boden knarzte oder ächzte. Dann verlagerte er langsam sein gesamtes Gewicht und ließ das Seil los.

Nyam schlug seine Kapuze zurück und fuhr sich mit einer Hand über den rasierten Schädel, dessen stoppelige dunkle Haut tätowiert und mit Elfenbeinnadeln durchzogen war, die eine Art Dornenkrone bildeten.

Er kniete sich hin und legte seine Handfläche auf den Boden, schloss die Augen und ließ die Knochen des Anwesens zu sich sprechen. Die uralten Balken knarzten in der Kälte wie alte Männer, die sich im Schlaf herumwarfen. Die Wände schwiegen, in ihnen hing der Atem des Hauses schwer in der Luft, gefangen wie die Luft in einer Pesthöhle, in der die Kranken auf den Tod warteten.

Jeder seiner Instinkte sagte ihm, dass dieses Haus verlassen war, ein verfluchter Palast, in dem das Eis die Zeit stillstehen ließ.

Und doch …

Da war ein leises Zischen wie tausend flüsternde Stimmen, die im Chor sprachen, der sanfte Eindruck von Bewegung um ihm herum. Ein kribbelndes Gefühl wanderte seine Wirbelsäule hinunter. Er unterdrückte ein Schaudern und redete sich ein, dass es nur die eisigen Finger des Nordwindes waren.

Er entspannte seinen Blick, ohne einen bestimmten Punkt zu fixieren, und erlaubte so seiner peripheren Wahrnehmung, jegliche Bewegung zu bemerken. Er sah nichts außer dem Wirbeln der Schneeflocken und dem sanften Flattern des Stoffs.

Jedoch ließ ihn das Gefühl nicht los, dass noch etwas anderes hier war.

Die Anweisungen im elegant geschriebenen Brief waren deutlich gewesen: Betritt das Zaavan-Anwesen, finde die Bibliothek und stiehl das bestimmte Artefakt. Im Brief war die Rede von einer großen Bibliothek im Ostflügel des Anwesens mit hohen tiefschwarzen Türen gewesen, die sich unweit vom Zwischengeschoss oberhalb von einem achteckigen Atrium befand.

Nyam stand auf und ging auf die Wände zu, wo der Holzboden wohl weniger unter seinem Gewicht knarzen würde. An die Wand gedrückt bewegte er sich bis zu einer breiten Tür am anderen Ende des Raums. Sie war angelehnt und mit einem Seufzen wehte ihm ein schwacher Wind von der anderen Seite entgegen.

Mit seiner dürren Gestalt glitt er mühelos durch die Tür und befand sich nun in einem langen Speisesaal.

Ein schmaler Tisch erstreckte sich bis zum Ende des Raumes und war immer noch für ein üppiges Abendessen gedeckt. Bemalte Keramikteller und glänzendes Silberbesteck warteten auf Gäste, die niemals eintreffen würden.

Vereistes Obst und frostige Fleischstücke türmten sich auf Servierplatten. Nyams Magen knurrte und erinnerte ihn somit daran, dass seine letzte Mahlzeit viele Stunden her war. War ein solches Stück Fleisch vielleicht essbar sogar, von der Kälte konserviert?

Nyam wollte es lieber nicht herausfinden.

In der Mitte des Tisches stand eine Servierplatte mit silberner Haube. Plötzlich überkam ihn die Neugier zu erfahren, was darunter lag.

Nyam streckte einen Arm aus und hob die Haube an.

Und da quollen Dutzende kleiner Kreaturen aus einem vermodernden Rinderbraten hervor, schwarzglänzend und huschend – hunderte Spinnen, die vor dem Licht flüchteten. Keine war größer als sein Fingernagel. Nyam zuckte erschrocken zurück, als die Spinnen sich über den Rand des Tisches ergossen wie eine sich windende Flut.

Die Haube fiel aus seinen Fingern und auf den Boden.

In der Stille des Hauses war das Scheppern des Metalls ohrenbetäubend.

Er zuckte zusammen und griff zum Schwert auf seinem Rücken. Seine Dummheit verfluchend bewegte er sich schnell zu einem der Fenster mit Vorhang, suchte den Schatten und wurde eins mit der Dunkelheit.

Die Stille war sein Verbündeter, und absolut regungslos wartete er auf ein Zeichen, dass sein törichter Fehler bemerkt worden war. Aufmerksam lauschte er nach auffälligen Geräuschen – einem mürrischen Wachmann oder vielleicht sogar den Herrn des Hauses.

Stattdessen fühlte sich das Haus fast noch leiser an als zurvor, als wäre irgendetwas direkt neben ihm, unsichtbar wartend, ihn beobachtend.

Seine Blicke suchten die Wände ab, vom Boden bis zum Gesims.

Nichts.

Aus Sekunden wurden Minuten, und schließlich seufzte Nyam erleichtert. Das Haus war leer und verlassen, einst prachtvoll, jetzt zu einer Ruine verkommen.

„Tot wie ein Wüstengrab“, sagte er.

Elise kletterte aus ihrem Unterschlupf im Keller hinauf ins Erdgeschoss des Anwesens. Flink bewegte sie sich dabei die Wand hinauf über die geriffelten Säulen bis ins Zwischengeschoss, ihre vielen Beine stets perfekt synchron. Ihre Schar zitternder kleiner Spinnen folgte ihr, erpicht darauf, vorauszueilen und den Eindringling zu überwältigen. Doch vorerst hielt sie sie zurück.

Wie unbeugsame Kinder reagierten sie mit Zischen darauf, dass ihnen dieses Festmahl verweigert wurde.

Elises segmentierte Spinnengestalt war tödlich und so schwarz wie die Nacht. Ihren Bauch zierte ein blutrotes Muster. Ihre schlanken, mit Klingen versehenen Beine bewegten sich absolut lautlos.

Sie krabbelte mit geschmeidiger Anmut über das Schachbrettmuster des Zwischengeschosses auf den Speisesaal zu.

Als sie ihre vordere Kralle zur Tür streckte, erklang ein metallisches Scheppern aus dem Raum dahinter. Sie hielt inne, und ihr Gefolge tat es ihr gleich, sanft auf den vielen Beinen schwankend.

Das Geräusch weckte bittere Erinnerungen an ihr früheres Leben …

… an Schmerz, Erniedrigung und blutige Rache.

Beinahe hätte ein eifersüchtiger, kleinkarierter Mann in diesem Raum ihr Leben ausgelöscht.

Sie erinnerte sich, wie das heimtückische Gift ihres Ehemannes durch ihre Adern geflossen war, wie es ihr Fleisch von innen versengt und sie vor Schmerz gelähmt hatte.

Ein Flut aufbrausenden Hasses, das Aufblitzen einer Klinge …

Hämische Augen, jetzt vor Furcht geweitet …

Die rote Flut, als sie das Messer in seinem Herzen herumdrehte.

Elise schob die Erinnerungen beiseite. Selbst jetzt noch, Jahrhunderte später, blieb der Schmerz jener Nacht bestehen. Obwohl sie das Gegengift getrunken hatte, hatte sie noch Wochen nach seinem Verrat an der Schwelle des Todes gestanden. Doch so schmerzvoll diese Wochen auch gewesen sein mochten, sie hatten ihre Wiedergeburt eingeläutet.

Als Mensch war sie lediglich schön gewesen. Jetzt war sie prächtig.

Elise hielt inne und kostete die ansteigende Anspannungen des Diebes aus – doch darunter spürte sie langbegrabene Ängste und den Willen, vergangene Torturen zu überstehen. Beides fand in ihr Anklang.

Fasziniert senkte sie ihre Kralle, als sie hörte, wie sich der Dieb näherte.

Elise wandte sich vom Speisesaal ab und überquerte flink das Zwischengeschoss in Richtung der beiden hohen schwarzen Türen.

Nyam öffnete vorsichtig die Tür des Speisesaals und zuckte zusammen, als sie knarzte.

Aber wenn niemand angerannt gekommen war, als er die Metallhaube fallen gelassen hatte, dann würde wohl auch jetzt niemand kommen.

Die Tür gab den Blick auf ein hohes achteckiges Atrium unter einer Buntglaskuppel frei. Das Zwischengeschoss umgab das Atrium, jedoch hatten einige Balken nachgegeben und die Wendeltreppe war hinunter in die Vorhalle gestürzt. Unten in der Vorhalle lagen Buntglassplitter, und als Nyam nach oben in die Dunkelheit spähte, entdeckte er, dass die Löcher in der Kuppel mit einem hellen Fasergewebe aus Harz oder Gummi geflickt wurden.

Dicke Spinnenweben überzogen den oberen Teil des Atriums. Nyam bemerkte feucht-wirkende Bündel, die von den Spinnenweben fixiert wurden und die sich von innen her grotesk windend bewegten.

Eiersäcke? Gefangene Vögel? Nester?

Was auch immer das war, es war nicht sein Problem. Früher oder später würde er diesen Ort mitsamt seiner Beute hinter sich lassen, auf dem Weg zu einem prallgefüllten Geldbeutel, einem sauberen Badehaus und einer warmen Mahlzeit.

Direkt gegenüber vom Speisesaal sah er zwei beeindruckende Türen aus schwarzem Holz, poliert und glänzend wie schwarze Spiegel.

„Da ist die Bibliothek“, flüsterte er. „Genau wie es im Brief stand.“

Nyam durchquerte das Zwischengeschoss und prüfte dabei mit jedem Schritt die Stabilität des Untergrunds, bevor er mit seinem vollen Gewicht auftrat. Das Holz knarzte und ächzte, hielt aber stand.

Er erreichte die Türen und versuchte, eine der Türklinken zu betätigen. Mit einer angewiderten Grimasse zog er seine Hand zurück, an der nun eine weißgelbe, gummiartige Substanz klebte.

„Gnade des Sandes“, zischte er und wischte die Hand an seiner Hose ab.

Mit einem Klicken öffnete sich die Tür, und Nyam vergaß seinen Ekel, als er ein Geräusch hörte, das klang, als würde Sand über Felsen fließen. Er konnte es nicht einordnen – vielleicht Schädlinge im Gemäuer?

Ratten waren keine Seltenheit in Noxus. Wenn so viele Leute auf engsten Raum lebten, war es unvermeidlich, dass jedes Gebäude von Ratten heimgesucht wurde. Aber das waren keine Ratten.

Er schob die Tür auf und betrat die Bibliothek.

Einst wäre bei ihrem Anblick bestimmt jeder in Staunen verfallen.

Die hohen Regale waren mit Liebe und Sorgfalt aus hellem Holz mit einer feinen, geschwungenen Maserung gefertigt. Doch nun war jeder Bücherschrank gewaltsam ausgeleert worden, ledergebundene Wälzer, Schriftrollen Blätter lagen durcheinander auf dem Boden. Bücher, die wahrscheinlich ein Vermögen wert waren, waren unter uralten Schriftrollen begraben, die wie weggeworfene Armeewertmarken zerfetzt worden waren. Seltsame, ausgeklügelt geformte Artefakte waren zerschmettert, Statuen aus Onyx und Jade waren zerstört. Ein schaukelnder schwarzer Kronleuchter hing an einer dünnen Kordel in der Mitte des Raumes.

Und da, am anderen Ende des Raumes, stand ein Schrank aus dunklem Holz und kaltem Eisen, der ein sanftes, pulsierendes Leuchten verströmte.

„Da“, sagte Nyam und bahnte sich durch die verstreuten Bücher einen Weg zum Schrank.

Er fragte sich, wie man so eine Fundgrube des Wissens und der Fantasie nur zerstören konnte. Dieses Chaos wirkte wie blinde Zerstörungswut. Die Staubschicht auf den geprägten Einbänden und vergoldeten Buchrücken ließ vermuten, dass der Zorn schon vor langer Zeit getobt hatte.

Er bückte sich, um ein Buch aufzuheben. Die Seiten waren spröde vom Alter. An einigen Stellen des dicken Ledereinbands entdeckte er dieselben glitzernden, klebrigen Rückstände wie an der Türklinke. Er öffnete es und erblickte die raue kantige Schrift der alten Sprache von Noxus, eine Sprache, die nur von hochgeborenen Patriziern verwendet worden war. Nyam konnte sie nicht lesen, und beim Versuch, die zackige Schrift im trüben Licht zu entziffern, begannen seine Augen zu schmerzen.

Er legte das Buch zurück auf den Boden, setzte seinen Weg fort – und hörte plötzlich erneut das Geräusch von Sand auf Fels. Er hielt inne und versuchte herauszufinden, woher das Geräusch kam. Aber es schien von allen Seiten zu kommen.

Was ist das nur?

Endlich erreichte er den Schrank. Die schwarze Holzoberfläche schien seltsam zu glitzern, überzogen von einer Schicht aus Feuchtigkeit, die von innen durchzusickern schien, als würde etwas im Inneren auslaufen. Er beugte sich vor, um an der Flüssigkeit zu riechen, ohne sie dabei zu berühren.

Salz, verrottetes Gebälk, eingeweichter Seetang und … altes Blut?

„Verdorbenes Meerwasser“, sagte er verwirrt.

Er bückte sich, um den Schrank von unten zu untersuchen. Auf der Suche nach Fallen, Riegeln oder Schaltern strich er mit seiner bloßen Hand über das nasse Holz. Er achtete nicht mehr auf seine Umgebung und konzentrierte sich völlig auf den Schrank und die tödlichen Überraschungen, die er vielleicht verbarg. Anscheinend waren seine Türen nur mit einem einfachen Schloss gesichert.

„Etwas derart Kostbares wurde doch sicher nicht nur mit einem Verriegelungsbolzen versehen“, flüsterte er ungläubig. „Fast als würde man sich wünschen, dass es gestohlen wird.“

Nyam tastete mit den Fingerspitzen den Bereich um die Klinken ab, zog dann einen Spiegel aus einem Beutel, um damit einen Blick auf den Mechanismus des Schlosses im Inneren zu erhaschen. Keine Sprungfeder mit einer Nadel, keine Glaskapsel mit Giftgas, keine Inschrift mit Flüchen, keine magische Runenfalle.

Überzeugt davon, dass es sich tatsächlich nur um ein gewöhnliches Schloss handelte, griff er hoch und zog eine der längeren Elfenbeinnadel aus einer Hautfalte an seinem Schädel. Er schob sie in das Schloss und führte vorsichtig die Bolzen aus ihren Vertiefungen.

Als jeder Bolzen an seinem Platz war, steckte Nyam die Nadel zurück an seinen Kopf und lockerte seine Finger.

Schmerzhafter Hunger ließ seinen Magen knurren.

Plötzlich war er wie ausgehungert, bereit, rohes Fleisch von Knochen zu reißen und ganze Bierfässer zu leeren. Der Appetit vom Speisesaal war mit zehnfacher Stärke zurückgekehrt, und eine Sekunde lang erwog er, zurückzugehen und einen der Braten vom Tisch zu holen.

Er unterdrückte diese Empfindungen, erschüttert darüber, wie instinktgesteuert sie waren.

Nyam öffnete den Schrank, und wieder verkrampfte sich sein Magen heftig vor Hunger.

Im Inneren befand sich eine Sanduhr aus Kristall, die in eine feine Messingfassung eingearbeitet war. Sie war zwei Handspannen hoch und in ihr wirbelten Wolken blauen Lichtes, ständig in Bewegung von oben nach unten und von unten nach oben. Das rauchige Glas schien rötliche Wassertropfen auszuschwitzen, die eine glänzende Pfütze bildeten und anscheinend die Ursache für die Feuchtigkeit waren, die dem Schrank entwich.

Wohlwissend, dass finstere Magie am Werk war, zögerte Nyam, das Objekt zu entfernen.

Er zog seine Handschuhe wieder an und hob die Sanduhr vorsichtig an. Sie fühlte sich warm an wie ein gerösteter Schenkel frisch aus dem Lehmofen, und er schloss seine Augen, als sein Verstand sich mit blutigen Schreckensvisionen füllte …

Das Beil eines Schlachters, das Knochen für den Kochtopf spaltete …

Verstümmelte Leichen, die an Haken ausbluteten …

Ein Schlund mit Zähnen, der einen unstillbaren Hunger zu stillen versuchte …

Das Licht der Seelen, die den Lebenden und den Toten entrissen wurden …

AUCH IM TODE WÜTET MEIN HUNGER!

Nyam stellte die Sanduhr wieder hin, beinahe überwältigt vom Schlag in die Magengrube, den die blutigen Visionen darstellten, und angewidert davon, dass seine Begierden stärker wurden.

„Ich weiß nicht, was du bist, aber je schneller ich hier raus bin und dich loswerde, desto besser.“

Er löste den Verschluss seines Umhangs, nahm ihn ab und wickelte die Sanduhr schnell darin ein.

Nyam schloss den Schrank und wandte sich um.

Fassungslos fiel ihm die Kinnlade herunter.

Jede Oberfläche der Bibliothek war mit glitzernden Spinnenweben überzogen, die sich straff zwischen Bücherregalen und Boden spannten. Teilweise verrammelte Fenster waren jetzt lichtundurchlässig und mit ihren Rahmen verplombt, verstreute Bücher und Schriftrollen waren versunken unter Dünen weißer Seide.

Das Rauschen von Sand über Felsen wurde stärker, und als Nyam bemerkte, dass tausende schwarzrote Spinnen an der Decke entlangkrabbelten, zückte er seine schwarze Klinge.

Noch mehr Spinnen kamen auf ihn zu wie eine schwarze Flut, quetschten fette Körper durch Risse in den Wänden und dem Boden, wuselten übereinander in der Eile, ihn zu erreichen.

„Möge Rammus Rammus mit mir sein“, zischte er. „Möge er diesen Sohn Shurimas schützen …“

Eine größere Bewegung lenkte seinen Blink nach oben zum Kronleuchter.

Sie entfaltete sich von der Mitte aus, wo ein gewaltiger, segmentierter Körper sich ausbreitete und sich als monströse Spinne mit einem pulsierenden schwarzen Unterleib mit kräftigen blutroten Linien offenbarte. Sie blickte in Nyams Richtung, als sie sich von der Decke abseilte.

Selbst als sie sich an ihrem seidenen Strick herabließ, veränderte sich ihr Körper, schien sich umzustülpen und eine neue Form anzunehmen wie eine Larve, die ihre Puppe verlässt. Die Hinterbeine der Kreatur glitten nach hinten auf ihren Rücken, und die Vorderbeine verformten und zogen sich in die Länge, um menschliche Beine zu bilden.

Ihr Körper streckte sich und bildete die verlockenden Kurven einer Frau, die in Rot und Schwarz, in Seide und Damast gekleidet war. Der nachtschwarze Farbton ihrer Haut wandelte sich zum Violett eines verhängnisvollen Sonnenuntergangs, und aus dem Scharlachrot des Hinterleibs des Ungeheuers wurde eine zurückgestrichene Mähne blutroten Haares.

Aber es waren ihre Augen, rubinrote Zwillingsseen umrandet von einer Chitinkrone, die Nyam im Bann hielten.

Ihr sich verjüngender Fuß berührte den Boden, und sie ging auf ihn zu wie eine Bändertänzerin nach einer makellosen Darbietung in der Luft.

„Das gehört dir nicht“, sagte sie.

Nyam versuchte zu sprechen, aber seine Zunge hatte sich in geschwollenes Leder verwandelt, und er packte sein Schwert fester. Ihre Schönheit war berauschend und nicht von dieser Welt, zugleich abstoßend und schmerzlich begehrenswert.

Er sehnte sich nach der Umarmung ihrer schlanken Glieder, obwohl er wusste, dass die Berührung ihres abstoßenden Körpers seinen Tod bedeuten würde. Er machte einen Schritt auf sie zu und versuchte das anschwellende Gefühl des Grauens in seinem wild pochenden Herzen zu besänftigen.

Sie grinste und zeigte dabei ihre nadelartigen, mit Gift benetzten Zähne.

Wie fühlt es sich wohl an, ihre Zähne in meinem Arm, ihr Gift in meinen Adern zu spüren?

Nyam schüttelte den Kopf und wandte seine Augen ab. Die Luft rauschte in seine Lungen, nachdem er sie unbewusst angehalten hatte, und ihre Schmeicheleien und Verführungen fielen ab von ihm.

„Ich denke, dir gehört es auch nicht“, sagte er, nachdem er endlich seine Stimme wiedergefunden hatte.

„Das stimmt, aber es kostete mich große Mühen, es zu bekommen, daher ist dieser Punkt irrelevant.“

„Der Mann, der mich bezahlt, ist sehr mächtig“, warnte Nyam.

„Und die Person, der dieser Gegenstand versprochen wurde, ist nicht weniger mächtig“, erwiderte die Frau.

Nyam begann, sie zu umkreisen, sich in Richtung der schwarzen Türen zu bewegen. Sie trat auf ihn zu und die Spinnen teilten sich vor ihr. Die Gliedmaßen auf ihrem Rücken bewegten sich spielerisch, als sie ihre Schultern kreisen ließ.

„Denkst du wirklich, dass du hier lebend rauskommst?“, fragte sie.

„Du möchtest mich also aufhalten?“, sagte er und schwang das Schwert, das einst einem toten Gott gehört hatte. „Ich habe die Schädel von vielen gespalten, die versucht haben, mich an der Flucht zu hindern.“

„Daran besteht kein Zweifel. Aber deine Opferzahl ist verschwindend gering, wenn man sie mit der meinen vergleicht. Ich bin Lady Elise und du nur die neuste Fliege, die in mein Netz gewandert ist.“

Nyam sprang vor und preschte in Richtung der Bibliothekstüren.

Er spürte, wie die Körper der Spinnen unter seinen Stiefeln platzten, hörte das Knacken ihrer harten Panzer und roch den sauren Gestank ihrer Sekrete. Er hatte gehofft, durch seine plötzliche Geschwindigkeit einen Vorteil zu erlangen, aber jetzt erkannte er, wie schrecklich falsch er die Frau eingeschätzt hatte.

Mit einem Salto sprang sie in einem anmutigen Bogen in Richtung der Türen. Sie schoss Seide in Richtung der in den Umhang gewickelten Sanduhr in Nyams Händen.

Er drehte sich weg, um auszuweichen, aber das klebrige Netz hatte den Saum seines Umhangs erfasst und zog …

Nyam schrie zornig auf, als ihm die Sanduhr entrissen wurde. Sie flog durch die Luft und prallte hart gegen den Schrank, wobei sich ihr Messingrahmen etwas verbog. Das Artefakt landete weich auf den Netzen am Boden und rollte auf die Seite.

„Du Narr!“, rief Elise, als kräuselnder dunkelblauer Rauch aus einem breiten Riss in der Sanduhr hervorquoll. „Was hast du getan?“

Mehr Rauch entwich, dichter, dunkler, stärker nach altem Blut und Angst riechend. In ihm wirbelten rote Blitze, ein Sturm aus kaltem Licht und Hunger.

Ein schrecklicher Umriss erschien, breit und aufgedunsen, eine enorme Gestalt in dicker, rostiger Plattenrüstung. Ein gehörnter Schädel wurde sichtbar, mit einem Maul voller Reißzähne, das sich knirschend ausdehnte mit scheußlichem Appetit.

„Was ist das?“, fragte Nyam, dem der Schrecken tief in die Knochen gefahren war, sodass er sich nicht mehr von der Stelle rühren konnte.

„Ein Seelenfresser“, antwortete Elise. „Eine Kreatur von unendlichem Hunger, die sich eine Ewigkeit lang an deinem Geist laben wird. Ein Wesen von den Schatteninseln …“

Nyam gestikulierte das Zeichen der Sonne über seinem Herzen, als eine Horde kleinerer Gestalten sich um die Kreatur herum bildeten – elende, halbverdaute Geister mit fehlenden Armen, ausgerenkten Kiefern, aufgerissenen Torsos und ausgehöhlten Schädeln. Fesseln aus blutrotem Licht banden sie an das gewaltige Wesen, das sie versklavt hatte und von ihnen zehrte.

Er spürte ihren Schmerz und ihr Leid angesichts ihres grauenvollen Schicksals, langsam verschlungen zu werden. Aber noch schrecklicher war, dass er auch ihr entsetzliches Verlangen spürte, dieser Qual zu entkommen.

„Sterbliches Fleisch, ein Festmahl“, sagte der Seelenfresser mit einer Stimme wie eine stumpfe Säge, die Knochen schneidet.

„Dieb!“, rief Elise und hoffte, damit den Schrecken, der ihn im Bann hielt, zu durchbrechen. „Dieb!“

Er reagierte nicht, gelähmt vom Anblick dieses widernatürlichen Wesens, das so lebensfeindlich war, dass sein sterblicher Verstand dessen Existenz einfach nicht akzeptieren konnte.

Der Hunger des Geistes war von einer brutalen Rohheit, die sie spüren konnte, eine unersättliche, unbeirrbare Notwendigkeit, der die Raffinesse ihrer eigenen Begierden fehlte.

Sie war angewidert.

Elise packte den Dieb an seiner Schulter, und er blickte schlagartig auf.

„Nimm dein Schwert und kämpfe, oder wir sterben beide“, sagte sie, als der Seelenfresser einen behäbigen Schritt auf sie zu trat und ein groteskes Grinsen zeigte, das sein Schlachtergesicht in zwei Hälften teilte. „Jetzt!“

Ihr Tonfall erlaubte keinen Widerspruch, und so hob der Dieb unsicher seine Klinge.

Der Seelenfresser hob einen fleischigen Arm, und die versklavten Abscheulichkeiten rasten auf sie zu.

Die Beine an Elises Rücken schnellten hervor wie Sensen und der Dieb schwang sein Schwert. Die Geister zuckten zurück und kreischten schmerzerfüllt auf, als die Waffen sie durchtrennten.

Elise verschwendete diese kurze Atempause nicht.

„Lauf!“, rief sie und stürzte zur Tür. Der Dieb war dicht hinter ihr, doch die Geistersklaven des Seelenfressers waren viel schneller, als sie erwartet hatte.

Ihre Krallen schlugen nach lebendem Fleisch, und der Dieb schrie auf, als ein Geist seine Schulter und seine Hüfte aufschnitt. Kaltes blaues Licht floss in ihn, und er stolperte, als sich weitere Geister auf ihn stürzten. Eisige Krallen schlugen nach ihnen, als sie sich Seite an Seite zu den Bibliothekstüren vorkämpften. Elise biss die Zähne zusammen angesichts der eiskalten Taubheit, die jede Wunde verströmte und die sich wie einschläferndes Gift in ihrem Blut ausbreitete.

„Hoch mit dir!“, rief Elise und zog ihn weiter. „Beweg dich!“

Sie stolperten durch die Türen, dann warf sie erst den Dieb zu Boden und wandte sich dann um zur Bibliothek. Tausende weitere Spinnen strömten aus den unteren Stockwerken auf das Zwischengeschoss, purzelten von den Wänden oder krochen durch die gekrümmten Dielen.

Elise knallte die Bibliothekstüren zu und sagte: „Versiegelt den Weg, meine Kleinen.“

Die Spinnen flossen die Wand hoch und spannen dabei Netze in furioser Geschwindigkeit. Klebrige Seidenschwaden füllten den Spalt zwischen den Türen und die Schlüssellöcher und versiegelten sie. Pulsierendes blaues Licht wurde um den Rahmen herum sichtbar.

Noch hielten die Netze, aber sie begannen bereits auszufransen. Die harzartige Substanz begann wie Wachs zu schmelzen. Feinste Schwaden eines ätherischen Nebels drangen durch die Lücken, gefolgt von geisterhaften Händen und der Andeutung von klagenden Gesichtern. Elises eigenes Netz wäre eine wesentlich stärkere Barriere, aber es zu spinnen würde Zeit und Energie kosten, die sie nicht hatte.

Sie beugte sich vor, und eine Handvoll Spinnen kletterten auf ihre ausgestreckten Handflächen. Sie hob sie vor ihr Gesicht und stellte sich vor, was sie brauchte, und dann sprangen die Spinnen von ihren Handflächen und verschwanden durch Ritzen in den Wänden.

„Danke“, sagte der Dieb, atemlos vor Schrecken. „Du hast mich gerettet–“

„Ich habe es nicht für dich getan“, fuhr Elise ihn an und streckte sich zu ihrer vollen Größe aus.

„Aber warum dann?“

„Weil der Seelenfresser stärker wird, wenn er frisst“, sagte sie und ging in Richtung Speisesaal. „Und jetzt hoch mit dir. Das Netz wird nicht ewig halten.“

Elise stieß die Tür des Speisesaals auf und ging schnell an der Stelle vorbei, an der ihr Ehemann sie verraten hatte. Seit jener Nacht hatte sie den Raum nicht mehr betreten.

Inzwischen hinkte der Dieb ziemlich stark. Ein fahles, tödliches Licht hatte sich von den Krallenwunden der Wiedergänger aus in seinem Körper ausgebreitet. Er wusste es nicht, aber er war so gut wie tot.

Ehrlich gesagt war sein Schicksal besiegelt gewesen in dem Moment, als er sich entschieden hatte, sie zu bestehlen.

„Ich vermisse die Sonne“, sagte er. Seine Augen wurden bereits glasig. „Den Sand …“

„Du wirst sie nicht mehr wiedersehen“, sagte Elise. „Außer das erwartet dich auf der anderen Seite.“

„Auf der anderen Seite?“

„Wenn du gestorben bist“, sagte Elise.

„Nein, ich bin nur erschöpft. Verwundet …“, beharrte er mit schwächer werdender Stimme. „Und mir ist kalt … Ich wurde schon stärker verletzt und habe es überlebt.“

Elise schüttelte ihren Kopf und dann stach eins der Beine an ihrer Schulter in seinen Hals.

Der heiße Strom des Giftes, das in ihn gepumpt wurde, ließ ihn zusammenzucken. Er taumelte zurück und hob sein Schwert. Die Klinge zitterte in seiner geschwächten Hand, und Elise konnte die Hitze der Magie in dem uralten Metall spüren.

„Was hast du getan?“, fragte er fordernd.

„Ich habe dir ein wenig Gift verpasst, das dich ein wenig länger am Leben halten wird.“

„Wovon redest du?“

„Die Berührung der Schatteninseln ist gleichbedeutend mit dem Tod“, erwiderte Elise. „Jede Sekunde, die deinesgleichen an jenem verdammten Ort verbringt, zehrt die Seele auf, wie Blut, das aus einer nie heilenden Wunde fließt. Diese Berührung ist jetzt in dir und saugt dir bis zum letzten Atemzug das Leben aus.“

Er stützte sich am Tisch ab. Elise konnte sehen, wie sich schwarze, schlängelnde Linien auf seinem Gesicht ausbreiteten.

„Nein“, sagte er. „Dich haben die Geister auch getroffen.“

„Mein Körper ist magischer Natur“, sagte sie, „durch das Gift eines uralten Gottes geformt.“

„Du bist unsterblich?“

Trotz allem entfuhr Elise ein bitteres Lachen.

„Nein, aber es braucht schon mehr als einen Seelenfresser, um mir ein Ende zu bereiten“, sagte sie und fügte dann flüsternd hinzu: „Hoffe ich.“

Nyam folgte Elise in die Kammer, die er als Erstes betreten hatte, als er in ihr verlassenes Anwesen eingedrungen war. Seine Schritte waren bleiern, jeder Atemzug ein Kampf. Er konnte nur einen Fuß vor den anderen setzen.

So kalt …

Er stieß gegen einen Stuhl, der mit einem Tuch abgedeckt war, und sein verschwommener Blick klarte lange genug auf, um das baumelnde Seil vor ihm zu erkennen, mit dem er sich vom Dach abgeseilt hatte.

Ob ich wohl genug Kraft habe, um da hochzuklettern?

Elise stand unter dem Loch in der Decke, umgeben vom Mondlicht, erneut strahlend vor Schönheit. Ihre Haut schimmerte und leuchtete von innen heraus, und die Entschlossenheit brannte wie Feuer in ihren Augen.

„So … schön“, sagte er mit einer Stimme, die so klang, als käme sie von ganz weit weg. Sie wandte sich zu ihm um, und sein Herz schlug ein klein wenig schneller.

„Wie nennt man dich?“, fragte sie.

„Nyam“, erwiderte er. Sein Verstand war in seiner Vergangenheit unterwegs. „Gesichtsloser Nyam …“

Sie neigte ihren Kopf zur Seite. „Gesichtslos? Wieso nennt man dich so?“

Er zog seine Lippe zurück, um ihr seinen gespaltenen Gaumen und die schlecht vernähte Narbe zu zeigen. Sie nickte und streckte ihre Hand aus, um mit den glatten Fingerspitzen über seine Wangen und sein Kinn zu streichen.

„Wir haben alle unsere Narben, Nyam“, sagte sie, und er spürte eine seltsame, belebende Wärme in ihn fahren. „Und jetzt mach dein prächtiges Schwert bereit. Du wirst es brauchen.“

Er drehte sich rechtzeitig um, um zu sehen, wie die Türen durch das geisterhafte Gefolge des Seelenfressers aufgestoßen wurden. Sie stürmten herein wie eine heulende Meute aus Alpträumen, kreischend vor fieberhafter Eile.

Nyams Herz erwachte zu neuem Leben wie ein Herdfeuer, das frischen Brennstoff erhalten hat, und er schwang brüllend sein Schwert. Die Klinge bohrte sich in die rauchigen Tiefen ihrer Körper und erntete Schreie des Schmerzes und der süßen Erlösung. Sein eigener Schmerz war vergessen, das Eis in seinen Venen geschmolzen durch die Hitze der giftigen Berührung von Elise. Er war wieder ein Krieger der Sonne, bereit zu kämpfen und einen Heldentod zu sterben.

Während er kämpfte, sah er, wie Elise mit unglaublicher Geschwindigkeit und Geschicklichkeit von Feind zu Feind sprang. Seine Sicht wurde trüb und die Farben verblassten, aber es schien so, als würde ihre Gestalt mit jedem Blinzeln verschwimmen, sich verwandeln von drahtiger menschlicher Schönheit zur tödlichen Eleganz einer Spinne.

Nyam kämpfte umso härter, in der Hoffnung, dass sie sehen würde, wie tapfer er war, und dass es ihr gefallen könnte.

Aber das Feuer in seinem Blut konnte nicht ewig brennen, und mit jedem Klauenhieb und jeder tödlichen Berührung wurde er langsamer. Nyam versuchte, seinen Trotz herauszubrüllen, aber seine Kehle fühlte sich an, als wäre sie vereist. Sein Schwert lag ihm schwer in der Hand, aber er ließ es nicht fallen.

Er sank auf die Knie. Ihm war so kalt wie noch nie zuvor.

Die Nebelgeister umringten ihn, aber sie versuchten nicht, ihn zu töten. Er spürte, wie eisige Hände ihn wegtrugen. Er sah, wie sie Elise umringten, wie ihre geisterhaften Glieder sie durch ihre schiere Übermacht herunterzogen. Sie fauchte und spuckte, aber vergeblich.

Nyam grub tief in sich nach dem Feuer, das sie ihm geschenkt hatte, aber es war vollends aufgebraucht.

„Elise …“, flüsterte er.

Heißes Gift wütete durch Elises Körper, als die jämmerlichen Geisterdiener sie und den Dieb vor den Seelenfresser zerrten. Sein Feuer hielt die tödliche Berührung der Geister in Schach, aber lange würde sie das nicht aufrechterhalten können.

Sie waren zurück in der Bibliothek. Der Gesichtslose Nyam kniete vor den Geistern, gerade so noch am Leben, seine Seele so gut wie verbraucht. Dennoch hielt er sein schwarzes Schwert umklammert, als würde er irgendwie noch einen letzten Schlag ausführen können.

Das gewaltige Gespenst ragte über Elise auf, seine bestialischen Gesichtszüge verzerrt durch seinen monströsen Hunger. Der Seelenfresser wusste, dass sie etwas Besonderes war, mehr als nur ein normaler Sterblicher, und er ließ sich Zeit, kostete den Moment aus, bevor er ihr das Leben aussaugen würde.

Du Narr …

„Leuchtendes Seelenfleisch”, sagte der Seelenfresser. „Üppiges Festmahl!“

„Leider wirst du das nie erleben“, sagte Elise.

Der Seelenfresser lachte, ein knurrendes, nasses Geräusch. „Ich werde nur deinen leeren Körper zurücklassen.“

Elise hob einen mahnenden Finger. „Kennst du die Redensart, die besagt, dass der Mann mit dem Kopf in den Wolken nicht den Skorpion vor seinen Füßen sieht? Nein? Nun, ich war immer der Meinung, dass es besser funktionieren würde, wenn man den Skorpion durch eine Spinne ersetzt …“

Verwirrt starrte er sie an und griff dann herab, um sie zu seinem schrecklichen Schlund zu führen.

Bevor die Klauenhand sie berühren konnte, hielt sie inne.

Der Seelenfresser drehte sich um und sah, dass die zerbrochene Sanduhr von Dutzenden Spinnen an einem straffen Seidenfaden vom Boden gehoben wurde. Aus den vielen Rissen im Glas entwich nach wie vor ein kränkliches Licht, aber mit jeder Sekunde wurde es schwächer, da hunderte winziger Spinnen es mit ihren Netzen umwoben wie Weberinnen an einem Webstuhl.

„Danke, meine Kleinen“, sagte Elise, die spüren konnte, wie die Macht des Seelenfressers schwand. Die plötzliche Angst hatte jeden Gedanken an ein Festmahl fortgefegt.

„Jetzt, Nyam!“, schrie sie. „Schlag zu!“

Der Dieb hob seinen Kopf, und mit letzter Kraft trieb er sein Schwert in den Bauch des Seelenfressers.

Die Kreatur gab ein ohrenbetäubendes Heulen von sich, das die Wände wackeln ließ. Die wenigen Scheiben, die sich noch in den Fenstern befanden, explodierten. Ihre glitzernden Glasdolche prasselten auf den Boden.

„Ich gehe nicht zurück!“, brüllte er.

„Still, jetzt ist es bald überstanden“, sagte Elise.

Der Seelenfresser griff mit seinen Geisterkrallen nach ihr, doch die Tür zu seinem Gefängnis schloss sich bereits. Seine Gestalt wurde gestreckt, in der Luft verdreht, als sie mit seinem Geistergefolge zurück in die Sanduhr gezogen wurde. Schwaden aus kaltem Licht wirbelten um den Geist herum, als die anderen Geister vor Schreck aufschrien im Wissen, dass sie den vollen Zorn über sein eingesperrtes Dasein abbekommen würden. Bücher und Schriftrollen drehten sich in einem Wirbelwind, als der Seelenfresser gegen das Unvermeidliche ankämpfte, aber es nutzte nichts.

Als der letzte Riss der Sanduhr durch seidene Spinnenweben versiegelt wurde, glitt auch der letzte Gitterstab seines Gefängnisses zurück an seinen Platz.

Das Grölen der Kreatur verstummte plötzlich und leere Stille breitete sich in der Bibliothek aus. Elise atmete schaudernd aus.

Nyams Schwert fiel ihm aus der Hand, als er in sich zusammensackte. Seine Brust hob sich mit flachen Atemzügen, seine Augen waren aus Überraschung darüber geweitet, dass sie überlebt hatten.

Elise stieg über die verstreuten Bücher und ging zur Sanduhr, die sich immer noch in ihrem Netz drehte. Sie spürte den schrecklichen Hunger in ihr, das Grauen der gefangenen Geister und die wilde Kraft, die sich an das Glas presste. Der Druck, der auf die Netze einwirkte, war gewaltig. Das Werk ihrer Spinnen würde nicht mehr lange halten.

„Ich werde ein stärkeres Gefäß brauchen“, sagte Elise.

Die Höhlen unter den Türmen waren kalt, aber ansprechend mit Spinnenweben verziert. Ihre Wände glitzerten vor Feuchtigkeit. Elise suchte nur ungern Orte so tief unter der Oberfläche auf. Allerdings war die Dunkelheit das Markenzeichen der blassen Frau, die sie hier treffen wollte, also musste sie es erdulden.

Wie immer war ihr Treffen geheim. Sie kommunizierten mit mystischen Zeichen und Siegeln, die Elise durch das Labyrinth der Pfade geführt hatten.

Angesichts der Natur ihrer Geschäfte erstaunte sie die Vorsicht der Frau nicht.

Der noxianische Großgeneral noxianische Großgeneral war ein rachsüchtiger und launischer Mann, dessen Komplotte und Intrigen beinahe undurchschaubar waren. Dann lieber im Zweifelsfall etwas zu vorsichtig sein und davon ausgehen, dass seine Augen und Ohren überall waren.

„Hast du es?“, fragte eine Stimme Stimme aus den Schatten.

Keiner ihrer zahlreichen Raubtiersinne hatte auch nur das kleinste Anzeichen der Ankunft der Frau registriert, aber sie versuchte, sich ihre Überraschung nicht anmerken.

„Ja“, sagte sie und streckte der Frau einen seidenen Beutel entgegen.

Blasse Hände griffen aus der Dunkelheit nach dem Beutel, um ihn entgegenzunehmen. Ihre Haut war beinahe transparent mit feinen blauen Adern, die sich wie Würmer direkt unter der Oberfläche wanden.

„Die übliche Bezahlung wird zu deinem Anwesen geliefert“, sagte die Frau. Sie sprach auf alte, kultivierte Weise – ein Akzent aus einem anderen Zeitalter. „Sie werden jung und verwegen sein, töricht und ergeben. Ganz nach deinem Geschmack.“

Elise spürte die inzwischen vertraute Mischung aus hungriger Erwartung und Selbstverachtung, schob das Gefühl aber beiseite. Introspektion gehörte nicht zu den Dingen, die sie genoss.

„Ausgezeichnet“, sagte sie. „Ich könnte mal wieder eine jugendliche Auffrischung vertragen.“

„Du bist so lieblich wie eh und je“, sagte die Frau, griff in den Beutel und nahm das glühende Gefängnis des Seelenfressers heraus.

Ein frisch gebleichter Schädel, dicht versiegelt mit gehärteten Netzen aus Elises eigener Schöpfung.

Durch und durch perfekt, bis auf die Scharte im Knochen des Oberkiefers.

Referenzen

Geschichte und Ereignisse
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